KulturPolitik
KulturPolitik
Montag bis Samstag • 12:20
25.2.2005
Förderung für begabte Migrantenkinder
Interview mit Kenan Önen, Leiter des Start-Stipendienprogramms
Moderation: Kirsten Lemke

Lemke: Wurde es in Ihrem Fall den Herausforderungen gerecht?

Kenan: Ja also, in meinem Fall war das so, dass ich 1967 im Alter von sieben Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland emigrierte. Ja, es war sehr schwierig. Also, der Anschluss war sehr schwierig, weil ich die deutsche Sprache überhaupt nicht konnte, so musste ich folglich auch die erste Klasse wiederholen, aber habe den Anschluss dann relativ schnell geschafft, weil damals die Migrationspopulation noch nicht so hoch war. Also in meiner Schule damals war ich der einzige Ausländer und ich war mehr oder weniger gezwungen, Deutsch perfekt zu lernen, und von daher hatte ich ein gutes Umfeld, wobei ich dann die deutsche Sprache, wie gesagt, schnell lernen konnte und den Bildungsanschluss dann auch gefunden habe.

Lemke: Seither hat sich vieles geändert. Sie sind Leiter des Start-Stipendiumprogramms der Hertie-Stiftung und dieses Programm wendet sich speziell an begabte Zuwanderer. Warum nur für Zuwanderer, warum diese Trennung zwischen Zuwanderern und deutschen Kindern und Schülern?

Kenan: Ja also, ich sehe das nicht als Trennung. Ich sehe das eher als eine Förderung von Potenzialen mit Migrationshintergrund, aus dem einfachen Grunde, weil Deutschland 30, 40 Jahre lang diese Sache verschlafen hat. Also es fand einfach keine Förderung für Migrantenkinder bisher statt. Deswegen haben wir gesagt, wir konzentrieren uns jetzt erst mal auf die Migrantenkinder, suchen Potenziale - also wir suchen jetzt nicht die Hochbegabten, sondern die Begabten, die Engagierten, die für diese Gesellschaft was tun wollen, die über die Bildung ihren Weg nach oben schaffen wollen, die suchen wir. Und auch aus dem einfachen Grunde, auf den höheren Schulen, also auf den Gymnasien, sind sehr wenige ausländische Kinder, also nur jedes zehnte Migrationskind schafft Abitur, dagegen schafft jedes dritte deutsche Kind Abitur. Also die Lücke ist enorm groß.

Lemke: Und wie finden Sie diese begabten Zuwandererkinder?

Kenan: Also wir schreiben das jedes Jahr zum Beispiel in Hessen aus, in Kooperation mit dem hessischen Kultusministerium. Wir schreiben in Hessen über 850 Schulen an, also direkt an die Schulleiter, bitten sie, uns geeignete Kandidaten vorzuschlagen, also zwischen Jahrgangsstufe 8 und 13, und wenn sie diese Potenziale an ihren Schulen entdecken können, die Lehrer, dann melden die uns die, und die Besten laden wir dann zu Bewerbungsgesprächen ein.

Kenan: Und wie unterstützen Sie die dann?

Lemke: Also, die bekommen eine materielle Förderung und eine ideelle Förderung, also beide sind gleichrangig. Die materielle Förderung sieht so aus, dass jeder Stipendiat pro Monat 100 Euro bekommt, also für ihre Bildung, für Bücher, für Internetsoftware, et cetera. Und, was aber noch sehr, sehr wichtig ist, sie bekommen einen PC. Also 98 Prozent aller unserer Stipendiaten hatten vorher keinen PC - also das muss man sich auch mal vorstellen in dieser Gesellschaft, dass junge Menschen, die kurz vor dem Abitur stehen, immer noch keinen PC haben. Die unterstützen wir. Dann, ganz, ganz wichtig ist die ideelle Förderung. Die Stipendiaten erhalten Seminare, Bildungsseminare, zwei pro Schuljahr, an Wochenenden, also, vielleicht kann ich Ihnen ein paar Beispiele geben: Rhetorik-Seminar, Arbeits- und Lerntechniken, Bewerbungstraining, Themen wie die deutsche Staatsbürgerschaft, Europarecht, auch Verhaltensregeln, das ist auch ganz wichtig. Ja also, wir versuchen ihnen eine große Bandbreite von Seminaren anzubieten, um sie einfach fit zu machen für diese Gesellschaft.

Lemke: Aber Sie setzen ja nicht erst in den Schulen an, sondern bereits im Kindergarten. Was muss da getan werden?

Kenan: Also da haben wir jetzt seit einem Jahr ein sehr schönes Projekt mit dem Namen "Frühstart". Also wir denken, man muss schon im Kindergarten ansetzen, also die Kinder müssen in der deutschen Sprache befähigt werden bis zum sechsten Lebensjahr, wenn dann der Übergang steht auf die Grundschule, dass sie die deutsche Sprache so gut beherrschen, dass sie mithalten können schon in der Jahrgangsstufe 1, ansonsten verpassen sie in sehr frühen Jahren den Anschluss im Bereich Bildung und das wäre enorm schade, wenn man kleine Kinder schon im Alter von sechs, sieben, acht dermaßen frustriert und sie dann die Lust verlieren.

Lemke: Das hießt, im Grunde genommen springen Sie da ein, wo eigentlich andere zuständig wären. Ist das richtig? Wenn wir beim Thema Spracherwerb sind?

Kenan: Ja, gut, es ist so. Aber wir führen unsere Projekte, muss ich dazu sagen, immer in Kooperation auch mit dem Bildungsministerium. Also wir gehen da nicht hin und sagen, so könnte man das machen. Es funktioniert nur, wenn man es in Kooperation macht. Natürlich haben die Ministerien oder die staatlichen Institute einen Erziehungsauftrag, aber auch Stiftungen können ihren Beitrag dazu leisten, und das versuchen wir damit.
-> KulturPolitik
-> weitere Beiträge
->
-> START - Schülerstipendien für begabte Zuwanderer