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21.12.2004
"Eine vorzeitige Vertragsbeendigung wird von uns nicht akzeptiert"
Interview mit Matthias Kierzek, Vorstandschef der Eichborn AG

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der "Anderen Bibliothek" (Bild: AP Archiv)
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der "Anderen Bibliothek" (Bild: AP Archiv)
Heckmann: Höchster Anspruch, Neugierde und Wissensdurst, diese Ansprüche zu bedienen, das versprach die "Andere Bibliothek" und zwar auf dem Gebiet der Sachbücher wie dem der Literatur gleichermaßen. Auf der langen Liste der Reihe stehen Erfolgsbücher wie Asseratis "Manieren" oder das gerade abgeschlossene Alexanderprojekt.

Im September 2005 also soll nun Schluss sein, geht es nach Enzensberger. Dazu jetzt Matthias Kierzek, er ist Vorstandschef der Eichborn AG. Wie haben Sie denn von Enzensbergers Entscheidung erfahren?

Kierzek: Von der gestrigen Verlautbarung war ich überrascht, aber die schriftliche Kündigung lag schon ein paar Wochen vor. Wir begreifen sie als ordentliche Kündigung, mit der für beide Seiten verbindlichen Drei-Jahresfrist zum Jahresende 2007. Wenn jetzt eine vorzeitige Vertragsbeendigung gewünscht wird, so ist das unseres Erachtens überhaupt nicht möglich und wird auch von uns nicht akzeptiert.

Heckmann: Wie sind jetzt die weiteren Schritte, wenn Sie die Kündigung nicht akzeptieren?

Kierzek: Wir sind ja schon seit eben ein paar Wochen in Verhandlungen, die durch diese Öffentlichmachung nicht unbedingt positiv beeinflusst werden. Davon lassen wir uns nicht beirren. Wir werden gemeinsam nach einem Weg suchen, wie wir die "Andere Bibliothek" weiterführen. Ich gehe zunächst davon aus, dass wir die drei Jahre erfüllen, zumal wir auch für mehr als anderthalb Jahre Vorlauf an Titeln durch bereits verbindlich geschlossene Verträge haben.

Heckmann: Wie erklären Sie sich denn die Entscheidung Enzensbergers, dem Spiel ein Ende zu setzen, wie es in der Pressemitteilung hieß?

Kierzek: Dieses Wort habe ich auch nicht verstanden. Ich will auch nicht Motivforschung betreiben, um den weiterzuführenden Verhandlungen nicht vorzugreifen und ihren Erfolg möglicherweise in Frage zu stellen.

Heckmann: Gab es denn Meinungsverschiedenheiten zwischen Herausgebern und dem Verlag?

Kierzek: Es gibt immer im Detail unterschiedliche Auffassungen. Der Autor und als solcher ist auch ein Herausgeber zu werten, will immer mehr von dem Verlag hinsichtlich Presse- und Vertriebsaktivitäten, als dieser zu leisten und zu finanzieren im Stande ist. Das ist normal und ich habe nicht in Erinnerung, dass hier das übliche Maß verlassen wurde. Umgekehrt habe ich die Zusammenarbeit gerade mit dem Menschen Hans-Magnus Enzensberger als sehr angenehm empfunden, insofern bin ich überrascht.

Heckmann: "Wir haben nicht die Absicht, damit aufzuhören, solange wir unzufrieden sind", das schrieben Enzensberger und Greno vor 20 Jahren zum Erscheinen der "Anderen Bibliothek". Könnte es sein, dass sie inzwischen zufrieden sind ob der Erfolge, die sie mit ihren Büchern erzielt haben?

Kierzek: Natürlich erschöpft sich der Impetus, mit der die Reihe angegangen wurde 1985 irgendwann über eine gewisse Zeit. Aber ich habe auch nicht den Eindruck, dass Enzensbergers Neugier auf neue Themen, auf neue Autoren erlahmt ist. Das zeigen auch die aktuellen Programme, die wir jeden Monat neu verlegen.

Heckmann: Sehen Sie denn jetzt die Chance, dass Sie mit den Herausgebern wieder zusammenkommen?

Kierzek: Die Chance halte ich für sehr gut gegeben, ja.

Heckmann: Und was, gesetzt den Fall, das funktioniert nicht? Was wird aus der "Anderen Bibliothek"? Gibt es eine Perspektive für das Projekt bei Eichborn, vielleicht mit einem neuen Herausgeber?

Kierzek: Gut, wir sind vertraglich auf einer soliden Basis. Wir haben mit Hans-Magnus Enzensberger schon vor langer Zeit verabredet, wenn sich die Frage einer Beendigung seiner Herausgeberschaft stellt, gemeinsam nach einem Nachfolger zu suchen. Auch darüber wird gesprochen und das könnte ein Weg für eine längere Perspektive der "Anderen Bibliothek" sein.

Noch möchten wir uns das nicht vorstellen, aber irgendwann steht es ohnehin an und die lange Kündigungsfrist gibt uns auch den Vorlauf, in aller Ruhe gemeinsam darüber zu beratschlagen.

Heckmann: Hans-Magnus Enzensberger hat die Einstellung der "Anderen Bibliothek" bei Eichborn bekannt gegeben. Dazu war das Matthias Kierzek, Vorstandschef des Verlags.
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