LänderReport
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23.7.2004
Der letzte Mohikaner
Als letzter Ost-Verein behauptet sich Hansa Rostock in der Fußball-Bundesliga
Von Axel Flemming

FC Hansa Rostock (Bild: fc-hansa.de)
FC Hansa Rostock (Bild: fc-hansa.de)
Totgesagte leben länger. Schon oft wurde Hansa Rostock, der letzte Ost-Verein in der Fußball-Bundesliga, der Abstieg prophezeit, doch immer wieder belehrten die Kicker aus Mecklenburg-Vorpommern alle Skeptiker eines Besseren. Der Erfolg der Rostocker beruht auf Begeisterung und solider Arbeit. In einem Internat werden seit 1998 gezielt Nachwuchsspieler ausgebildet - zurzeit sind es 20 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren -, eine geschickte Transferpolitik sorgt für gefüllte Kassen, und das neue Stadion lockt das Publikum zu den Heimspielen.

"Ostseestadion - rekonstruiert 2000/2001, erbaut im nationalen Aufbauwerk 1953 bis 56. Geleistete freiwillige Aufbaustunden: 236.071. Hierdurch eingesparter Geldwert: 928.018 D-Mark 20." So kündet ein großer Findling vor dem neuen Stadion in Rostock.

Jens Johannson: Dieses Stadion wurde neu eingeweiht 2001 im August, gegen Leverkusen war das erste Spiel ja - und ist jetzt knapp drei Jahre alt.

Charakteristisch sind die vier blauen Lichtmasten, die schräg abgestützt von außen über dem Stadion hängen. Bei Heimspielen steht das "Hansamobil" direkt vor dem Haupttor. Hier gibt es:

Fahnen, Schals, Caps, Trikots. Immer unterschiedlich. Je nachdem wie die Leute drauf sind. Wir verkaufen nur Hansa.

Und nicht etwa Fanartikel vom Gegner. Die ersten Fans trudeln ein. Für sie ist Hansa Religion und regionale Identität:

"Weil's an der Ostsee ist." "Der einzige Ostverein, wir müssen doch den Osten vertreten. Hansa ist einfach geil. Ich finde Hansa ist ein Kult."
"Dass es ein Ost-Verein ist, hier richtig Ossi-Power ist. Bis die Kogge sinken tut. Ossi-Power!"


An den Erfolg hängten sich 1995 auch die Puhdys.

Wer hat die schnellsten und die allerschönsten Fußballbeine - FC Hansa ohoho
Wen hätte manche Frau so gerne ganz für sich alleine - FC Hansa ohoho
Wer schießt die Bälle wie Raketen sicher rein ins Tor - FC Hansa ohoho
Wer läßt die Gegner beten wenn die Fans singen im Chor

FC Hansa du bist so genial
FC Hansa wir lieben dich total
Auch wenn du mal daneben schießt
wir sind für dich da - FC Hansa - FC Hansa


Ein Bundesliga-Spiel muss natürlich gut vorbereitet werden:

Mein Name ist Jens Johannson, ich bin hier der Oberplatzwart, wenn man so will. Vor dem Spiel haben wir noch mal gemäht den Platz, man muss ja eine gewisse Schnitthöhe auch haben. Jetzt kreiden wir ab die Linien, danach kommen dann die Tore rein, Eckfahnen und so weiter, damit nachher wenn die Mannschaften kommen alles soweit in Ordnung ist.

Gelernt hat der 38-Jährige natürlich was anderes: Elektromechaniker.

Jens Johannson: Das schadet auch nix, weil wir auch von der Technik einen ziemlich großen Fuhrpark haben. Kann nicht schaden, wenn man nicht nur einen rein gärtnerischen Beruf hat.

Axel Schulz: So sieht's jetzt aus, der Rasen bekommt noch seinen letzten Schliff von den Platzarbeitern, da drüben werden gerade die Auswechselbänke abgedeckt und es wird so peu a peu das Stadion vorbereitet, dass es dann um 15 Uhr 30 losgehen kann.

Pressesprecher Axel Schulz hatte auch mal einen anderen Beruf: Er war Fußballspieler. Jetzt steht er im Keller des Stadions:

Das ist hier die Mix-Zone, das ist auch der Bereich, wo sich nach dem Abpfiff ca. zehn Minuten die Journalisten einfinden und die O-Töne der Spieler einholen und wo sich die Mannschaften sammeln, um zwei Minuten vor Anpfiff aufs Feld zu laufen.

