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22.6.2004
Nachgefragt: Huren gegen Gewalt
Was aus dem Projekt in Frankfurt am Main geworden ist
Von Michaela Böhm

Domina bei einer Prostituierten-Demonstration in Berlin (Bild: AP)
Domina bei einer Prostituierten-Demonstration in Berlin (Bild: AP)
Gewalt gegen Prostituierte ist kein neues Thema. Auch deshalb sollte man nachfragen, was aus einer Selbsthilfeorganisation "Huren wehren sich gemeinsam" geworden ist. Vor sieben Jahren war sie in Frankfurt am Main aktiv und machte mit der Herausgabe einer Broschüre zu diesem Thema auf sich aufmerksam. Was ist aus der Gruppe geworden? Und hat sich ihre Situation wirklich verändert?

In Frankfurt ist alles ein wenig anders: Zum Bahnhofviertel gehören Drogenabhängige, Hütchenspieler und Obdachlose genauso wie Banken, Multimediaagenturen und Häuser aus der Gründerzeit. Und das alles ganz eng beieinander. Nicht einmal der Straßenstrich sieht aus wie in anderen Großstädten. Hier stehen keine gestylten Huren in Miniröcken und Stöckelschuhen auf dem Bürgersteig. Britta, nennen wir sie Britta, sieht aus wie viele junge Frauen. Enge schwarze Hose, die viel Sicht auf den Bauch lässt, babyrosa T-Shirt. Keine Schminke und vom Kopf baumelt ein mit schnellem Griff gedrehter Pferdeschwanz. Die neuen Klamotten hat ihr ein Stammfreier gekauft.

Britta: Ich geh immer mit nem Freier mit, sobald ich einen finde. Wenn mich einer anspricht - immer.

Brittas Adresse ist das Bahnhofsviertel. Jede Straße - ihr Zuhause. Ein festes Dach überm Kopf hat sie trotzdem nicht. Sie lebt, wo sie Drogen bekommt. Sie arbeitet, wo sie lebt. Ein Leben der kurzen Takte. Schnell Stoff besorgen, hinter ein geparktes Auto hocken, ein paar hektische Züge an der Crackpfeife, weiter geht's. Taunusstraße hoch, beim King George in die Moselstraße, Niddastraße - immer auf der Suche nach einem Freier.

Eins macht Britta aber nicht mehr. Seitdem sie an einen Gewalttäter geraten ist, steigt sie nie wieder bei einem Freier ins Auto. Denn Gewalttäter wollen nur eins: Das belebte Bahnhofsviertel verlassen und irgendwo in die Pampa fahren, in den Wald, aufs Messegelände, auf Feldwege. Wo niemand hört, wenn die Frau um Hilfe ruft.

Britta: Ich war einmal im Park gewesen, da hat er mich überfallen, da musste ich alles abgeben und ausziehen, Sachen machen, die man nicht will - ohne Geld. Oder dass noch einer dazugekommen ist und dass sie zu zweit waren. ...auch Anzeige gemacht, klar... Aber es ist halt Anzeige gegen Unbekannt.

Anschaffen gehen ist im Bahnhofsviertel verboten. Allerdings nur auf der Straße. Die Bordelle unterliegen nicht der Sperrgebietsverordnung. Huren, die auf der Straße arbeiten, werden um ihr Geld betrogen, beschimpft, bespuckt und nachts in verlassenen Gegenden aus dem Auto geschmissen. Neben den harmlosen Sexkäufern, die für 25 Euro die schnelle Nummer schieben wollen, zieht es Gewalttäter auf den Straßenstrich nach Frankfurt. Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Vergewaltigung. Sie traktieren Frauen mit Fesseln, Elektroschocks, Messern und Stöcken. Christine Heinrichs von der Frauenberatungsstelle im Bahnhofsviertel kennt die Geschichten der Frauen. Manchmal, oft aber erst nach Tagen, erzählen sie im Frauencafé, was ihnen zugestoßen ist. An der Brutalität, sagt Christine Heinrichs, hat sich nichts geändert.

