LänderReport
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21.7.2004
Die parmesanfreie Zone
Zwei Westfrauen in Mecklenburg
Von Alexa Hennings

Zwei Westfrauen zogen 1994 nach Mecklenburg. In die parmesanfreie Zone, wie die eine damals sagte, weil sie ihren frischen Parmesan und den Blattspinat im Ost-Laden vermisste. Wir berichteten 1997 über die ungewohnten Erfahrungen der beiden Frauen im fremden Landstrich Ost. Und nun, knapp zehn Jahre nach dem Auszug in den Osten, was ist da zu berichten? So sie noch in Mecklenburg anzutreffen sind. Fragt man die beiden Westfrauen heute, wie geht's?, müssen sie nicht mehr antworten: Toll, super, alles bestens. Sie können sagen: Na, geht so, damit oder damit komme ich nicht so gut zurecht - ohne sich gleich als Versager zu fühlen. So etwas in der Art lernt man im Osten. Die parmesanfreie Zone, Teil 2. Von zwei Westfrauen, die gen Mecklenburg zogen.

Angekommen in Mecklenburg. Vielerorts ist es schön in der Welt, natürlich auch anderswo...Natürlich ist es auch anderswo schön. Wo, das verschweigt das Werbevideo, denn schließlich soll es die Leute nach Mecklenburg bringen ...

1997. Eine Sendung über zwei Frauen, die umgezogen sind, entsteht. Nun sind zwei umziehende Frauen nicht a priori interessant, aber da sie es aus dem Westen in den Osten taten - und mit ihnen Tausende - so gab es schon etwas zu erzählen. Damals und heute. Zwei Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Mecklenburg gekommen waren: Sabine Hummelsheim, anfangs widerstrebend mitreisende Ehefrau, und Anne Wigger, die aus gänzlich freien Stücken gen Osten gezogen war.

Das ist für mich ein Grund gewesen, zu gehen: Weil ich dachte, das ist so eine einmalige Geschichte, die passiert, dieser historische Schritt, dieses Öffnen von so festgefahrenen Grenzen, was man geglaubt hätte, dass das nie passieren könnte - dass das in meinem Leben, das fand ich so irre, das wollte ich auf gar keinen Falle versäumen! Das war für mich ‘ne ganz bewusste Entscheidung, hierher zu gehen. Ich wollte mir nicht sagen lassen, dass ich 100 Kilometer weiter weg sitze und davon nichts mitkriege - von den aufregendsten und spannendsten Dingen, die vielleicht in meinem ganzen Leben passieren! Das wollte ich miterleben und das habe ich miterlebt!

Fast klingt es ein bisschen trotzig, was die Hamburgerin Anne Wigger da 1997 ins Mikrofon sagt, trotzig in die Richtung ihrer Heimat, ihrer Familie, ihrer Freunde: Ihr verpasst etwas, hört man da heraus, und ihr merkt es nicht einmal. Drei Jahre wohnte die allein erziehende Mutter mit ihrem kleinen Sohn damals schon in dem Dorf Gottesgabe in Mecklenburg, hatte beruflich Fuß gefasst als Lokalreporterin beim Norddeutschen Fernsehen in Schwerin. Der Job hatte sie in die tiefsten Tiefen des Landes geführt - und in die tiefsten Tiefen des mecklenburgischen Seelenlebens.

Ich habe das Gefühl, bei jeder Dorftour, die ich mit einem Hamburger Kennzeichen mache, wird es eigentlich schlimmer. Die Aggression wird immer größer und man muss immer viele Vorurteile überwinden, wenn man mit fremden Leuten ins Gespräch kommt. Ich glaube, dass es ehrlich gesagt eine gesunde Entwicklung im Osten ist, die Trotzentwicklung im Moment. Zu sagen: So, jetzt haben wir aber die Schnauze voll hier, uns immer klein machen zu müssen. Immer kommt irgendwer aus dem Westen und sagt uns, wie's läuft. Am Anfang haben wir noch gedacht: Oh, ja, der kommt aus dem Westen, de weiß, wie es läuft, und jetzt haben sie gesehen, dass die auch unheimlich viel Schieße gemacht haben. Und das ist definitiv so, es gibt sehr viele Leute, die hier sehr arrogant aufgetreten sind und nicht die Hoffnungen erfüllt haben, die viele Menschen in sie gesetzt haben. Naja, manchmal denke ich: Ist schon ein bisschen hart, dass es so verallgemeinert wird, dass man es eben auch so zu spüren kriegt. Aber auf der anderen Seite denke ich: Ja gut, das ist ihr gutes Recht.

