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23.12.2004
Thoma: Harald Schmidt ist typisch öffentlich-rechtlich
Interview mit Norbert Thoma, Ex-RTL-Geschäftsführer

Harald Schmidt, Late-Night-Talkstar (Bild: AP)
Harald Schmidt, Late-Night-Talkstar (Bild: AP)
Dirk-Oliver Heckmann: Es wurde wochenlang diskutiert, was das Ende seiner Late Night Show bedeutet. Es geht natürlich um Harald Schmidt, Fernsehentertainer und Liebling nicht nur der Intellektuellen. Ein Jahr lang übte er Fernsehabstinenz, jetzt aber kehrt er zurück. Ab 19. Januar kommentiert Harald Schmidt immer zwei Mal die Woche die Ereignisse des Tages, heute Abend um Viertel vor zehn gibt es die Pilotsendung. Und das Ganze nicht mehr bei Sat.1 sondern in der ARD. Bei mir am Telefon ist jetzt Helmut Thoma, der ehemalige Geschäftsführer von RTL. Herr Thoma, schauen Sie sich die Show an?

Norbert Thoma: Man wird nicht drum herumkommen, es war ja so viel in den Zeitungen, dass man es auch anschauen muss. Ich habe auch früher die Show angesehen, ich finde Harald Schmidt sehr gut, das war keine Frage.
Heckmann: Aber der ganze Rummel um Harald Schmidt ist für Sie übertrieben?

Thoma: Ja, obwohl ich sage, es ist schon gut, dass er jetzt zur ARD zurückgekommen ist. Die können sich das leisten, die brauchen nicht auf die Einschaltquoten zu schauen und es ist eigentlich ein öffentlich-rechtliches Programm.

Heckmann: Was hat denn in Deutschland gefehlt in diesem Jahr?

Thoma: Vieles, glaube ich, aber Harald Schmidt gehört jetzt zu den eher nicht zu vernachlässigenden Dingen, da waren schon ganz andere Dinge, die da gefehlt haben.

Heckmann: Harald Schmidt hat eine ganze Menge Anhänger. Wie erklären Sie sich seinen Erfolg?

Thoma: Er hat Anhänger primär bei Leuten, die seine Art von Humor mögen und das sind nicht allzu viele, das ist kein Massenprogramm, das ist ein Programm für kleinere Einheiten, für Journalisten und Leute, die spät abends noch einen intellektuellen Kick haben wollen, aber das sind eher Minderheiten. Ich denke, Gottschalk hat es auf den Punkt gebracht, wenn er dagegen antritt, dann ist Harald Schmidt sozusagen für die Dichter und Denker und er für den Rest und der Rest ist natürlich die überwiegende Masse.

Heckmann: Im ZDF ist der Night Talk von Gottschalk geplant. Harald Schmidt und die ARD peilen eine Million Zuschauer an, ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Thoma: Ja, das kann man erreichen. Das reicht für einen privaten Sender nicht aus - ich habe ja damals mit Gottschalk drei Jahre als Late Night gehabt, da hatten wir im Schnitt dann 1,7, was auch noch nicht ausreichte, man hätte mindestens zwei Millionen haben müssen und das erreicht Harald Schmidt auf keinen Fall.

Heckmann: Glauben Sie denn, dass die neue Show langfristig auch Erfolg haben wird oder könnte es sein, dass die ähnlich schnell wieder eingestellt wird wie seine Nachfolgerin?

Thoma: Ich glaube, er hat sein kleines treues Publikum und das wird er dort haben und da die ARD keine wirtschaftlichen Überlegungen in Bezug auf Werbebuchungen einfügen muss, kann das Jahre dauern. Da ist jetzt eine gewisse Sicherheit gegeben, es sei denn, irgendeiner im Programm der ARD, dem gefällt das nimmermehr oder es gibt sonst einen Grund, aber nicht im Wirtschaftlichen und ich glaube auch, ein Programmerfolg, der wird überschaubar sein, aber stabil.

Heckmann: Nichtsdestotrotz - wird man sich bei Sat.1 jetzt ärgern, dass man Harald Schmidt nicht gehalten hat?

Thoma: Ich glaube nicht so sehr. Wenn man realistisch in die Zahlen schaut, wird dieser Ärger höchstwahrscheinlich begrenzt. Ich vermute auch mal, dass das Auseinandergehen auch ein bisschen mit wirtschaftlichen Fragen zusammengehangen hat, denn das ist eine teure Angelegenheit, so spät abends so viel Geld auszugeben. Wenn keine großen Ratings dahinter stehen, ist das für einen kommerziellen Sender schon schwierig.

Heckmann: Harald Schmidts Wechsel vom privaten zum öffentlich-rechtlichen wird von manchen auch symbolischer Wert zugeschrieben. Ist seine Rückkehr zur ARD eine Niederlage für das private Fernsehen?

Thoma: Überhaupt nicht. Ich glaube eher, hier kehrt etwas zurück, was eigentlich dort immer hingehört hätte. Ich meine, dass Harald Schmidt ein typischer, wie ich schon eingangs sagte, öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsmann ist. Den kann man sich praktisch nur leisten, wenn man volle Gebührenfinanzierung hat.
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