KulturPolitik
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20.1.2005
"Es wird nicht alles, aber vieles besser"
Interview mit Gary Smith, Direktor der American Academy in Berlin

US-Präsident George Bush  (Bild: AP)
US-Präsident George Bush (Bild: AP)
Christopher Ricke: Heute am Tag der Amtseinführung von US-Präsident George W. Bush lohnt sich auch der Blick zurück in den Wahlkampf. In den USA ist es ja ganz üblich, wer Präsident werden oder bleiben will, schart im Wahlkampf möglichst viele Prominente um sich, um für sich zu werben. Neu war diesmal, dass sich eine große Zahl Wissenschaftler parteipolitisch engagierte, und zwar gegen den Präsidenten. Im letzten Sommer veröffentlichten 48 Nobelpreisträger einen gemeinsamen Brief an das amerikanische Volk - ihre Empfehlung John Kerry. Es gab einen anderen Brief, der wurde von mehr als 5000 Wissenschaftlern unterschrieben, darunter auch 60 Trägern der nationalen Wissenschaftsmedaille, auch da die Botschaft, gegen Bush, man warf der Regierung sogar vor, wissenschaftliche Erkenntnisse absichtlich zu ignorieren und zu verfälschen. Heute ist der Tag der Amtseinführung und mein Gesprächspartner ist jetzt Gary Smith, der geschäftsführende Direktor der American Academy in Berlin. Guten Tag, Herr Smith.

Gary Smith: Guten Tag.

Ricke: Ist denn dieses Aufbegehren der Wissenschaft im Wahlkampf schon vergessen?

Smith: Nein, aber ich meine, die Wissenschaft hat oft ein sehr stark ausgeprägtes Realitätsempfinden und deswegen haben wir, sagen wir, die wir Kerry gewählt haben oder viele von uns, die Realität akzeptiert. Und jetzt, wenn man die Neubesetzung der Positionen und die ersten Ankündigungen der Bush-Regierung genau lesen, dann gibt es schon eine Reihe von Gründen für Optimismus, denke ich.

Ricke: In der ersten Amtszeit gab es da ja durchaus Irritationen, anders als die Vorgänger hatte Bush nach seiner Vereidigung keine Eile, den wichtigen Posten seines wissenschaftlichen Beraters zu besetzen. Wird jetzt in der zweiten Amtszeit alles besser?

Smith: Es wird nicht alles besser, aber vieles besser, weil die Bush-Regierung hat sehr viel gelernt durch die erste Amtszeit. Und sie haben eine Reihe von Positionen zügiger besetzt. Allerdings, sie haben sie besetzt mit Persönlichkeiten, Personen zum Teil weniger bekannt, die in unmittelbarem Umkreis von Präsident Bush sind. Das heißt, dass Präsident Bush möchte in den nächsten zwei Jahren nicht nur vier Jahren, aber bis zu den Zwischenwahlen in seiner Amtszeit so zügig, schnell so viel seiner Agenda durchsetzen wie möglich. Das spricht dafür, dass er alles zügig angeht.

Ricke: Trotz des Pragmatismus der Wissenschaftler, den Sie eingangs beschrieben haben, sprachen Sie auch von einem gewissen Optimismus. Erklären Sie mir den doch bitte noch einmal.

Smith: Ja, ich meine, mein Optimismus betrifft nicht alle Themen. Aber sie betrifft die Außenpolitik. Und es gibt hinter der Bühne sozusagen in Deutschland und manchen europäischen Städten fast ein Enthusiasmus, was manche Besetzungen von Schlüsselposten in der Regierung betrifft. Vor allem Leute wie Bob Selleck, ein großer Deutschlandkenner, Steve Hadley, der Nachfolger von Condy Rice hat natürlich einen sehr guten Ruf. Condy Rice, man verbindet mit ihr vieles, der Botschafter in Polen, der außergewöhnlich gut ist, wird eine Schlüsselrolle haben, alle sagen wir Persönlichkeiten im Auswärtigen Dienst, die mit keiner Partei zu identifizieren sind, mit denen die Europäer und andere gut können. Kein Zeichen ist deutlicher, als dass Präsident Bush kurz nach Amtsantritt nach Europa fährt und sogar nach Deutschland. Dieses Signal kann man nicht missverstehen. Das ist eine völlige Umkehrung der Haltung der amerikanischen Regierung in der ersten Amtszeit. Die Bedeutung von Europa wird anerkannt und hinter der Bühne auch wird viel vernünftiger über Problemfelder wie Iran gesprochen wie in der Öffentlichkeit.

Ricke: Jenseits der Außenpolitik steht die Innenpolitik, da steht die grundsätzliche Ausrichtung der US-amerikanischen Gesellschaft. Da weiß man, dass der Präsident bekennender Methodist ist, der zum Beispiel die Lehre des Kreationismus unterstützt. Vereinfacht gesagt, die Menschheit ist nicht einfach rein zufällig der Ursuppe entstiegen, die Schöpfung folgt vielmehr einem großen Plan. Da unterstützt Bush beispielsweise die Forderung, das nicht nur im Religionsunterricht, sondern zum Beispiel auch in anderen Unterrichtsfeldern zu lehren. Wird er dabei von der US-Intelligenz unterstützt oder folgt die eher dem Kulturhistoriker Fritz Stern, der heute in einem Interview das Morgengrauen, eine christlich fundamentalistisch verbrämten Plutokratie erkennen mag?

Smith: Ich lebe zu lange in Europa, um diese Frage sachlich zu verantworten. Ich war in New York, als Fritz Stern den Saal schockiert hat, im November als er den Leo-Baeck-Preis bekommen hat, die Laudatoren waren Joschka Fischer und Richard Holbrooke und als er sozusagen diese These zum ersten Mal vorstellte. Und wenn ein so moderater und sensibler Deuter der Geschichte wie Fritz Stern, der solche Vergleiche nicht leicht bringt, eine solche These präsentiert, dann muss man darüber nachdenken, dann muss man das ernst nehmen, aber es natürlich ein Zeichen dafür, dass die amerikanische Gesellschaft facettenreich in der Meinungsbildung ist, es ist sehr geteilt. Und es ist auch keine Neuigkeit, auch nicht in der Bush-Regierung, dass im Gegensatz zu Europa, Amerika einfach viel religiöser ist und viel weniger säkular als Europa zum Beispiel und es gibt natürlich Unverständnis von diesem Kontinent darauf. Aber ich bin in Texas aufgewachsen in einer solchen Atmosphäre, und das hat auch viele Vorzüge, was bürgerliches Engagement betrifft und was sozusagen die Verständigung auf gemeinsame Werte, die natürlich keine undemokratische Werte sind, betrifft.

Ricke: Vielen Dank Gary Smith, er ist der geschäftsführende Direktor der American Academy in Berlin.
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