KulturPolitik
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8.2.2005
Don Giovanni ist nicht schwul
Interview mit dem Literaturkritiker Joachim Kaiser
Moderation: Leonie March

Der Schriftsteller Günter Grass fordert, über den gesellschaftlichen Stellenwert von Künstlern nachzudenken. (Bild: AP)
Der Schriftsteller Günter Grass fordert, über den gesellschaftlichen Stellenwert von Künstlern nachzudenken. (Bild: AP)
March: "Kopien brauchen Originale", das ist der Slogan einer Informationskampagne des Bundesjustizministeriums, die im Oktober begann. Hintergrund ist die Novellierung des Urheberrechts. In einem kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienenen Artikel formulierte der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass seine Gedanken zu dem Thema.

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Aufruf Heinrich Bölls fordert Grass erneut ein Ende der Bescheidenheit. Vom Gesetzgeber erwartet er, dass die Novelle die Position der Urheber deutlich stärkt. Grass sieht aber auch die Gefahr, dass die Autoren oft nur noch zum Objekt statt zum Subjekt einer Aufführung, einer Inszenierung, einer Sendung werden.

In der OrtsZeit begrüße ich nun den bekannten Literaturkritiker, Autoren und Essayisten Joachim Kaiser. Guten Tag, Herr Kaiser.

Kaiser: Schönen guten Tag.

March: Müssen wir, wie Grass fordert, über den gesellschaftlichen Stellenwert aller kreativ tätigen Künstler nachdenken?

Kaiser: Da bin ich gar nicht so sicher. Es wird von den Autoren, die sich so ein bisschen hervorgetan haben, schon ziemlich viel geredet, auch wenn es sich oft nur um Klatsch und so weiter handelt. Aber schauen Sie sich beispielsweise mal am Jahresende an, wenn der großen Toten eines Jahres gedacht wird, da spielen dann Autoren und Künstler und Schauspieler eine unverhältnismäßig viel größere Rolle als normalerweise.

Aber man kann nicht sagen, dass die Gesellschaft sozusagen ihre Autoren nicht ernst genug nimmt. Im Gegenteil, sie überschätzt sie vielleicht sogar etwas unverbindlich.

March: Das heißt, die Autoren lamentieren da auf hohem Niveau?

Kaiser: Ja, das heißt es schon. Und es kommt noch etwas Zweites hinzu: Es ist ganz klar, dass der Autor, der das Primäre schafft, also das große Werk, dass der sich vom Sekundären - so nennt es ja der Günter Grass - ein bisschen erdrückt fühlt.

Aber er kann doch schlecht übersehen, dass sozusagen das Sekundäre, also überhaupt die Stimmung in einer Öffentlichkeit, ob sie sich überhaupt für Literatur interessiert, dass davon auch der Ruhm des Autors abhängt. Man kann doch nicht nur eine Sache machen und dann erwarten, dass alle Leute es gut finden, wenn es überhaupt kein Klima gibt für Literatur, für Stil und so weiter.

Also, um es ein bisschen hochtragend zu sagen, selbst der Homer war darauf angewiesen, dass seine Zuhörer damals sich dafür interessierten, wer die griechischen Götter sind, um was es geht, was Troja sei, und so weiter. Das heißt, man kann nicht so tun, als ob Literatur isoliert da ist und alles andere ist sekundär. Und dazu neigen manchmal auch die großen Autoren, weil sie sich immer noch nicht berühmt genug vorkommen.

Schauen Sie, wenn man mal in die Frankfurter Buchmesse geht, dann erschrickt man doch zutiefst. Da werden also Jahr für Jahr unendlich viele, entmutigend viele Bücher angeboten. Und ich weiß, dass zum Beispiel mal der Heimito von Doderer, ein ziemlich bedeutender Autor, zu mir sagte, anständige Autoren gibt es genug, es wäre viel, viel wichtiger, wenn auch ein paar wirklich vernünftige und unterscheidende Kritiker existierten.

