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19.1.2005
"Einstein kann uns immer noch als Vorbild dienen"
Interview mit Susan Neiman, Direktorin des Einsteinforums in Potsdam
Moderation: Christopher Ricke

Albert Einstein in New York (Bild: AP)
Albert Einstein in New York (Bild: AP)
Ricke: 2005 ist das Weltjahr der Physik. Und in Deutschland feiert man dieses Weltjahr der Physik als Einsteinjahr. Es gibt eine entsprechende Initiative von Bundesregierung, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur und es gibt jede Menge Gründe, das Einsteinjahr zu feiern. Zum Beispiel wurde die Relativitätstheorie 1905, also vor 100 Jahren, veröffentlicht. Susan Neiman ist die Direktorin des Potsdamer Einsteinforums, jetzt meine Gesprächspartnerin. Guten Tag Frau Neiman.

Neiman: Guten Tag.

Ricke: Einstein ist eine Legende, ein Mythos, vielleicht sogar eine Ikone und ein Superstar. So etwas hat die Wissenschaft nie wieder gehabt. Warum taugt er denn immer noch zum Idol?

Neiman: Ich finde, Einstein hat mehrere Besonderheiten. Er war einmal ein Genie, er hat unser Weltbild geändert. Gleichzeitig war er ein unheimlich sympathischer Mensch. Er war bescheiden, er war witzig. Er hat sich engagiert in der Welt in politischen, moralischen Fragen. Er war ein Vorbild der Menschheit, muss man wirklich sagen.

Ricke: Zum Schulwissen gehört die Relativitätstheorie, das Verhältnis von Zeit, Licht, Masse. Und Einstein hinterfragte den Zeitbegriff nicht nur physikalisch, sondern auch philosophisch. Der Psychologe Howard Gardner hat einmal gesagt, Einsteins Innovationen entsprangen der Fähigkeit, räumliche Bilder, mathematische Formeln, empirische Erscheinungen und elementare, philosophische Probleme zusammenzudenken. Ist Einstein also der Vater der wissenschaftlichen Ganzheitlichkeit?

Neiman: Das ist eine interessante Frage. Einsteins Genie entsprang, glaube ich, in erster Linie die Fähigkeit, selbst zu denken im kantischen Sinn. Er hat auch selber Kant zitiert, dass die Realität nicht uns gegeben wird, sondern ein Rätsel ist, das uns gegeben wird. Und ich glaube, diese Fähigkeit, auch diesen Mut, die Wirklichkeit selber neu zu denken, das macht sein Genie aus.

Ricke: Er war auch ein Kind seiner Zeit. Heute wäre die Sache vielleicht etwas schwieriger, denn die Akkumulation von Wissen, die folgt ja nicht der schlichten Addition, es ist eine Potenzierung. Es wird mit einer unglaublichen Geschwindigkeit immer mehr gewusst, immer mehr gedacht, immer mehr geschrieben. Was bedeutet das denn für eine Gesellschaft, wenn viele Menschen von dem, was heute erforscht wird, wenig bis nichts verstehen?

Neiman: Das könnte man auch damals sagen. Da sehe ich die Unterschiede nicht so groß. Auch zu seiner Zeit gab es mehr, als irgendein einzelner Mensch wissen konnte. Das wusste er selber, er hat auch eine Art Bescheidenheit. Ich denke, Einstein kann uns immer noch als Vorbild dienen.

Ricke: In welcher Form?

Neiman: Erstmal, dass wir seinem Mut folgen können und das ist ein Mut sowohl im Denken wie auch in der Praxis. Zweitens, dass wir mir dem Mut auch eine Art von Bescheidenheit, wenn man so will Selbstironie, kultivieren. Diese beiden Fähigkeiten können wir gerne von ihm übernehmen.

Ricke: Es gibt im Einsteinjahr Konferenzen, es gibt Konferenztitel wie "Einstein für das 21. Jahrhundert" oder "Einstein und die Kultur der Moderne". Wir werden das auch in unserem Programm, in unserer Reihe "WortSpiel ZeitReisen" behandeln. Da geht es um viele Facetten von Einstein, nicht nur als Fundament, auf dem moderne Wissenschaft bauen kann, sondern eben auch als Mensch in Wesen und Art. Wo glauben Sie sollten die Schwerpunkte dieser Konferenzen liegen?

Neiman: Also unsere Konferenz zielt genau auf die Fragen, die Sie am Anfang gestellt haben. Warum Einstein immer noch als Ikone taugt, wie nicht nur kein Intellektueller, kein Wissenschaftler aber auch kein Popstar jemals gewesen ist. Das muss man sich klar machen. Deshalb haben wir Leute eingeladen und die reichen von den bekanntesten Einsteinforschern bis zu neuesten Nobelpreisträgern für die Physik, aber auch Künstler, Kunsthistoriker und Historie ganz im allgemeinen, Musiker, also wir haben auch einen Dirigent und Musikwissenschaftler. Und gerade diese Vielfältigkeit von Einstein werden wir untersuchen.

Ricke: Wie werden Sie das kommunizieren, so dass der normale Bürger, der lediglich über einen Hochschulabschluss verfügt, dies auch versteht oder steigen Sie ein in physikalische Konzepte, wie die Stringtheorie, die in ihrer Struktur ja auch auf Einsteins Arbeit fußt?

Neiman: Im Einsteinforum stehen wir wirklich zu Einsteins Grundsatz, dass die Wissenschaft, auch wenn sie schwierig ist, doch kommunizierbar ist für jeden normaldenkenden Menschen. Das heißt nicht, dass jeder Mensch, der zu unseren Vorträgen kommt, jedes Wort verstehen wird. Wir legen aber sehr viel Wert auf Kommunizierbarkeit und ich denke, man sollte es mal probieren.

Ricke: Einstein hat viel Einfluss gehabt in vielen Bereichen der Wissenschaft, der Kultur, der Kunst. Hat er denn in der künstlerischen Avantgarde heute noch eine Rolle? Wird er heute noch wahrgenommen und ernstgenommen?

Neiman: Absolut. Und wir haben vier Kunstprojekte in diesem Jahr. Das wird in der Tagung diskutiert von Künstlern, die jetzt am Donnerstag eröffnet. Wir haben auch ein wunderbares Kunstprojekt, das im September eröffnet, wo wir neun internationale Künstler eingeladen haben, Installationen zu machen, neun verschiedener Wirkungsstätten Einsteins. Also, Einsteins Raum- und Zeitforschung, vor allem seine Fähigkeit, die erlebte Welt, die erlebte Zeit und Raum infrage zu stellen, hat immer noch einen großen Einfluss.


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