KulturPolitik
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6.1.2005
"Ich habe mich köstlich amüsiert"
Interview mit Paul Spiegel zum Film "Alles auf Zucker!"
Moderation: Leonie March

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland (Bild: AP)
Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland (Bild: AP)
March: Der ehemalige DDR-Sportreporter Jaeckie Zucker steht unter Druck. Seine Frau droht mit Scheidung, der Gerichtsvollzieher mit Gefängnis. Zuckers letzte Hoffnung ist das Erbe seine Mutter, doch es ist an eine Bedingung geknüpft. Jaeckie und sein Bruder Samuel, ein orthodoxer Jude, sollen sich versöhnen. Das ist die Geschichte des neuen Films von Dani Levy, eine Komödie über eine jüdische Familie in Deutschland im Spannungsfeld zwischen Ost und West, gläubig und weltlich, arm und wohlhabend. Gestern war Deutschlandpremiere in Köln und unter den Zuschauern war auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Ihn begrüße ich nun am Telefon. Guten Tag, Herr Spiegel.

Spiegel: Guten Tag.


Henry Hübchen und Hannelore Elsner als Jaeckie und Marlene Zucker in Dani Levys neuem Film (Bild: X Verleih)
Henry Hübchen und Hannelore Elsner als Jaeckie und Marlene Zucker in Dani Levys neuem Film (Bild: X Verleih)
March: Haben Sie sich bei "Alles auf Zucker" gut amüsiert, gelangweilt oder geärgert?

Spiegel: Ich habe mich ausgezeichnet amüsiert und ich gebe auch zu, ich habe den Film vorher schon auf Video gesehen, da habe ich mich bereits amüsiert, und ich war gestern noch mal, habe ihn noch mal gesehen, also im Kino selbst, wirklich ich habe mich köstlich amüsiert.

March: Können Sie denn auch über Szenen lachen, wo zum Beispiel Hannelore Elsner mit der Taschenlampe unter der Bettdecke eine Art Schnellkurs Jüdisch liest und danach die Kühlschränke nach Milch- und Fleischprodukten trennt?

Spiegel: Selbstverständlich, da ist ein Stück Wahrheit dran. Aber es handelt sich ja um eine Komödie und bei einer Komödie wird ja vieles überzogen, persifliert. Und das gehört einfach dazu. Was mich wirklich begeistert hat bei diesem Film, ist die Tatsache, wie es kürzlich Henryk Broder mal gesagt hat, das ist endlich mal ein Film, in dem nicht über uns Juden gelacht wird, sondern mit uns Juden gelacht wird. Und ich finde, das ist etwas ganz wichtiges was der Regisseur und Drehbuchautor Dani Levy geschafft hat.

March: Er hat ja auch gesagt, es sei höchste Zeit für eine solche jüdische Komödie in Deutschland, die Opfergeschichten wolle niemand mehr sehen und hören, sind Sie da auch seiner Meinung oder würden Sie das nicht ganz so krass formulieren?

Spiegel: Das ist ein bisschen krass, aber Tatsache ist, es handelt sich hierbei nicht um einen Dokumentarfilm und es ist nicht ein Film, in dem man betroffen das Kino verlässt, sondern indem man sagt, aha, hier handelt es sich um eine Komödie, die spielt in einer jüdischen Familie, eine Familie, wie es auch in anderen Familien vorkommen kann, und das ist die wichtige Message in diesem Film, dass wir Juden nicht anders sind als andere, dass auch unsere Probleme sind, dass es bei uns genauso Schlitzohren gibt, aber auch orthodox eingestellte Menschen wie liberal eingestellte Menschen, Menschen, die dem Leben optimistisch gegenüber stehen und so weiter und das ist die wichtige Message dieses Films, dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind, über die man auch lachen kann.

March: Sie haben es gerade gesagt, nun müssen Charaktere in Komödien ja auch überzeichnet werden, und so sind die Juden in Levys Film sehr jüdisch, kann das nicht auch missverstanden werden?

Spiegel: Wissen Sie, wenn so was missverstanden werden will, wenn jemand in den Film geht mit Vorurteilen und sagt, hier will ich meine Vorurteile bestätigt bekommen, dann wird er das bekommen, aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass Menschen ins Kino gehen und sich unterhalten lassen wollen, amüsieren wollen und das erreicht dieser Film auch mit diesem Genre hervorragend.

March: Wird da auch ein Teil der jüdischen Tradition vor Augen geführt, der vielleicht eine Zeit lang in den Hintergrund gerückt ist, nämlich der Humor, der ja doch eine wichtige Rolle spielt?

Spiegel: Der Humor spielt bei uns Juden immer eine wichtige Rolle, auch im Verlauf unserer Geschichte, denn wir könnten wahrscheinlich unsere Geschichte, die ja meistens eine Leidensgeschichte war in den letzten Jahrtausenden, nur ertragen, weil wir uns den Humor bewahrt haben und das Leben dadurch meistern konnten. Das ist ein wesentlicher Punkt in unserem Leben, der Humor, den haben wir uns nicht nehmen lassen. Und ich weiß sogar, dass Menschen angesichts des Todes während des Holocaust im Konzentrationslager im Bewusstsein, den morgigen Tag nicht mehr erleben zu können, sich ihren Humor aufgezwungen haben, um das überhaupt durchzustehen. Das ist also ein Teil unserer Geschichte, und das ist ganz ganz wichtig, dass man das auch weiß.

March: Das heißt, dieser Film ist jetzt nicht nur eine Komödie, man geht aus dem Kino und hat gut gelacht und danach vergisst man wieder alles, kann dieser Film auch dazu beitragen, dass das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in Deutschland unverkrampfter wird?

Spiegel: Sie meinen das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland, ich lege auf diese Formulierung großen Wert. Ich glaube, er kann dazu beitragen, ob er es wird, weiß ich nicht, es ist ja nicht davon auszugehen, dass alle Bundesbürger diesen Film sehen. Aber die, die diesen Film sehen, denen kann er schon vermitteln, dass wir auf einem Stück sind, zur etwas unbefangeneren Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland, indem Juden auch über sich selbst lachen können und auch über ihre kleinen Schwächen, Menschen vor Augen führen, um andere Menschen zu unterhalten. Das kann ein kleiner vielleicht nicht unwesentlicher Schritt dorthin sein.

March: Vielen Dank Paul Spiegel. Er ist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.




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