KulturPolitik
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3.1.2005
Brauchen wir in Deutschland eine nationale Akademie?
Interview mit Prof. Gerhard Gottschalk, Präsident der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften

Professor Gerhard Gottschalk ist Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. (Bild: Akademieunion)
Professor Gerhard Gottschalk ist Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. (Bild: Akademieunion)
Wuttke : Nun geschah das ja alles vor knapp einem Jahr. Die Diskussion ging hinter den Kulissen und zum Teil auch vor den Kulissen natürlich weiter. Haben sich die Positionen denn in den vergangenen Monaten angenähert?

Gottschalk: Ich denke schon, aber lassen Sie mich vielleicht zu der Ausgangsituation noch eine Bemerkung machen: Der Präsident der Royal Society sagte in einem Gespräch zu mir, als es um die deutsche Situation ging, "Bismarck came too late", womit er zum Ausdruck brachte, das praktisch die Akademienlandschaft in gewisser Weise schon da war, als Deutschland ein Staat wurde und das sieht man ja an der deutschen Situation. Wir hatten schon die Leopoldina, die Preußische Akademie der Wissenschaften, die Göttinger Akademie der Wissenschaften und so weiter. Die sind ja alle im 18. und 19. Jahrhundert gegründet worden und jetzt muss man versuchen, diese traditionsbewussten und ja auch traditionsreichen Akademien in eine neue Struktur zu überführen und das ist nun einmal nicht so einfach.

Wir haben jetzt die Situation, dass wir zwei Modelle disputieren. Das ist ein Modell, welches die Union der deutschen Akademien entwickelt hat und dann gibt es ein Modell der Leopoldina und die sind gar nicht so sehr weit von einander entfernt. Ich denke, dass wir vielleicht schon in diesem Monat so weit kommen, dass wir ein gemeinsames Modell werden vorlegen können, das also vorsieht, dass die Akademien einen Konvent bilden - den kann man natürlich dann auch "die Deutsche Akademie der Wissenschaften" nennen, der Name ist da nicht so wichtig - und das dieser Konvent dann letztlich die vom Wissenschaftsrat angemahnten Aufgaben wahrnimmt, also einmal die Vertretung der deutschen Wissenschaften im Ausland und die Bildung von Arbeitskreisen, die dann Politik und Gesellschaftsberatung durchführen. Man muss in dieser deutschen Situation auch sehen, dass wir eben im Gegensatz zu Frankreich und auch im Gegensatz zu England hochkarätige wissenschaftliche Institutionen in Deutschland haben, mit starker internationaler Reputation und einer großen Tradition, wie etwa die Max-Planck-Gesellschaft und die nimmt natürlich schon einen großen Teil der internationalen Repräsentation der deutschen Wissenschaften auch wahr. Dieses alles nun zusammen zu führen, in dieser Föderalismus geprägten deutschen Situation ist nicht ganz einfach und dafür braucht man halt ein bisschen Zeit.

Wuttke: Geht es in diesem Zusammenhang, wie immer, wenn man über Bildung in Deutschland spricht, auch um eine Neuordnung der Kompetenzen von Bund und Ländern? Oder geht es da wirklich nur um die einzelnen traditionsreichen Institutionen?

Gottschalk: Also Bund und Länder, nur was die Finanzierung anbetrifft. Das ist natürlich ein wesentlicher Faktor. Die Akademien betreiben ja das so genannte Akademienprogramm, das ist das größte deutsche Forschungsprogramm im Rahmen der Geisteswissenschaften und da geht es natürlich dann auch darum: Wie wird dieses Akademienprogramm dann eingebunden in die neue hier zu schaffende Struktur? Und da geht es natürlich um bilaterale, um multilaterale Finanzierung. Das ist genau die Debatte, die wir auch sonst in der Föderalismusdiskussion haben.

Wuttke: Wo soll das Geld denn Ihrer Meinung nach herkommen? Von Bund oder Ländern oder von beiden anteilig?

Gottschalk: Von beiden anteilig, denke ich. Es ist ja bei den Akademien auch jetzt so, wir haben eine Finanzierung zu 50 Prozent vom Bund, aber das unterscheidet es dann von der Max-Planck-Gesellschaft oder auch von der deutschen Forschungsgemeinschaft, dass dann die anderen 50 Prozent jeweils vom Akademiesitzland kommen und jetzt nicht multilateral, wie das bei der DFG oder der Max-Planck-Gesellschaft der Fall ist.

Wuttke: Jetzt haben wir - wie Sie ja eben ausführlich geschildert haben - diese ganzen Institutionen in Deutschland, die traditionsreich, die wichtig sind. Warum brauchen wir denn unbedingt eine nationale Akademie?

Gottschalk : Ich sehe die Bedeutung einer nationalen Akademie in erster Linie für die unabhängige Politik- und Gesellschaftsberatung. Da ist sicher ein großer Bedarf in Deutschland. Man schätzt, dass also der Bund und die Länder etwa eine Milliarde Euro pro Jahr ausgeben, für diese Art von Beratung. Und da wünscht man sich natürlich die Beratung durch eine unabhängige Gelehrtengesellschaft, weil da natürlich die Gefahr von Lobbyismus und Interessenvertretungen sehr viel geringer ist, als in der Art und Weise, wie jetzt die Politikberatung durchgeführt wird. Da sehe ich die Hauptaufgabe, was jetzt die internationale Vertretung der deutschen Wissenschaft anbetrifft, so sehe ich das sehr differenziert. Hier geht es aus meiner Sicht praktisch nur zusammen mit den großen Wissenschaftsorganisationen, also zum Beispiel zusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft.
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