KulturPolitik
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1.12.2004
Köhler fordert Rückbesinnung auf christliche Werte
Rede des Bundespräsidenten bei der Stiftung Weltethos Tübingen
Moderation: Susanne Führer

Bundespräsident Horst Köhler gestikuliert während seiner Weltethosrede am 1. Dezember 2004 an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen (Bild: AP)
Bundespräsident Horst Köhler gestikuliert während seiner Weltethosrede am 1. Dezember 2004 an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen (Bild: AP)
Führer: Bundespräsident Horst Köhler hat heute seiner alten Uni einen Besuch abgestattet, der Universität Tübingen. Dort hat Horst Köhler nämlich in den sechziger Jahren studiert und danach auch mehrere Jahre als Assistent am Institut für angewandte Wirtschaftsforschung gearbeitet. Heute aber war nicht der Wirtschaftswissenschaftler Köhler gefordert. Der Bundespräsident hat auf Einladung Hans Küngs eine sogenannte Weltethosrede gehalten. Das Thema: Was gehen uns die anderen an? Der Journalist Arno Orzessek hat sich die Rede aufmerksam angehört. Was, Herr Orzessek, gehen uns die anderen an nach Ansicht Horst Köhlers? Was waren seine Punkte?

Orzessek: Ja, Bundespräsident Horst Köhler wählte einen historischen Einstieg, nämlich die Verabschiedung der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte während der Französischen Revolution, um dann sofort anzuschließen, dass dieselbe Nationalversammlung, die das beschlossen hatte, wenig später die Sklaverei in den Überseekolonien geduldet hat, und das war sein Ausgangspunkt. Also Europas großes Erbe, die guten Ideen, und der Selbstwiderspruch Europas, der Verstoß gegen die eigenen Standards.

Köhler bezeichnete erneut das Christentum als maßgebliche Tradition. Er zitierte aus dem Neuen Testament. Er sagte, was ihr getan an dem geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan, und dann warnte Bundespräsident Köhler. Also das war Köhlers Programm, Anmahnung der christlichen Wurzeln, Zugeständnis des historischen und gegenwärtigen Versagens und dann die strikte Anwendung der ethischen Maximen, die über die eigenen Interessen hinausgehen, wie er sagte, auf das Verhältnis von Europa und Afrika.

Führer: Der Bundespräsident hat ja diese Rede auf Einladung des Theologen Hans Küng gehalten, und der nennt das eine Weltethosrede. Erläutern Sie uns noch mal, was ist denn Weltethos?

Orzessek: Ja, der Schweizer Theologe Hans Küng, der sich heute selbst als "Himmelexperte" bezeichnet hat, das allerdings ironisch meinte, der hat 1990 die Programmschrift "Projekt Weltethos" vorgelegt, und darin entwickelt er die Idee, dass die Religionen nur dann zur Befriedung der Welt beitragen können, wenn sie ihr gemeinsames Ethos aufdecken und sich darüber verständigen.

Es geht also um einen Grundkonsens bezüglich der Werte. Es geht um die Maßstäbe des Handelns, und es geht aber auch um persönliche Grundhaltung, also eine Verpflichtung des einzelnen fast in einer Kantschen Art und Weise. Die Maximen lauten: Kein Frieden der Nationen ohne Frieden unter den Religionen, kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog und kein Dialog ohne Grundlagenforschung.

Dann haben sich Vertreter aller Religionen zusammengetan und haben vier Weisungen in die Welt gesetzt und sich darauf verpflichtet, auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit verpflichtet, der Ehrfurcht vor dem Leben, auf eine Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung, auf Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit und auf Gleichberechtigung und Partnerschaft zwischen Mann und Frau.

1995 ist dann dank des Geldes von Graf von Groeben die Stiftung Weltethos ins Leben gerufen worden, die es nun Hans Küng und wissenschaftlichen Teams ermöglicht, zu diesem Thema, insbesondere zu den interreligiösen Konstellationen Forschungen anzustellen.

Führer: Horst Köhler ist ja erst seit fünf Monaten Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Das war ja, soweit ich das jetzt verstanden habe, für ihn für diese kurze Amtszeit doch eine relativ ungewöhnliche Rede. War das Ihrer Ansicht nach auch eine außergewöhnliche Rede?

Orzessek: Ja, mir hat sie unter allen vier Reden, die es bis jetzt zum Weltethos gab, am besten gefallen. Die erste hatte Tony Blair gehalten. Dann ist Kofi Annan vor das Pult getreten, später Mary Robinson, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Ich meine, dass sich Köhler noch nie, vielleicht mit Abstrichen von seiner Antrittsrede, also der Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperte soweit auf das kulturelle, das soziale, das reflexiv-philosophische Terrain gewagt hat.

Aber was heißt gewagt? Ich meine, dass man ihm diese vieldimensionale Rede, die er heute gehalten hat, durchaus abnehmen konnte, und er hat ein weiteres signifikantes Merkmal auch heute seiner Rede, wenn auch unfreiwillig, beigegeben. Er hat wieder laut gelacht, denn als er ans Pult trat, war sein Redemanuskript nicht da. Er musste es sich reichen lassen.

Als er sich das hat reichen lassen, hat Hans Küng festgestellt, dass er bei seiner Begrüßung das Redemanuskript mitgenommen hatte, und dadurch entstand ein sehr herzliches und, wie ich finde, sympathisches Lachen bei Horst Köhler und dann des ganzen Saales. So ist es damals im Bundestag auch gewesen.

Führer: Vielen Dank für das Gespräch.

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