LänderReport
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24.6.2004
Länderschwerpunkt Hessen
LandGang

Beitrag 1
Wer nimmt Schwarzgeld? Ein Versuch, es an die Bank zu bringen
Von Oliver Weiland

Die Hessen wissen das sofort - Farbe Schwarz und viel Geld, das macht: viel Schwarzgeld! Mit ein paar dicken Scheinchen Schwarzgeld und einem leuchtenden Stahlkoffer bewaffnet, hat mein Kollege Oliver Weilandt im Land der Schwarzgeldaffäre nach versteckten Erinnerungen gesucht - und nach einem freundlichen Schalterbeamten, der eben mal so 23 Millionen Schwarzgeld schaltermäßig eintütet.

Der gelbe Halbkreis im Schriftzug der Commerzbankfiliale am Markt passt farblich wunderbar zum Logo der hessischen Provinzstadt! Butzbach ist aus Tradition in Bewegung; die Butzbacher zwischen frisch gestrichenem Fachwerk auf dem Weg zu frischen Wurstwaren. Der glatt gegeelte Sonnenbrillentyp mit dem glänzenden Metallkoffer und den Fünfhundertern, die ihm halb aus der Hemdstasche hängen? Verdächtig zwar, aber Butzbach hilft gern:

Schwarzgeld, also ich bin Kunde bei der Sparkasse, aber ich weiß nicht, ob die da gleich 23 Millionen so nehmen, probieren sie es mal, das sind grad 150 Meter. Commerzbank da - die ist gleich da am Markt.

Und soll gute Beziehungen nach Lichtenstein haben! Obwohl: von Butzbach aus? Der Kassenbereich ist nicht durch Panzerglas gesichert. Eine Kassiererin im Dienst. Im Kundenberatungsbereich stehen drei weitere weibliche Mitarbeiterinnen zusammen. 23 Millionen Mark, also rund 11 ½ Millionen in Euro! - Schwarzgeld - soviel wie damals beim hessischen Innenminister...

Was der Kanther heute macht, das wüsste ich gar nicht. Ist der jetzt weg vom Fenster, oder hat der noch 'nen Posten gekriegt?

23 Millionen also, oder 11 ½ in Euro. Schwarzgeld genau. Im Koffer. Bitte waschen, einzahlen und quittieren. Jetzt.

Dafür hat jetzt hier von uns keiner Zeit, tut mir Leid. Kontoeröffnung machen die Kollegen. Es ist jetzt nicht der richtige Moment. Nee, tut mir Leid.

Die wortführende Filialbankerin aus Butzbach bewegt sich nicht, lässt sich auch nicht bewegen. Sie lässt dem falschen Moment keinen richtigen mehr folgen. Außer einem Kopfnicken mit Verweis auf die Zentrale in Frankfurt am Main. Dort im höchsten Tower Europas, im Herzen der heftig pulsierenden Mainmetropole - vielleicht ist da die Chance, das Geld unterzubringen.

Eine gut 40 Meter breite Außentreppe führt hinauf zur gläsernen Fassade der 259 Meter hohen Commerzbankzentrale. Die kathedralige Größe des Gebäudes schluckt trotz Marmorbodens das Bimmeln der Mobils und Klackern der Absätze. Die Millionen im Stahlkoffer landen vor einer Blondine auf dem Infotresen: Schwarzgeld, geschickt von der Filiale in Butzbach - sozusagen.

Ich bin aber doch kein Banker. Ich kenn' mich doch da am besten überhaupt nicht aus. Gehen sie mal in eine Filiale. Ich bin Archäologiestudentin.

Sich am besten gar nicht auskennen - das darf man im Hessenland niemandem vorwerfen. Das ist auch zweifelsfrei netter als brutalstmögliche Aufklärung, wann welcher Koffer wieso wohin gekommen ist.

Der hat's gewusst, der Koch, das wär ja lachhaft, wenn die Bonzen da oben nix wisse.

Mit wehmütigem Blick auf den Koffer erklärt ein drahtiger junger Banker auf dem Weg an die Spitze (der Treppe) knapp die Philosophie seiner Bank:

Schwarzgeld kriegen sie bei uns nie los, nein.

Was? Die Commerz will es nicht? Dann würde ich es mal bei der Deutschen Bank probieren.

Black money; 12 Millionen Euro. I think you should change it into Dollars, because it is now much better.

Deutsche Bank ist vis a vis. Da hinten ist die Degussa Bank, dann die Dresdner Bank; gehen sie zuerst mal zur Degussa Bank, da können sie auch Gold loswerden.

Gold und Schweiz und Schwarz - das könnte gut zusammenpassen. Der beigegraue Steinkoloss der Degussa ist nicht nur hoch, sondern auch groß. Der Eingang zum Innenhof ist leicht zu verpassen - sagt ein Taxifahrer. Er hält die Idee, das Geld zur Bank zu bringen für ziemlich blöd.

