KulturPolitik
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5.1.2005
Ein-Euro-Jobs zur Digitalisierung von Kulturbeständen
Interview mit dem Verleger Hans-J. Heinrich
Moderation: Leonie March

Ein-Euro-Jobs für die Digitalisierung - Gefahr für den ersten Arbeitsmarkt? (Bild: AP)
Ein-Euro-Jobs für die Digitalisierung - Gefahr für den ersten Arbeitsmarkt? (Bild: AP)
March: 100 Millionen Kulturgüter befinden sich insgesamt in deutschen Museen, Bibliotheken, Theatern und Archiven, ein wertvolles und fragiles Gut, wie zuletzt der Brand in der Weimarer Anna Amalia Bibliothek bewies. Viele historische Schriften wurden zerstört. Sie sind unwiederbringlich verloren. Angesichts einer solchen Tragödie wünschen sich viele Museen und Archive eine digitale Erfassung ihrer Bestände. Der Verleger und Museumsexperte Hans-J. Heinrich will sich dieser Mammutaufgabe nun annehmen. Die Arbeit der Digitalisierung soll von Langzeitarbeitslosen geleistet werden. Über zwei Jahre sollen mehrere Tausend Ein-Euro-Jobs entstehen. Die Kultureinrichtungen sollen mit den Bildrechten langfristig Geld verdienen. Am Telefon begrüße ich nun den Vater der Idee. Guten Tag, Herr Heinrich.

Heinrich: Guten Tag.

March: Nun gibt es neben viel Zustimmung auch Kritik an Ihrer Idee, vor allem vom Deutschen Kulturrat. Er befürchtet, dass das Projekt Auswirkungen auf den ersten Arbeitsmarkt haben wird. Können Sie die Sorge verstehen?

Heinrich: Ganz klare Antwort: Es ist gar nicht möglich, Arbeitsplätze zu verdrängen, weil diese Maßnahme ganz klar so gehandhabt werden muss, dass nirgends Arbeitsplätze und auch keine Aufträge verloren gehen.

March: Welche Chancen ergeben sich denn für die Langzeitarbeitslosen, die dann in dem Projekt arbeiten können?

Heinrich: Da sie von uns eine Qualifizierung bekommen im Bereich digitale Dokumentation, die auf eine, bei diesen Menschen gegebene, vollständige Berufsausbildung im Kulturbereich aufsetzen wird. Und dass sie dann über eine Zeit von sechs bis neun Monaten die Chance haben, diese erworbenen Kenntnisse in Kultureinrichtungen, in Zusammenarbeit mit den dort Tätigen, umzusetzen.

March: Nun ist das ja wirklich ein Mammutprojekt. Wie stellen Sie sich denn die praktische Umsetzung vor?

Heinrich: Die Umsetzung kann und darf nur regional erfolgen. Das heißt, wir müssen in den Regionaldirektionen der Bundesagentur für Arbeit - und das sind zehn - nach und nach entsprechende Standorte einrichten mit örtlichen Schulungsmaßnahmen, von wo aus dann die Teams auch eingesetzt werden. Und zwar gehen wir von Vier-Personen-Teams aus, weil wir digitalisieren, weil wir die digitalen Daten in eine mitgelieferte Datenbank eingeben müssen. Und weil die Kulturgüter mit Sicherheit auch hin- und herbewegt werden müssen, um digitalisiert werden zu können. Wir gehen davon aus, dass wir es im ersten Jahr auf 1500 bis 2500 solcher Teams bringen und haben die entsprechenden Schulungsmaßnahmen auch vorbereitet.

March: Welche Standards würden Sie denn setzen. Wie stellen Sie sich die Güte dieser Digitalisierung vor?

Heinrich: Wir haben bestimmte Vorstellungen übernommen, die zum Beispiel vom britischen Museum kommen, von der Schillergesellschaft, wo man gesagt hat, dass die Mindestauflösung bei etwa 2000 mal 3000 Pixel liegen sollte. Dazu braucht man Kameras im Bereich von etwa acht Megapixel. Wenn aber die Vorlagen besonders groß sind, dann muss man mit höheren Auflösungen arbeiten. Und bei 3-D-Objekten natürlich mit Laserscannern, auch wiederum mit hoher Auflösung.

March: Stoßen Sie bei der Digitalisierung von Kulturgut nicht auch auf urheberrechtliche Probleme, wenn da auf einmal Leute Zugriff haben, die den sonst nicht hatten?

Heinrich: Überhaupt nicht, weil die Digitalisierung selbst ein rein technischer Vorgang ist, und damit greift man nicht in Urheberrechte ein. Urheberrechte werden erst in dem Moment relevant, wo sie anfangen, diese Dateien zu verwerten. Wenn jetzt jemand herkommt und sagt, ich möchte etwas im Fernsehen einsetzen oder ich möchte ein Buch publizieren und darin so und so viele Abbildungen verwenden, über die die Verwertungsgesellschaft verfügt. Die Entscheidung liegt ausschließlich bei den Kultureinrichtungen. Die, bzw. ihre Träger, bleiben im Besitz der Rechte. Wir haben aber die Möglichkeit, und das ist das überhaupt Spannende, dass in den deutschen Sammlungen ja 90 bis 95 Prozent der Kulturgüter mangels Ausstellungsfläche überhaupt nicht gezeigt werden können, die jetzt aber die Chance haben, durch die Digitalisierung in die Öffentlichkeit transportiert werden zu können, zum Beispiel über das Internet.

March: Für die Museen und Archive ist das ja auch deshalb reizvoll, weil sie dann mit zusätzlichen Einnahmen rechnen können, eben durch diese Rechte. Können Sie das garantieren?

Heinrich: Sie können im Markt nicht garantieren, dass, wenn man ein Produkt anbietet, dass das dann auch bestimmt jemand kaufen will. Wenn man aber als Verwertungsgesellschaft alle diese - wie es so schön heißt - Digitalisate ins Netz stellt, dann ist das ein hochinteressanter Einkaufsplatz. Zum Beispiel für Medien, zum Beispiel für Schulbuchverlage, also den Bildungsbereich allgemein, wohlgemerkt natürlich immer nur die Kopie.

March: Sie freuen sich ja jetzt wahrscheinlich schon als Vater der Idee auf den Beginn des Projektes. Wann kann es denn losgehen?

Heinrich: Wir sind ja schon seit September am arbeiten und sind jetzt in der Realisierungsphase. Wir glauben also, dass die ersten Teams im Februar aktiv werden. Das hängt davon ab, wie viele Kultureinrichtungen sich bei uns melden. Bisher, muss ich sagen, überwältigt uns die Reaktion sowohl aus dem Bereich der Kultureinrichtungen als auch aus dem Bereich der Arbeitslosen, der Kulturberufe, die eine Chance hier sehen, endlich mal wieder sinnvolle Arbeit leisten zu können.

March: Hans-J. Heinrich war das im Gespräch mit der OrtsZeit. Ihnen vielen Dank dafür.


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