KulturPolitik
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8.12.2004
Broder: Patriotismus-Debatte ist "Ersatzschlacht"
Interview mit dem Publizisten Henryk M. Broder
Moderation: Gabi Wuttke

Brauchen wir einen neuen Patriotismus? Reiterdenkmal des "Alten Fritz" mit Deutschlandflagge im Hintergrund (Bild: AP-Archiv)
Brauchen wir einen neuen Patriotismus? Reiterdenkmal des "Alten Fritz" mit Deutschlandflagge im Hintergrund (Bild: AP-Archiv)
Wuttke: Angela Merkel wünschte sie, die neuerliche Debatte um Leitkultur und Vaterlandsliebe. Kaum ausgesprochen, wurde ihr Wunsch erfüllt. In der SPD wehrte man sich anfangs noch, das Ansinnen der CDU-Chefin sei "Verlegenheitspatriotismus". Aber kaum ausgesprochen, funktionierte SPD-Generalsekretär Benneter die Angelegenheit um und warf der Opposition nun seinerseits unpatriotisches Handeln vor, ist sie doch gegen die Reform der Rot-Grünen Koalition. Ein bunter Strauß, der gebunden wurde und in den Edmund Stoiber gestern einflocht: Patriotismus sei für ihn der innere Zusammenhalt, um aus der Krise zu kommen.

Am Telefon ist jetzt der Publizist Henryk M. Broder. Herr Broder, ist das tatsächlich wieder einmal Zeit, in Deutschland über Patriotismus zu reden oder wird das bekannte Tier durchs Dorf getrieben?

Broder: Es wird wieder die alte Sau durchs Dorf getrieben. Diese Debatte ist ja weder neu, noch witzig, noch originell. Etwa zwei bis drei Mal im Jahr wird entweder Verona Feldbusch schwanger oder wir diskutieren über Patriotismus. Die hysterische Beschäftigung mit dem Thema zeigt nur, dass es Defizite in dieser Gesellschaft gibt, sonst würde sie sich nicht ständig damit beschäftigen müssen, das hat etwas Obsessives, etwas Zwanghaftes.

Wir reden ja über Patriotismus ungefähr so, wie Moralhüter über Unzucht reden, also mit derselben Lust am Gegenstand und mit derselben Hilflosigkeit am Gegenstand.

Sie haben eben wunderbar den windelweichen Entweder-Oder-Aber-Jein-Kurs der SPD zitiert. Und das sagt ja was. Vor ein paar Monaten noch, oder eigentlich immer wieder, machen wir uns immer wieder über die Amerikaner lustig und über ihren Patriotismus, dass sie morgens in der Schule die Hymne singen, dass sie nach dem 11. September die 3000 Toten nicht gleich abgehakt haben, sondern ihre Fahnen rausgehangen haben. Aber wir möchten es ja gerne auch, wir möchten auch gerne Patrioten sein.

Irgendwas fehlt uns, wir machen uns über andere lustig und bei uns bricht der Patriotismus aus irgendwelchen Anlässen immer wieder aus. Ich habe eigentlich nur eine einzige Erklärung dafür: Es ist in der Tat Ersatz für Selbstbewusstsein und Krisenmanagement.

Wuttke: Aber ist es denn nicht ganz einfach, wenn man die Debatte insofern umdreht, als man sagt: "Wir ersetzen das Wort Patriotismus durch Zuversicht und dann geht alles auf."

Broder: Nein, dann geht überhaupt nichts auf, weil wenn wir etwas nicht haben, dann ist es ja Zuversicht. Wir schauen immer sehr pessimistisch in die Zukunft und sehr optimistisch in die Vergangenheit, das ist unsere Spezialität. Also Zuversicht, das ist eine Eigenschaft, die gibt es hier gar nicht, das ist so wie gutes Wetter in Hamburg.

Aber diese Patriotismusdebatte ist einfach eine Ersatzschlacht, wenn Sie so wollen, weil es keinen Patriotismus gibt. Die Deutschen haben sich ja vollkommen und - wie ich finde - sehr gelungen rehabilitiert. Der private Besitzstand der Deutschen an Grundstücken im Ausland, also von Spanien bis Kanada, ist höher als das Land, das Deutschland im Zweiten Weltkrieg im Osten verloren hat. Das ist doch ein gutes Zeichen, wenn einem seine Finca oder seine Datscha mehr Wert ist als der Grundbesitz hinter Danzig.

Was soll Patriotismus heute? Mein Lieblingsland ist seit langem Island. Die Isländer sind große Patrioten. Aber wie äußert sich der Patriotismus in Island? Erstmal sind das zum größten Teil hochgebildete Leute, die sich in der Literatur auskennen, in der Musik, die ihre Sprache lieben. Zugleich spricht aber jeder Isländer drei bis vier andere Sprachen. Das ist ein ganz normales, natürliches, historisch gewachsenes Selbstbewusstsein.

Man kann in Deutschland nicht von Patriotismus reden, wenn jeder vierte Grundschüler nach Verlassen der Grundschule nicht im Stande ist, einen Text zu verstehen. Es wird immer davon gesprochen, dass man die Ausländer dazu bringen muss, Deutsch zu lernen. Ich würde vorschlagen, es wäre eine patriotische Aktion, die Deutschen dazu zu bringen, Deutsch zu lernen.

Wuttke: Haben Sie denn in Deutschland noch Hoffnung, ist es eine Frage der Zeit, dieses Selbstbewusstsein, das Sie hier rühmen, in anderen Ländern zu entwickeln, oder müssen wir uns einfach damit abfinden, dass wir in einem lebenslangen Dilemma leben müssen?

Broder: Das Dilemma wird gemacht. Das Dilemma empfindet niemand wirklich als Dilemma, außer wenn es von Politikern gelegentlich artikuliert wird. Die Leute leiden an schlechtem Wetter, an Arbeitslosigkeit, daran dass sie sich weniger leisten können, nicht so oft verreisen können. An mangelndem Patriotismus leidet in Wirklichkeit niemand. Es läuft ja alles zum Gegenteil hin.

Der Fortschritt in Europa liegt ja darin, dass die Leute weniger patriotisch werden, dass sie sich vernetzen, dass es in der Tat - allem Gerede zum Trotz - eine multikulturelle Gesellschaft gibt. Dass die einzelnen Staaten in Europa auf ihre Souveränität verzichten, dass der Patriotismus sich darauf konzentriert, für die eigene Mannschaft bei der Olympiade oder in irgendwelchen Wettbewerben die Daumen zu drücken. Ich glaube, mehr braucht man auch nicht. Ich glaube nicht, dass der Patriotismus etwa so was ist wie eine Anleitung zum gesunden Leben, eher das Gegenteil.

Wuttke: In der Ortszeit der Publizist Henryk M. Broder. Vielen Dank.
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