KulturPolitik
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4.1.2005
Medien müssen über "zyklische Kurzatmigkeit" hinaus berichten
Interview mit Steffen Seibert (ZDF) zur Spendengala von ZDF und "Bild"
Moderation: Leonnie March

Überlebende in Meulaboh, 250 Kilometer westlich von Banda Aceh (2.1.2005) (Bild: AP)
Überlebende in Meulaboh, 250 Kilometer westlich von Banda Aceh (2.1.2005) (Bild: AP)
March: Das Ausmaß der Katastrophe wurde ja vielen erst bewusst, als sie die ersten Bilder im Fernsehen sahen. Sind sie denn der Grund für die Spendenbereitschaft der Deutschen?

Seibert: Ganz sicher. Es liegt, glaube ich, an den Bildern und an der Tatsache, dass die betroffene Region eine ist, die doch überraschend viele Deutsche als Strandparadies, als Urlaubsort kennen. Im Umkehrschluss müssen wir ja auch leider feststellen, dass Katastrophen, die ja auch jetzt immer noch an anderen Ecken der Welt stattfinden, die keine Bilder haben, Kongo, Norduganda, Burundi, Sudan, wo wir es nur selten schaffen, Bilder an die Menschen zu bringen, dass die nicht einen Bruchteil dieser Spendenbereitschaft auslösen.

March: Warum sind diese Bilder so wichtig? Weil einem dadurch das Ausmaß der Katastrophe wirklich erst vor Augen geführt wird?

Seibert: Ich glaube, weil wir uns zu schauenden Wesen entwickelt haben durch die Allgegenwärtigkeit der Massenmedien und des Fernsehens. Wir glauben manches erst, wenn wir es gesehen haben und da hat das Fernsehen einfach diese ungeheure Bedeutung jetzt bekommen.

March: Sie haben gerade gesagt, es wird auch deshalb stärker gespendet, weil es sich um eine Touristenregion handelt. Ist das nicht ein bisschen makaber?

Seibert: Ich würde mich darüber nicht beschweren, das ist einfach so, so ist der Mensch. Darüber kann man nun lamentieren und man kann das traurig finden, aber ich finde, wir sollten nicht kritisieren, dass die Menschen in so großer Zahl spenden. Wir sollten froh sein, weil es eine unglaubliche Aufbauarbeit, eine unglaubliche Soforthilfearbeit und eine unglaubliche mittelfristige Aufbauarbeit zu bewältigen gilt. Dann kann man natürlich hoffen, dass etwas von dieser Großherzigkeit, von dieser weltweiten Solidarität würde ich fast mal sagen, sich auch in andere Krisen in anderen Ecken der Welt hineinbringen lässt. Das wäre meine Hoffnung. Wenn man mal guckt: Vor 30 Jahren hätte es diese weltweite Solidarität auch gegenüber Südostasien nicht gegeben. Die gibt es jetzt, weil wir reisen, weil Bilder, Fernsehen, der Austausch von Menschen uns die Welt zu uns holt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das auf Dauer nur auf diese Region der Welt beschränken wird. Ich möchte einfach glauben, dass sich das auch auf andere, vor allem auch auf Afrika ausweitet.

Die Welt ist tatsächlich zusammengerückt, vielleicht wird sich das zu einer Entwicklung über die nächsten Jahre und Jahrzehnte und Generationen ausweiten, dass wir wirklich irgendwann diesen Begriff, "eine Welt", mal nicht als eine hohle Phrase empfinden, sondern dass wir den mit Inhalt füllen.

March: In der Spendengala heute Abend sollen ja Aktionen der Hilfsorganisationen vorgestellt werden. Wie wichtig ist es denn, den Menschen auch genau vor Augen zu führen, wo ihr Geld genau hingeht?

Seibert: Das ist sehr wichtig, denn natürlich ist eine der meist gestellten Fragen, die man so bekommt: Ja, aber wer kann mir denn sagen, dass das nicht alles nur in irgendwelchen Verwaltungssystemen landet, wer kann mir denn sagen, dass das gerecht verteilt wird? Deswegen ist es wichtig zu zeigen, dass Hilfe ja schon längst ankommt, dass ohne diese Hilfe schon viel mehr Menschen an der Folge der Katastrophe gestorben wären, dass nur diese Hilfe dafür sorgt, dass Seuchen möglicherweise doch nicht um sich greifen oder wir sie versuchen einzudämmen. Dass nur diese Hilfe sauberes Wasser zu den Menschen bringt, was essentiell ist für ihr Überleben. Ich glaube, wir müssen den Menschen zeigen: Ja, euer Geld, eure drei Euro oder eure 30 oder eure 300 Euro, die tun konkret lebensrettend Gutes.

March: Nun ist die unmittelbare Hilfe ja das Eine, um die aktuelle Not zu lindern. Aber auch in den kommenden Jahren wird viel Geld benötigt für den Wiederaufbau der Länder. Ist es denn schwerer, für solche langfristige Hilfe und vielleicht auch abstrakte Hilfe, Geld zu sammeln?

Seibert: Ich glaube, auch da gibt es eine große Verantwortung der Medien. Wir müssen natürlich auch über unsere übliche zyklische Kurzatmigkeit hinaus kommen und dürfen nicht in einer Woche aufhören, aus Südostasien zu berichten. Ich sehe das als eine lange, lange Aufgabe auch für uns Medien, zu sagen, so sieht es jetzt aus in Ost-Sri-Lanka, so läuft der Wiederaufbau im Mai oder im September in Banda Aceh. Wir müssen uns selbst verpflichten, so empfinde ich das.

Diese Konjunkturen, die wir da immer haben, die Katastrophen mal zwei Wochen haben und dann wieder nicht, das müssen wir überwinden beim Ausmaß dieser Katastrophe. Ich hoffe, dass wir das tun. Wenn wir das tun, dann werden die Menschen auch einsehen, dass es weiter sinnvoll bleibt zu spenden. Ich fand ja auch die Idee, die der Bundeskanzler in seiner Neujahrsansprache entwickelt hat, sehr reizvoll und sehr vernünftig: Dass konkret ein Bundesland sich für eine Region zuständig fühlen soll und eine Stadt, die Stadt Berlin von mir aus für die Stadt Gor in Sri Lanka und eine Schule hier in Berlin für eine Schule in Gor. So wird das runtergebrochen auf eine Ebene, wo man, glaube ich, sicherer sagen kann, das wird so schnell nicht nachlassen, da werden wir die Verantwortung noch lange spüren.
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