Das ist für den Literaturbetrieb vielleicht sogar wichtiger, als dass es eine ungeheure Masse von mittleren Autoren gibt, zwischen denen man sich nicht zurechtfindet. Also, Sie sehen, ich sehe die Probleme ein bisschen anders als mein Freund Günter Grass.

March: Das heißt, die Qualität der Autoren, Qualitätsautoren setzen sich weiterhin durch.

Kaiser: Eigentlich gibt es verhältnismäßig wenig Gegenbeispiele. Ich würde schon glauben, dass wenn jemand etwas zu sagen hat, er sich durchsetzt. Natürlich kann man in manchen Fällen wünschen, es wäre stärker. Aber ich kenne den großen Autor und auch übrigens den großen Musiker nicht, der sich nicht durchgesetzt hätte.

Ich bin auf einer anderen Seite viel stärker mit meinem Freund Günter Grass verbunden und das ist, wenn er sich über die Theateraufführungen, also über das Regietheater in Oper und Schauspiel beschwert, wenn er sagt, da würden doch sozusagen die Absichten der Autoren nicht ernst genug genommen, wenn eine Oper in einer bestimmten Zeit spielen soll, wenn ein Stück eine bestimmte Tendenz hat.

Und da scheint mir folgendes, da verwechseln sich tatsächlich die Interpreten mit Autoren. Verstehen Sie, jemand wie Castorf, gegen den ich gar nichts sagen will, kommt sich nicht als Interpret vor, sondern er handelt wie ein Autor, als ob er sozusagen das Recht hat, ein Stück vollkommen neu zu schreiben, umzuändern und so weiter.

March: Das heißt, da wird die kreative Arbeit des Autors, des Urhebers eines Theaterstückes tatsächlich nicht mehr genügend gewürdigt?

Kaiser: Genau so ist es. Es gibt natürlich keine absolute, reine Interpretation. Also, man kann nicht sagen, das und das ist der Text. Sondern, wenn Sie ein Reclamheft lesen mit den Räubern von Schiller, selbst wenn Sie es nur für sich lesen, also gar nicht interpretieren wollen, Sie werden es in einem bestimmten Tempo lesen, Sie werden eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie alt die Figuren sind und so. Das heißt, ein bisschen interpretieren Sie immer. Doch dass man daraus den Schluss zieht, es gäbe sozusagen kein werktreues Theater und man kann machen, was man will, das halte ich für einen großen und einen tragischen Schwindel.

Schauen Sie, wenn der Don Giovanni ein junger gutaussehender Edelmann sein soll, und das soll er laut Mozart wirklich sein, dann ist er eben kein alter gelähmter Schwuler, was er auch mal war. Da wird also gegen die Intention des Autors gesündigt, weil man eben das Gefühl hat, man hängt davon nicht mehr ab.

March: Aber da müssen sich dann ja die Theaterregisseure zusammensetzen, eine Novellierung des Urheberrechts hilft dann in diesem Bereich nicht viel?

Kaiser: Nein, das kann man nicht einklagen. Das klingt ja immer lächerlich, wenn plötzlich ein Verlag dagegen klagt, dass ein Stück verändert worden ist, weil ein gewisses Maß an Veränderung nötig ist. Schauen Sie, als die Werktreue noch ganz selbstverständlich war, als Leute wie Kortner und Brecht und Gründgens und Hilpert und, und, und inszenierten, da wollten ja alle tatsächlich werktreu inszenieren und die Inszenierungen waren gleichwohl sehr verschieden. Aber sie wären doch nicht ohne weiteres darauf gekommen, derart radikal umzuändern und in andere Jahrhunderte zu versetzen, wie das heute ganz selbstverständlich geschieht. Übrigens leider unter dem Beifall eines großen Teils der Presse, die daran vielmehr Schuld sind, als das Publikum.

March: Der Literaturkritiker Joachim Kaiser war das im Gespräch mit der OrtsZeit. Vielen Dank dafür.
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