KulturPolitik
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12.1.2005
Schillers Werk in all seinen Facetten
Interview mit Hortensia Völckers, Direktorin Kulturstiftung des Bundes
Moderation: Kirsten Lemke

Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes (Bild: Deutschlandradio)
Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes (Bild: Deutschlandradio)
Völckers: Ich glaube, im Theaterbereich, also Schiller als Dramatiker, ist sehr bekannt und präsent. Wir haben, glaube ich, in jeder Spielzeit einen Schiller mindestens. Insofern würde ich sagen, ist er da sehr präsent. Ansonsten ist vielleicht das Werk im Detail nicht präsent, aber er hat das Leben, das Verhältnis zwischen Kultur und Politik und vieles mehr sehr stark geprägt. Und das gilt heute in großen Teilen noch.

Vor allen Dingen ist er als Utopist, als Kritiker, als Maler unglaublich wichtig bis heute und insofern wird ein Jahr kaum reichen, um ihn zu feiern. Obwohl ich oft sehr skeptisch bin gegenüber solchen Jubiläen, muss ich sagen, bin ich sehr dankbar, dass es das gibt, weil es mir auch in meiner eigenen Arbeit tatsächlich praktisch sehr hilft.

Lemke: Wenn Sie sagen, es gibt vieles an ihm, was aktuell ist. Wie kann man dieses denn vermitteln?

Völckers: Das ist gar nicht so schwierig. Es gibt ein kleines Heftchen von Reclam, das heißt "Über die ästhetische Erziehung des Menschen". Und das sind Briefe, 26 oder 27 in der Zahl, und ich muss zugeben, dass dieses Heftchen meine Tasche seit Monaten nicht verlässt. Ich muss es immer dabei haben, weil es eine Quelle von Dingen ist, die heute für uns relevant sind. Ich zitiere einen ganz kurzen Satz, wo er sagt: "Einseitigkeit in Übung der Kräfte führt zwar das Individuum zum Irrtum, aber die Gattung zur Wahrheit." Das ist der sechste Brief.

Das heißt, ein Schiller hat in seiner Zeit, in der er lebte, wo es eine wenig differenzierte bäuerliche Gesellschaft gab, schon die Probleme einer Gesellschaft, in der es eine Arbeitsteilung gibt und was die Konsequenzen oder der Preis der Spezialisierung sein wird, sehr klar vorausgesehen. Und da stecken wir natürlich mittendrin.

Dadurch, dass wir auch empfinden und real in einer Zeit von einer großen Veränderung und Transformation sind, ist es sehr interessant, diese Dinge heute noch mal zu überprüfen und ihn dafür auch wirklich praktisch zu verwenden.

Lemke: Es ist ja auch bezeichnend, dass viele Schiller-Zitate schon Sprichwörter und Redensarten geworden sind, wie "die Axt im Haus erspart den Zimmermann" oder "der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, "der Mohr kann gehen". Das sind allerdings Redensarten, von denen wahrscheinlich viele Menschen gar nicht mehr wissen, dass sie von Schiller stammen. Wie kann man denn auch jungen Menschen dieses nahe bringen, die ihn vielleicht in der Schule kennen lernen, ohne die rechte Begeisterung dafür?

Völckers: Es wird sicherlich eine Menge von Veranstaltungen geben, die sich mit so etwas beschäftigen. Ich weiß, dass zum Beispiel das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ein ganzes Comicheft macht. Das ist eines der Projekte, die wir auch fördern. Horos Odenthal, ein berühmter Comiczeichner, karikiert oder zeichnet das Leben von Schiller und wichtigen Ereignissen. Und vielleicht kommt da auch so etwas vor, das weiß ich nicht so genau, weil die verschiedenen Projekte in ganz Deutschland jetzt erst anlaufen.

Lemke: Aber schauen wir mal auf das Programm für dieses Schillerjahr. Wo sehen Sie denn besondere Höhepunkte?

Völckers: Höhepunkte in diesem Sinne wird es gar nicht so geben. Ich glaube, dass man gar nicht so ein Interesse hat, Schiller zu musealisieren, auf den Sockel zu stellen, zu entfernen als reinen Nationaldichter, sondern man geht sehr nah ran und arbeitet mit seinem Material. Und das ist das unglaublich spannende.

Es wird natürlich eine Menge tolle Sachen geben. Die Marbacher machen eine ganze Reihe von Veranstaltungen, "Schiller und die Wissenschaft", "Schiller und der Philosoph" und "Schiller international" und so weiter. Die Weimarer machen eine große Ausstellung zu "Schiller und die Helden heute". Dann wird es ein Symposium geben zu "Ästhetik und Politik". Und dann gibt es Performances und Theaterstücke. Also es passiert permanent etwas.

Insofern würde ich auch sagen, dass das sehr unserer Kulturlandschaft entspricht, die ja so reich und vielfältig ist. Es wird einfach ein permanentes Denken und Überarbeiten von dieser Figur in seiner ganzen vielfältigen Herangehensweise gegeben.

Lemke: Das heißt, es sind also viele beteiligt an diesem Schillerjahr. Gibt es einen gemeinsamen Ansatz, zu sagen, das legen wir dem ganzen zu Grunde?

Völckers: Nein, Gott sei Dank nicht. Als Kulturstiftung des Bundes haben wir einen ganz speziellen Auftrag und wir würden immer verhindern, dass nur eine Richtung angegeben wird, sondern gerade diese Vielfalt und die Unterschiede, die Schiller anbietet: Der politische Schiller, der Philosoph, der Denker und der Poet.

Genau das ist ja interessant, dass er ganz unterschiedliche Herangehensweisen hatte. Und das machte ihn auch zu so einer zerrissenen Persönlichkeit in diese dualistischen Denkweise, immer hin und her, zwischen den poetischen, den individuellen Betrachtungen und auch der anderen Seite, eben der exakten, der universellen und der wissenschaftlichen. Und das ist immer noch aktuell. Und ich glaube, das hat ihn auch innerlich aufgefressen, weil das so schwierig ist, zusammen zu kriegen in eine Person.

Lemke: Vielen Dank.
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