KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
3.12.2004
Verleihung des Hannah-Arendt-Preises
Gespräch mit Joachim Gauck
Moderation: Christopher Ricke

Joachim Gauck (Bild: AP)
Joachim Gauck (Bild: AP)
Ricke: Der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken wird heute verliehen an den Rechtsphilosophen und Bundesverfassungsrichter a. D. Ernst-Wolfgang Böckenförde. Die Jury würdigt mit ihrer Entscheidung auch dessen Beiträge zur Stellung der Religion in modernen säkularen Gesellschaften, heißt es in einer Mitteilung. Ich spreche jetzt mit Joachim Gauck, er ist der Vorsitzende des Vereins gegen Vergessen für Demokratie und selbst Träger des Hannah-Arendt-Preises. Herr Gauck, es wird ja heute ein Mann geehrt, der sich intensiv mit der Stellung der Religion in der Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Das klingt brandaktuell, vom Kopftuchstreit bis hin zur leidigen Kulturdebatte der Leitkultur. Kann uns Böckenfördes Ansatz da heute helfen?

Gauck: Helfen kann es schon, aber ob es das einfach machen wird, und ob er den Erwartungen einer säkularen Mehrheitsgesellschaft entsprechen wird, das ist eine andere Frage. Ich denke, seine Einmischungen zeigen, dass er es uns etwas schwer macht.

Ricke: Böckenförde hat ja mal geschrieben, das Politische sei kein abgrenzbarer Gegenstandsbereich neben oder unterhalb des Religiösen, sondern ein öffentliches Beziehungsfeld zwischen Menschen und Menschengruppen. Braucht die Politik also sogar mehr Religion? Sind wir mit der säkularen Gesellschaft auf dem falschen Weg?

Gauck: Wenn die Religion sich nicht verhebt und ihrerseits, wie es in der Geschichte und leider auch in der Gegenwart in anderen Teilen als Europas der Fall ist und war, zu einer Art Gottesstaatsmodell anhebt, das geht dann in eine totalitäre Richtung. Das muss man abweisen und von daher ist ja überhaupt die ganze Geschichte des bekenntnisfreien öffentlichen Raums entstanden, der Staat als eine säkulare, verfasste Ordnung, in der die Religion sich gefälligst rauszuhalten habe oder privat Sache zu sein habe. Böckenfördes Ansatz ist es nun, uns daran zu erinnern, dass es ja ganz unterschiedliche Arten auch von Neutralität gibt. Dass es so etwas gibt wie eine distanzierende Neutralität, wenn man aus religiösen Gründen sich etwa einmischen würde in hoheitliche Aufgaben des Staates oder die Rechtspflege oder solche Dinge, das kann nicht angehen. Aber es gibt auch so etwas wie eine offene Neutralität und darüber spricht er sehr deutlich mit der Öffentlichkeit, eine offene, da könnten wir hinzu fügen, eher einladende, die im politischen Raum, auch im kulturellen Raum weite Betätigungsfelder für Religion, religiöse Lebensgefühle und religiöse Lebensentscheidungen öffnet und das auch unterstützt und das bejaht.

Ricke: Das Einmischen von Religion in gesellschaftliche Prozesse gibt es ja seit vielen, vielen Jahren. Es ist nur so wenig umgesetzt worden. Wenn wir uns revolutionäres Potential wie die Bergpredigt anschauen, allein die Seligpreisungen der Leittragenden, der Sanftmütigen, der Barmherzigen, der Friedfertigen, der Verfolgten, da ist doch richtig Zunder drin.

Gauck: Wesentliche Teile des Neuen Testamentes der christlichen Bibel sind ja im Grunde Aufforderungen, diese Welt nicht alleine zu lassen mit ihrer Problematik, mit ihrer Gottesferne, mit ihrer Brutalität, sondern ein Lebensgesetz der Barmherzigkeit hineinzubringen. Politisch heißt Barmherzigkeit Solidarität. Das Problem bei diesem Rekurs auf religiöse Werte ist oft, dass die im Grunde parteipolitisch eingehegt werden, dass man also Religion sowohl von einer traditionell-konservativen Seite benutzt, um zu verhindern, dass freiheitliche Lebensentwürfe bei einzelnen und bei der Gesellschaft Raum greifen. Das wäre ein eher der rechten und konservativen zugeordnetes Verhalten. Auf der anderen Seite gibt es eine ähnliche Gefahr auch bei linken und linksliberalen Bewegungen, wo etwa von einer Theologie der Befreiung her das religiöse Element das Reich Gottes eine Vollkommenheit im Grunde in den Sozialismus irdisch ausgezogen wird und praktisch wesenseins wird. Da spürt man auch, da stecken innenpolitische Wünsche dahinter, einen bestimmten politischen Gegner mit Rückgriff auf theologische Argumentation klein zu machen. Wenn man das einhegt in parteipolitische Nützlichkeiten, damit verschenkt man die Kraft, die in religiösem Lebensgefühl und in religiösem Glauben steckt. Das ist eine sehr differenzierte Betrachtung.

Ricke: Wir stehen aber kurz vor einem großen Wahlkampf und da werden politische, wie gesellschaftliche Zusammenhänge eher simplifiziert. Da gibt es einfache Parolen wie Leitkultur, Multikulti und heterogene Gruppen wie zum Beispiel die Migranten werden über einen Kamm geschoren. Kann denn der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken in solchen Tagen die Menschen wirklich erreichen?

Gauck: Das ist natürlich oft so, dass solche besonderen Menschen oder solche besonderen Diskurse auf solchen Festveranstaltungen, wo dann im Grunde akademischer Sprachgebrauch herrscht, eine bestimmte Auswahl der Gesellschaft erreicht. Aber das sind ja vielfach wieder Leute, die mit anderen im Geschäft sind, die als Lehrer, Professoren, als Politiker nun das gedanklich umsetzen müssen, was hier von Leuten wie Böckenförde vorgedacht wird. Hannah Arendt selber ist eine Frau gewesen, die davor gewarnt hat, dass sich das moralische einfach aus dem sozialen ergibt. Der Staat würde sich verheben, wenn er meint, er sei die letzte Instanz für moralische Ausprägung, als Grundlage des Moralischen und insofern gehört ihr Denken und das von Wolfgang Böckenförde zusammen. Wir könnten sagen, der Staat sei gut beraten, wenn er einen Raum frei hält für einen Bereich, den er selber gar nicht gestalten kann.
-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge