KulturPolitik
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16.12.2004
Google schafft virtuelle Bibliothek
Interview mit Claudia Lux, Vorsitzende des Deutschen Bibliothekenverbandes
Moderation: Kirsten Lemke

Passanten vor dem  Hauptgebäude des Suchmaschinenunternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (Bild: AP)
Passanten vor dem Hauptgebäude des Suchmaschinenunternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (Bild: AP)
Lemke: Seit es elektronische Medien gibt, wird über das Ende des Buches spekuliert, aber allen Unkenrufen zum Trotz erfreut sich das Buch noch immer größter Beliebtheit und mehr noch, die modernen Speichermöglichkeiten eröffnen dem Buch möglicherweise ganz neue Perspektiven, denn über das Internet könnte es in Zukunft viel mehr Verbreitung finden als bisher. Die Macher der Internetsuchmaschine Google sind jetzt mit einem gigantischen Vorhaben an die Öffentlichkeit getreten. Sie wollen den Bestand fünf führender Bibliotheken digitalisieren und damit weltweit zugänglich machen. 15 Millionen Bände werden es am Ende sein, zehn Jahre soll das Ganze dauern und dazu begrüße ich die Vorsitzende des Deutschen Bibliothekenverbandes Claudia Lux, sie ist Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Frau Lux, die Universitätsbibliotheken von Harvard oder Oxford im Internet, ist das mehr Chance oder mehr Risiko für die Bibliotheken?

Lux: Also Frau Lemke, das ist eigentlich ein langgehegter Wunsch von den Bibliotheken, seit wir wissen, dass man solche digitalen Archive anlegen kann, versuchen wir schon mit unseren kleinen finanziellen Mitteln, überall solche digitalen Bibliotheken aufzubauen. Und dass jetzt endlich ein solches Riesenprojekt gelungen ist, wir wissen es ja schon seit Februar des Jahres, da gab es die ersten Erkenntnisse über ein sogenanntes Ocean-Projekt mit Stanford und Google zusammen, seitdem hoffen wir, dass eben solche Mittel auch mal in einer anderen Größe eine solche Realisierung ermöglicht.

Lemke: Also die Kosten, die jetzt angegeben werden, liegen etwa bei zehn Dollar pro Buch und nun macht Google das ja nicht aus reiner Nächstenliebe, wie soll sich das Ganze denn finanzieren?

Lux: Gut, das ist ja in erster Linie Googles Sache. Ich denke, Google ist daran interessiert, dass jeder morgens Google aufruft und vielleicht auch ein bisschen länger auf den Googleseiten verweilt, das bringt ja auf jeden Fall etwas in die Googlekasse ein, insbesondere, was dann Werbung und ähnliches betrifft. Aber für uns Bibliotheken ist eigentlich das Interessante daran, dass hier die Bibliotheken diese digitalen Daten dann auch erhalten. Das heißt, sie bekommen alle ihre Bücher, also jetzt hier ja nur die vor 1923 copyrightfrei, bekommen sie auf ihre eigene Webseite und können sie dort nutzen und das ist eigentlich das Wichtige an dieser Sache für uns.

Lemke: So eine Demokratisierung der Bücher ist praktisch, hat aber dann auch zur Folge, dass irgendwann die Bibliotheken leer sind, das heißt, keine Menschen mehr dorthin kommen. Ist das die Zukunft, die virtuelle Bibliothek?

Lux: Ja also, das wäre natürlich eine Zukunft, die vielleicht in mancher Hinsicht auch durchaus von uns angestrebt wird. Aber ganz konkret, wenn sie mal gucken, auf der einen Seite gibt es einen großen Unterschied, zwischen denjenigen, die wirklich online Zugriff haben und auch einen so langen Online-Zugriff sich überhaupt finanziell leisten können, und denjenigen, die das nicht haben. Es gibt außerdem eine Lücke von fast hundert Jahren, in der Copyright existiert und die von diesem Googleprojekt überhaupt nicht genutzt werden können. Und natürlich ist es so, dass wir nicht wissen, wie lange Google das als privates Unternehmen so etwas wirklich zur Verfügung hält und dafür garantieren eben die öffentlichen Einrichtungen der Bibliotheken tatsächlich auch den freien Zugang ohne Zensur. Und das glaube ich, ist auch ein ganz wichtiges politisches Element, was wir Bibliotheken verkörpern.

Lemke: Wie weit stehen denn die Pläne, Sie haben das eben gesagt, es gibt schon kleine Ansätze, so etwas eben auch ohne Google zu machen? Wie weit ist es da und wie weit könnte das in absehbarer Zeit gedeihen?

Lux: Also es gibt seit einiger Zeit ein großes Projekt, was sich vorgenommen hat über eine Million solcher, ja man kann sagen, solcher unterschiedlicher Medien zu sammeln. Das ist ein Ein-Millionen-Programm des Webarchives, da sind mehrere Bibliotheken beteiligt. Da gibt es aber unterschiedliche Elemente in Teilprojekten, also einige Bibliotheken haben einige tausend Titel. Es gibt einige Nationalbibliotheken, ich sag jetzt mal, so eine Nationalbibliothek wie in den Philippinen ist gerade dabei und wird bis zum 31.12. ihren gesamten Bestand, der jetzt originär aus den Philippinen stammt, also nicht die internationalen Produkte, aber alles das, was mal in den Philippinen gedruckt ist an Zeitschriften und an Bänden, das ist über eine Million, auch digitalisiert haben. Und solche Projekte auch in China und in USA auch in Deutschland, die digitalen Bibliotheken, ich denke, sie erfassen schon auch insgesamt einige Millionen Bände, aber in den Einzelbibliotheken sind es eben immer nur ein paar tausend, vielleicht mal zehntausend.

Lemke: Diese gigantischen Möglichkeiten des Zugriffes, die es eines Tages mal geben wird, denen steht ja gegenüber so das mögliche Verschwinden des physischen Buches. Sehen Sie diese Befürchtung oder wird es das weiterhin auch geben?

Lux: Ich sehe die Befürchtung nicht, ich hatte das mal selber auch so, ich sage mal vor 15 Jahren selber noch vielleicht gedacht und überlegt als eine Möglichkeit. Aber wir sehen, dass es doch sehr viele gesellschaftliche Schranken im Moment gibt. Es gibt Untersuchungen, auch futuristische Untersuchungen, dass man sagt, mindestens drei Generationen. Also uns betrifft das, wir müssen dafür im Moment glaube ich, noch nicht direkt planen, dass wir uns schon auflösen. Sondern gerade in den nächsten drei Generationen werden Bibliotheken immer wichtiger, weil sie gleichzeitig auch ein öffentlicher Ort sind, in den man hinein kann, ohne dass man konsumieren muss, und in dem man eigentlich sich die Bildung aneignen kann in jeder Hinsicht und damit ist sie ein wichtiger Partner und Unterstützer auch der Bildung.

Lemke: Claudia Lux war das, die Vorsitzende des Deutschen Bibliothekenverbandes. Vielen Dank für das Gespräch Frau Lux.





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