KulturPolitik
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2.2.2005
"Um Studiengebühren werden wir nicht herumkommen"
Interview mit Gerhard Roth, Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes
Moderation: Christopher Ricke

Studierende protestieren auf einer Kundgebung am 26. Januar 2005 gegen mögliche Studiengebühren in Heidelberg (Bild: AP)
Studierende protestieren auf einer Kundgebung am 26. Januar 2005 gegen mögliche Studiengebühren in Heidelberg (Bild: AP)
Ricke: Der eine Streit ist beendet, der andere hat begonnen. Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot von Studiengebühren durch den Bund für nichtig erklärt. Jetzt können die Länder selbst entscheiden, ob und wie sie die Studenten in Zukunft zur Kasse bitten und was sie ihnen im Gegenzug dafür bieten wollen.

Klar ist aber in jedem Fall, viele Studenten werden sich neue Finanzquellen suchen müssen. Eine altbekannte ist die Studienstiftung des deutschen Volkes. Die Studienstiftung ist Deutschlands größtes Begabtenförderungswerk und fördert hochqualifizierte Studenten und Doktoranten. Der Präsident der Studienstiftung ist der Neurobiologe und Hirnforscher Gerhard Roth. Guten Tag Herr Roth.

Roth: Guten Tag.

Ricke: Sehen Sie denn in der Vielzahl der jetzt diskutierten Finanzierungswege, also vom Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau bis hin zum Alumni-Club schon den Weg, den Deutschland beschreiten sollte?

Roth: Nein, der ist noch nicht erkennbar. Da wird man noch abwarten müssen. Auch von der Studienstiftung her müssen wir noch sehen, wie sich das Dunkel da lichtet.

Ricke: Es gibt aber jetzt schon erheblichen Streit und eben auch um diesen Weg. Ein Beispiel, das KfW-Darlehensprojekt. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist im Mehrheitsbesitz des Bundes, der ist eigentlich gegen Studiengebühren und die Kritiker rechnen jetzt schon einen hohen Schuldenberg vor, auf dem Studenten nach dem Studium sitzen. Ist denn Kredit überhaupt ein Weg?

Roth: Ja, das ist schwierig zu sagen. Also, um ganz vorne anzufangen, um die Studiengebühren werden wir nicht herumkommen. Es geht aber darum, dass man das erstens begrenzt und zweitens, dass diese Gebühren, diese Einnahmen wirklich, tatsächlich und zur Gänze den Universitäten zugute kommen.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Da muss man skeptisch sein aus der Vergangenheit, aber das ist ein absolutes Muss. Und zwar aus einem ganz einfachen psychologischen Grund: Der Studierende, der dann Gebühren zahlt, muss vor Ort sehen können, was mit seinem Geld passiert, dass das, was passiert, auch wirklich ihm nutzt. Ansonsten kann man sich das alles sparen. Das ist ein absolutes Muss.

Das zweite ist natürlich, es müssen zwei Gruppen befreit werden von den Gebühren, nämlich zum einen die sozial Bedürftigen und zum anderen die Hochbegabten. Das ist relativ unstrittig, wird auch überall diskutiert, aber wie das genau aussehen soll, ist natürlich eine andere Frage.

Ricke: Aber muss man diese beiden Gruppen denn tatsächlich von den Gebühren befreien? Wird das bei den sozial Bedürftigen nicht quasi über das BAföG geregelt und bei den Hochbegabten über Stipendien?

Roth: Ja, wenn das BAföG dann so greift bei den Bedürftigen, dann ist das natürlich damit abgegolten. Und bei den Hochbegabten muss es natürlich aus dem Grunde sein, weil die Länder und die Universitäten ja den Hochbegabten einen Anreiz bieten müssen: "Kommt zu uns!".

Nachdem diese ganze Elite- oder Exzellenz-Universitäten-Sache erstmal ad acta gelegt ist, muss dennoch der Wettbewerb zwischen den Universitäten gestärkt werden, aber nicht dadurch, dass die einen mehr, die anderen weniger Studiengebühren für ihre Universitäten verlangen, sondern dass sie attraktiver sind, dass sie mehr bieten, dass die Studierenden dorthin gehen, weil dort bessere Verhältnisse sind. Das muss kommen und das kann auch nicht von oben verordnet werden, sondern das muss von der Basis, von unten nach oben gehen.

Ricke: Wenn man sich bei der finanziellen Ausstattung, bei den Stipendien, bei der Förderung einmal um die Hochbegabten kümmert und dann um die, die sozial flankiert studieren müssen, was bedeutet das eigentlich für die sowohl finanzielle als auch wissenschaftliche Mittelschicht, also für all die Studenten, die zwar gut sind, aber nicht sehr gut, deren Eltern zwar nicht sozial bedürftig sind, aber dennoch nicht zum BAföG-Bezug taugen? Heißt das für die, die sind die, die eigentlich getroffen werden?

Roth: Nun, dafür muss man ja auch, zum Beispiel siehe Darlehensverfahren, Möglichkeiten geben. Es ist völlig klar, der berühmte Studienrat, Alleinverdiener mit drei Kindern, der ist an der Armutsgrenze. Und wenn jetzt Studiengebühren kommen, dann wird das alles noch schlimmer. Das ist seit langem bekannt, das war auch immer so.

Aber wir werden um die Studiengebühren nicht herum kommen, weil die Verhältnisse an den deutschen Universitäten, im Süden wie im Norden, desolat sind und weil die Finanzminister der Länder und auch des Bundes hier gar nichts weiter tun, da muss man keine Illusionen haben. Also ist der einzige Weg der, der beschritten werden soll. Aber es muss, zum Beispiel über ein Darlehenssystem, auch denen, die über der Armutsgrenze sind, ich sage das mal so, geholfen werden.

Auf der anderen Seite ist es ja ein Skandal, wie gering die Zahl der über die Hochbegabtenförderinstitutionen Geförderten überhaupt ist. Wenn man aus psychologischer Sicht fragt, was ist Hochbegabung, dann heißt das, Studierende zum Beispiel oder Personen eines Jahrganges mit einem Intelligenzquotienten ab 125, vielleicht sogar ab 130, wenn man sehr vorsichtig ist. Und das sind zwischen ein und zwei Prozent unseres Jahrgangs. Deutschland leistet sich aber den unverzeihlichen Luxus, gerade mal 0,3 bis 0,5 Prozent auszuschöpfen.

Ricke: Wenn man den Begabtenbegriff entsprechend weiterfasst, wenn man entsprechend um mehr Geld wirbt, stellt sich wieder die Frage, an welchem Universitätssystem sollen wir uns in Zukunft orientieren. Es gibt ja Länder, da gibt es weniger Staat und mehr Sponsoren, da gibt es wesentlich teurere Hochschulen, aber auch wesentlich engagiertere Stiftungen. Was kann denn da Vorbild sein?

Roth: Also, man muss das sehr differenziert sehen. Es geht ja gar nicht darum, dass eine Universität Elite ist oder fünf, sechs Universitäten, sonst wird es auf Fachbereich oder auf Fächerebene die Konkurrenz geben. Da muss eine Universität auch nicht überall leuchten. Das ist in den USA, wo ich als Student studiert habe, auch nicht so. Berkeley oder Harvard oder Stanford sind nicht in allen Bereichen absolut exzellent.

Aber es wird um diese Profilbildung überhaupt nicht herumgehen, wenn Deutschland mithalten soll. Aber wir müssen den Bereich der geförderten Hochbegabten dramatisch ausweiten, wie das auch andere Länder machen.

Ricke: Vielen Dank, Gerhard Roth. Er ist der Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes.
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