Jetzt, im Jahre 2003, braucht sich Anne nicht mehr zu rechtfertigen, weil sie aus dem Westen kommt: Sie ist wieder im Westen - den man von Schwerin aus jetzt sogar problemlos mit dem Intercity erreichen kann. Berufliche Gründe führten Anne von Gottesgabe in Mecklenburg zurück nach Hamburg - sie hatte als Freiberuflerin keine Chance mehr, in Schwerin zu arbeiten. Doch auch das bessere Schulangebot in ihrer Heimatstadt war ein Grund zur Rückkehr, denn die Einschulung ihres Sohnes stand bevor. So fielen die Würfel für Hamburg. Es war die "sichere Variante", sagt Anne und lächelt ein wenig wehmütig.

Anne Wigger: Es ist ja so gewesen, dass ich mir damals sehr gut vorstellen konnte, zu bleiben. Das sind so diese Weichenstellungen, wo man dann denkt: Wie wäre mein Leben weiter gegangen, wenn ich geblieben wäre und wie ist es jetzt weiter gegangen. Das sind schon zwei unterschiedliche Leben, glaube ich. Ja, und da ist es eben auch so, dass ich lange ein bisschen wehmütig geworden bin über den Verlust dieser anderen Option.

Das blaue Ikea-Sofa, das schon immer den Hang hatte, bei der "Schlaffunktion" links wegzuknicken, steht jetzt im Hamburger Schanzenviertel. Hier hat Anne keine Schwierigkeiten mehr, frischen Parmesan und frischen Spinat zu bekommen - so, wie sie es in Mecklenburg Mitte der 90er Jahre erlebte und damit letztlich all das meinte, was sie zu Hause zurückließ: das Programmkino und die Freunde, die netten Boutiquen und den türkischen Gemüsehändler. Der Osten als parmesanfreie Zone, als unbekanntes Terrain, als friedvolles, ländliches Paradies, in das eine Hamburgerin unbekümmert hereinschneite.

Nach zwei Wochen bin ich dann ziemlich unsanft geweckt worden, weil ich nach einem Wochenende in Hamburg wieder kam und da war eingebrochen worden. Und mein kleiner Sohn, der knapp vier war, der hat dann nur noch geweint und gesagt: Mama, Mama, wir geh'n zurück nach Deutschland, wir geh'n zurück nach Deutschland! Und ich muss sagen, das war genau das, was ich auch fühlte, ich habe genau dasselbe gedacht: wir geh'n zurück nach Deutschland - lacht...


Vier Jahre sind sie doch noch in Mecklenburg geblieben nach diesem Ereignis. Als sie wieder in Hamburg ankamen, musste Anne an den Satz ihres Sohnes denken.

Anne Wigger: Beim Zurückgehen ist es so gewesen, dass mein Kind, so wie damals mit seinem Ausspruch: Mama, wir geh'n zurück nach Deutschland - da kam auch etwas von dem Positiven, was ich gespürt habe, als ich wieder hier war. Da war eine Situation, da sind wir durch unser Schanzenviertel, das Multi-Kulti-Viertel hier gegangen, aus jedem Laden riecht's anders, da gibt's asiatische Küche und türkische, da ist pakistanische Musik. Man geht das diese Straße längs und es ist wirklich Multikulti, die ganze Welt. Und da hat mich mein Kind ganz beseelt angeguckt und hat gesagt: Mama, hier ist es schön, hier mag ich sein.