Im Hinterhof der Degussa gibt es keine Gaffer und keine Laufkundschaft. 23 Millionen, 11 ½ Millionen in Euro - der Stahlkoffer findet seinen Weg zu Ulrike Berger, Privatkundenberatung, Degussazentrale Frankfurt Weißfrauenstrasse.

Kein Problem. Da haben wir halt Geldwäschegesetze als solches. Aber das machen wir sofort. Wenn sie ein Konto vorher eröffnen, dann empfehlen wir ihnen das Renditesparen, wahrscheinlich noch unsere Inhaberschuldverschreibung dann Festgeld für ein Jahr und dann sind wir dabei.

Na also. Ist doch gar nicht so schwierig. Und warum musste der Kanther sein Geld dann erst von Weihrauch verhüllen und von Wittgenstein in die Schweiz bringen lassen, anstatt es einfach nur in Hessen zu lassen?

Beitrag 2
Hält Kurs - die "Titanic" - D a s Satiremagazin aus Ffm
Von Ulrike Holler

Ein Mahnmal ist in Frankfurt am Main enthüllt worden. Ein DFB-Mahnmal. Die Aufschrift: "Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen." Aufgelistet sind die schmachvollsten Niederlagen deutscher Fußballer. Die "Titanic" hat also wieder zugeschlagen. Morgen, in ihrer neuen Ausgabe, wird sie die Geschichte des Mahnmals und anderes enthüllen. Das erwarten wir. Und Antwort auf die Frage: Warum nur wächst und gedeiht sie ausgerechnet in Frankfurt?.

Kaum waren Ende der vergangenen Woche die letzten Artikel für die neue Ausgabe in Druck gegangen, schlossen die jungen Redakteure ihre Büroräume zu, strichen alle dienstlichen Termine, auch das schon verabredete Interview. Nur noch der so genannte Außenminister, Oliver Schmitt, residierte in Frankfurt und empfing um 9 Uhr morgens zum Gespräch - barfuss und ungekämmt.
Ein Glas Wasser brachte ihn ins Hier und Jetzt, schnell preist er seine Titanic als Fussballfan-Zeitschrift an, die kommende Ausgabe werde das abermals belegen.

In der vergangenen Woche Aktion beim DFB, Mahnmal mit den Orten des Schreckens, Völler musste zugeben, dass die Jungs von der Titanic die WM nach Deutschland geholt haben, all das wird in der kommenden Ausgabe aufgedeckt.

Mit Spass erinnern sie darin an ihre alte Bestechungsaktion, die dazu führte, so wird behauptet, dass Deutschland und nicht Südafrika den WM-Zuschlag für 2006 bekam. Die Redakteure faxten die Herren vom Weltfußballverband an, versprachen ihnen wertvolle Geschenke wie Wurstkörbe oder echte Kuckucksuhren, wenn sie für Deutschland stimmen würden. Verwirrt vom Fax soll ein Neuseeländer sich der Stimme enthalten haben, so dass es eine Mehrheit für Deutschland gab, erzählt grinsend der Satiriker Oliver Schmitt und holt eine CD aus dem Regal, auf der die Beschimpfungen empörter Bürger festgehalten sind. Die "Bild"-Zeitung hatte dazu aufgefordert.

Sie sind Schweine, die Titanic, ganz grosse Schweine. Arschlöcher seid Ihr. Eure Zeitung gehört verboten. Ihr müsstet Millionen zahlen, das ist eine Schande für Deutschland. Das hat mit Pressefreiheit nichts zu tun.

Oliver Schmitt ist stolz auf all die Verwirrungen, die eine Satirezeitschrift stiften kann.

Es sind letztendlich Schülerstreiche, für die man aber nicht bestraft wird, im Gegenteil, die Leser freuen sich, so kann man seine verlängerte Pubertät ausleben.

Aus der Taufe gehoben wurde die Titanic von ehemaligen Mitarbeitern der legendären Zeitschrift "Pardon", die sich auf eigene Füße stellen wollten. Und die alle zur so genannten Neuen Frankfurter Schule gehörten, einem Zusammenschluss der Querdenker und Quertreiber. Für die jungen Titanic-Macher heute ist das Geschichte, irgendwie ohne Bedeutung und weit weg.

Wenn's in Hamburg gewesen wäre oder in Düsseldorf, dann würde man heute von der neuen Hamburger oder Düsseldorfer Schule sprechen. Aber in Frankfurt ist es ja auch ganz nett, denn da ist es nach Norden oder Süden überall gleich weit weg.

Ganz anders denkt Robert Gernhardt, ein Mann der ersten Stunde, über die Titanic-Geburtstadt Frankfurt nach.

Die besten Köpfe kamen nach Frankfurt .. um dieses Blatt 172 es gab schliesslich .. gewesen.

Das Reizorgan versuchte sich im ultimativen Hieb, Kohl bekam seinen veritablen Spitznamen Birne, es war eine Brutstätte des wachen und des bösen Blicks, sagt Gernhardt, man lebte als Gruppe zusammen, fast wie eine Kommune, und stützte sich, denn

... es ist .. Freunde gemacht, nicht?

Beitrag 3
Eigentlich hessische Märchen - Die Märchen der Brüder Grimm
Von Irmtraud Muller

Die Märchen der Gebrüder Grimm kennt jeder. Weiß er auch, dass Jakob und Wilhelm gebürtige Hessen sind. Und nicht nur das. 30 Jahre lang haben sie in Kassel gelebt und dort Märchen gesammelt. Ob sich so viel Hesse-Dasein auch auf die Märchen ausgewirkt hat? Hat Frau Holle etwa ein hessisches Vorbild? Und erwachte einst Dornröschen auf einer hessischen Burg? Irmi Muller hat sich auf Spurensuche begeben.

In den Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, saßen einstmals Jakob und Wilhelm Grimm in ihrer Studierstube in der Marktgasse in Kassel. Sie hegten nur einen einzigen Wunsch: Mit dem Märchen-Sammeln möge es doch etwas vorangehen. Denn sie wollten nun ihr löblich Werk fortsetzen und warteten, so die Erinnerung von Burkhard Kling vom Brüder-Grimm-Haus in Steinau, auf ihre Märchenzuträger:

Wichtig sind die Familie Hassenpflug, die haben über 40 Märchen für die Brüder Grimm überliefert, aber genauso Dorothea Wild eine Kasseler Apothekerstochter, später dann die Ehefrau von Wilhelm.

Hessen hat als ein bergiches, von großen Heerstraßen abseits liegendes Land den Vorteil, dass es alte Sitten und Überlieferungen besser aufbewahren kann. So die Worte der Brüder Grimm. Und so die Worte ihres Bewahrers in diesen unseren Zeiten Bernhard Lauer, Hausherr des Brüder-Grimm-Museums in Kassel

Also wenn sie durch das Hessenland fahren und sie in der Schwalm sich umschauen, da werden sie dort immer das Rotkäppchen finden: Frauen, die die alte Schwalmer Tracht tragen und in der Schwalm heißt es, sei das Rotkäppchen der Brüder Grimm zu Hause.

Doch da Bernhard Lauer es genauso wie die Gebrüder mit Treu und Wahrheit hält, muss er dem Volksglauben Einhalt gebieten und die Weisheit der Forschung heranziehen:

Das Rotkäppchen haben sie nicht aus der Schwalm genommen, sondern die Kinder - und Hausmärchen der Brüder Grimm diese Märchen sind in der ganzen Welt zu Hause bei vielen Völkern und man kann diese Märchen nicht so einfach auf eine Landschaft beziehen. Man tut es doch, die Japaner sind ganz begeistert.

Ob die Gäste aus Fern und Nah ahnen, dass Dornröschen ganz in der Nähe zu finden ist. Oder ist auch das nur eine Mär?

In der Nähe von Kassel gibt es ein wunderbares Märchenschloss, die Sababurg, wo die Traditionen des Dornröschen-Märchens gepflegt werden. Das Dornröschenmärchen selbst hat aber nichts mit der Saba-Burg und der hessischen Region zu tun.

Jedoch gemach! Mitten im niederhessischen Bergland erhebt sich aus dunklen Wälderwellen, von den Flüssen Werra und Fulda umschlungen, der Meißner. Hier rinnt der Godesborn über die Moorwiese in einen kleinen See. Dies ist recht eigentlich von alters her der Frau-Hollen-Teich. Barbara Müller, Dramaturgin der Brüder-Grimm-Festspiele im hessischen Hanau lenkte ihre Schritte an diesen geheimnisvollen Ort:

Das war wirklich äußerst interessant, da gibt es den Holleteich, wo sie immer wieder aufgetaucht ist, und es soll immer noch Frauen geben, auch hier in der Nähe, die unfruchtbar sind und da baden. Und da werden sie gebärfreudig.

Doch nicht genug damit, Dramaturgin Barbara Müller kennt noch andere geheimnisvoll-verruchte Märchen-Orte.

Hänsel und Gretel, gab es das Hexenhaus im Spessart, soll es so einen richtigen Kriminalfall gegeben haben.

Orte, aber ganz besonders die Erzähler, die Gebrüder erfreute das Herz, wenn wieder ihnen eine Geschichte aus ihrer Heimat zu Gehör kam. Das Märchen von der Lebenszeit wurde ihnen zum Beispiel von einem hessischen Bauer zugetragen. Darob waren Jakob und Wilhelm Grimm voll des Dankes und der Hoffnung: "Man sieht, dass die Weisheit auf der Gasse noch nicht ganz untergegangen ist."
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