LänderReport
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20.2.2004
Die City als Wohnzimmer
Obdachlose in Hamburgs Innenstadt
Von Sonja Norgall und Theresa Linke

Bettlerin in Hamburg (Bild: AP)
Bettlerin in Hamburg (Bild: AP)
Hamburg ist eine wohlhabende Stadt. An Elbchaussee und Außenalster leben die Reichen, in den Vororten Arbeiter und Mittelstand. In der City werden Geschäfte gemacht; hier wohnt kaum jemand. Doch auch im Centrum - in Hamburg schreibt man es vornehm mit C - leben Menschen. Auf der Straße. Hier trifft Armut auf Wohlstand, Obdachlose auf Geschäftsleute. Und überraschenderweise kommen sie oft gut miteinander aus.

Passantin 1: Mönckebergstraße, ne, Einkaufen, Shopping halt, und Alster und Rathaus...
Passantin 2: Kultur, Theater, Kino, für Einkäufe, für alles mögliche...ja, sie gehört eigentlich zu meinem Lebensraum, ich wohne auch zehn Minuten von der Innenstadt entfernt, für mich ist das also eigentlich mein Wohnzimmer...
Roland: Insgesamt mache ich hier in HH 10 Jahre Platte, Innenstadt, Winter wie Sommer du...da hab ich meine Ruhe, geh abends auf meine Platte, und Tschüß und Feierabend du...stehe morgens wieder auf...

Wenn Roland morgens aufwacht, treffen in Hamburgs Innenstadt zwei Welten aufeinander. Die einen gehen, die anderen kommen. Putzkolonnen rücken an und bringen die Böden und Auslagen in den Geschäften wieder zum Glänzen. Die Obdachlosen, die vor Kaufhäusern wie Karstadt oder C&A geschlafen haben, rollen ihre Schlafsäcke zusammen und verstauen ihr Hab und Gut. Barne ist einer von ihnen. Für ihn beginnt ein Tag, der ist wie jeder andere.

Barne: Ich steh morgens auf, zwischen 8 und 9, dann geh ich zu meiner Ambulanz, dann geh ich zurück in die Stadt, 10 Uhr, zwischen 10 und 11 kommt Schwester Petra mit ihrem Auto hierher, dann gibt´s Essen, nen Kaffee, dann schnorr ich wieder bis nachmittags um drei, dann kommt Schwester Petra wieder mit Essen …

Schwester Petra arbeitet ehrenamtlich für die Caritas und bringt den Obdachlosen in der Mönckebergstraße jeden Tag belegte Brote und heiße Getränke. Mit ihrem Auto parkt sie am Gerhard-Hauptmann-Platz, gleich neben Karstadt. Ein paar Meter weiter steht der Mönckebrunnen, ein beliebter Treffpunkt für Obdachlose und ihre Freunde. Vor allem bei gutem Wetter sammeln sich hier bis zu zwanzig Leute mit ihren Hunden, Tüten und Einkaufswagen.

Barne: Auf der Straße so... weil auf der Straße kennt man die Leute, das is das..

Björn: Da sind ja dann auch meistens dann die Leute, die da zusammen abhängen, zusammen quatschen, lachen, ihr Bierchen zusammen trinken, das Übliche eigentlich, was jeder Mensch auch tut...

Andi: Da geht man hin, guckt in seine Taschen, hat man noch eine Zigarette, noch eine Drehung, und wenn man nein feststellt, dann fragt man mal, und wenn man denn ein Tabak hat, dann gibt man eine Zigarette aus, dann quatscht man ein bisschen blödes Zeug, blödes Zeug bezieht sich meistens darauf, weil andere ein bisschen mehr getrunken haben, und dann lacht man sehr viel...hilft übrigens gegen Kälte.

Roland: Hier verbringe ich meinen Tag, du, von morgens um sechs bis abend um sechs, da trinken mir schön einen Wein. du, halten ein schönes Gschwätzle ab, ab und zu gehen wir zu Hinz und Kuntz zum Aufwärmen. So ist der Tag...

Zum Aufwärmen gehen nicht nur Roland und Andi zu Hinz & Kunzt. Zwei Straßen weiter ist das soziale Projekt in einer Seitengasse stationiert. Es funktioniert nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe.