"Lizenzspielerbereich, Zutritt nur für autorisierte Personen", steht dort an der Tür. Vor dem Spiel ist dort Tabuzone, hinein dürfen nur die Premiere-Journalisten, die exklusiv vom Spiel berichten. Der Entspannungsbereich mit Entmüdungsbecken, Physiotherapie und Kraftraum bleiben den neugierigen Blicken verborgen.

Am Eingang vor der Nordkurve hatten sich schon eine Stunde vor Einlass über 100 Fans versammelt. Viele trinken Bier und erinnern sich an Höhen und Tiefen ihres Vereins, an die schlimmste Stunde:

"Das Spiel gegen Bochum '99. Auswärtsspiel, wo Majak noch in der letzten Minute das Tor gemacht hat, in der Nachspielzeit." Abstiegskampf: "Das war ne Zitterpartie, mir wurd' schon richtig schlecht. Weil es kurz vor Abpfiff war, aber gerade so die Kurve gekriegt. Das war das schlimmste bis jetzt, find ich."

Und an die größten Momente:

Gegen Bochum, wo Oliver Neuville bei uns noch mitgespielt hat und wir nicht abgestiegen sind. Mit der Kopfverletzung. Da sind wir auch nicht abgestiegen. Das ist der beste Held, den Hansa je hatte. Und wenn der wieder zurück kommt, dann wird das richtig gefeiert. - Ja und letzte Saison, wo wir 3:1 gegen Schalke gewonnen haben - Hammergeil. Das hat richtig Spaß gemacht, auf jeden Fall.

"Souvenirshop - Hansa Fanprojekt" steht an einer Holzhütte Jugendliche tragen Biertische und Bänke auf die kleine Terrasse und bereiten sich so auf das Spiel vor. Peter Schmidt, der Fanbeauftragte fährt schon seit 1974 zu jedem Auswärtsspiel. Inzwischen organisiert er Bahn und Busfahrten, Sonderzüge:

Alles was die Fans angeht, ob nun Organisation Fanzusammenhaltung alles, jede Auswärtsfahrt, jedes Heimspiel, heute machen wir eine große Blockfahne, haben wir organisiert, zwanzig mal zwanzig.

Trotz gelegentlich negativer Schlagzeilen macht er sich derzeit keine Gedanken um einen schlechten Ruf.

Peter Schmidt: Es gibt immer ein paar Ausnahmen, aber eigentlich sonst einen guten. Hat man öfters mal mit solchen Leuten zu tun. Aber bis jetzt ham wir's immer gut in Griff gekriegt. Na ja eigentlich mit den Sonderzügen, wo die Hools mit drin waren und so genannte Fans, die immer tun als ob sie alles dürfen. Gar nicht wegen Alkohol. Es gibt einige, die auf so was aus sind. Aber wir haben da keine Angst vor.

Da hilft auch die Architektur der neuen Arenen, die räumliche Trennung der Fanblöcke im Stadion. Auch wenn Peter Schmidt die Unmittelbarkeit von früher manchmal vermisst, räumt er ein:

Ja, da war's schlimmer. Gefährlicher. Heute ist Fußball lockerer drauf. Heute kommt man mit den Fans zusammen. Früher musste man froh sein, wenn man heil aus den Städten wieder zurückkam.

Angstgegner kennt er nicht, auch nicht bei den Fans. Wir haben gegen alle verloren oder gewonnen, sagt er. Aber von wegen Ossi-Power:

Peter Schmidt: Es gibt einen Gegner, die wir nicht mögen: Energie Cottbus. Weil wir da immer schlecht behandelt werden von vielen Fans. Aber auch vom Verein wurde uns schon mal bös mitgespielt, und seitdem besteht diese Feindschaft auch.

Mädchen: Ostverein? Das kann sein, ist aber auch ganz gut so, weil Ostvereine gegeneinander ist nicht so gut. Ziemliches Gekloppe oder so wenn Cottbus dabei ist. Ich find das nicht so gut, eigentlich sollten sie sich unterstützen und dass die sich so bekriegen anstatt sich zu helfen, das find ich nicht so gut.
"Hoffentlich steigen die wieder auf, dass wir wenigstens zwei Ossimannschaften oben haben. Aber dass wir uns zehn Jahre oben gehalten haben, das ist das Beste. Ja, das haben wir gut hingekriegt. Auch wenn wir nicht deutscher Meister werden, das interessiert uns gar nicht."
"Nee würd ich eigentlich nicht. Von mir aus müssen sie nicht hochkommen, jedenfalls nicht Energie. Vielleicht irgendwelche andern, aber nicht Energie."
"Das wichtigste ist eigentlich das Spiel. Dat ist die einzige Mannschaft, die bei uns in der Nähe ist. Wir kommen von der Insel Usedom, Cottbus, Berlin ist zu weit, Rostock ist näher, Stimmung, das macht Spaß. Ich bin Fan von Leib und Seele, ich bin so aufgewachsen Hansafan, dat is nu mal seit Ewigkeiten so und deshalb häng ich auch an der Mannschaft. Wir gewinnen heute - oder nicht? Na logisch. Umsonst bist doch nicht hier heute."


