KulturPolitik
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28.1.2005
Den Politikbegriff der Jugendlichen erweitern
Interview mit Peter Reif-Spierek, Leiter der Tagung "Popkultur und Politik" in Weimar

Gabi Wuttke: Für wen haben Sie diese Veranstaltung organisiert?

Peter Reif-Spierek: Für Leute aus der Jugendarbeit, szeneinteressierte Jugendliche und nicht zuletzt auch für Lehrer.

Wuttke: Wodurch zeichnen sich die Referenten aus, die Sie ausgesucht haben?

Reif-Spierek: Dadurch, dass sie selbst aus den unterschiedlichen Szenen kommen, der Hip Hop-Szene angehören oder anderen Jugendmusikkulturen und aus dem Bereich des Musikjournalismus.

Wuttke: Hip Hop steht im Mittelpunkt des heutigen ersten Tages. Nun hat der inzwischen ja auch schon an die 20 Jahre auf dem Buckel und steht im Plattenschrank der 40-Jährigen. Geht es also auch um Erfahrungswerte oder um aktuelle Trends?

Reif-Spierek: Vor allem um aktuelle Entwicklungen innerhalb der Hip Hop-Szene, aber auch den anderen Szenen. Beispiel: Reggae ist sicherlich eine Musik, die auch 40-Jährige gehört haben oder nach wie vor noch hören, aber gleichzeitig ist es eine Musikrichtung, die gerade bei jungen Mädchen momentan einen enormen Zuspruch findet?

Wuttke: Warum?

Reif-Spierek: Ich denke, das hat etwas mit dem ganzen Boom von World Music zu tun und auch mit den jeweiligen Weltsichten, die über die Musikrichtungen mitvermittelt werden.

Wuttke: Das heißt, welchen Honig wollen Sie aus dieser Veranstaltung saugen?

Reif-Spierek: Der Honig, den wir saugen wollen, ist eigentlich vor allem der, den Blick zu schärfen für etwas, was ich bezeichnen würde als alltagskulturelle Erweiterung des Politikbegriffs von Jugendlichen.

Wuttke: Das heißt?

Reif-Spierek: Jugendlichen wird häufig unterstellt, sie seien unpolitisch und viele Jugendliche sagen das auch von sich. Zugleich sind es die gleichen Jugendlichen, die sagen, sie seien unpolitisch, die sagen, sie interessieren sich für Umweltprojekte, sie wollen keine Nazis als Freunde haben. Das heißt, vieles, was vielleicht in den 70ern und 80ern als unmittelbare politische Fragen artikuliert worden sind, werden heute von Jugendlichen eher als Frage der Lebenseinstellung und des alltäglichen Verhaltens formuliert. Und uns geht es darum, mit dieser Tagung die Brücke zu schlagen von diesen alltagskulturellen Orientierungen von Jugendlichen zu Politik, um, wenn man so will, auch eine Brücke zu schlagen zwischen Jugendkultur und politischer Bildung.

Wuttke: Was gehört zu diesem breiten Fächer mit dazu und welche spezifischen Fragestellungen haben Sie, wenn es um die Jugendlichen in der mulitkulturellen Gesellschaft beispielsweise in Deutschland geht?

Reif-Spierek: Zum einen geht es um die Frage, ob nicht gerade über die Hip Hop-Szene zum ersten Mal innerhalb der Jugendkultur auch Jugendliche mit Migrantenhintergrund eine eigene kulturelle Ausdrucksform gefunden haben. Es ist sehr auffällig, dass beispielsweise in der Szene sehr viele Musiker afrodeutscher Herkunft sich artikulieren, ob Afrob, ob das Projekt Brothers Keepers, aber auch viele andere. Das ist zum einen ein wichtiger Zugang von einer Szene, auf der anderen Seite spielt natürlich auf der Tagung auch eine zentrale Rolle die ganze Debatte um neue deutsche Popmusik. Ist sie vielleicht Ausdruck einer Rechtsentwicklung des popkulturellen Mainstreams, wie geht man um mit solchen Forderungen nach Quotierungen in Radiosendungen und Ähnliches mehr.

Wuttke: Ich gehe einfach mal davon aus, dass Ihr Programm nicht nur besprochen, sondern auch protokolliert wird und dann sicherlich irgendwo hingelangt. Wo werden Sie die Erkenntnisse dieser Veranstaltung einspeisen?

Reif-Spierek: Zum einen natürlich werden wir die Beiträge der Tagung einspeisen in Form einer Dokumentation, die Beiträge werden erscheinen im Journal der Jugendkulturen des Archivs der Jugendkulturen aus Berlin, zum anderen sind natürlich auf dieser Tagung sehr viele Multiplikatoren auch aus anderen Bereichen der politischen Bildung anwesend, von parteinahen Stiftungen, von der Bundeszentrale für politische Bildung, von Jugendverbänden, von der Landesvereinigung kultureller Jugendbildung und ähnlichen Initiativen.

Wuttke: Und dann gelangen die wiederum in die große Maschinerie, um umgesetzt zu werden in möglicherweise was?

Reif-Spierek: Vor allem natürlich erstmal in der Form von Senbsibilisierung, wenn man so will, der Erwachsenenwelt gegenüber dem, was sich jugendkulturell tut, da stellen wir eigentlich immer eine sehr große Diskrepanz fest zwischen dem, was etwa Lehrer oder Sozialarbeiter von ihrer 'Klientel' denken und wissen, was ihre kulturellen Orientierungen angeht und zum anderen ist es natürlich wünschenswert, wenn sich Jugendinitiativen selbst einbringen in bestimmte politische Debatten.

Wuttke: Popkultur und Politik - Einblicke in die Tagung von Peter Reif-Spierek von der Landeszentrale für politische Bildung, vielen Dank.
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