Christine Heinrichs: Es war schon immer sehr brutal, so dass man eher gar nicht darüber nachdenken kann, wie furchtbar das ist, wie grausam die einzelnen Straftaten sind. (...)
Wir haben konkret einen Fall von einer Frau (...), die ist von einem Freier so extrem misshandelt worden, dass im Grunde alle Funktionen in ihrem Unterleib außer Kraft gesetzt sind, die hat einen künstlichen Darmausgang, der nach außen verlegt wurde, der Schließmuskel ist zerstört. Das ist eine Frau, die von dem Freier entsorgt werden sollte und der zufällig jemand getroffen hatte, der ihn kannte und der die Frau ins Krankenhaus gebracht hatte und dort seine Visitenkarte hinterlassen hatte, weil er es seinem Bekannten nicht zugetraut hatte, dass der das der Frau angetan hat. Und das ist eine Frau, die Zeit ihres Lebens schwer geschädigt sein wird.


Gewalt gegen Straßenstrichhuren - das ist seit langem bekannt. Die Selbsthilfeorganisation für Prostituierte - HWG - Huren wehren sich gemeinsam - hatte sich aus diesem Grund die Hot Line ausgedacht, zehn Jahre ist das her. Ein Heftchen, so groß wie eine Zigarettenschachtel, passend für jede Handtasche. Zum Beispiel Seite 9:

Silberner Audi, getönte Scheiben, Mann etwa 60 Jahre, kräftig, Bauch, Geheimratsecken, quadratische Brille, auffallend große Zähne, Zahnlücke, hessischer Dialekt. Kontaktort: Elbestraße. Tatort: Feld. Benimmt sich anfangs normal, im Auto verliert die Frau das Bewusstsein (eventuell Ko-Tropfen), wacht gefesselt auf. Stromschläge. Achtung: gewalttätig.

Silvia Schwarz von der Integrativen Drogenhilfe sammelt heute die Infos der Frauen für die Hot Line. Die Idee stammt ursprünglich von den Huren selbst.

Silvia Schwarz: Es gab die Praxis, dass die Frauen, um sich gegenseitig zu warnen, Meldungen an Plakatwände geschrieben haben oder in irgendwelche Bücher, die in Drogenhilfseinrichtungen auslagen, kurze Beschreibung: Der Freier ist gefährlich, da ist mir das und das passiert.

Früher haben Huren nur durch Zufall erfahren, wenn einer Frau etwas angetan wurde. Heute stehen die Gewalttäter in der Hot Line. Die Huren sollen reingucken, sich Autokennzeichen einprägen und besondere Merkmale der Männer - Achtung: Tätowierung am linken Oberarm, Achtung: dicker Siegelring, und niemals bei diesen Männern einsteigen. Damit ist die Hot Line - immer noch einzigartig in Deutschland - ein Frühwarnsystem für die Frauen. Christine Drößler, einst Geschäftsführerin der Selbsthilfeorganisation "Huren wehren sich gemeinsam", hatte damals die Vorfälle rekonstruiert und in der Hot Line veröffentlicht.

Christine Drößler: Die Hot Line hat erstmal den Effekt, dass die Frauen über die Jahre merken, aha, wenn mir jemand etwas tut, ist das auch sexualisierte Gewalt und dann gibt es Menschen, die schreiben das auf und nehmen mich als Mensch ernst.

Die Hot Line hat überlebt, auch wenn das Heftchen heute aus Geldmangel nicht mehr alle zwei Wochen veröffentlich wird, sondern nur noch einmal im Monat. Die Hurenorganisation existiert dagegen nicht mehr. "Wir wollen und können nicht auf einem Low-Budget-Niveau weiterarbeiten", hatte Christine Drößler 1999 gesagt, die HWG nach 15 Jahren dichtgemacht und ihren Job verloren. Damals war sie jeden Tag auf die Straße gegangen, hatte Gleitgel verteilt, Kondome und Safer-Use-Broschüren. Sie war die "Gummi-Tante" für die Huren.

Christine Drößler: Erstens muss man den Frauen wieder beibringen, dass sie nicht nur Konkurrentinnen sind. Das heißt nämlich, dass Kolleginnen aufeinander aufpassen, dass Kolleginnen miteinander absprechen, wie das sonst auf jedem gut laufenden Straßenstrich ist ... dass die Frauen ... sich absprechen, ich fahr auf den Stichplatz, dann bin ich wieder da und guck nach der Autonummer. Ein paar Frauen ziehen das durch, die leben echt länger.