Seit zehn Jahren produzieren die Mitarbeiter von Hinz und Kunzt jeden Monat ein Magazin mit sozialpolitischen und kulturellen Themen rund um Hamburg. Obdachlose und ehemals obdachlose Verkäufer stehen an vielen Ecken in der Stadt und bieten das Heft den Passanten an. An jedem verkauften Exemplar verdienen sie 80 Cent und meistens etwas Trinkgeld. Zwischendurch können die Verkäufer bei Hinz und Kunzt einen Kaffee trinken und ihre Freunde treffen. Auch als Postadresse kann man das Projekt angeben.
Der Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer kümmert sich um die kleinen und großen Probleme der Verkäufer: er versucht Wohnungen, Jobs, Ärzte, Rechtsanwälte oder einen Gang aufs Sozialamt zu organisieren.

Stephan: Also, ich hab 1995 angefangen bei H&K und war, wie ich zu meiner Schande sagen muss, erschrocken darüber, wie viele Obdachlose in der Innenstadt sich aufhalten und stellte dann eben halt auch fest, dass diese Innenstadt nicht nur ein Tempel des Konsums ist, sondern eben halt auch ein Tempel für Obdachlose, und habe mir dann schon die Frage gestellt, warum sind denn Obdachlose eigentlich so gerne in der Innenstadt?

Barne: Hier is alles in der Nähe, der Mitternachtsbus kommt hier, der Bahnhof is nicht weit, meine Ambulanz is nicht weit, und darum, ich schnorr hier auch, von daher bleib ich auch hier.


In Hamburg leben nach offiziellen Schätzungen rund 1300 Menschen auf der Straße. Viele von ihnen halten sich in der Innenstadt auf, denn hier sind wichtige Anlaufstellen auf überschaubarem Raum versammelt: die Bahnhofsmission, die Tagesaufenthaltsstätte Herz As, das Arbeitsamt, die Sozialberatungsstelle und die Drogenambulanz Drob Inn.

Hinz und Kunzt hat einen Stadtrundgang entwickelt, um diese Anlaufstellen einem breiteren Publikum bekannt zu machen und einen anderen Blick auf die Innenstadt zu öffnen.

Stephan Länge: Wir haben natürlich erhebliche Schwierigkeiten, unsere Leute wieder in Arbeit zu bringen, und Arbeit nenne ich jetzt mal bezahlbare Arbeit, wo sie auch sozialversicherungspflichtig einer Beschäftigung nachgehen können. Und ich habe immer überlegt, was können denn Obdachlose, wo gibt es denn da eine Nische. Da Obdachlose eine sehr interessante Geschichte haben und einen sehr interessanten Lebenslauf, habe ich gedacht, das was mich interessiert, müsste eigentlich auch andere Menschen interessieren und kam deshalb auf diese Idee.

Fred: Also, ich bin Fred, bin 40, lebe erst seit 93 auf der Straße, ne, zwar nicht hier die ganze Zeit hier in HH, in HH erst seit 99 und seit 2000 verkaufe ich H&K.

Fred ist einer der Hinz & Künztler, die den Stadtrundgang begleiten, den Teilnehmern ihren Alltag zeigen und sich damit ein paar Euro dazu verdienen.

Fred: Das Geld, was ich brauch, das kann ich erbetteln bzw. oder jetzt auch mit H&K erarbeiten. Ich sag, ich muss im Monat, um das alles, was ich denn so möchte, so an die 180 Zeitungen verkaufen, und dann kann ich mir das auch dem entsprechend meine persönliche Freizeitgestaltung auch leisten, plus Lebensmittel und Trinken und mein Tabak..

Ein zentraler Punkt beim Stadtrundgang und in der Hamburger Innenstadt ist der Hauptbahnhof. Der Bahnhof ist das Herz jeder Großstadt und ein Treffpunkt für viele Obdachlose.

