KulturPolitik
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10.1.2005
Besucherrekord im Jüdischen Museum Berlin
Interview mit Cilly Kugelmann, stellvertretende Direktorin des Museums
Moderation: Kirsten Lemke

Daniel Libeskind, Architekt des Jüdischen Museums Berlin (Bild: AP-Archiv)
Daniel Libeskind, Architekt des Jüdischen Museums Berlin (Bild: AP-Archiv)
Lemke: Selten hat ein Museum, bevor es überhaupt eröffnet war, so viele Besucher angelockt wie das Jüdische Museum in Berlin. Allein der leere Bau von Daniel Libeskind war schon Attraktion genug. Seit September 2001 ist darin nun eine Dauerausstellung zu sehen. Darüber hinaus gibt es auch wechselnde Ausstellungen, und der Besucherandrang ist ungebrochen. Im vergangenen Jahr wurde ein neuer Rekord erzielt. Im Jahresdurchschnitt waren es täglich fast 2000 Menschen, die ins Jüdische Museum gekommen sind. Dazu begrüße ich die stellvertretende Direktorin des Museums, Cilly Kugelmann. Wie erklären Sie sich das große Interesse?

Kugelmann: Ich glaube, da gibt es eine subjektive und eine objektive Perspektive. Die subjektive Perspektive würde davon ausgehen, dass wir ein sehr interessantes Ausstellungsprogramm machen, und die objektive rückt das etwas in den Hintergrund, also das ist immer noch wichtig, aber wir sind als Kultureinrichtung in Berlin wie alle anderen Kultureinrichtungen natürlich sehr vom Tourismus abhängig. Letztes Jahr hat es eben ein großes Ansteigen des Tourismus gegeben, und davon profitieren auch die Museen in Berlin. Also es gab einen Zuwachs von 18 Prozent an Touristen. Das hängt vielleicht mit den Billigflügen zusammen, die es nach Berlin gibt, also von ganz Europa, und es hängt sicher auch zusammen mit großen Projekten und Ausstellung wie die MOMA-Ausstellung.

Lemke: Sie haben die Ausstellungen in Ihrem Museum vor allem erwähnt. Ist da nicht immer noch das Gebäude vor allem die Hauptattraktion?

Kugelmann: Das Gebäude ist ganz sicher die Hauptattraktion. Also die Leute kommen in erster Linie hierhin, um das Gebäude zu sehen, und könnten dann nach einer halben Stunde wieder gehen, nachdem sie die entscheidenden architektonischen Elemente gesehen haben, aber wir haben eine durchschnittliche Verweildauer von zwei bis drei Stunden, und das zeigt, dass die Menschen, die einmal ins Museum gekommen sind, angezogen natürlich über diese Architektur, dann auch drin bleiben.

Lemke: Vielleicht beschreiben Sie das Gebäude noch mal kurz für diejenigen, die es nicht kennen.

Kugelmann: Also das Gebäude - und da kann man unterschiedlicher Auffassung sein - hat für mich etwas von einem Zug in den Vereinigten Staaten. Es hat eine Metallhaut und merkwürdig platzierte Fenster und einen merkwürdigen Grundriss, der in einer Art Zickzack von der Straße in das Innere der Fläche läuft. Es gibt dann noch einen separat stehenden Turm, der von innen auch zu besichtigen ist, und einen Steingarten, auf dessen Steinstellen Bäume wachsen. Also das ist sozusagen die Beschreibung in Kurzform.

Lemke: Die Dauerausstellung zeigt die Geschichte der Juden in Deutschland. Was ist dort zu sehen? Wie wird diese Geschichte dargestellt?

Kugelmann: Die Geschichte wird in ausgewählten Themenkreisen dargestellt und beginnt in der Spätantike und endet mit der heutigen Zeit. Sie zeigt eigentlich, wie in Deutschland die Minorität der Juden in den jeweiligen historischen Zeiträumen mit der Gesamtgesellschaft im Verhältnis stand, mal besser, mal schlechter. Uns ist wichtig, dass dieser vergleichende Blick auf die christliche und auf die jüdische Gesellschaft und die Interaktion zwischen den beiden immer Thema unserer Ausstellung wird.

Lemke: Welche Möglichkeiten bieten Sie den Zuschauern, sich zusätzlich zu informieren, also zum Beispiel durch Führungen?

Kugelmann: Wir bieten Führungen für Schulen und Erwachsene an. Wir haben Workshops für bestimmte Zielgruppen. Wir haben sehr viele Veranstaltungen, von Konzerten über Vorträge, Theateraufführungen und Musikveranstaltungen in Kooperation mit anderen Berliner Institutionen, und das ergänzt das Ausstellungsprogramm.

Lemke: Sie hatten als zweiten Aspekt genannt den wachsenden Tourismus in Berlin. Kann man aber aus diesem zunehmenden Interesse des Publikums an dem Jüdischen Museum auch Rückschlüsse ziehen? Sagt es etwas auch über das Verhältnis der Deutschen zu den Juden, zum Interesse am Judentum in Deutschland?

Kugelmann: Also in gewisser Weise schon, obwohl man dafür viel mehr Zeit bräuchte, um das zu interpretieren. Es zeigt auf jeden Fall - und das ist erstaunlich genug -, dass das Interesse nicht nachlässt. Trotz dieser vielen Aussagen, dass Schüler keine Lust mehr haben, über die Geschichte des Nationalsozialismus zu lernen, ist ein eher steigendes Interesse zu verzeichnen. Aber das bedarf eben der Interpretation, ich sage das jetzt einfach so, auf dem Hintergrund einer Entwicklung, die gegenläufig ist. Also es gibt hier einen großen Widerspruch, der klärungsbedürftig ist - dafür haben wir jetzt keine Zeit -, bei dem man auch feststellen kann, dass das Interesse eher wächst als dass es sinkt.

Lemke: Vielen Dank für das Gespräch.
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