KulturPolitik
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15.12.2004
Holocaust-Mahnmal wird fertiggestellt
Interview mit Hanno Rauterberg, Architekturkritiker der ZEIT
Moderation: Kirsten Lemke

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Lemke: Viele Jahre ist darüber diskutiert worden, ob wir ein Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins brauchen und wie es denn aussehen sollte und selbst der Bau des Mahnmals gleich neben dem Brandenburger Tor war immer wieder überschattet vom Streit darum. Nun findet dieser einen vorläufigen Abschluss, denn die letzte der 2751 Betonstelen wird heute aufgestellt. Viele Schaulustige haben den Fortgang der Bauarbeiten in den letzten Monaten beobachtet, aber was sie bisher nicht wissen ist, wie wirkt das von Peter Eisenman entworfene Mahnmal, wenn man es begeht?

Das hat Hanno Rauterberg bereits getan, er ist Architekturkritiker der ZEIT und jetzt am Telefon. Herr Rauterberg, wie haben Sie sich dem Mahnmal genähert?

Rauterberg: Man läuft erst mal drum herum und guckt, ob man die eigenen Vorurteile oder ganze Vorbehalte, die ja auch im Vorfeld dieses Baus gestellt und aufgeworfen worden sind, bestätigt sieht. Man denkt daran, dass a) immer gesagt worden ist, das Ding ist wahnsinnig gigantisch, viel zu monumental und b) es ist sehr abstrakt.

Mit dem ersten Vorbehalt ist man schon überrascht, denn es ist überhaupt nicht monumental, man hat das Gefühl, es ist ganz überschaubar, fast dezent. Man sieht es kaum, was daran liegt, dass diese Stelen aus Beton sich in einer Senke befinden und eigentlich nur ein kleines bisschen aus dieser Senke auftauchen. Dann begibt man sich hinein und denkt na ja, es ist tatsächlich sehr abstrakt.

Von den sechs Millionen Juden und der Erinnerung an die Juden, die getötet worden sind im Europa des dritten Reiches, ist eigentlich nichts zu sehen und es wird auch nicht deutlich, wo und an welcher Stelle an sie erinnert werden könnte. So begibt man sich langsam hinein in dieses Feld und wird ein bisschen auch hineingesogen, könnte man sagen. Man geht so langsam hinab und wird durch die Wellen, die in dem Boden sind, hineinbewegt und findet sich dann plötzlich in diesen Schluchten wieder oder in diesen Schneisen zwischen den einzelnen Stelen.

Lemke: Dieses Eintauchen in das wogende Feld haben Sie beschrieben, was empfindet man denn nun, wenn man darin ist, verliert man dann ganz den Kontakt zur Außenwelt?

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Rauterberg: Das interessante ist, dass es ein paradoxes Gefühl ist. Man hat das Gefühl, dass man abgeschnitten ist von der Außenwelt, was schon daran liegt, dass sich die Akustik verändert. Man hört die Stadt plötzlich nicht mehr. Die Steine scheinen den ganzen Lärm zu schlucken, es bleibt nur noch ein dumpfes Brodeln übrig und trotzdem bleibt die Stadt präsent.

Es ist nicht so, wie oft gesagt worden ist, es sei ein Labyrinth in dem man sich verirren kann oder ein Dickicht, in dem man nicht mehr weiß, wo man ist. Man kann immer nach links und rechts, vorne und hinten sehen, wo man sich befindet. Es sind ganz strenge Schneisen die das ganze Feld durchziehen und es bleibt einem immer Orientierung.

Trotzdem hat man das Gefühl, man ist verloren und weiß nicht so recht, wo man ist, was daran liegt, dass man nicht diagonal gucken kann. Man kann immer nur bis zum Ausgang gucken oder bis zur nächsten Ecke und man weiß nicht, was sich hinter der nächsten Ecke befindet.

Das ist eine ganz merkwürdige Irritation und hinzukommt, dass sich der Boden bewegt, und dass die Stelen selber ein bisschen gekippt sind, so dass man sich leicht seekrank fühlen kann. Man hat immer das Gefühl, man muss sich an diesen Stelen festhalten, man ist sich seiner selbst nicht mehr sicher, ist nicht mehr Herr des eigenen Geschehens.

Lemke: Sie haben schon gesagt, es kommt nicht unbedingt die Erinnerung an sechs Millionen Juden auf. Wird denn dieses Mahnmal dem Anliegen, nämlich dem Gedenken, überhaupt gerecht?

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Rauterberg: Ich glaube es kann dem nicht gerecht werden, so etwas gibt es nicht. Man kann den Tod der sechs Millionen Juden nicht symbolisieren, man kann ihn nicht darstellen. Man ist gezwungen, etwas Abstraktes anzubieten und das Geniale von Peter Eisenman ist, dass er diese Abstraktion nicht nur in eine Form überführt, sondern in eine körperliche Erfahrung, wie er das selber nennt. Das heißt, man wird nicht nur auf seinen Augensinn zurückgeworfen, sondern auf seinen Tastsinn, auf seinen Gleichgewichtssinn, auf seinen Hörsinn.

Man macht eine Erfahrung, in dem man da durch geht und plötzlich bemerkt, man wird am ganzen Leibe verunsichert und diese körperliche Erfahrung hat natürlich etwas mit der Verunsicherung zu tun, die uns vielleicht ermöglicht noch einmal neu nachzudenken, was damals eigentlich passiert ist.

Man kann es auch abstrakter lesen, man kann es irgendwann vielleicht auch als Metapher begreifen dieses Feld, in dem ja eine ganz strikte orthogonale Ordnung plötzlich von innen heraus in Bewegung gerät und eine Verunsicherung erfährt, dass Rationales durch etwas völlig Irrationales gesprengt und verunsichert wird. Dieser Zusammensturz des Rationalen und des Irrationalen ist natürlich etwas, was das dritte Reich ausgemacht hat, dass viele überrascht waren über den Ausbruch des Irrationalen im Rationalen.

All diese Dinge kommen einem vielleicht als Ideen, aber sie drängen sich einem nicht auf. Das ist, glaube ich, das Wunderbare an diesem Mahnmal, so ambivalent man es durchaus betrachten kann, dass es einem nichts aufdrängt. Man kann sich selbst entscheiden, ob man hineingehen will, man kann selber nach einem Sinn suchen, es drängt sich einem nicht auf, es ist nicht monumental, es fällt einen nicht an, es zwingt einen nicht in irgendeine Art von Didaktik.

Lemke: Vielen Dank, das war Hanno Rauterberg, er ist Architekturkritiker der ZEIT, über das Holocaust-Mahnmal in Berlin, bei dem heute die letzte Betonstele gesetzt wird.




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