KulturPolitik
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24.2.2005
Die Stadt als "Bühne des öffentlichen Lebens"
Interview mit Vittorio Lampugnani, Architekt und Städtebauhistoriker

KölnTurm im Mediapark in Köln (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
KölnTurm im Mediapark in Köln (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
Lemke: Herr Lampugnani, an Sie nicht die Frage, wie werden wir leben, sondern wie wollen wir leben?

Lampugnani: Das ist eine schwierige Frage, weil wir wahrscheinlich sehr unterschiedliche Auffassungen haben. Aber ich glaube, grundsätzlich ist es schon so, dass die historischen Zentren unsere Städte so ziemlich das Modell von dem darstellen, was wir uns als lebenswert vorstellen. Und ich glaube daran sollten wir uns orientieren. Also in Städten, die gute, sichere, angenehme Stadträume haben, in denen es viele vielfältige, unterschiedliche Wohnungen gibt, und in denen man sehr viele Optionen darüber hat, was man tun möchte.

Lemke: Was wird denn passieren, wenn wir die Entwicklung nicht steuern, sondern einfach laufen lassen?

Lampugnani: Wenn man einfach alles laufen lässt, geht es in der Regel immer schief, weil die ökonomischen, die demographischen Entwicklungen natürlich ihre Eigendynamik haben, aber so gesteuert werden müssen, dass sie für möglichst viele Menschen das Richtige tun. Sonst wird aus Stadtplanung die Addition von Partikularinteressen und so sehen ja zum Teil unsere Städte schon heute aus.

Lemke: Ja, was läuft denn derzeit schief in unseren Städten?

Lampugnani: Es läuft vor allem schief, dass sowohl die Bauherren als auch die Architekten sehr stark auf ihre Individualität aus sind, sehr stark darauf aus sind, sich selbst zur Darstellung zu bringen, und dazu neigen, zu übersehen, dass die Stadt zunächst einmal eine Bühne öffentlichen Lebens ist und dass die Stadt im Grunde einer Gemeinschaftsidee den entsprechenden Ausdruck bieten sollte.

Lemke: Inwieweit kann man denn Städtebau steuern in einer demokratischen Gesellschaft?

Lampugnani: Man hat es immer getan, in nicht demokratischen, aber auch in demokratischen Gesellschaften, immer dort, wo es gute Städte gab, indem nämlich die öffentliche Hand, die ja letztlich demokratisch, also von der Mehrheit gewählt und bestimmt ist, sich zum Anwalt eben dieser Gemeinschaft macht. Das kann nur die öffentliche Hand, das können nicht die Privaten machen, weil die Privaten natürlich an ihre eben privaten Interessen glauben.

Lemke: Sie haben mal gefordert, dass die Disziplin "Städtebau" neu gegründet werden soll. Was kann sie denn und warum brauchen wir das jetzt?

Lampugnani: Die Disziplin "Städtebau" ist ja das Instrument, das die öffentliche Hand haben muss, besitzen muss, um eben eine vernünftige Stadtplanung umzusetzen. Und, wenn ich von einer Neugründung spreche, geht es mir vor allem darum, Städtebau nicht zweidimensional zu verstehen, als reine Planung, sondern als ein Stück Architektur. Aber als ein Stück Architektur, das nicht der Laune eines Architekten entspringt, so gut er auch sein mag, sondern auf das gründet, was schon erprobt wurde in der Stadt. Ich glaube, dass Städtebau eben nicht eine Kunst ist, die durch den "Musenkuss" kommt, sondern durchaus eine starke systematische Basis braucht. Und an dieser systematischen Basis müssen wir arbeiten.

Lemke: Letzten Endes ist ja das Entscheidende, dass Städte wachsen, sich entwickeln, und also nicht am Reißbrett geplant werden soll. Wie kann denn dieses zusammengehen, die Planung auf der einen Seite und die Entwicklung auf der anderen?

Lampugnani: Nun, es hat ja noch nie eine Planung gegeben, außer in totalitären Staaten, die wirklich wortwörtlich umgesetzt wurde, und die alle Details kontrollieren konnte. Planung heißt, die großen Entwicklungsstrategien festlegen und Raum zu schaffen dann für Individuelles. Aber eben dieses Individuelle und die großen, sagen wir mal der Allgemeinheit dienenden Strategien müssen sich die Waage halten.


Hintergrund: "Wie wollen wir leben?" - Das ist die zentrale Fragestellung eines Kongresses (24. und 25. Februar 2005), mit der sich Wissenschaftler und Führungskräfte aus Politik, Bau-, Immobilien- und Finanzwirtschaft in Frankfurt am Main befassen. Es wird das zukünftige Leben in der europäischen Stadt diskutiert und konkrete Lösungen entwickelt.
Themenschwerpunkte sind "Sozialstruktur und Stadtentwicklung", "Architektur", "Wohnen und Mobilität" und "Lifestyle".
Zu den Referenten gehören Umberto Eco, Barbara Jakubeit, Hans Kollhoff, Vittorio Magnago Lampugnani, Frank Schirrmacher, Walter Siebel und Albert Speer.
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