KulturPolitik
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1.3.2005
"Man kann diesen Berg nicht in den Mülleimer werfen."
Interview mit Eberhard Jäckel, Historiker
Moderation: Christopher Ricke

Interconti-Hotel auf dem Obersalzberg (Bild: AP)
Interconti-Hotel auf dem Obersalzberg (Bild: AP)
Ricke: Es gibt Dinge, die sollte man sich nicht entgehen lassen. Nirgendwo gibt es einen solchen Blick auf den Watzmann, und auch der begehbare Humidor, der Klimaschrank für Zigarren, ist ein Blick wert. Allerdings sollte man auch den historischen Aspekt nicht aus den Augen verlieren und das NS-Dokumentationszentrum besuchen, wenn man im Interconti auf dem Obersalzberg eincheckt. Heute wird dieses Luxushotel offiziell eröffnet und man hat versucht, die geschichtliche Belastung des Ortes in das Projekt einzubinden, zum Beispiel durch das eben genannte Dokumentationszentrum. Ich spreche jetzt mit Professor Eberhard Jäckel, einem der führenden Hitlerforscher weltweit. Guten Tag Professor Jäckel.

Jäckel: Guten Tag.

Ricke: Ein Luxushotel auf dem Obersalzberg, haben Sie die Bedenken gegenüber einem solchen Projekt verstanden?

Jäckel: Nein, eigentlich nicht. Man kann diesen Berg, obwohl er von der Geschichte belastet ist, nicht in den Mülleimer werfen. Irgendetwas muss man mit ihm machen. Außerdem ist es ein schöner Berg und deswegen fand ich die Idee sehr gut, dort dieses Dokumentationszentrum vor fünf, sechs Jahren einzurichten. Dort können die Besucher die Geschichte des Berges und auch die Geschichte des Naziregimes sehen. Und was sollte man mit dem Grundstück, auf dem das frühere Hotel Platterhof stand, machen? Man hat es verkauft und nun hat man ein Hotel dort errichtet.

Ricke: Die Betreiber dieses Hotels haben in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern etwas entwickelt, was man jetzt vielleicht als eine Kombination von Wellnessurlaub und Dokumentation beschreiben kann, eingebettet in eine Landschaft, die als deutscheste aller deutschen Landschaften gilt, die mächtig und stark ist, die von den Nazis missbraucht wurde. Ist das nicht doch alles zusammen eine etwas merkwürdige Kombination?

Jäckel: Ob der Obersalzberg eine deutschere Landschaft ist als andere, wage ich sehr zu bezweifeln. Das ist ein oberbayerischer Berg, Hitler hat sich dort 1923 eingemietet, dann hat er 1933 das Haus gekauft. Er hat es ausgebaut. Das war sein Sommerferiensitz, auch der zweite Regierungssitz. Dann ist es wenige Tage vor Hitlers Tod, am 25. April ziemlich stark zerstört worden, jedenfalls ist Hitlers Gebäude dann abgerissen worden. Das ist vielleicht eine Erleichterung für die historische Erinnerung aber im Übrigen stehen dort noch viele Gebäude aus dieser Zeit.

Ricke: Der Ort, beziehungsweise das, was von dem Ort übrig geblieben ist, ist ein Ort der Täter. Deshalb war der Obersalzberg in der Vergangenheit auch immer ein Ort derer, die nicht aus der Geschichte gelernt haben oder nicht lernen wollten. Rein pragmatisch kann man jetzt sagen, allzu viele dieser Leute werden sich keine Hotelzimmer zwischen 200 und 2000 Euro die Nacht leisten. Ist das eine Art soziale Auswahl?

Jäckel: Es gibt dort seit dem Anfang der 50er Jahre einen Tourismus. Vielleicht zum Teil von Leuten, die, wie Sie eben gesagt haben, nichts dazu gelernt haben. Aber ich gestehe, dass ich da auch hingefahren bin. Ich wollte das sehen. Das Kehlsteinhaus, dieses Teehaus auf dem hohen Berg, ist seit 1952 zugänglich als eine Gaststätte. Der Gasthof zum Türken, ich glaube so heißt er, direkt neben Hitlers Villa, war damals der Sitz seiner Leibgarde, ist auch seit den 50er Jahren wieder in Betrieb. Ich finde das eigentlich völlig normal. Wir müssen mit dieser Vergangenheit fertig werden. Wir können sie nicht beiseite räumen. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass das auf dem Obersalzberg geschieht.

Ricke: Wenn man sich Bilder des Hotels ansieht, dann kann man sagen, das ist edel, es ist schlicht, es versucht nicht gegen die Landschaft zu punkten und vielleicht hat man sich sogar bemüht, das Hotel pathosfrei zu gestalten. Reicht das, um auch den völkischen Charakter, den es für manche an diesem Ort noch gibt, auszutreiben?

Jäckel: Ich weiß nicht, ob man diesen Geist austreiben soll. Man soll sich schon daran erinnern und das geschieht ja auch auf diesem Berg. Und diese Dokumentationsausstellung, die dort ist, ist also absolut zuverlässig und hervorragend gemacht vom Münchener Institut für Zeitgeschichte. Das ist die zentrale Stelle für Nationalsozialismus in Deutschland. Ich habe mir die angesehen und fand sie hervorragend.

Ricke: Jetzt gibt es aber Kritiker dieses Hotels. Marian Offmann, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde sagte zum Beispiel, der Obersalzberg sei ein Unort. Michel Friedmann, früher Vizepräsident des Zentralrates der Juden sagt, der Bau eines Luxushotels auf dem Obersalzberg ist geschmacklos und eine Enthistorisierung des Ortes. Kann man das alles einfach so widerlegen?

Jäckel: Ich weiß nicht, was man anders dort hätte machen sollen. Die Erinnerung wird gepflegt und zugleich wird dieser Berg genutzt, von dem ich vorhin schon gesagt habe, den kann man nicht wegwerfen, der ist da und es ist ein schöner Berg. Ich glaube, es wäre ein nachträglicher Triumph Hitlers und der Nazis, wenn wir diesen Berg nicht wieder wie einen anderen bayerischen Berg nutzen würden.
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