KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
7.1.2005
Nach der Flut: Vermisstensuche im Internet
Interview mit Klaus Mittermeier, Chef des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München
Moderation: Frank Capellan

Überlebende verlassen mit einem Flugzeug das Katastrophengebiet in Banda Aceh, 5.1.2005 (Bild: AP)
Überlebende verlassen mit einem Flugzeug das Katastrophengebiet in Banda Aceh, 5.1.2005 (Bild: AP)
Mittermeier: Das Internet spielt natürlich zunehmend eine Rolle. Während des Kosovokonflikts hatten wir dieses Internetangebot, diese berühmten family links des IKRK, auch schon angeboten, 1999, da haben 37 Menschen davon Gebrauch gemacht. Während des Irakkrieges waren es schon über 10.000 und jetzt wird diese Zahl wahrscheinlich weit übertroffen werden.

Capellan: Nun belassen Sie es ja nicht dabei, Fotos ins Internet einzustellen. Was können Sie ganz konkret tun?

Mittermeier: Wir stellen keine Fotos ein, wichtiger ist, dass diese family links eine Möglichkeit des IKRK sind, und da raten wir auch allen Menschen zu, sie können sich von jedem Computer aus, der Internetzugang hat, einklicken auf diese Seite, finden eine Liste vor sortiert nach den betroffenen Ländern, und sie können selber einen Suchfall einstellen, aber es kann sich auch ein Mensch, der gefunden werden oder seine Anschrift bekannt geben will, einstellen. Das ist ein Instrument, das in immer stärkerem Maße auch unsere Arbeit mit beeinflusst.

Capellan: Viele Angehörige haben beklagt, dass natürlich der Server und diese Seiten völlig überlastet waren, dass man überhaupt keinen Zugang mehr hatte. Kann man gegen diese technischen Probleme irgendetwas unternehmen?

Mittermeier: Da wird sicherlich in Genf etwas unternommen. Das Problem tritt vorübergehend auf. Ich habe mich mehrfach eingewählt und bin immer durchgekommen, manchmal nicht, man muss es eben mehrmals versuchen. Die versuchen natürlich alles mögliche Technische in Genf, um einen breiteren Zugang zu ermöglichen.

Capellan: Haben Sie einen Überblick, wie viele Anfragen aus Deutschland aufgelaufen sind, vielleicht auch, wie viele Vermisste ausfindig gemacht werden konnten mittels dieses Suchdienstes über das Internet?

Mittermeier: Nein. Unsere Arbeit besteht im Moment darin, die ganzen Anfragen als Bürgertelefon des DRK entgegenzunehmen. Wir haben bis jetzt über 3300 Anfragen und davon sind etwa 960 (das war der Stand von gestern) Suchanfragen, die wir genau notieren mit allen personellen Details und Informationen, wo die letzte Nachricht herkam und wo er sich zuletzt aufgehalten hat und das gleichen wir mit dem Auswärtigen Amt ab. Es gibt in Deutschland eigentlich drei Anlaufstellen: das Auswärtige Amt, uns und die Polizei und das muss abgeglichen werden und ich kann Ihnen im Moment nicht sagen, wie viele Fälle geklärt wurden.

Capellan: Wie viel Hoffnung gibt es denn, dass man das Schicksal von Vermissten wirklich noch wird klären können? Es sind ja immer noch über 1000 Deutsche, die gesucht werden in den Krisengebieten.

Mittermeier: Das ist natürlich sehr spekulativ, man muss leider befürchten, das ist meine persönliche Meinung, dass es für viele dieser Schicksale keine Klärung geben wird, aber es gibt auch immer kleine Lichtblicke. Mich hat gestern Morgen eine junge Frau angerufen, die hat eine Vermisstenmeldung vor einer Woche aufgegeben für ihre Freundin in Thailand. Diese Freundin hat sich gestern bei ihrer Freundin in Deutschland per Handy gemeldet und natürlich kann man sich vorstellen, dass es noch Menschen gibt, die als Rucksacktouristen oder sonst wie unterwegs sind und sich eben einfach noch nicht zurückgemeldet haben, obwohl sie vielleicht gar nicht von der Katastrophe betroffen waren oder ihr glücklich entkommen sind.

Capellan: Aktuell warnt das FBI vor Massenmails mit Anhängen, in denen Fotos von angeblich Vermissten auftauchen, da könnten sich Viren drin verbergen. Wie kann man sichergehen, dass man wirklich seriöse Aufforderungen erhält?

Mittermeier: Wir übernehmen solche Listen natürlich nicht aus dem Internet, wir kennen die Problematik. Da entstehen Selbstläufer, die sich durch das Internet fortpflanzen und die einfach nicht seriös sind. Für uns ist seriös, was die Angehörigen uns mitteilen, die wir am Telefon haben. Wir notieren das genau, wir kriegen die Rückmeldung vom Auswärtigen Amt, die ja natürlich in Verbindung stehen mit den Identifizierungsteams und da vereinzelt Fälle klären können, oder wenn wir eine Meldung von einer Schwestergesellschaft kriegen oder vom Internationalen Roten Kreuz. Wild durchs Internet geisternde Meldungen, Listen, sind für uns nicht so relevant, weil wir sie auch nicht auf Seriosität prüfen können.

Capellan: Das war Klaus Mittermeier, Chef des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München, über neue Möglichkeiten, die das Internet bei der Suche nach Vermissten bietet. Danke für das Gespräch.
-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge
->
-> DRK-Suchdienst für Angehörige von Vermissten im Katastrophengebiet