KulturPolitik
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7.12.2004
GEW verteidigt Hauptschullehrer
Interview mit Marianne Demmer, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW)
Moderation: Gabi Wuttke

Schüler erhalten am   6. Dezember 2004 in einer 9. Klasse des Schulzentrums Bremen-Findorff einen Geschichtstest zurück (Bild: AP)
Schüler erhalten am 6. Dezember 2004 in einer 9. Klasse des Schulzentrums Bremen-Findorff einen Geschichtstest zurück (Bild: AP)
Wuttke: Guten Tag.

Demmer: Ich grüße Sie, hallo.

Wuttke: Frau Demmer, lassen Sie uns erst mal mit dem Stichwort "Vernachlässigung" beginnen. Je nach Standpunkt ist das natürlich leicht, Verantwortliche für die Dauermisere zu finden. Wo liegt für die Hauptschullehrer in Deutschland das größte Defizit, wer trägt für Sie die Schuld an dieser Vernachlässigung?

Demmer: Hauptschullehrerinnen und -lehrer kann man natürlich nicht über einen Kamm scheren. Aber das Problem ist natürlich, dass Hauptschulleute, die Schülerinnen und Schüler bekommen, die in anderen Schulformen nicht mehr gewollt werden. Das sind zum großen Teil sehr demotivierte Kinder, zum Teil solche, die sich aufgegeben haben, die in ihre eigene Lernfähigkeit überhaupt kein Vertrauen haben und von daher sehen Hauptschullehrerinnen und -lehrer natürlich sehr deutlich, dass dieses Schulsystem ihnen die schwierigste Aufgabe zuschustert.

Wuttke: Aber Demotivation hat doch nichts mit der Fähigkeit zur schulischen Leistung zu tun.

Demmer: Nein, da hat es nichts mit zu tun. Wir haben das sehr traurige Phänomen, wo uns die Wissenschaftler mittlerweile auch drauf hinweisen, dass unser Schulsystem statt die Benachteiligungen auszugleichen, sie praktisch verdoppelt also noch einmal zusätzlich verschärft, weil man eben die Kinder und Jugendlichen, die von zu Hause aus große Probleme haben, die unter Umständen auch Probleme mit ihrem Lernen haben, dass man aber alle diese Kinder und Jugendlichen zusammenfasst. Da ist dann im Prinzip jede Lehrerin, jeder Lehrer völlig überfordert, dann noch so motivierend arbeiten zu können, dass alle diese Kinder auf ihre Kosten kommen.

Wuttke: Edelgard Bulmahn hat sich ja auch schützend vor die Hauptschullehrer gestellt, von ihnen seien keine Wunder zu erwarten hat sie gesagt, aber hat das Problem etwas mit Wundern zu tun?

Demmer: Ich unterstütze diese Aussage, man darf jetzt wirklich nicht den Hauptschullehrerinnen und - lehrern die Schuld geben oder erwarten, dass es alleine an ihnen liegen könnte, an dieser Problematik etwas zu tun. Sie müssen sich Folgendes vorstellen: In unseren Hauptschulen sind statistisch gesehen fast 60 Prozent der Schüler und Schülerinnen nur auf der untersten Lesekompetenzstufe oder sogar darunter. Wenn Sie sich also eine Klasse von 25 bis 30 jungen Leuten vorstellen, von denen weit über die Hälfte im Prinzip nicht wirklich lesen kann, dann können Sie sich vorstellen wie schwierig das ist, dort Unterricht zu machen und das sind nicht Erstklässler, sondern 15-Jährige im 9. Schuljahr. Diese Probleme lösen Sie nicht mit Appellen. Ich befürchte auch, dass diese vielbeschworene Stärkung der Hauptschule, also mehr Ressourcen hineingeben, dass die - außer geringfügigen Erleichterungen - an grundsätzlichen Problemen nichts ändert.

Wuttke: Da stellt sich aber nun die Frage: Was ist eigentlich in den letzten drei Jahren passiert in Bezug auf die Hauptschulen?

Demmer: Ich sag's mal deutlich: gar nichts. Es ist nichts passiert. Die KMK hat alle ihre Aktivitäten auf den vorschulischen Bereich konzentriert und auf die Grundschule, von Seiten des BMBF ist das Ganztagsschulprogramm angestoßen worden.

Wuttke: ... also des Bundesbildungsministeriums …

Demmer: Aber dass es eine gezielte und spezielle Förderung - Sprachförderung vor allen Dingen - für den Hauptschulbereich gegeben hätte, das wird man vergebens suchen. Das war nicht im Blick.

Wuttke: Dass das Lernklima nun verbessert werden müsse, hat Edelgard Bulmahn gesagt. Täuscht mein Eindruck oder reicht man jetzt die Verantwortung für das Problem weiter, bis es sich in völliger Abstraktion aufgelöst hat?

Demmer: Dieses Problem sehe ich auch. In allen Reaktionen spüre ich zurzeit, dass man zwar nach außen hin proklamiert: "Wir haben erkannt, da ist ein riesiges Problem." Aber gleichzeitig werden alle möglichen Argumentationen aufgebaut, um doch nicht wirklich an dieser Stelle etwas tun zu müssen und ich fürchte der Hintergrund ist der, dass man a) weiß, dass man unter den jetzigen Bedingungen so viel nicht wird erreichen können, und dass man b) eine relativ mächtige Gruppe in der Gesellschaft hat, die einfach nicht will, dass diese Kinder gemeinsam mit ihren Kindern zur Schule gehen.

Wuttke: Das war in der Ortszeit vom DeutschlandRadio Berlin zu Pisa II und die Problematik der Hauptschulen Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, vielen Dank.
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