KulturPolitik
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13.1.2005
"Theater - Produzieren für die Zukunft, in der Zukunft"
Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Frankfurt/M.
Moderation: Kirsten Lemke

"Woyzeck" von Georg Büchner am Hamburger Thalia-Theater 2003 (Bild: AP)
"Woyzeck" von Georg Büchner am Hamburger Thalia-Theater 2003 (Bild: AP)
Lemke: Herr Beilharz, wie stark ist denn eine solche Diskussion tatsächlich durch Sachzwänge, vor allem durch Sparzwänge geprägt?

Beilharz: Naja, ich glaube, wenn man sich immer nur mit der pragmatischen Realität befasst, die natürlich zum Teil für einige Theater drückend ist, dann ist man schon von vornherein in der Defensive. Die Dramaturgische Gesellschaft hat sich vorgenommen, ein bisschen so zu tun, wie wenn es vordergründig diese Sparzwänge nicht geben würde. Sondern macht sich mal Gedanken, wie müsste denn das Theater aussehen, wie müsste denn das Theater aussehen, wie müsste es in der unmittelbaren Zukunft aussehen. Und um sich mit diesem Thema auseinander zu setzen, haben wir uns Leute eingeladen, die demoskopische Fachleute sind, die sagen, wie wird sich unsere Gesellschaft denn verändern. Wird sie altern, ist das Methusalem-Komplott denn auch für das Theater von Auswirkung oder werden die Zuschauer immer jünger. Und wie sollten wir darauf reagieren, das heißt nicht nur ganz pragmatisch, wie erhalten wir unser Publikum, sondern, was sind denn auch die Themen, die aufregend und gegenwärtig sind, so dass das Theater als Selbstverständlichkeit seinen Platz in der Gesellschaft behaupten kann.

Lemke: Welche Themen sind das denn Ihrer Meinung nach?

Beilharz: Naja, ich glaube, es gibt ja da mehrere Auswirkungen. Einerseits ist ja ein Schwerpunkt von uns das Kinder- und Jugendtheater. Es ist aber ein Schwerpunkt von uns, dass sich das Schauspiel immer stärker in den gesellschaftlichen Dialog einmischt, zum Teil mit einer sehr verstärkten Aufführungs- und Uraufführungsanzahl von Stücken, die sich zum Teil gesellschaftlich äußern, zum Teil aber die Auswirkungen der Gesellschaft auf das Individuum reflektieren. Auf der anderen Seite gibt es ja einen neuen vitalen Ansatz im Kinder- und Jugendtheater in dieser Republik und die Oper, die ja durchaus nicht über schwindende Besucherzahlen zu klagen hat, steht aber vor dem Problem, dass 80 Prozent ihres Programms aus dem 19. und früheren Jahrhunderten stammt, und wie kann das geändert werden, welche Impulse braucht das Theater, damit das Musiktheater zeitgenössisch nicht nur im Musical, sondern auch in der Oper ist.

Lemke: Aber wenn Sie jetzt davon ausgehen, zu sagen, die Theater mischen sich eben immer mehr in aktuelle gesellschaftliche Situationen ein, muss man nicht umgekehrt dann aber sagen, vielleicht möchten die Theaterbesucher auch gerade wieder mehr Klassiker sehen und die vielleicht auch in klassischer Form und nicht allzu aktualisierter Form?

Beilharz: Naja, ich zitiere da einen wichtigen Zeitgenossen, der sagt, Theater ist immer heutig, auch wenn es Klassiker spielt, oder ist immer zeitgenössisch, wenn es Klassiker spielt. Selbstverständlich wählt man den Klassiker nur dann aus, wenn man den Eindruck hat, dass die Macher und die Zuschauer mit dem irgendetwas zu tun haben. Und ich glaube, der berühmte Ruf, wir wollen die Sachen mal so sehen, wie sie eigentlich sind, geht an der Sache vorbei. Ich habe es mehrmals gemerkt an den eigenen Theatern, wenn dann es den Leuten ein bisschen zu schnell ging, wie die Modernisierung des Programms, des ästhetischen Programms durchgeführt worden ist und dann durch einen Unglücksfall mal wieder etwas, sei es durch ein Gastspiel, das nicht so gelungen war, wieder etwas "Altbackeneres" kam, dass sie dann damit nichts mehr anfangen konnten und sagten: Das ist jetzt eigentlich doch nicht von dieser Welt.

Lemke: Vielleicht ist die Alternative nicht unbedingt altbacken, Herr Beilharz. Aber wenn man sich überlegt, dass auf dem Theater mittlerweile ja inzwischen alle Tabus irgendwo gebrochen sind, dass man vielleicht doch wieder einen Schritt zurückgeht und sagt, wir wollen jetzt nicht unbedingt nur provozieren, sondern doch mal zu den Wurzeln zurückkehren.

Beilharz: Ich weiß nicht, ob da Ihre Eindrücke ein klein bissel einseitig sind. Das ist ja nicht flächendeckend in ganz Deutschland so, dass überall nur bis zum Tezett provoziert wird. Die Dramaturgische Gesellschaft empfindet sich nicht als Bremsvereinigung, um allzu kühne Ideen abzukappen, sondern eher als eine, die ... Provokation um der Provokation willen ist ja auch sinnlos, das wird ja auch nicht ernsthaft propagiert werden. Aber kühne neue Einfälle, es gibt ja, wie Brecht sagt, nicht nur das gegenwärtig und zeitgenössisch sein, sondern auch das zeitgenössisch werden. Es hat sich ja in der Geschichte des Theaters vieles erst durchsetzen müssen.

Lemke: Vielen Dank.

Service:

Unter dem Motto "Theater - Produzieren für die Zukunft, in der Zukunft" findet vom 13. bis 16. Januar 2005 die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Frankfurt/M. statt.

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