Stephan: So, wir sind in der Wandelhalle angekommen. Wir hören die schöne Musik, die Musik ist nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern es soll die Obdachlosen abschrecken. Der Hauptbahnhof ist und bleibt immer ein Treffpunkt von Leuten, denen es irgendwie nicht gut geht, die Fernweh haben, die sich einsam fühlen. Alle Kneipen im Hauptbahnhof herum sind immer gefüllt, es soll ja nur für die Reisenden sein, aber es ist eine gute Kommunikationszentrale.

Fred ist öfters mal beim Hauptbahnhof, um Freunde zu treffen oder ein bisschen durch die Wandelhalle zu schlendern. Doch das ist nicht immer unproblematisch.

Fred: Wenn ich jetzt hier durchgehe und am besten noch mein Gerödel dabei habe, dann kann ich sicher sein, dass fünf Minuten später Bahnpolizei kommt und sagt - Ausweiskontrolle, ja, Sie haben gar keine Reiseabsichten, Sie haben sich hier nicht im Bahnhof aufzuhalten. Das ist denn selbstverständlich für in Anführungszeichen normale Leute, aber nicht für unsereins.

Weil Menschen mit viel Gerödel, wie Fred sein Hab und Gut nennt, als Obdachlose auffallen, brauchen sie einen Ort, wo sie es lagern können. Danach sind sie unauffälliger. Doch Schließfächer sind ganz schön teuer.

Fred: Kleines Schließfach kostet jetzt mittlerweile zwei Euro und das Große, wo ein Seesäcke reinpassen würde, kostet vier Euro.


Seit einigen Monaten gibt es bei der Petrikirche, gleich neben der Mönckebergstraße, ein ehemaliges Klohäuschen, das zum Gepäckaufbewahrungsort umfunktioniert wurde. Hier ist Platz für 25 große Gepäckstücke, auch für schwere Seesäcke wie die von Fred.

Fred: Ach, so schlappe 40 kg kommen dann doch schon zusammen.
Ja also, wichtige Sachen sind für mich wirklich von Verbandszeug bis hin zu Schuhputzzeug; ist für mich alles eigentlich relativ wichtig, weil das brauch ich doch öfters.

Die Idee einen Ort zu schaffen, wo Obdachlose ihr Gepäck umsonst aufbewahren können, geht auf die Initiative des Runden Tisches St. Jakobi zurück. Der wurde vor vier Jahren ins Leben gerufen und versammelt Geschäftsleute, Kirchenleute und Vertreter von sozialen Einrichtungen, die sich gemeinsam für die Hamburger Innenstadt einsetzen.

Stephan: Also die Innenstadt hat ein eigenes City Management bekommen, wo 400 Kaufleute in der Organisation mit drin sind, die nicht nur sagen, die Obdachlosen müssen raus, sondern die auch schon mittlerweile eingesehen haben, dass man eigentlich was tun muss, damit die Situation nicht noch schlimmer wird.

Zwischen einigen Geschäftsinhabern und Obdachlosen gibt es stillschweigende Vereinbarungen.

Stephan: Wir haben überall die netten, kleinen Verkaufsbuden und wenn man sich mal die Frage stellt, wer bewacht diese Räumlichkeiten eigentlich nachts, weiß keiner eine Antwort darauf, ich weiß sie: Obdachlose bewachen sie nämlich und haben sozusagen eine kleine Kooperation mit diesen Händlern, aber keiner darf darüber laut sprechen, denn das wäre ja Schwarzarbeit.


Doch mit den Geschäftleuten gibt es nicht nur positive Zusammentreffen. Viele empfinden die Obdachlosen in der Innenstadt als störend.

Stephan: Es ist ein ständiger Kampf mit den Geschäftsinhabern, die lassen sich immer neue Sachen einfallen, um Obdachlose aus der Innenstadt zu vertreiben, allein schon, dass jeder, jedes Geschäft Rollgitter angebracht hat, wo Obdachlose eben nicht mehr dort schlafen können.

Nicht überall kann man seine Zelte aufschlagen oder Platte machen, wie die Obdachlosen sagen. Vor manchen Geschäftseingängen sind sie gern gesehen, vor anderen überhaupt nicht.

