KulturPolitik
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10.2.2005
Nofretete kehrt auf die Berliner Museumsinsel zurück
Interview mit Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Moderation: Leonie March

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Bild: AP)
Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Bild: AP)
March: Vielleicht haben Sie sie ja schon mal gesehen, die schöne Nofretete im Ägyptischen Museum in Berlin Charlottenburg. Bis dahin war es für die Büste der ägyptischen Königin ein weiter Weg. 1912 wurde sie bei Ausgrabungen gefunden, 1920 wurde sie ins Vorderasiatische Museum auf der Berliner Museumsinsel gebracht, im Zweiten Weltkrieg in Bunkern geschützt, 1945 in einem Salzbergwerk in Thüringen versteckt. Dort entdeckten sie die Amerikaner und brachten sie nach West-Berlin. Nun steht Nofretete ein weiterer Umzug bevor. Das Ägyptische Museum schließt am 28. Februar, Nofretete kehrt zurück auf die Museumsinsel ins Alte Museum. Am Telefon begrüße ich jetzt Klaus-Dieter Lehmann, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Guten Tag, Herr Lehmann.

Lehmann: Guten Tag.

Eine Büste der Nofretete in einem Berliner Museum (Bild: AP Archiv)
Eine Büste der Nofretete in einem Berliner Museum (Bild: AP Archiv)
March: Sie haben ja heute zu einem letzten Besuch bei der ägyptischen Königin eingeladen. Wahrscheinlich sind Sie aber weniger wehmütig, sondern freuen sich auf den Umzug?

Lehmann: Ja, ich freue mich schon, weil Nofretete wieder an den angestammten Platz zurückkehrt. Das war ja eine empfundene Fehlstelle in diesem gesamten, großen zeitlichen Spektrum der Museumsinsel. Die reicht ja nun wirklich von den Sumerern, über Ägypten, Griechenland, Rom, Byzanz bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Das merkte man natürlich, da fehlt etwas.

March: Nofretete war ja auch ein Symbol der Ost-West-Teilung Berlins. Die frühere ägyptische Sammlung, die nach 1945 getrennt wurde, wird damit wieder zusammengeführt. Ist der Umzug also auch ein historisches Ereignis?

Lehmann: Ja, es ist für uns tatsächlich ein Symbol auch für die Wiedervereinigung. Die Museumsinsel letztlich ist es ja in sich auch gewesen. Damit fügen wir die letzte, große, fehlende Funktion ein. Aber Sie wissen auch, wir gehen noch nicht an den endgültigen Platz, es ist noch mal für Nofretete eine Zwischenstation. Wir gehen ins Alte Museum, weil das Neue Museum erst 2008 fertiggestellt sein wird, sodass wir 2009 dann die ägyptische Sammlung an dem wirklich angestammten, historischen Platz haben.

March: Aber Nofretete ist ab Anfang August schon dann auf der Museumsinsel zu bewundern?

Lehmann: Ja und zwar im Alten Museum und zwar auf einer Fläche, die auch der in Charlottenburg entspricht, sodass wir auch hier keine Abstriche machen. Aber wir haben dann für die Berliner und für alle Touristen, die Nofretete sehen wollen, eine große Chance, sie in dem gesamten Kontext zu zeigen. Was wir auch machen werden, wir werden auch Nofretete, wenn sie jetzt auf die Insel zieht, noch mal eine Zwischenstation am Kulturforum machen lassen. Und wollen in diesem Umfeld alle Museen mit ihren Schätzen einen Tribut an Nofretete geben lassen. Wir nennen diese Ausstellung um Nofretete "Hieroglyphen" und zwar Hieroglyphen von der Zeit der Sumerer bis in die modernste Kunst von Penck, sodass man also hier diesen Sog von Nofretete nutzt, um die Künste zusammenzubinden und damit eine große Ausstellung zu machen.

March: Sie haben gerade von einem Sog gesprochen. Nofretete ist ja ein Publikumsmagnet. Insgesamt haben 14 Millionen Besucher das Ägyptische Museum in Charlottenburg besucht. Wie erklären Sie sich denn dieses große Interesse?

Lehmann: Nofretete ist eine Ikone. Sie ist wie Mona Lisa und sie steht für eine Epoche, die Amana-Epoche des alten Ägyptens, wo eine ideale Schönheit, die auch für uns heute noch eine Ästhetik hat, die wir unmittelbar verstehen und dieser Umstand, dass man diese zeitlose Schönheit hier erleben kann und trotzdem eine Zeit hat, die über 3000 Jahre zurückliegt, das ist eine Faszination, die glaube ich, kaum von irgendeinem Kunstwerk ausgeht.

March: Es ist also damit zu rechnen, dass künftig mehr Besucher auf die Museumsinsel kommen, um die Nofretete zu sehen. Ist das denn Ihre einzige Hoffnung oder geht die Bedeutung noch darüber hinaus?

Lehmann: Es sind zwei Dinge. Es ist zum Einen natürlich, dass wir dadurch noch mal die Attraktivität der Museumsinsel steigern, die ja jetzt schon mit Pergamonmuseum mit 900.000 Besuchern exzellent ist und mit den anderen Museen, also Nationalgalerie und Altes Museum. Das Zweite ist aber, klar zu machen, wo die Wurzeln Europas waren. Die Wurzeln Europas reichen eben über die enge Geographie einer Europäischen Union hinaus. Da sind die ganzen Vorgeschichten der Sumerer, da ist eben auch die Geistesgeschichte Ägyptens, die dann an Griechenland weitergegeben worden ist. Das heißt, Sie können eigentlich aus diesen Kunstwerken, Nofretete ist so ein Magnet dazu, quasi immer die Schnittstellen, die Bruchstellen, was ist an Ideen weitergegeben worden, ganz sinnlich empfinden. Nicht durch trockene Lektüre, sondern wirklich durch die Anschauung zu sehen, wie ist dieses Europa gewachsen, was waren die Wurzeln und Nofretete ist die beste Botschafterin dafür.

March: So sehr sich die Museumsinsel auch freut, Charlottenburg wird Nofretete natürlich schmerzlich vermissen. An ihre Stelle tritt ein Zentrum klassischer Moderne. Ist das mehr als ein Trostpflaster?

Lehmann: Nein, das ist kein Trostpflaster. Das ist eine Profilierung für Charlottenburg und wir hatten vor Kurzem ein sehr intensives und gutes Gespräch auch mit der Bürgermeisterin von Charlottenburg. Heinz Berggruen ist ein Kleinod, ein wunderbares. Wir werden gegenüber dann unmittelbar anschließend den Surrealismus und unmittelbar davor den Impressionismus haben mit der Sammlung, sodass wir das ganze Quartier, Charlottenburger Schloss mit Watteau, Heinz Berggruen mit Expressionismus, die Impressionisten und die Surrealisten wirklich ein Anziehungspunkt werden wird, weil es kein Zufallstreffer ist, sondern weil es eine Abrundung des Gesamtbestandes sein wird.

Service:

Der letzte Öffnungstag des Ägyptischen Museums in Berlin-Charlottenburg ist der 28.2.2005. Bis dahin kann man Nofretete dort noch besichtigen. Bevor die Büste ab August 2005 im Alten Museum auf der Museumsinsel zu sehen ist, wird sie vom 1. März bis 2. August 2005 in der Sonderausstellung "Hieroglyphen um Nofretete" im Berliner Kulturforum gezeigt.

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