Dass man sich in Hamburg eher der Welt als dem Osten Deutschlands öffnet, ist Anne später klar geworden. Schon früher in Mecklenburg hatte sie sich oft geärgert, wie wenig Besuch sie aus dem Westen bekam. Als sie wieder in Hamburg war, wurde ihr erst richtig deutlich, dass von dem anfänglichen Interesse der Wendezeit nur noch wenig übrig geblieben war.

Anne Wigger: Es ist schon erstaunlich, wie wenig der Osten eine Rolle spielt für uns hier. Doch, es ist schon so, wenn sich jemand wundert über Entwicklungen im Osten, dann werde ich schon eher mal gefragt, was ich denn davon halten würde. Aber, wenn ich jetzt so gefragt werde - da bin ich fast ein bisschen schockiert, jetzt wird's mir grade bewusst, wie wenig das eigentlich eine Rolle spielt! Wie wenig man irgendwas fragt und diskutiert wird. Ich glaube, in Hamburg geht man davon aus: Die Wiedervereinigung hat stattgefunden, das ist vollzogen, nicht in jeder Hinsicht beendet, aber im Großen und Ganzen ist es jetzt einfach so. Ich glaube, im Westen geht man wieder mehr davon aus, dass es funktioniert hat. Ich denke, das ist im Osten anders. Da wird nicht unbedingt davon ausgegangen, dass es funktioniert hat.

Anne Wigger: Das ist das, wovor ich Angst hatte, was ich eben noch mal gehört habe, was ich gesagt habe: Dass ich genau das nicht wollte, und was ich hier bei fast allen Menschen erlebe, die ich in Hamburg kenne: Dass es wirklich spurlos vorbei gegangen ist. Sie haben sich in den Jahren ganz wenig Ostdeutschland angeguckt, sind erst gefahren, als man davon ausgehen konnte, dass alles seine Ordnung hatte - und wo es auch nicht mehr fremd war. Und das tut mir auch immer leid, wenn es so wenig Neugier auf das Fremde gibt. Diese ganzen Gespräche, die wir so gehabt haben, die ich gehabt habe, dieses ganz oft mit den Freunden aus dem Osten zusammensitzen und sich austauschen über all die Kleinigkeiten, auch über Alltagskleinigkeiten, angefangen von Filmen, die man geguckt hat, aber auch zu den ganz wesentlichen politischen Fragen.

Anne Wigger: Das hat nicht stattgefunden. Dieses: die Wiedervereinigung aktiv machen mit Fragen und Antworten und selber erzählen, Dinge von sich preisgeben und andere geben auch Dinge von sich preis. Ich finde, solche Menschen muss es geben, und es hat sicher noch mehr Menschen gegeben, die das noch aktiver gemacht haben als ich. Das ist das, was ich von mir auch so ein bisschen erwartet habe, daran wenigstens zu einem kleinen Punkt teilzuhaben und das auch aktiv mitzugestalten.

Annes Rückkehr aus der parmesanfreien Zone brachte einige Bewegung in ihr Leben, vor allem in das als allein erziehende Mutter: Während sie sich in Schwerin ganz selbstverständlich auf einen bezahlbaren Ganztags-Kindergartenplatz verlassen konnte und ihr auch ein Platz im Schulhort gewiss war, ging in Hamburg die Rennerei los: kein Hortplatz, das Kind oft schon halb elf wieder zu Hause - diese Situation erforderte logistische Höchstleistungen und den vollen Einsatz von Großmutter und Babysittern. Die Selbstverständlichkeit, mit der Mütter im Osten arbeiten, vermisst sie in Hamburg schon.

Anne Wigger: Hier am Arbeitsplatz gilt gerade für Mütter die Prämisse: Erwähne nie dein Kind. Wenn du zu spät kommst, dann darf alles passiert sein, am besten, das Auto ist kaputt. Es geht darum, so was wie Männerausreden zu erfinden, wenn man zu spät kommt. Man kann aber auf gar keinen Fall erzählen, dass das Kind vielleicht früh im Kindergarten geweint hat, als man es abgab, oder dass es krank war und man noch einen Schlenker zur Großmutter machen musste, um das Kind dort abzugeben - solche Sachen konnte man eben nicht erzählen. Das war auch der Tipp, den man sich so von arbeitender Mutter zu arbeitender Mutter gegeben hat: Erwähne nie dein Kind! Sonst denken alle, du kannst nicht verlässlich arbeiten, nicht zuverlässig sein, weil Du ‘ne Mutter bist. Das gab's im Osten nicht.

Angekommen in Mecklenburg. Vielerorts ist es schön in der Welt, natürlich auch anderswo...

Als Sabine Hummelsheim in Mecklenburg ankam, hatte Schwerin gerade knapp vor Rostock das Rennen um die Landeshauptstadt gemacht. Die Wohnungen waren kaum zu haben damals, die Altbauten noch nicht saniert, und so landete die fünfköpfige Familie, die erst im Rheinland, dann in einem idyllischen Fachwerkhaus bei Hannover gelebt hatte, mitten in einer postsozialistischen Plattenbausiedlung: Schwerin, Großer Dreesch, 2. Bauabschnitt. Sabine führte damals um Kisten, Kästen und Kinderspielzeug herum in ein winziges Arbeitszimmerchen. Sie erzählte von Ihren Schwierigkeiten, hier heimisch zu werden.

Sabine Hummelsheim: Die ersten Wochen habe ich eigentlich nur in der Wohnung verbracht, bin kaum raus gegangen, habe mich mit unserem verunglückten Umzug beschäftigt, habe mich viel gegrämt, unsere Freunde vermisst, viel geweint und eigentlich kaum rausgeguckt. Ich konnte diese Häuser, die sich vor mir aufbauten, nicht ertragen. Das war so die härteste Zeit, die ich je erlebt habe. Da ich sie nun überstanden habe, finde ich es ganz gut, dass ich das mal erlebt habe. Aber ich musste mich selber am Schopf rausziehen.

1997 lebte die Familie schon fast fünf Jahre in Schwerin. Gekommen war man aus dem gleichen Grund wie viele andere: Der Mann fand im Osten eine interessante Stelle, die Frau zog um des lieben Friedens willen mit - bis heute ist das der klassische Einwander-Grund.

Sabine Hummelsheim: Ich habe damals gesagt - mein Mann wollte sich verändern - und ich hab' gesagt: ich geh' aber nicht in den Osten! Weil er das mal direkt nach der Wende gesagt hatte: Das wär' aber interessant für mich! Da war ich nicht so weit, da hatte ich einfach keine Lust zu, mich so stark zu verändern. Also, ich habe es schon meinem Mann zuliebe getan. Ich kenne Leute, die zurückgegangen sind, Männer die zurückgingen, weil die Frauen nicht nachkamen, weil die immer nur zu Besuch da waren und das auch immer seltener - weil sie es einfach nicht mochten. Es ist hier sehr anstrengend zu leben, wenn man anderes gewöhnt ist.

Alternativen zu staatlicher Erziehung beispielsweise, daran war Sabine gewöhnt - und die vermisste sie in ihrer neuen Heimat. Doch anstatt darüber zu klagen und um dem Plattenbaukummer und der Einigelung zu entfliehen, packte sie es an, baute den Waldorfkindergarten und die Waldorfschule mit auf, musste sich mit Ökonomie, Recht, Planung und Schulgesetzen befassen.

Sabine Hummelsheim: Wenn ich jetzt schon hierher komme, dann kann ich nicht nur jammern, dass hier alles anders ist und vieles mir sehr fremd ist, was auch nicht alles negativ ist sondern einfach nur fremd - sondern, ich muss es anpacken. Das ist eigentlich so meine Art. Und ohne dieses Anpacken - ich glaube, dann wäre ich nicht hier geblieben.

Wer Sabine Hummelsheim heute besucht, muss am Bahnhof, der gerade eine Baustelle mit zwei Bahnsteigen ist, nicht mehr die Straßenbahn zum Neubaugebiet nehmen. Zu Fuß eine halbe Runde um den idyllischen Pfaffenteich, dann hat man schon die Schelfkirche im Blick. Und direkt unter dem Kirchturm wohnt Sabine jetzt. Das Anpacken bezog sich damals nämlich nicht nur auf die Schweriner Waldorfvereinigung, sondern auch auf ein verfallenes Innenstadthaus. Die Hummelsheims wollten sich kein neues Haus am Stadtrand oder gar in einem der umliegenden Dörfer bauen, wo doch im Stadtzentrum so viele baufällige Häuser und Wohnungen leer standen. Fast drei Jahre dauerten die Bauarbeiten, alles Geld, alle Zeit und Kraft der Familie verschwand in dem alten Fachwerkhaus. Doch es hat sich gelohnt. Sabine scheint endgültig angekommen zu sein in Mecklenburg.

Sabine Hummelsheim: Ja, doch, ich fühle mich schon als Schweriner. Ich lebe ja nun mittendrin, habe viele Schweriner Bekannte und Freunde. Wir fahren längst nicht mehr so oft in unsere Vergangenheit sozusagen, zu unseren alten Freunden, die wir natürlich immer noch besuchen und brauchen. Wir sind doch - im Vergleich zu den ersten Jahren - viel hier, an den Wochenenden, in den Ferien. Das ist unser Leben hier. Und von daher fühle ich mich schon hier sesshaft als Schwerinerin. Und ich merke auch, dass ich Partei ergreife. Wenn jemand meckert, dem ich das nicht zugestehe, fühle ich mich als Schwerinerin. Umgekehrt mecker' ich selber, weil mir hier einiges nicht passt - und in dem Moment fühle ich mich auch als Schwerinerin, weil ich Dinge verbessern will und weil ich finde, diese Stadt könnte einiges besser machen für die Bürger - und da fühle ich mich genauso als Schwerinerin.

Wer meckert, ist angekommen, wer Partei ergreift für den Osten, obwohl er aus dem Westen kommt, auch. Immer wieder erlebt Sabine Unverständnis bei den alten Freunden und Bekannten - von denen es übrigens keiner den Hummelsheims gleich getan hat und in den Osten gezogen ist.


Sabine Hummelsheim: Wir unterhalten uns ja immer, wenn wir im Rheinland sind und Leute treffen - wir hatten da letztens so ein Treffen, wo ganz viele Leute waren, dann heißt es: Ach, aus Schwerin kommen Sie? Ah ja. Wie ist das denn? Und dann kommt oft eben auch: Ja, Ja, nun muss es ja auch mal Schluss sein, unsere Steuergelder! Dieses Festhalten an der Idee: Wir in den alten Bundesländern finanzieren mit unseren Steuern diesen ganzen Luxus da im Osten - das empfinde ich immer als sehr ausgeprägt und sehr ungerecht. Und das kann ja nicht verbinden. Das ist ungerecht. Und ich glaube, dass das hier auch Leute trifft. Mich trifft es ja mittlerweile auch schon. Dass ich sage: Was fällt euch eigentlich ein, wir zahlen hier genauso Steuern und andere Dinge.

Sabine Hummelsheim: Jetzt mal unabhängig von mir, wenn ich Ost und West betrachte denke ich, dass es eher wieder auseinanderdriftet. Weil vielleicht bei einigen die Euphorie zu groß war am Anfang, die Leute jetzt auch kritischer werden, jetzt, wo die wirtschaftliche Lage schlechter wird ganz offensichtlich und für alle spürbar. Hier sind die Leute noch mehr mit sich selber beschäftigt, mit wirtschaftlichen Nöten, vor allem mit Ängsten. Ich empfinde die Leute hier in Schwerin sehr viel ängstlicher als die Leute, die ich zum Beispiel im Rheinland erlebe. Da sind die Leute gelassener, viel gelassener. Obwohl es ja dort auch Arbeitslose gibt und nicht jeder reich ist. Die Menschen sind gelassener, und das ist schon schöner, angenehmer - obwohl es kein Verdienst ist. Die Angst hier überwiegt schon mehr, die Leute sind sehr besorgt um ihre Zukunft. Und das steckt schon an.

Sorge kann den Neid schüren. Wenn etwa die Familie am Tag des offenen Denkmals ihr Haus für alle Schweriner öffnet, dann können einen Blicke und Bemerkungen treffen, die so viel bedeuten wie: Na, ist ja klar, dass die das können!

Sabine Hummelsheim: Das ist schon so, dass man sich als Westdeutscher dessen mehr bewusst sein muss, ob das jetzt Neid erweckt oder nicht. Es ist eigentlich gar kein protziges Haus, es wirkt größer, wenn man es von hinten dann sieht. Ich mag es auch nicht gerne, wenn Leute dann gucken und sagen: Huch, ist das aber ein tolles Haus. Da steckt viel drin von uns, viel Fleiß, eigentlich alles, was wir hatten und haben fließt da hinein. Und für andere sieht es so aus wie: Na ja, die haben sich das mal eben so hingestellt. Das wäre im Westen nicht so ein Thema. Da merke ich dann doch, dass ich mich als Westdeutscher noch nicht so integriert fühle, dass ich das als unwichtig abtue. Dass ich schon das Gefühl habe, es wird einem nicht zugetraut, dass man nicht im Geld schwimmt, dass man bescheiden lebt und man sich schon überlegt, ob man dieses Jahr in den Urlaub fährt. Bloß weil man ein Haus hat muss man nicht reich sein. Wir haben unseren Sohn jetzt nach Irland geschickt zu einem Sprachkurs, dafür ist die Familie nicht in den Urlaub gefahren. Das ist was Normales, das erzähle ich auch nicht extra, damit man meint, auch Westdeutsche sind bescheiden. Das geht doch jedem so.

In der unteren Etage ihres Hauses hat sich Sabine Hummelsheim ihre logopädische Praxis eingerichtet. Jahrelang hatte sie ihren Beruf zugunsten der Kinder und der Waldorfvereinigung nur auf Sparflamme gehalten. Das große, bis auf ein Klavier, Tisch und zwei Stühle fast leere Zimmer, der Blick in den Garten, strahlt Ruhe aus. Das Abenteuer, als das Sabine den Nachwende-Osten vom Plattenbau aus erlebte, scheint bestanden. Diese Erfahrung hat Spuren hinterlassen.

Sabine Hummelsheim: Wenn ich geblieben wäre, wo ich war, dann wäre ich nicht so wach geworden. Und das ist eigentlich schon Abenteuer. Aber - na ja. Ich wäre im Westen nie dazu gekommen, ‘ne Schule mit aufzubauen, das war schon ein Abenteuer. Wach werde ich dadurch, dass ich immer wieder mit neuen Dingen konfrontiert werde und von meinem geplanten Wege abgebracht. Dass ich so aus meinem Trott rausgerissen wurde und hier keinen gefunden habe - es hier lange Zeit keinen Trott für mich - dadurch bin ich immer wieder konfrontiert worden, musste auch viel schlucken und viel begreifen lernen. Und ich denke, dass ich dadurch auch toleranter geworden bin. - Ich hoffe, mir widerspricht jetzt keiner!

So kann aus dem anfänglichen "sich verändern", was heißt: ein neuer Job, ein neuer Wohnort, ein "sich ändern" werden, etwas, das tiefer geht als ein Umzug. Das einem eine neue Sicht beschert und neue Hoffnung. Und die kann sich sogar bis auf die Enkel erstrecken, meint Anne, die Rückkehrerin.

Anne Wigger: Vielleicht fragen mich meine Enkel mal danach. Das glaube ich schon, dass aus der Distanz von so einer anderen Generation, die das nur noch im Geschichtsunterricht behandelt und die dann ungläubig fragt: Wie, war das wirklich so, es gab zwei Deutschlands? Wie war das denn? Ja, da habe ich das Gefühl, ich hätte was zu erzählen. Und ehrlich gesagt, ich hoffe auch, dass ich mal gefragt werde von meinen Enkeln - lacht - weil, es täte mir leid drum, wenn sich für ein so spannendes geschichtliches Kapitel keiner mehr interessiert. Und das finde ich nach wie vor: das ist es gewesen. Und das wird sich tatsächlich nicht so schnell wiederholen.
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