KulturPolitik
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9.12.2004
Der Wandel des Anstößigen und Jugendfreien
Gespräch mit Christiane von Wahlert, Geschäftsführerin der FSK
Moderation: Gabi Wuttke

Regisseur Quentin Tarantino, links, und Schauspielerin Uma Thurman, rechts, auf dem Weg zur Europa-Premiere seines neuen Films "Kill Bill" in Berlin (Bild: AP)
Regisseur Quentin Tarantino, links, und Schauspielerin Uma Thurman, rechts, auf dem Weg zur Europa-Premiere seines neuen Films "Kill Bill" in Berlin (Bild: AP)
Wuttke: Über ein halbes Jahrhundert ist sie alt, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. 1949 löste die Institution in Wiesbaden die Zensur der Alliierten ab. Heute nimmt die FSK sich mit dem Film Sophie Scholl den 100.000. Streifen seit ihrem Bestehen zur Brust. Christiane von Wahlert, die Geschäftsführerin, ist jetzt am Telefon. Frau Wahlert, Sophie Scholl, der Titel klingt nach einem Musterexemplar für einen jugendfreien Film. Bei welchen Filmtiteln sträuben sich denn Ihnen schon vorab die Haare?

Von Wahlert: Mir sträuben sich eigentlich selten die Haare, außer wenn ich das frisurtechnisch gerne so möchte. Verstehen Sie, der Titel ist das eine. Vor vielen Jahren zum Beispiel hatten wir einen Film, der hieß, tötet Mrs. Tingle, das war so eine Teenieklamotte, um einen Rachefeldzug an einer Lehrerin, die aber mitnichten getötet wurde. Das, weil sie nach einem Titel fragen, war ein ziemlich dämlich gewählter Titel, weil er eine Forderung enthielt, die natürlich völlig abstrus ist und der auch der Film überhaupt nicht folgte. Aber sonst kommt es bei der FSK nicht auf Titel an, sondern auf die Bilder und auf die Art und Weise wie die Geschichten erzählt werden und dann muss der Ausschuss gucken und beraten, ab welcher Altersstufe diese Bilder und diese Geschichten freigegeben werden können.

Wuttke: Was war denn Ihrer Meinung nach und rückblickend gesehen die gröbste Fehleinschätzung der FSK?

Von Wahlert: Die gröbste Fehleinschätzung aus heutiger Sicht und meiner Meinung nach war, dass in den ersten Jahrzehnten der FSK, auch wenn es sich, wie es früher hieß, um Erwachsenenfreigaben handelte, die FSK Schnitte auferlegt hat. Und das ist, wie ich denke, die dunkle Seite der FSK-Tradition. Es gab auch immer schon eine helle Seite, nämlich da, wo Entscheidungen sich ganz deutlich auf die Seite der Filmfreiheit, also der grundgesetzlich verbürgten Freiheit der Kunst gestellt haben. Wenn Sie denken an die Entscheidung zur Sünderin...

Wuttke: Hildegard Knef.

Von Wahlert: Genau, Willi Forst. Da hat die FSK gesagt, Erwachsene können den Film sehen und der gesellschaftliche Protest, der sich gegen den Film gerichtet hat, hat sich nicht gegen die FSK gerichtet, sondern gegen den Film, der vermeintlich zu freizügig war. Es gab dann sogar in Bezug auf diese Entscheidung, eine höchstrichterliche Rechtsprechung, die das Votum der FSK bestätigt hat, nämlich gesagt hat, hier hat die Freiheit der Kunst Vorrang vor irgendwelchen anderen Bedenken. Zur Schnittpraxis der FSK, das hat sich seit Ende der 70er Jahre vollkommen gewandelt, das gibt es nicht mehr. Also es gibt keine Schnittauflagen mehr bei der FSK. Es geistert immer noch dieses Bild herum, in der FSK würde geschnippelt. Das ist schlicht nicht mehr der Fall, war aber früher durchaus ab und an der Fall.

Wuttke: Heutzutage würde ein nackter Rücken von Hildegard Knef niemanden mehr aufregen, aber man regt sich in der Gesellschaft, natürlich auch gestützt auf Studien zu Gewalt und dem Zusammenhang zwischen den Bildern und Gewalt, sehr darüber auf, was Kinder und Jugendliche heute zu sehen kriegen. Wie steht die FSK zu Gewalt in Filmen?

Von Wahlert: Hochsensibel. Also man kann sicher sagen, dass die Toleranz gegenüber erotischen und sexuellen Darstellungen zugenommen hat. Gegenüber der Darstellung von Gewalt auf der anderen Seite, würde ich sagen, dass da eher die Sensibilität zugenommen hat. Es wird von den FSK-Prüferinnen und -Prüfern, die ja die Entscheidungen in den Ausschüssen fällen, äußert kritisch geschaut, wenn zum Beispiel in Filmen Gewalt als probates Konfliktlösungsmittel propagiert wird. Natürlich geht es nicht darum, dass Gewalt in Filmen nicht vorkommt, das wäre absurd, weil Gewalt leider auch in unserem täglichen Leben vorkommt. Es kommt sehr darauf an, welche Funktion die Gewalt in dem Film innerhalb der Geschichte, innerhalb der Dramaturgie, innerhalb der Zeichnung der Figuren einnimmt und es ist schwer vorstellbar, dass ein Film in der FSK ab zwölf Jahren feigegeben wird, wo Gewaltdarstellungen sehr dominant sind, sehr stark sind und in einer entweder ironischen oder zynischen oder auch die Gewalt sehr positiv darstellenden Weise gezeigt wird. Also um ein Beispiel zu nehmen, Kill Bill, der nun unter Cineasten ein hochgeschätzter Film ist, weil er auf eine sehr choreografische Weise mit Gewalt umgeht, so ein Film würde von der FSK und ist eben auch nicht von der FSK ab zwölf Jahren freigegeben worden. Bei älteren Altersstufen da geht die FSK davon aus, dass man den Zuschauern eine noch höhere Genrekenntnis zumuten kann, dass die Zuschauer erkennen, wenn der Regisseur wie im Fall von Kill Bill auf spielerische choreografische und natürlich immer auch ironische Art mit der Gewalt spielt. Aber da geht die FSK davon aus, dass Zwölfjährige komplett überfordert wären mit dieser Deutung und dass dann in der Tat eine Beeinträchtigung oder vielleicht auch Gefährdung ihrer Entwicklung bedeuten könnte.

Wuttke: In der Ortszeit Christiane von Wahlert, die Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, FSK, herzlichen Dank.
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