KulturPolitik
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11.2.2005
"Zuwanderer in der Stadt"
Kongress in Berlin
Moderation: Leonie March

Türkischer Frieseursalon in der Keupstraße, Köln (Bild: AP)
Türkischer Frieseursalon in der Keupstraße, Köln (Bild: AP)
March: Wie können Zuwanderer besser integriert werden? Stellen Stadtviertel mit hohem Ausländeranteil dabei ein Hindernis dar oder fördern sie das Zusammenleben der Kulturen? Mit diesen Fragen haben sich Experten im Projekt "Zuwanderer in der Stadt" beschäftigt. Ihre Empfehlungen stellen sie heute bei einem Kongress in Berlin vor. In den kommenden anderthalb Jahren sollen sie in acht Großstädten umgesetzt werden. Am Telefon begrüße ich nun den Projektleiter Christoph Kulenkampff, er ist außerdem Geschäftsführer der Schader-Stiftung, die den Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaften und der Praxis fördert. In welchen Punkten unterscheiden sich Ihre Empfehlungen denn von bisherigen Integrationskonzepten?

Kulenkampff: Zunächst mal von der Ausgangsannahme. Nämlich von der Annahme, dass wir in den Großstädten unseres Landes Wohnviertel haben, die stark ethnisch geprägt sind, also in denen wir vermehrt Zuwanderer vorfinden, und dass wir an diesem Zustand eigentlich, auch selbst wenn wir es wollten, nichts ändern können, und dass das auch fortdauern wird. Das ist eine Feststellung, die in Deutschland noch ungewöhnlich ist. Wir hängen in Deutschland bislang immer noch der Idee nach, dass sich die Zuwanderer mit den Einheimischen sozusagen vor Ort in den Wohnvierteln mischen, haben das auch lange versucht, zu steuern. Man muss heute sagen, das geht nicht. Und das kann man auch den Zuwanderern übrigens nicht zumuten. Die verhalten sich halt so, wie wir uns auch im Ausland verhalten würden, nämlich sie suchen eine vertraute Umgebung. Das ist zunächst mal die Ausgangslage. Und daraus folgt, dass wir bei unseren Vorschlägen allergrößten Wert darauf legen, dass sie vor Ort, in den einschlägigen Wohnquartieren stattfinden und zwar nicht nur die Regelangebote, das was ohnehin dort ist, sondern auch die Projekte, die sich speziell an Zuwanderer richten.

March: In der Integrationspolitik der Vergangenheit war eine Mischung aus Ausländern und Einheimischen ja ein wichtiges Ziel - davon muss man sich also verabschieden?

Kulenkampff: Davon muss man sich verabschieden, unabhängig davon, was man wünscht. Man muss einfach die Realität zur Kenntnis nehmen und zur Kenntnis nehmen, dass man an dieser Realität nichts ändern kann. Früher, mit dem hohen Bestand an Sozialwohnungen mit Belegungsrechten der Kommunen bestanden zum Beispiel noch solche Steuerungsinstrumente. Da konnte man eben den Mietern sagen, du bekommst diese Wohnung und nicht eine andere. Nachdem jetzt diese Belegungsbindungen massenhaft bei uns in Deutschland wegfallen, besteht zum Beispiel dieses Steuerungsinstrument nicht mehr. Das heißt, die Leute ziehen dort hin, wo sie es wollen.

March: Das heißt, man muss in diese Einwandererviertel gehen, die Integrationsarbeit muss in diesen Stadtteilen geleistet werden. Sie wollen ja unter anderem die Verantwortung der Bürger dort stärken. Wie soll denn diese Empfehlung in der Praxis aussehen?

