KulturPolitik
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6.12.2004
Leseunterricht schon in der Vorschule?
Interview mit Frank Kühne, Carlsen-Verlag
Moderation: Gabi Wuttke

Schüler schreibt einen Aufsatz (Bild: AP)
Schüler schreibt einen Aufsatz (Bild: AP)
Kühne: Ich glaube, wir haben vergessen oder übersehen, dass Lesen nicht selbstverständlich ist, dass wir nicht als Leser geboren werden, sondern das Lesen eine Kulturtechnik ist, die wir vermitteln müssen, die wir weitergeben müssen, die wir üben müssen, dass Lesen insgesamt ein wichtiges Standbein ist, um insgesamt in der Kultur, in der Kommunikation voranzukommen.

Wuttke: Wen sprechen Sie denn mit Ihrer Kritik direkt an?

Kühne: Ich spreche mit der Kritik die Schulen an, die möglicherweise im Grundschulbereich das Lesenlernen zwar sicher ernst genommen und auch versucht haben zu vermitteln, aber insgesamt so, sich offensichtlich ein bisschen weiter noch anstrengen müssen, um es zu verbessern.

Wuttke: Was heißt das für die Bildungspolitik? Wo versagt sie nach wie vor oder hat sie schon immer versagt und nichts geändert?

Kühne: Ich glaube, dass die Ansätze, die im Augenblick deutlich werden Richtung Vorschule, dass das ein interessantes Spektrum ist. Schauen Sie, die Entwicklungsweise der Kinder hat sich doch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren so verändert. Das Weltwissen, das so genannte Weltwissen der heute Sechsjährigen ist wesentlich umfangreicher und weiter entwickelt als das der Sechsjährigen vor zehn bis fünfzehn Jahren. Gleichzeitig aber ist es so, dass das Lesen- und Schreibenlernen nach wie vor erst der Grundschule vorbehalten bleibt, den Sechs- bis Siebenjährigen.

Wir haben den Eindruck, dass es da so ein bisschen einen Bremser gibt oder einen Blocker. Wir stellen einfach die Frage: Ist es nicht sinnvoll, auch die Kinder schon im Vorschulalter an Lesen und Schreiben heranzuführen?

Wuttke: Wie sortiert sich das, was Sie gesagt haben ein in die wahrscheinliche Tatsache, dass jeder fünfte Hauptschüler in Deutschland weder einfachste Texte lesen noch verstehen kann?

Kühne: Es ist so, dass auch das Lesenlernen, dafür gibt es so eine Art Kognitionsfenster, also in einem bestimmten Alter ist ein Interesse da für Lesenlernen und für Schreibenlernen, in diesem Alter ist die Chance, den Kindern das mit Spaß zu vermitteln ganz besonders groß, später schließen sich solche Fenster wieder und dann wird es umso schwieriger.

Ich glaube, das wir da zu sorglos mit umgehen und nicht darauf achten, bei allen Kindern, auch bei denen, die vielleicht aus sozialschwächeren Familien kommen, die aus Familien mit Migrationshintergrund kommen, dass wir denen da mehr helfen müssen und rechtzeitig und zum rechtzeitigen Zeitpunkt Lesen vermitteln und beibringen müssen. Wenn die dann 15 sind, dann ist es zu spät, dann haben sie nie eine Faszination oder nie einen Spaß am Lesen und am Schreiben vermittelt bekommen.

Diese genannten 15-Jährigen, die diese starken Leseschwächen zeigen, da ist ja doch anzunehmen, dass sie vor allem auch aus schwächeren Familien oder auch schwächerem Bildungshintergrund kommen. Die dürfen wir nicht verlieren, die müssen wir ganz engagiert einbinden und da auch für eine Chancengleichheit sorgen.

Wuttke: Aber was heißt das für Ihre Arbeit, für die Arbeit des Carlsen-Verlages rückwirkend gesehen auf die große PISA-Studie 2001 und jetzt die neue aus dem Jahr 2004?

Kühne: Oftmals sind Kinderbücher auch für Leseanfänger zu schwer, einfach zu schwierig: die Inhalte, die Satzformen, die Textlängen zu anspruchsvoll schon. Da haben wir nach 2001, sicher alle Verlage, Schritte unternommen, um da auf die leseschwachen Kinder zuzugehen und um ihnen Bücher anzubieten, die mit geringeren Textlängen und einfacheren Textformen Erfolgserlebnisse vermitteln, damit auch leseungeübte Kinder das Erfolgserlebnis kriegen, Mensch, das Buch, das habe ich selber gelesen und das macht mich stolz, ich kann das und das befriedigt mich und das bringt mich weiter.

Wuttke: Könnte das heißen, dass der Carlsen-Verlag vielleicht auch eine Harry Potter Version herausbringt, die leichter geschrieben ist und leichter verständlich für all die Kinder, die in den letzten Jahren einfach Lesekompetenzmäßig in den Brunnen gefallen sind?

Kühne: Ich denke, dass das wegen Urheberrechtsfragen und auch Fragen, die die Autorin Frau Rowling zu entscheiden hat, nicht möglich sein wird, eine vereinfachte Harry Potter Version rauszugeben. Aber insgesamt ist es so, dass wir von den Potterlesern wissen, dass sie begeisterte Leser sind, die lesen auch ganz dicke Bücher und haben Freude daran und haben eine Freude insgesamt am Lesen kennengelernt.

Unsere Sorgenkinder sind die, die gerade nicht die Kraft und den Mut haben, sich auch einmal ein dickes Buch vorzunehmen und 300 Seiten am Stück zu lesen. Gerade die, die zu Hause vielleicht bei den Eltern keine Bücher haben oder die Eltern nicht als Leser kennen lernen, die sind uns am Herzen gelegen, für die müssen wir mehr tun und für die brauchen wir in der Tat einfachere Bücher mit gleichwohl anspruchsvollen und auch dem Alter entsprechend interessanten Texten.
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