KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
20.12.2004
Jugendaustausch hilft beim politischen Dialog
Interview mit Alexander Rahr, Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik
Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Vorbild für deutsche und russische Jugendliche? Russlands Präsident Putin begrüßt Bundeskanzler Schröder. (Bild: AP)
Vorbild für deutsche und russische Jugendliche? Russlands Präsident Putin begrüßt Bundeskanzler Schröder. (Bild: AP)
Heckmann: Dass sich der russische Präsident Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder persönlich besonders gut verstehen, ist bekannt trotz aller kritikwürdigen Entwicklungen, die in Russland zu beobachten sind, von der Moskauer Tschetschenienpolitik bis hin zur Entwicklung der Demokratie in Russland und zuletzt die Vorgänge um Jukos, über die wir schon berichtet haben. Putin und Schröder lassen nichts auf sich kommen.

Die gute Beziehung zwischen den beiden soll nun auch auf die Jugendlichen beider Länder abfärben. Den deutsch-russischen Jugendaustausch zu intensivieren ist das Ziel beider Seiten. Dazu beitragen soll schon bald eine deutsch-russische Jugendstiftung, ein entsprechendes Abkommen wird im Rahmen der Regierungskonsultationen von Putin und Schröder unterzeichnet, die heute in Hamburg beginnen.

Alexander Rahr von der deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik ist Mitglied der Lenkungsgruppe des sogenannten Petersburger Dialogs. Was bedeutet die Stiftung für den Jugendaustausch zwischen beiden Ländern?

Rahr: Ich glaube sehr viel, weil wir über die Jugendstiftung jetzt vom Westen her, von deutscher Seite, drangehen können, in Russland die Zivilgesellschaft zu fördern. Ich glaube, dass man hier von einem tatsächlichen Erfolg der Arbeit des Petersburger Dialogs sprechen kann, der 2001 gegründet wurde und sehr viel kritisiert worden ist in der deutschen, aber auch russischen Öffentlichkeit, weil man sagte, da würden sich nur Offizielle treffen, es würde zu elitär zugehen.

Aber inzwischen ist dieser Dialog ja jetzt wieder verjüngt worden und diese Jugendstiftung als Produkt dieses Dialogs wird ein Schmuckkästchen dieses zivilisatorischen Dialogs werden.

Neben dieser Jugendstiftung besteht ja auch noch eine Zukunftswerkstatt der deutsch-russischen Beziehungen innerhalb des Petersburger Dialogs, wo auch Jugendliche zwischen 30 und 40 Jahren über Probleme der beiden Länder diskutieren. Ich glaube, wir sind einen guten Schritt vorangekommen und dass Schröder und Putin so dahinter stehen, freut uns natürlich.

Heckmann: Was wird sich denn beim Jugendaustausch konkret verbessern durch die Jugendstiftung?

Rahr: Zunächst einmal soll die ganze Jugendarbeit ein bisschen stärker koordiniert werden, zweitens soll Geld für diesen Dialog bereitgestellt werden, für den deutsch-französischen Jugendaustausch stehen ja Millionen zur Verfügung, für den zivilisatorischen Dialog zwischen den Jugendlichen Russlands und Deutschlands gab es bisher kaum finanzielle Unterstützung, dieses Problem wird durch diese Jugendstiftung gelöst werden.

Drittens: Man wird natürlich an die Öffentlichkeit gehen wollen, um zu zeigen, dass es hier in der Tat keine neuen kulturellen Grenzen zwischen Deutschland und Russland geben wird, sondern die Jugend hilft, Stereotypen aus dem Zweiten Weltkrieg und auch aus dem Kalten Krieg zu überwinden, man versucht möglicherweise, Ansätze eines Dialogs auf einer Ebene der 30- bis 20-Jährigen zu finden, die man auf der Ebene der 60- bis 50-Jährigen nicht mehr findet.

Heckmann: Wie ist es denn insgesamt bestellt um den deutsch-russischen Jugendaustausch, nimmt das Interesse von Jugendlichen am anderen Land eher zu oder ab?

Rahr: In Russland nimmt das Interesse an Deutschland natürlich beharrlich zu, mehr und mehr Menschen studieren Deutsch, man sieht unter Putin, der ja als germanophil gilt, ein wachsendes Interesse auch an den Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, an denen ja auch viele junge Unternehmer und junge Menschen partizipieren wollen.

In Deutschland ist die Tendenz aber umgekehrt, die Zeiten, wo sehr viele Studenten und Jugendliche Russisch lernen wollten, weil sie fasziniert waren von den Vorgängen in der Perestroikazeit der Gorbatschow-Ära, diese Zeiten sind vorbei.

Der Russischunterricht wird auch nicht mehr so an den Schulen gepflegt wie früher, auch in den neuen Bundesländern ist die Kenntnis der russischen Sprache und Kultur sehr zurückgegangen. Und das soll möglicherweise durch diese Jugendstiftung, durch die Ankurbelung des Jugenddialogs verstärkt werden.

Heckmann: Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Rahr: Ich glaube, dass man einfach eine Plattform gesucht hat, die man jetzt hat innerhalb dieser Jugendstiftung hat, wo auch Organisationen, die bisher als Einzelorganisationen irgendwas aufbauen wollten, irgendeine Plattform erhalten werden.

Und was wir alle hoffen (und dieses Problem besteht leider nach wie vor fort), dass auch von russischer Seite die richtigen Jugendlichen jetzt nach Deutschland kommen werden oder die Strukturen, die in Russland auf der Gegenseite in dieser Jugendstiftung geschaffen werden, auch zivilisatorischen, zivilgesellschaftlichen Charakter haben werden und nicht nur von offizieller Seite wie nach dem früheren Komsomol-Verfahren kontrolliert werden.

Heckmann: Wie sieht dieser Dialog denn insgesamt aus, inwieweit werden da auch kritische Punkte wie die Entwicklung der Demokratie in Russland oder die Moskauer Tschetschenienpolitik thematisiert, ist da die russische Seite dialogbereit?

Rahr: Zunächst einmal sollen natürlich Schüler und junge Menschen aus Russland nach Deutschland kommen, deutsche Kultur und Politik, das deutsche Leben kennenlernen. Aus Deutschland werden jetzt auch vermehrt Jugendliche nach Russland fahren, um dort Kontakte zu knüpfen. Diese Kontakte werden sich in zehn, zwanzig Jahren als sehr wichtig erweisen.

Genauso wichtig war es in den 50er- und 60erjahren einen solchen Dialog zwischen Deutschland und Frankreich aufzubauen mit dem Erzfeind aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, mit dem man sich heute so hervorragend versteht.

Mit den Polen hat es hervorragend geklappt, mit den Russen haben wir bisher diesen Dialog nicht gehabt. Jetzt wird er laufen und wir denken, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Was wir jetzt aber versuchen müssen, ist in der Tat auch einen politischen Dialog der Jugend voranbringen zu lassen. Und diese Frage ist ja sehr wichtig und aus unserer Erfahrung ist manchmal erschreckend mit anzusehen, dass junge Leute in Russland, die heute 20, 25 Jahre alt sind, von denselben Stereotypen genährt werden wie die älteren Generationen. Auch sie sehen weiterhin im Westen ihren Feind, auch sie glauben, ähnlich wie Putin, dass der Westen Russland seine Territorien abspenstig machen möchte, dass der Westen zu viel Druck auf Russland ausübt.

All das gilt es aber auch zu diskutieren, weil nur in einem ehrlichen Dialog können wir Differenzen ausdiskutieren und Stereotypen begraben und dann zum Einverständnis kommen.
-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge