LänderReport
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12.7.2004
Vom Schmelztiegel zur grünen Idylle und zurück
Die Berliner Buslinie 129
Von Silvia Plahl

Berlin-Kreuzberg (Bild: AP Archiv)
Berlin-Kreuzberg (Bild: AP Archiv)
Das soziale Gefälle in Berlin wird immer größer und der Umgangston rauer - sagen ausgerechnet die Berliner. Die schillernde Metropole ist nicht nur bunt, sie ist ein Ausbund an Ungleichheit. Die traditionellen Arbeiterviertel im Westteil der Stadt wie Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Tiergarten bilden durchweg die Schlusslichter aller negativen Statistiken. Nur jwd, janz weit draußen, wird's angenehmer. Die Buslinie 129 zeigt all diese Gesichter Berlins - sie führt vom Hermannplatz in Kreuzberg/Neukölln quer durch die Stadt über die Touristenstrecke "Checkpoint Charlie - Ku'damm" bis zum grünen "Roseneck" am Grunewald. Auf diese Stadttour, die so kein Reiseführer anbietet, hat sich Silvia Plahl begeben.

Berlin-Hermannplatz. Inmitten einer großen Kreuzung stehen Marktstände.

Marktfrau: Heute wird nur Schrott verlangt. Billig, billig, billig. Viel für wenig Geld.

Eine blonde Frau in geblümter Strickjacke verkauft Strümpfe.

Seit vierzehn Jahren steht sie am Hermannplatz, erzählt die Marktfrau. Drei Mal die Woche. Manchmal geht sie mit 20 Euro nach Hause. Dieses Jahr noch, dann gibt sie auf. Sie wird bald Fünfzig.

Marktfrau: Viele Kunden, die ich habe, die kommen dann einmal im Jahr. Die kaufen die 100 Prozent Schurwolle, die teuer ist. Gut und teuer ist. Aber die kommen dann. Denn sag ick: Wo waren Sie det Jahr? Ja, wir sind weggezogen. Alle im Umland von Berlin. Die sind hier alle weggezogen. Geh'n Se mal die Karl-Marx-Straße lang, wie se aussieht. Zu, zu, zu, nur Ramsch, Schrott in de Geschäfte. Oder Sonnenallee. Genauso. Is nich mehr schön hier.

Sonnenallee, Karl-Marx-Straße, Kottbusser Damm. Hier endet Neukölln, hier beginnt Kreuzberg. Berlins Bezirke mit den höchsten Arbeitslosenquoten und über 20 Prozent Ausländeranteil . Hier mischen sich Schnäppchen- mit Bioläden und türkische Lebensmittel mit flippiger Second-Hand-Ware. Der Hermannplatz ist auch als Drogenumschlagplatz immer wieder in den Schlagzeilen. Von hier aus startet die Buslinie 129 zu seiner Fahrtroute quer durch die Stadt bis an den Grunewald.

Der Bus fährt vor. Es ist halb zehn Uhr vormittags.
Busfahrer: Jetzt ist erstmal der erste Ansturm vorbei. Die Leute sind auf Arbeit. Die Geschäfte haben auch offen, da geht's dann erstmal.

Geräusch: Tür öffnet sich... Guten Morgen...ein Fahrschein bitte... 2,20 bitte... So, 2,50... Drei...Fünf... Zehn... Alles in Ordnung?... und Zehn sind Zwanzig. Dankeschön..Tschüss. ... Ein Tageskarte... 5,60... Münzen klappern...Dankeschön. ... Tür geht zu.

Martin Herzer fährt den 129er heute von 6 Uhr 40 bis 14 Uhr 49. Drei Mal vom Hermannplatz zum Grunewald und zurück. Von Südost nach Südwest. Von den grauen Problem- und bunten Szenebezirken über den noblen Ku'damm ins grüne Villenviertel am Grunewald. Neukölln, Kreuzberg, Tiergarten, Schöneberg, Charlottenburg und Wilmersdorf. Eine Fahrt von der unteren zur "upper class" Berlins in 70 Minuten.

Busfahrer: Hier vorne hat man eigentlich so den ersten Kiez. Kreuzberg. Normales Kreuzberg. Und wenn wir jetzt hier dann am Görlitzer Bahnhof losfahren, haben wir dann SO36. Und dann kommen wir langsam in die etwas feinere Gegend. Auch Nähe Potsdamer Platz dann vorbei. Und da hat man dann schon - auch vom Publikum natürlich schon ganz anders jetzt. Am Ku'damm hat man größtenteils Touristen und die etwas betuchten Fahrgäste. Und dann hinten am Grunewald ist dann die Etepetete. Die auch Bus fahren.

Geräusch: Tür... Einmal bitte... Kasse... bitteschön...Kasse bitte... Münzen... bitteschön...

Martin Herzer, ein kurz geschorener, schnell sprechender Mann, ist selbst Neuköllner. Er ist dort geboren und aufgewachsen. Dreißig Jahre lang hielt er es aus.

Busfahrer: Dieser Ausländeranteil ist nicht so schlimm. Aber das Schlimme ist die Aggressivität untereinander. Det Abblocken.

Jetzt ist Herzer 36, und lebt mit seiner Frau und dem sechsjährigen Sohn in einer Wohnsiedlung südlich von Berlin, in Brandenburg. Er ist froh, hier raus zu sein.

Busfahrer: Ick hab da jahrelang Fußball gespielt, im Verein. Und ick hab och im Verein gespielt, wo wir größtenteils Ausländer waren. Aber ick bin froh, dass ich da nicht mehr wohne. Das stimmt.

Fast ein Viertel aller Neuköllner ist ohne Arbeit, 23 Prozent. Über 40.000 leben hier dauerhaft von Sozialhilfe. Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Tiergarten - die traditionellen Berliner Arbeiterbezirke bilden durchweg die Schlusslichter aller negativen Statistiken.

Martin Herzer steuert den 129er über Kopfsteinplaster in Richtung Oranienstraße. Kreuzberg, S0 36. Hier im Kiez fliegen am 1. Mai die Steine der Autonomen und Krawallmacher. Es ist der heikelste Abschnitt der ganzen Strecke für den Busfahrer.

Busfahrer: Also angespannter in dem Sinne, dass die Haltestellen zugeparkt sind, und dass die Leute in zweiter Spur stehen. Und dass man hier im Prinzip fährt wie auf ner Gocart-Bahn.
Die fahren dann vor einem. Dann bleiben se plötzlich stehen. Weil irgendwo ein Kumpel gewunken hat. Oder da irgendein Geschäft ist, wo se doch rein wollen, um sich noch irgendwas zu Essen zu holen. Und da muss man halt sehen, dass man Abstand hält, dass man nicht zu dicht auffährt. Und sich dann halt vorbei zirkelt.

Geräusch: Tür öffnet sich... Morgen... Münzen.... Karte wo entwerten?... Schritte nach oben,.. Tür, weiter, Durchsage Heinrichplatz.... Fahrt

Merzer steuert den Bus in Schlangenlinien durch die Oranienstraße. Vorbei an bunten Hausfassaden und Transparenten, an Kneipen, Buchhandlungen und Import-/Export-Shops. Er hält am Heinrichplatz. Junge Leute mit Parka und Wollmütze, Männer mit dichten Bärten und Frauen mit Kopftuch und Kinderwagen steigen ein.

Höflich grüßt der Busfahrer seine Fahrgäste. Über die chaotischen Autofahrer grinst er nur. Die gelbe Ampel passiert er gelassen, um nicht scharf bremsen zu müssen. Der Bus Nummer 129 erreicht das so genannte vordere, das ruhigere Kreuzberg.

Busfahrer: SO 36 haben wir hinter uns, da is so die Studenten und allet... und hier haben wir den Otto-Normal-Verbraucher würde ich sagen... Aggressivität gibt's hier eigentlich auch selten. Sehr selten. Muss man schon sehr viel Pech haben.

Beleidigungen und Bedrohungen, körperliche Angriffe - Martin Herzer kennt viele Kollegen, die das ohne professionelle Hilfe nicht mehr aushalten und die Sozialberatung aufsuchen. Er selbst nimmt das alles nicht so wahr, er lässt das meiste an sich abprallen.

Der 129er fährt am "Bannkreis Mitte" entlang. Zur Rechten liegen das Bundesfinanzministerium, das Abgeordnetenhaus und der Bundesrat. Die Hochhäuser und das Glas-Zeltdach des Sonycenters am Potsdamer Platz sind dahinter zu sehen. Zwei Erzieherinnen rufen eine Gruppe von Kindern zusammen. Auch sie wollen gleich, am Anhalter Bahnhof aussteigen. Sie waren in Kreuzberg im Schwimmbad.
Erzieherin: Wir haben von 15 Kindern drei deutsche. Ansonsten arabischer und türkischer Herkunft. Das war vor anderthalb Jahren auch noch anders. Dass da die Hälfte wenigstens deutsch war.

Die Erzieherin zeigt aus dem Fenster auf kahle Wohnblöcke aus den Fünfziger Jahren. Fast alle 15 Kinder ihres Kinderladens sind aus der Gegend. Aber Kinder sind hier offensichtlich nicht vorgesehen. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Zurück bleiben vor allem ausländische Familien.

Erzieherin: Anhalter Bahnhof-Gegend find ich absolut ätzend. Also gerade für Kinder ist es ein ganz schwieriges Umfeld. Also die Spielplätze sind schlecht. Die's gibt, die sind schlecht. Wenn's überhaupt welche gibt. Also ganz schreckliche Gegend eigentlich.

Die Kinder werden hier rundum benachteiligt, beklagt die Erzieherin. Der Berliner Senat hat einen ersten Armutsbericht verfasst, und demzufolge lebt fast jedes dritte Kind in den Westberliner Bezirken in armen Verhältnissen.

Der Bus fährt südlich des Potsdamer Platzes am Landwehrkanal entlang. Staatsbibliothek, Neue Nationalgalerie. Bundesverteidigungsministerium, Bauhausarchiv, die gläserne neue CDU-Zentrale. An der Haltestelle vor der Jugendherberge bleibt der Fahrer minutenlang stehen. Er wartet auf vier junge Frauen, die über die Brücke auf den Bus zulaufen.
Busfahrer: Bisschen Zeit haben wir noch... Bitteschön, bitteschön. Gracias...

Geräusch: Fahrgeräusch, Durchsage "Hiroshimasteg"... spanisches Palaver, dazu Halten, Anfahren, Fahrtgeräusch, Gong "...", Fahrt
Gong "Lützowplatz", Fahrt, Spanisch Anhalten,
Gong "Schillstraße", Handy klingelt, Anhalten
Gong "An der Urania" etc.


Die jungen Frauen sprechen Spanisch. Sie steigen schnatternd die Stufen hoch ins Oberdeck des Busses. Sie wollen unter sich bleiben.

Ein junger Mann (in einer olivgrünen Felljacke) blickt verträumt aus dem Fenster. Er ist 25, in Kreuzberg geboren, türkischer Herkunft. Er jobbt bei seinem Onkel und weiß noch nicht, was er beruflich machen soll. Jetzt fährt er zu Freunden nach Charlottenburg.

Junger Mann: Ich hab früher in SO 36 gewohnt, das war halt ziemlich downtown. Es war immer was los auf der Straße. Es war auch nicht unangenehm, ich fand's schön. Aber jetzt so zum Wohnen ist es mir schon wichtig, dass es ruhig ist. Und ich halt nachts ruhig schlafen kann, und nicht durch irgendwelchen Lärm gestört werde.

Etwa zehnmal die Woche fährt der junge Mann mit dem 129er. Die Stadt lässt er dabei an sich vorüber rauschen.

Junger Mann: Ich brauch das. Hier hat man sehr viele Kontakte. Viele Freunde auch, wenn man so lange auch schon hier lebt.
Und man ist halt an diesen Chaos, sag ich mal, gewöhnt.
Ne, ich finde, dass alles organisierter geworden ist. Ich find's gut. Die Stadt, das Leben und so. Das gefällt mir.


Geräusch: Anfahren, Gong "U-Bahnhof Wittenbergplatz"

Der 129er biegt am Wittenbergplatz in Westberlins Einkaufsmeile ein. Sie beginnt mit dem KaufhausDesWestens, KaDeWe. Und führt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei zu den Edelboutiquen am Kurfürstendamm. Zeitweilig sind alle 90 Sitz- und Stehplätze im Bus besetzt. Es wird Französisch, Türkisch und Deutsch gesprochen. Abgehetzte Mienen sind nicht zu sehen. Die Menschen lassen sich in der Menge treiben. Ein älterer Mann fährt mit Rauhaardackel auf dem Arm.
Geräusch: Gong , "U-Bahnhof Adenauerplatz", kurzer Stopp, ...

Am Adenauerplatz wird es schlagartig wieder leerer im Bus. Hier beginnt Wilmersdorf. Das letzte Streckenstück bis zum Grunewald liegt vor Martin Herzer.
Das Sahnestück auf der so genannten "Linie des Schreckens".

Busfahrer: Die Linie des Schreckens - wir hatten vor einiger Zeit, hamm wer ne Jugendbande jehabt, die hier die Busfahrer ausjeraubt hat, sagen wir mal so. Auf ne seltsame Art und Weise. Die haben zum Beispiel hinten die letzte Tür den Nothahn entlüftet oder haben die Motorklappe hinten hoch gemacht. So dass der Busfahrer gezwungen war, aufzustehen, nach hinten zu gehen, und in der Zeit haben vorne andere Jugendliche die Kasse entwendet.
Ansonsten Linie des Schreckens - ne überhaupt nicht. Das sind halt Sachen, die passieren. Die Jugendlichen, die sind sowieso recht übermütig. Aber dass ich nun sage: Linie des Schreckens, nur weil mal ne kurze Zeit ein bisschen Stress war - überhaupt nicht.


Das Thema Gewalt gegen Busfahrer ist für alle Beteiligten so sensibel, dass Herzers Arbeitgeber nicht möchte, dass es wieder in die Öffentlichkeit gezerrt wird.

Busfahrer: Meine Frau hat vielleicht mal Angst, wenn mal wieder was passiert ist. Aber ich selber - nö. Deswegen fahr ich ja auch keine Nachtwagen mehr. Damit ich erst gar keine Angst haben brauch.

Nach 20 Uhr hat es die meisten Zwischenfälle gegeben. Das gilt jedoch für alle Nachtlinien. - Deeskalations- und Kundendiensttraining bietet die Berliner Verkehrsgesellschaft den Fahrern nun als Gegenmittel an. Auch mal einen Rückzieher machen, obwohl man als Fahrer das Hausrecht im Bus hat, so beschreibt es Martin Herzer.

Geräusch: Tür, einmal normal AB, 2,20 bitte, klimper - einmal normal…. Tür zu

Ein älteres Ehepaar steigt ein, geht hoch zum Oberdeck und setzt sich dort vorne auf die linken beiden Logenplätze. Beide tragen (Winterjacken. Dazu warme Hosen und) Wanderschuhe. Sie sind aus Ostberlin.

Frau: Wir leben in Lichtenberg. Berlin-Lichtenberg
Wir haben hier unsern Enkelsohn. Und weil unsere Tochter arbeitet, haben wir den heute in Kinderkrippe gebracht. Und jetzt haben wa Zeit bis nachmittag, und wollen uns da am Roseneck ne schöne Ecke Berlins ansehen.


Die beiden sind viel in ganz Berlin unterwegs. Die vielen Baustellen beklagt der Mann. Aber das Berliner Stadtbild hat sich doch stark verbessert.

Mann: Aber es ist so'n Publikumswechsel da, und jetzt gibt's die Differenzen. Milieuschutz, wie's da heißt. Ich bin eigentlich dagegen, wenn man Gegenden aufpeppt, dass die wirklich schön aussehen ...

Sie stupst ihn kurz in die Seite. Er redet sich in Fahrt.

Mann: Und wenn man dann sagt: Milieuschutz, und da versteht man drunter, dass da die Penner auf den Bänken sitzen und ihre Bierbüchsen und Bierdosen da verkonsumieren. Das gefällt mir nun nicht. Da sag ich auch, da muss man die Sache mal besenrein machen.

Frau: Naja, wir entfliehen dem oft und tun so, als ob man's nicht sieht. Aber oft merkt man's eben doch.

Die beiden wollen nicht weg. Die ProKopf-Verschuldung der Stadt, die macht ihnen allerdings schlechte Laune. Über 14.000 Euro pro Einwohner.

Frau: Irgendwie kriegen wir ja alle nen Happen davon ab. Ob man nun Rentner ist oder arbeitet... Ist schon beängstigend, der Verfall. Und et wird ja nicht besser. Und die Leute werden unlustiger, und aggressiver werden se. Also das ist schon ein Zeichen dieses Verfalls.
Mann: Und unser Bürgermeister … naja, is nich meine Welt.
Frau: Vom Niveau her, also das finden wir Berliner unmöglich. So kann keiner sein. Er regiert ja ganz Berlin. Und da haben ja die Alten ne ganz schöne Überzahl langsam. Wir werden ja immer mehr Alte. Und da ist es doch erschreckend. Vom Niveau her.
Mann:
Ich bin der Meinung, eine Hauptstadt muss vom Land finanziert werden. So wie wir's zum Beispiel in Frankreich und so haben! Und die Stadt muss auch einen Sonderstatus bekommen! Es geht nicht, dass hier die Regierung sitzt ja im Zentrum und blockiert!

Geräusch:
Busgeräusch, stehend, Gong-Gong "Roseneck, Endhaltestelle, Bitte alle aussteigen", //

Endhaltestelle "Roseneck" am Grunewald. Viele Raseninseln. Vorgärten, gepflegte Häuser. Wilmersdorfer verdienen im Durchschnitt doppelt so viel wie Neuköllner.

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