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30.12.2004
Internationale Talfahrt überwunden
Der deutsche Film 2004 im Rückblick
Von Anke Leweke

Regisseur Fatih Akin mit seinen Hauptdarstellerinnen Sibel Kekilli (l.) und Birol Meltem Cumbul (Bild: AP)
Regisseur Fatih Akin mit seinen Hauptdarstellerinnen Sibel Kekilli (l.) und Birol Meltem Cumbul (Bild: AP)
Längst hat das deutsche Kino seine internationale Talfahrt überwunden. Seit dem Oscar für Caroline Links "Nirgendwo in Afrika" mischt es wieder selbstbewusst im Ausland mit - bestätigt durch die weltweite Anerkennung von Wolfgang Beckers "Good bye Lenin" und Fatih Akins "Gegen die Wand". Stehen diese Produktionen tatsächlich für neue Tendenzen oder handelt es sich um Ausnahmeerscheinungen?

Schaut man sich die Besucherzahlen des letzten Kinojahres an, dann könnte man zunächst denken, dass alles beim Alten geblieben ist. Wie eh und je dominiert die lokale Komödie das Geschäft. Auf den oberen Plätzen tummeln sich Bully Herbigs tuntige Science Fiction Satire "Traumschiff Enterprise", der deftige Klamauk "Die sieben Zwerge" und der Oberschenkelkracher "Der Wixxer". Neben Otto mit der Zipfelmütze und den mit den Hüften wackelnden Raumfahrern vermochte nur einer mitzumischen.

"Der Untergang": Juliane Köhler als Eva Braun und Bruno Ganz in der Rolle des Adolf Hitler (Bild: AP)
"Der Untergang": Juliane Köhler als Eva Braun und Bruno Ganz in der Rolle des Adolf Hitler (Bild: AP)
In Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" liefert Bruno Ganz genau jenes virtuose Führerspektakel, das man von ihm erwarten konnte. Diktion, Gestik, das Zucken der Hand - ein perfektes Abbild. Und doch erschöpft sich in der perfekten Darstellung des Hitlerbildes, das jeder Deutsche ohnehin im Kopf hat, auch die künstlerische Ambition dieses Filmprojekts. Ganz zu schweigen vom Interpretationsraum, den sich ein solcher Film herausnehmen könnte. Letztlich präsentiert Bernd Eichingers Großproduktion eine gut konsumierbare Führershow, die sich eher der Faszination überlässt, als eine Haltung zu entwickeln. Angesichts des Rummels um den "Untergang" hätte man fast vergessen können, dass das Kinojahr 2004 einer jungen Regiegeneration gehörte, die auf internationalen Festivals endlich die Anerkennung fand, nach der sich das deutsche Kino so lange gesehnt hatte.

Birol Ünel und Sibel Kekilli in "Gegen die Wand", Gewinner des Goldenen Bären 2004 (Bild: AP)
Birol Ünel und Sibel Kekilli in "Gegen die Wand", Gewinner des Goldenen Bären 2004 (Bild: AP)
In seinem Berlinale-Gewinner "Gegen die Wand" stürzt sich Fatih Akin in die Spannungen und Generationskonflikte des deutsch-türkischen Milieus von Hamburg-Altona. Sein Film handelt von der melodramatischen Liebesgeschichte zwischen der aufmüpfigen Sibel und dem Alkoholiker Tschahit. Treffsicher bringt Akin das Lebensgefühl zwischen Tradition und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben auf den Punkt.

Stipe Erceg, Daniel Brühl und Julia Jentsch in "Die fetten Jahre sind vorbei" (Bild: AP Archiv / y3, coop99)
Stipe Erceg, Daniel Brühl und Julia Jentsch in "Die fetten Jahre sind vorbei" (Bild: AP Archiv / y3, coop99)
Auch Hans Weingartners Revoluzzerfilm "Die fetten Jahre sind vorbei" zieht seine Kraft aus der lebendigen Beschreibung des Lebensgefühls. Seine rebellischen Helden glauben noch an den politischen Kampf und sind auf der Suche nach ihren ureigenen Protestformen. Weingartners Film war deutscher Wettbewerbsbeitrag in Cannes und wurde bereits in 42 Länder verkauft.

"Gegen die Wand" und "Die fetten Jahre sind vorbei" - für Alfred Holighaus, dem Leiter der Perspektiven des deutschen Films der Berlinale, handelt es sich um zwei Filme, die für das erstarkte Selbstbewusstsein der ganzen Branche stehen.

Tatsächlich: Schaut man sich den Jahrgang 2004 noch einmal genau an, kommt man nicht umhin festzustellen, dass die junge Regisseursgeneration in alle Richtungen ausschwärmt und von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen mit eigenen Mitteln berichtet. Längst verlässt sich das deutsche Kino nicht mehr auf vermeintlich publikumssichere Genres und Patentrezepte, sondern auf Geschichten, denen man anmerkt, dass sie einfach erzählt werden müssen.



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