KulturPolitik
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17.2.2005
Kulturelle Kompetenzen für Ältere entwickeln
Interview mit Max Fuchs, Vorsitzender des deutschen Kulturrats

Senioren (Bild: AP)
Senioren (Bild: AP)
Leonie March: Die Weltbevölkerung wird immer älter, das wissen Sie. Nach Angaben der UNO wird die Zahl der über 65-Jährigen bis zum Jahr 2050 von 600 Millionen auf zwei Milliarden steigen. Und trotzdem: Das gesellschaftliche Interesse scheint wesentlich größer - das gilt für Wirtschaft, Politik und Kultur. Dabei ist die heutige Generation der Älteren gesünder, mobiler, qualifizierter und kaufkräftiger als alle vorhergehenden Generationen. Um die Entwicklung und Verbesserung seniorengerechter Produkte und Dienstleistungen geht es auch heute bei einer internationalen Konferenz in Bonn, dort ist auch der Vorsitzende des deutschen Kulturrats, Professor Max Fuchs. Er hält ein Referat zum Thema 'die Kultur und die Seniorengeneration'. Ihn begrüße ich nun am Telefon. Guten Tag.

Max Fuchs: Guten Tag, Frau March.

March: Wie groß ist denn das Interesse der Kulturschaffenden in Deutschland an älteren Menschen?

Fuchs: Es muss natürlich groß sein, schon allein aus den Gründen der wachsenden Anzahl der Menschen. Jetzt ist mein Hauptarbeitsgebiet die Kinder- und Jugendkulturarbeit paradoxerweise, hauptberuflich leite ich die Akademie Remscheid, und dort hatten wir das Problem, dass in Kultureinrichtungen die dominante Haarfarbe grau ist. Von daher könnte man meinen, dass die Jugendlichen vernachlässigt werden und die alten und älteren Menschen sozusagen im Mittelpunkt stehen. Die Erfahrung mit einem neuen Projekt, das wir mit dem Institut für Bildung und Kultur an unserer Akademie jetzt machen ist genau so, dass das dem nicht entspricht, sondern die Organisation der älteren Menschen und diese selber beschweren sich darüber, dass sie überhaupt nicht richtig berücksichtigt werden, sowohl in der Organisation der Kulturangebote in den Inhalten, so dass sich hier in der Tat auch unter der Perspektive der Weiterentwicklung des Publikums man einiges dafür tun muss, dass man auch die anderen in beiderseitigem Interesse mobilisiert.

March: Welche Angebote wären denn da konkret wünschenswert, was könnte man sich darunter vorstellen?

Fuchs: Aufgrund unserer Erfahrungen muss man erst einmal respektieren: Wir sind plural wie die Gruppe der Jugendlichen der jungen und älteren Erwachsenen, das heißt, es gibt kein Standardangebot. Aber was offenbar nur sehr wenig gewollt wird, sind anscheinend maßgeschneiderte Programme irgendwo am späten Nachmittag mit, ich sage es jetzt etwas bösartig, die schönsten Operettenmelodien, so dass man quasi unter sich bleibt. Das wollen offenbar ziemlich viele ältere und alte Menschen genau nicht, sie wollen mit anderen zusammen sein, allen Altersgruppen, sie wollen auch das ganz normale, auch anspruchsvolle Programm, die fühlen sich doch zum Teil doch recht eng geführt auf eine Vorgabe von Geschmackspräferenzen, die so nicht vorliegen.

March: Hängt das auch mit dem Trend zusammen, daß die Gesellschaft zwar älter wird, aber eigentlich nicht alt sein will, also dass eine Art Jugendwahn vorherrscht und die ältere Generation eben nicht nur mit 60- und 70-Jährigen in einem Raum sitzen will, sondern sich durchaus auch 20- und 30-Jährige dort wünscht?

Fuchs: Ja. Die Bilder vom Alter, die wir etwa durch die Werbung bekommen, sind ja wirklich sehr eindimensional. Entweder die liebevolle alte Oma oder eben der 20-Jährige 70-Jährige. Das ganze Spektrum an Präferenzen, das es da eben gibt unter dem Stichwort Pluralität, wird überhaupt nicht aufgegriffen und Kultur könnte da in der Tat einen Beitrag dazu leisten, ein realistisches Bild der Vielfalt auch wiederzugeben. Den einen Widerspruch haben Sie genannt, wir wollen alle alt werden, aber nicht alt sein, das andere ist, wir haben keine Erfahrungen mit Gesellschaften, die so alt sind im Hinblick auf Kulturgeschichte. Es ist eine relativ neue Erscheinung, vielleicht 100 Jahre alt, dass man nennenswert älter wird, als 50 und 60, und da müssen wir einfach auch so etwas wie kulturelle Kompetenzen entwickeln, was bedeutet das für die Gesellschaft als ganzes, wenn ein großer Teil alt wird und das bitte nicht nur im Hinblick auf problematische soziale Sicherungssysteme diskutieren.

March: Das heißt ja aber auch, dass ältere Menschen sich jetzt nicht nur ein Theaterstück ansehen, ein Konzert hören, sondern eben auch aktiv am Kulturleben teilnehmen. Gibt es auch da ein Defizit?

Fuchs: Ja, natürlich. Wir machen die Erfahrung, dass es erstens unglaublich Spaß macht, sinnerfüllend ist, auch so etwas wie eine neue Leistungsherausforderung darstellt, sich praktisch mit Kultur zu beschäftigen, und wer Musik macht, tanzt, Theater spielt und was es alles so gibt, das sind auch diejenigen, die sich zunehmend qualifizieren um auch beispielsweise schwierigere Kulturangebote auch genießen zu können.

March: Welche Bereicherung könnte denn eine solche stärkere Einbeziehung von älteren Menschen ins Kulturleben mit sich bringen?

Fuchs: Zunächst muss man sehen, dass alleine dadurch, dass Menschen älter werden, die eine ganz wichtige Lebensaufgabe offenbar erfüllt haben, nämlich ihr Leben zu bewältigen und das ist ein unglaublicher Reichtum. …Die Vorstellung von bestimmten Lebensmodellen, an denen man sich dann auch als jüngerer Mensch abarbeiten kann. Nicht, dass man die jetzt eins zu eins übernimmt, sondern dass man hier ähnlich wie in einem Theaterstück oder einem guten Roman ein Lebensmodell vorgelebt bekommt, an dem man sich abarbeiten kann. Das ist ein gesellschaftlicher Reichtum.
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