KulturPolitik
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9.2.2005
"Der spielende Mensch"
Interview mit der Sabine Jung, Geschäftsführerin des Arbeitskreises Selbständiger Kulturinstitute
Moderation: Leonie March

Kicker-Turnier (Bild: AP)
Kicker-Turnier (Bild: AP)
Jung: Ja und nein. Der Begriff Homo Ludens ist eigentlich ein Konstrukt aus dem 20.Jahrhundert, ein kulturanthropologischer Aspekt, der dahinter steckt und nicht etwa, wie man vom begrifflichen homo ludens her meinen könnte, dass es aus der Antike stammt.

Da gibt es zunächst mal den Johann Huizinga, das ist ein Philosoph aus Leyden gewesen, der sich ganz intensiv mit dem Spielen beschäftigt hat und dann auch als Basis noch heute für alle gilt, die sich mit dem Spielen und der Spielliteratur beschäftigen.

Im Goethemuseum in Düsseldorf ging es dann um Goethe und das Spiel, in Bremen ging es eigentlich um Tanz und Tänzer, das weist ja auch bis in die Antike und in der Winkelmanngesellschaft ging es um Troja und von Troja nach Rom gedacht war die Überschrift 'vom Spielen im Krieg und vom Krieg im Spiel'.

March: Sind Spiele also immer ein Spiegelbild ihrer Zeit?

Jung: Letztlich ja, aber sie haben im Prinzip immer ein Grundmuster, nach dem gespielt wird. Es gibt Regeln, nach denen man sich richten muss, die verändern sich natürlich mit der Zeit und es gibt Intentionen, die sich ändern können.

March: In der Goethezeit entwickelten sich der Kindergarten und auch entwicklungsgerechtes Spielzeug. Warum gerade in dieser Zeit?

Jung: Durch die Aufklärung waren etliche Fundamente gelegt und dann war es einfach wichtig zu sehen, dass also die vielen kleinen Erwachsenen ja doch ganz andere Grundlagen brauchten und das kam eben in dieser Zeit erst richtig ins Bewusstsein.

March: Der Begriff des spielenden Menschen, homo ludens, wurde von Johann Huizinga geprägt. Er versuchte zu zeigen, dass sich Politik, Wissenschaft und Recht ursprünglich aus spielerischen Verhaltensweisen entwickelt haben. Ist das Spiel also die Grundlage aller kulturellen Systeme?

Jung: Darüber streiten sich die Geister, aber ich würde schon sagen, dass es eine wichtige Basis ist. Wenn man also diesen Spielebegriff sehr weit fasst und bis in die Religion hinein wachsen lässt.

March: Man redet ja zum Beispiel auch von Spielregeln in der Politik oder auch von fair play. Ist das also auch kein Zufall?

Jung: Nein, sicherlich nicht. Nur hat jede Zeit ihre besondere Prägung und wir bezeichnen heute vielleicht auch etliches als Spiel, was mit dem Spielerischen, dem Phantasievollen, dem Kreativen gar nicht mehr so viel zu tun hat, sondern nur noch so heißt, also wenn ich an die vielen Computerspiele auch denke.

March: Aber Sie würden schon sagen, ohne Spiel gäbe es keine kulturelle Entwicklung oder sähen diese Systeme ganz anders aus?

Flipperspieler in einer Spielhalle (Bild: AP)
Flipperspieler in einer Spielhalle (Bild: AP)
Jung: Ich finde, das ist so ein bisschen die Frage nach der Henne und dem Ei, was zuerst da war. Ich glaube einfach, dass sich alles aus allem irgendwie entwickelt hat und dass also Sprache spielerisch aufgefasst werden kann, wenn Sie überlegen, dass in den Naturkulturen also spielerisch ja juristisch Auseinandersetzungen stattgefunden haben, die dann nach einem bestimmten Ritual ablaufen oder abgelaufen sind und das hat eine spielerische Komponente, eben einfach, weil man sich fair verhalten muss, sich an Regeln halten.

Dass man natürlich auch nach dem Sieg strebt, in welcher Form auch immer, ist also tradiert, glaube ich.

March: Beschäftigen sie sich jetzt nur wissenschaftlich mit dem Spielen oder spielen Sie selber gerne?

Jung: Mich reizt besonders dieses Labyrinth als Motiv des Spiels, als Gedankenmotiv auch. Das ist ja immerhin eine Sache, die seit 5000 Jahren Geschichte existiert, also vom interkulturellen Kinderspiel bis zum Mysterium kann man sagen.

March: Das heißt, an diesem Labyrinth lässt sich die Kulturgeschichte des Spiels auch ganz gut nachvollziehen.

Jung: Ja und bis hin eigentlich zum Gedanken Leben und Tod, also am Ende vieler Labyrinthspiele ist ja dann die Hölle oder eben der Himmel, je nachdem, weil da gewürfelt oder in die Tritte gefasst wird.
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