Andi: Bei HEW, da gab´s mal meine allererste Nacht. Oh, sie war so schrecklich. Ich kam mit ´nem Stück Pappe raus, hatte von nichts 'nen Plan und wollte einfach nur irgendwo schlafen. Da habe ich mich bei HEW, weil das ´ne schöne, tiefe Bedachung hat, runtergelegt und wurde von einem dieser Sicherheitsleute, auch im tiefsten Winter, mit nem schönen 10-Liter-Eimer Kaltwasser geweckt.

Barne: Joa, die sind froh, wenn wir weg sind. Also, wir könnten ne Geschichte draus machen, wenn das verfilmt wird. Man wird ewig weggejagt und...
Bei Karstadt darf man nicht schlafen, ich schlaf bei C&A, da hat man seine Ruhe. Bei Karstadt darf man nicht mal eigentlich länger als zehn Minuten, ne Viertelstunde sitzen, dann kommt der Sicherheitsdienst an, sogar nachts.



Peek & Cloppenburg braucht keinen Sicherheitsdienst, seit die Eingangsbereiche umgebaut wurden.

Fred: Bei P&C sind da so kleine Düsen angebracht und die werden dann irgendwann mal in der Nacht eingeschaltet und werden dann hier erst mal die Fläche mit Wasser abspritzen.


P&C: Die Sprinkleranlagen sind für die Sauberkeit unserer Eingangsbereiche erforderlich und sind mit dem Umbau, dem Neubau unserer Eingangsbereiche installiert worden. Und das hat natürlich die Situation dahingehend verändert, dass unsere Eingangsbereiche für Obdachlose eher nicht mehr genutzt werden und nicht mehr genutzt werden können.

Günther Maier, Werbeleiter von Peek und Cloppenburg

P&C: Es war ein stillschweigendes Agreement und es hat gut funktioniert, aber man kann und man darf wahrscheinlich nicht ein so großes Verkaufshaus mit so einer wirtschaftlichen Kraft und Wichtigkeit kann man nicht in seiner Konzeption an möglichen Wünschen und Vergünstigungen für Obdachlose orientieren, das halte ich für ausgeschlossen.

Nicht alle Eingänge wie die von P&C sind für Obdachlose verloren. Mit vielen Geschäftsinhabern funktionieren die stillen Absprachen ganz gut.
Aber dafür müssen ein paar Regeln eingehalten werden.

Fred: Ja, wissen muss man eigentlich erst mal, wie man sich da verhalten sollte, weil wenn man sich da auf die Platten verhält wie Hempels unterm Sofa, also die da verdreckt wieder zurücklässt, kann man am nächsten Tag da garantiert nicht wieder liegen, weil dann irgendwann die Sicherheitsleute rauskommen und sagen: Hier Leute, kannst du nicht bleiben. Die meisten von uns, wir haben unsere festen Plätze, wo wir auch liegen, man ist eigentlich irgendwie Gewohnheitstier.

Auch Roland ist so ein Gewohnheitstier, wenn er sich abends auf seiner Platte vor einem Schlüsselladen niederlässt.

Roland: Du, ich hab ein wunderschönes Radio, du, dann mach ich mir was zu Essen wie immer schön gemütlich, zu kochen, richtig schön, dann lese ich meine BILD- Zeitung, du, hole ich mein Radio raus, tu essen, dann penn ich. Wie ein normaler Bürger, der den ganzen Tag arbeiten geht.

In der Nacht, wenn Roland vor seinem Schlüsselladen schon lange schläft, kommt noch der Mitternachtsbus der Diakonie in die Stadt gefahren. Drei Ehrenamtliche verteilen heiße Getränke, Brühe, Socken, Isomatten und warme Worte.

Barne: Dass man abends mal nen warmen Kaffee kriegt oder nen schönen Kakao oder so was und braucht dafür nicht klauen gehen.. .ja, das is das.


Auch wenn man kein Dach über dem Kopf hat, braucht man trotzdem ein Zuhause. Für Barne, Manu, Fred und Andi ist die Sache klar:

Barne: Hamburg ist mein Zuhause. Wir fühlen uns in Hamburg zu Hause, ja.

Andi: Es ist ein Zuhause. Und das kann es nur, weil in der Innenstadt genug Leute sind, die da schon seit über zehn Jahren hausen und kampieren.
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