KulturPolitik
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13.12.2004
Mittels Audiodeskription wird ein Film zum Hörfilm
Interview mit Martina Wiemers, Generalbevollmächtigte Deutsche Hörfilm GmbH
Moderation: Kirsten Lemke

Per Audiodeskription können Blinde den Tatort "sehen" (Bild: dradio.de)
Per Audiodeskription können Blinde den Tatort "sehen" (Bild: dradio.de)
Lemke: Hörspiele sind äußerst beliebt, das erfahren wir immer wieder von unseren Hörern. Vor allem Blinde und sehbehinderte Menschen hören gerne Radio und eben auch Hörspiele. Allerdings sehen sie auch fern, was zunächst einmal widersprüchlich klingen mag. Das ist bei Informationssendungen und Talkshows noch nachvollziehbar, aber wie sieht ein Blinder einen Spielfilm? Damit das möglich ist, gibt es die so genannte Audiodeskription, die einen Film zum Hörfilm macht.

Heute Abend wird in Berlin der Hörfilmpreis 2004 verliehen. Als Gäste werden unter anderem Gudrun Landgrebe und Mario Adorf erwartet. Am Telefon begrüße ich die Generalbevollmächtigte der Deutschen Hörfilm GmbH, Martina Wiemers. Frau Wiemers, warum sehen Blinde überhaupt fern?

Wiemers : Blinde sehen fern, hören fern, weil sie entweder bei dem Medium bleiben, mit dem sie einen großen Teil ihres Lebens verbracht haben, wenn sie etwa im Alter erblinden. Oder aber: Blinde nehmen am Fernsehangebot teil, weil sie mit der ganzen Familien etwa den Tatort am Sonntagabend sehen. Sodass es also im Wesentlichen um kulturelle Teilhabe geht, wenn wir davon sprechen, dass Blinde ein Fernsehprogramm genießen und auch ins Kino gehen.

Lemke: Wie funktioniert jetzt so ein Hörfilm?

Wiemers: Es ist in der Tat bei Spielfilmen für Blinde schwierig, richtig an das Medium heranzukommen. Aus diesem Grunde gibt es bei Spielfilmen, auch bei Serien eine Hilfseinrichtung, die es Blinden ermöglicht, direkt am Film dran zu sein. Das ist die so genannte Audiodeskription. Audiodeskription macht aus einem Film einen Hörfilm, indem sie ihm akustische Untertitel zufügt, was bedeutet, dass in den Dialogpausen ein Sprecher erklärt, was im Bild passiert. Also etwa: Es ist Nacht, eine dunkle Gestalt schleicht auf das hell erleuchtete Fenster zu und so weiter.

Lemke: Wie kann man denn aber Blinden, die noch nie sehen konnten, solche Bilder beschreiben?

Wiemers: Auch blinde Menschen, die nie gesehen haben, haben ja eine Vorstellung davon, wie sich Handlungen vollziehen. Sie machen sich auf Ihre Weise einen Eindruck von unserer physischen Welt und können natürlich diese Eindrücke auch mit verbalen Verknüpfungen herstellen.

Lemke: Geht denn so etwas mit allen Filmen oder braucht es da bestimmte Voraussetzungen, damit so eine Audiodeskription möglich ist?

Wiemers: Wir gehen immer davon aus, dass man alles beschreiben kann. Man kann vielleicht sprachlich scheitern, aber auch eine Beschreibung, die sehr knapp und vielleicht auch zu knapp geraten ist, ist besser als gar keine. Natürlich gibt es Filme, die eine Beschreibung sehr, sehr schwierig machen. Wenn sie etwa von einem Actionfilm ausgehen, der eine sehr hoch gezogene Tonspur hat, die man also stark runterpegeln müsste, um dem Sprecher überhaupt Raum für seine Beschreibungen zu verschaffen, dann würde man sicher sehr stark in die Filmtonspur eingreifen, würde überlegen, ob das jetzt eine der ersten Sachen ist, die man macht, vor dem Hintergrund, dass es ja noch nicht so viele Filme sind, die mit Audiodeskription bearbeitet werden.

Lemke: Wie hoch ist denn der Anteil im Fernsehen bei uns derzeit?

Wiemers: Es sind im Moment pro Jahr ungefähr 300 Filme, das heißt das ist etwa ein Film pro Tag und sie können so eine gefühlte Statistik für sich ganz gut herstellen, wenn sie sich überlegen, sie haben nicht mehr 30 Programme parallel, die sie gucken, sondern einen Film pro Abend.

Lemke: Was kostet das und wer bezahlt das?

Wiemers: Das sind etwa 4500 Euro pro Film, die da an Kosten anfallen. Das sind die Sender, die ausstrahlenden Sender, die diese Kosten tragen.

Lemke: Soviel zum Thema Fernsehen. Wie sieht es denn im Kino aus? Gibt es da auch Möglichkeiten, so eine Beschreibung zu bekommen für Sehbehinderte und Blinde?

Wiemers: Im Kino ist das Angebot lange Zeit sehr mager gewesen, das lag vor allen Dingen daran, dass das technisch sehr aufwändig war, beziehungsweise sich nicht technisch vorproduzieren ließ, so wie es beim Fernsehen möglich ist. Deshalb hat es in den vergangenen sechs Jahren einzig in Berlin ein Angebot gegeben im Rahmen der internationalen Filmfestspiele, für die wir regelmäßig zwei Filme bearbeitet haben mit Audiodeskription.

Seit diesem Jahr sieht das anders aus, es sind jetzt Techniken auf dem Markt, die es ermöglichen, eine vorproduzierte Audiodeskription im Kino zur Aufführung zu bringen. Das ist unser großes Thema für das kommende Jahr. Wir möchten, dass mehr Filme mit Audiodeskription auch im Kino vorgeführt werden und haben ein Projekt konzipiert, Audiodeskription fürs Kino, für das wir mit dem diesjährigen Innovationspreis der Filmförderung ausgezeichnet worden sind. Wir haben das Projekt gestartet im November diesen Jahres mit dem Film "Die Blindgänger", der über 3000 blinde und sehbehinderte Besucher angezogen hat in insgesamt 40 Veranstaltungen, die bundesweit gelaufen sind. Im kommenden Jahr werden wir dieses Projekt fortsetzen.

Lemke: Vielen Dank, das war Martina Wiemers, die Generalbevollmächtigte der Deutschen Hörfilm GmbH.
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