Kulenkampff: Also wir wollen zunächst mal die Verantwortung dort stärken, indem wir sagen, es gibt ja schon Institutionen, nehmen wir mal die Schule. Es gibt zum Beispiel in Hamm eine Schule, die sich zur Aufgabe gestellt hat, über das reine Schulangebot hinaus für das Quartier zu arbeiten. Die machen am Nachmittag besondere Veranstaltungen etwa für türkische Mütter, sie machen Veranstaltungen für die Kinder, Sprachkurse noch mal, Nachhilfe, sie engagieren sich in dem Stadtteil, sind bei der Grünpflege mit tätig mit ihren Schülern: Also sie bringen sich insgesamt als Institution über den schulischen Auftrag hinaus in den Stadtteil ein und kommen dann dazu, dass zum Beispiel die häufig bei Zuwanderern vorhandene Bildungsferne, also die Scheue auch vor Schule und diesen Dingen, dass das abgebaut wird. Wir wollen auch stärken, dass die so genannte Migrantenökonomie in den Stadtquartieren gestärkt wird, dass sich die Menschen dort wirtschaftlich betätigen können. Das ist überhaupt noch die einzige Chance, sich selbstständig wirtschaftlich zu betätigen, nachdem der Arbeitsmarkt ja nichts mehr hergibt.

March: Aber wenn die Zuwanderer da nun unter sich bleiben, wo bleibt dann die Integration? Fördert man damit nicht auch die Entstehung einer Subkultur oder stärkt eine bestehende Subkultur?

Kulenkampff: In der Praxis ist es ja so, wenn das Quartier interessante Angebote vorhält, dann ist es auch interessant für die Nachbarschaft des Quartiers. Wir gehen so weit, dass man sagt, tut nicht nur die Grundschulen und die Hauptschulen in die ethnischen Quartiere, sondern tut dort attraktive weiterführende Schulen hin, damit nämlich auch Kinder aus anderen Vierteln in das Quartier reingehen, zum Beispiel. Mitgrantenökonomie ist attraktiv, nicht nur für die Migranten selbst, das wissen wir doch von uns selbst, wir kaufen gerne bei Zuwanderern. Also gehen die Einheimischen in diese Quartiere rein, nehmen Teil an der Ökonomie dort.

March: In den kommenden anderthalb Jahren sollen diese Empfehlungen ja in acht Großstädten umgesetzt werden, also zum Beispiel in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg, also durchaus Städten, die auch Erfahrung mit Integrationspolitik haben. Unterscheidet sich denn die Situation in diesen Städten stark voneinander?

Kulenkampff: Die ist natürlich unterschiedlich und deswegen sind auch unsere Empfehlungen relativ allgemein gehalten. Und jetzt kommt es in den nächsten anderthalb Jahren darauf an, dass in diesen acht Städten jeweils nach den Besonderheiten vor Ort ausprobiert wird, was geht. Aber, dass dann am Ende soviel Erfahrungswissen da ist, dass das, was jetzt noch relativ allgemein gehalten ist, nach anderthalb Jahren konkretisiert wird, und dann für alle deutschen Städte eine Richtlinie sein kann, wie man vor Ort verfährt.

March: Herr Kulenkampff, jetzt höre ich, Sie haben also wirklich eine Vision für eine integrierte Stadt der Zukunft in Deutschland. Wie soll die denn aussehen, wenn Sie das kurz umreißen könnten?

Kulenkampff: Auf Englisch würde man sagen: eine Patchwork-City, die also aus verschiedenen Flickerln sich zusammensetzt, unterschiedlichster Art, aber diese kommunizieren untereinander, tauschen sich aus und jeder profitiert von dem anderen. Was wir wollen, ist dass daraus nicht abgeschottete Bereiche werden, sondern offene Bereiche, die einen Austausch gewährleisten, die aber auch gewährleisten, dass sich die Zuwanderer, weil sie untereinander auch Kontakt halten können, mit ihren Familien sich in diesem Land wohlfühlen können und sich auch leichter integrieren, vor dem Hintergrund der Sicherheit, die natürlich eine gewohnte und familiäre Umgebung bieten kann.

Service:

Der Kongress "Zuwanderer in der Stadt - Handlungsorientierte Forschung für Kommunen und Wohnungswirtschaft" tagt am 11. Februar 2005 in Berlin.

Link:

Schader-Stiftung: "Zuwanderer in der Stadt"

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