Mit dem Ende der Hurenorganisation war auch Schluss mit der Lobbyarbeit für die Huren. Jetzt ist niemand mehr da, der den Finger in die Wunde legt und fordert: Das Sperrgebiet muss weg. Um die Straßenstrichfrauen kümmern sich heute Sozialarbeiterinnen der städtischen Drogenhilfe, die nicht lautstark kritisieren können, was ihre Arbeitgeberin, die Stadt Frankfurt, angeordnet hat: Anschaffen gehen auf dem Straßenstrich - das war und ist im Bahnhofsviertel verboten. Wer erwischt wird, riskiert ein Bußgeld und einen Platzverweis. Auch deshalb sind die anderen Frauen immer in Bewegung. Auf dem Bürgersteig stehen und warten, das macht sie verdächtig. In der Handtasche Kondome horten, das outet sie als Stricherinnen. Aus Angst erwischt zu werden, steigen sie daher allzuoft in jedes x-beliebige Auto ein und checken den Fahrer nicht mehr richtig ab. Die Sperrgebietsverordnung, sagt Christine Heinrichs von der Frauenberatungsstelle, macht den Straßenstrich noch eine Spur gefährlicher.

Christine Heinrichs: Aber sie hat nicht lang Zeit rumzumachen, bis sie einsteigt, sondern in der Regel steigen die Frauen direkt ein und fahren dann auch weg mit dem Freier, dann kann die Prüfung erst unterwegs passieren, dann kann es auch zu spät sein. Weil durchaus manche Freier eine Kindersicherung im Auto haben, so dass die Frauen auch gar nicht aussteigen können.

Das Frauencafè mitten im Bahnhofsviertel ist für die Frauen ein Ruhepol. Der Eingang ist mit einer Kamera überwacht, damit kein Mann reinschlüpft. Jede Frau muss klingeln, ihren Namen sagen, die Sozialarbeiterin guckt auf den Bildschirm, alles okay, erst jetzt geht der Summer und die Frau kann die Tür aufziehen. Manchmal gelingt das erst, wenn man die Menschen, die auf dem Bürgersteig liegen - quer, auf dem Bauch, halb übereinander - ein wenig wegschiebt.

Britta nimmt zwei Stufen auf einmal, bremst vor der Theke, bestellt ein warmes Essen - Bratwurst, Blumenkohl, Kartoffeln für einen Euro, zwängt die Hand in die Hosentasche, fischt die Münzen raus, schnorrt sich eine Zigarette, fingert aus dem Beutel, in dem sie ihren gesamten Besitz mit sich herumträgt, ein Feuerzeug. Sie will unbedingt duschen. Doch die zwei Duschen sind besetzt, Britta lässt sich auf die Warteliste eintragen, das Essen ist auch noch nicht fertig, mit einem Sprung ist sie wieder auf der Straße.

Seit sie in das Auto des Gewalttäters eingestiegen ist, geht Britta geht nur noch mit Fußgängerfreiern mit.


Britta: Ich geh halt dahin, wo auch Menschen in der Nähe sind, wo, wenn ich um Hilfe rufe, mich auch jemand hören kann. Oder ins Hotel. Ich habe halt auch viele Männer, die ich kenne, die öfters kommen. Die auch nicht schlecht bezahlen. (...)
Ja in den Park kann man gehen, ich geh öfters auch ins Parkhaus, oder es gibt im Gutleut eine Tankstelle, die ist abends immer zu. Da gibt's ein Platz hinterm Haus. Man hat so seine Plätze, Hauseingänge, mein Gott, alles mögliche.


Doch auch Freier, die zu Fuß unterwegs sind, können gewalttätig werden. Die Männer fühlen sich auf der sicheren Seite. Im Schatten der Bankentürme ziehen sie ihre Kreise. Oft kommen sie von weit her. Der Fahrer mit dem Kennzeichen aus Bayern dreht die Runde schon zum vierten Mal. Taunusstraße hoch, Elbestraße rein, Kaiserstraße runter, Fuß vom Gas, langsam lassen sie die Wagen rollen, gucken links, gucken rechts, steht da eine, fahren langsam vorbei an ihr, stoppen, beobachten im Rückspiegel, ob sie ihm nachhastet. Was soll den Männern schon passieren?

Die meisten Frauen, die im Sperrgebiet anschaffen gehen, sind drogenabhängig. Wer ganz dringend einen Schuss braucht, setzt sich nicht aufs Revier und steht Rede und Antwort. Sondern fertigt den nächsten Freier ab für den Stoff, der den Körper kurz ruhigstellt und die Seele betäubt.

Wer die Droge zum Überleben braucht, ist gekennzeichnet. Das Leben zwischen Illegalität und Kriminalität hat Spuren hinterlassen. Anetts Arme sind übersät von Narben und Ekzemen, Susann fehlt ein Vorderzahn, Marie sackt laut seufzend zusammen, weil die Wunden am Körper schmerzen. Christine Heinrichs von der Frauenberatungsstelle beobachtet eins immer wieder: Je verelendeter die Frauen, je abgemagerter, verletzt und schwach, desto größer ist der Reiz für manch einen Freier.

Christine Heinrichs: Die Männer, die den Straßenstrich hier im Bahnhofsviertel aufsuchen, sind auf der Suche nach Frauen, die nicht viel entgegenzusetzen haben. Es berichten die Frauen, dass die Freier darauf Wert legen, die eigenen Frauen abzuwerten, die suchen sich sehr verschmutzte Frauen aus, die sehr obdachlos sind, wo sie Wert darauf legen, dass sie mit ihnen nach Hause gehen, einfach weil sie ihre Frauen demütigen wollen, dass so eine in ihrem Bett geschlafen hat. (...) Da ist die Machtfrage klar, es geht häufig um das Thema Abwertung. Um Sexualität geht's da nicht.

Der gelbe Infozettel am Pinboard des Frauencafés ist alt und verstaubt: "Auf dem Straßenstrich kommt es immer häufiger zu Gewalttaten durch Freier", steht da. "Kommen Sie zum K 13 oder melden Sie die Tat der Hot Line." Ein Relikt aus der Zeit, als die Selbsthilfeorganisation "Huren wehren sich gemeinsam" noch aktiv war. Als eine Staatsanwältin zusammen mit dem zuständigen Polizeidezernat K 13 noch auf der Straße Handzettel verteilten. Bernhard Kowalski, damals Kommissariatsleiter und heute im Ruhestand, hat an die Frauen appelliert:

Leute, kommt zur Polizei. Uns interessiert nicht, ob ihr im Sperrgebiet anschafft oder euer Drogenkonsum, wenn er nichts mit der Sache zu tun hat. Sondern uns geht's darum, diese üblen Vergewaltiger zu verfolgen und zur Verurteilung zu bringen.

Bernhard Kowalski hat an den Schilderungen der Frauen nicht gezweifelt. "Das erfindet eine Frau in dieser Situation nicht", hat er gesagt. Aber er wusste auch, wie schwierig es ist, die Frauen zu vernehmen. Wer Stoff im Kopf hat, verwechselt schon mal die eine mit der anderen Tat. Wer Grausames erlebt hat, konzentriert sich nicht auf Tätermerkmale, sondern aufs Überleben. Und wer kein Dach überm Kopf hat, kann keine Adresse hinterlassen. Kowalskis Nachfolger, Eberhard Volk, zeigt auf die Statistik: Fünf Fälle in diesem Jahr, Zahlen rückläufig, nichts Außergewöhnliches. Er, der neue Kommissariatsleiter, will die Frauen nicht mehr ermutigen, eine Anzeige zu erstatten.

Eberhard Volk:
Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, bedingt durch verstärkte Polizeipräsenz im Sperrgebiet, dass Frauen, die aus Situationen kommen mit Freiern, wo sie nicht Opfer eines Sexualdelikts wurden, sondern schlichtweg betrogen, sprich der Freier hat anschließend, nachdem sie die Leistung gebracht hat, nicht bezahlt, die Frau ärgert sich über den Mann und sagt, ich bin vergewaltigt worden, obwohl das tatsächlich nicht der Fall war. Das ist nicht durchgängig so, aber es ist doch recht häufig vorgekommen.

Bilanz nach sieben Jahren: Die Hot Line gibt es noch, es gibt aber keine politische Lobby mehr für die Straßenstricherinnen. Jedes Jahr wird das Geld knapper und wo sich früher eine hauptamtliche Kraft um die Huren kümmerte, zwackt sich heute eine Sozialarbeiterin aus der Drogenhilfe die Stunden ab, um die Hot Line veröffentlichen zu können. Nur: Die Gewalt gegen die Huren, die ist gleich geblieben. So brutal wie früher.

Du musst dir das gefallen lassen. Was bist du schon? Du bist doch nix, wenn du das machst. //
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