Die Fans kennen natürlich die Mannschaft in und auswendig. Wenn der Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellung bekannt gibt, werden die Namen laut gerufen:
"Mit der Nummer eins unser Kapitän: Matthias..." "Schober"...

Hansa Rostock hat einen 24-Millionen-Etat und 60 Mitarbeiter, für Mecklenburg-Vorpommern ist der Verein mehr als ein mittelständisches Unternehmen. Pressesprecher Axel Schulz weiß, dass wichtige Gespräche von Politik und Wirtschaft gerne mal am Rande von Fußballspielen geführt werden. Dafür gibt es die Logen 1-13. In der "Hansa-Loge" hängen Bilder vom ehemaligen, fast 50 Jahre alten Stadion.

Axel Schulz: Das ist hier noch das alte Stadion. Da ist zwar ein Baufahrzeug, aber der macht da was am Zaun dahinten. Sieht man auch schön auf diesem Foto das alte Eisstadion, was wir früher genutzt haben als Parkplatz für die Medienvertreter und genau auf dieser Stelle befindet sich jetzt einer der Trainingsplätze für die Profimannschaft.

Während der Bauphase musste weiter hier gespielt werden, auf einem weiteren Bild sieht man: Das halbe Stadion ist schon abgerissen. Die Nordkurve fehlt.

Axel Schulz: Wenn wir hier noch mal weitergehen, das war gerade auch für die Spieler sehr gewöhnungsbedürftig. Die haben hier praktisch auf eine nicht vorhandene Tribüne gespielt und konnten die Autos vorbei fahren sehen, war schon ein komisches Gefühl, für die Spieler besonders.

Aus der alten Zeit stammt auch das Lied "F.C. Hansa ohé" von Horst Köbbert:

Hallo Fans es ist soweit, die Hansacrew ist fit,
zur Oberliga Fußballzeit, ist das der Küstenhit.
Des Gegners Tor ist unser Ziel, ihm alle volle Netze;
drum Stopper los, in jedem Spiel - so geht's nach vorn zur Spitze.
Refrain: Wie der Wind auch weht, wie die Dünung geht,
unsere Kogge liegt gut in der See.
F - F - F C H - FC Hansa ohe


Inzwischen hat Köbbert eine neue Version aufgenommen, angepasst an das neue Ostseestadion: 29.000 Plätze, alle überdacht, auch die 8000 Stehplätze. Durchschnittlich kommen derzeit 21.000 Besucher, der Verein freut sich über die Steigerung im letzten Jahr.

Klinkmann: Wir haben ein Stadion gebaut, dass in seiner Größe im Vergleich europaweit sicherlich zu den schönsten Einrichtungen gehört. Das ist uns immer wieder bestätigt worden.

Horst Klinkmann, Aufsichtsratsvorsitzender vom FC Hansa und Mann der ersten Stunde:

Klinkmann: Ja ich bin Gründungsmitglied. Ich hab die Mitgliedsnummer 1,2,3 oder 4, das weiß ich nicht. Ich hab den Verein über die zurückliegenden Zeiten begleitet, und freue mich heute über das, was aus Hansa trotz unserer außerordentlich begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeit geworden ist.

Das Erfolgsrezept: Hansa war lange Zeit ein "Durchlauferhitzer" für Spielertalente. Die wurden billig erworben und teuer verkauft:

Klinkmann: Ja kucken sie sich doch mal in der Bundesliga um; eigentlich könnte Hansa mit seinen ehemaligen aktiven ohne weiteres um den deutschen Meistertitel mitspielen oder in der Champions League. Ich greif nur mal zurück auf all die, die von Hansa kommen: Oliver Neuville, Sergej Barbarez, Marco Rehmer, Martin Piekenhagen, Paul Beinlich...ich könnte die Reihe fortsetzen.

Zum Beispiel mit Jonathan Akpobori oder Victor Agali. Ähnlich argumentiert auch der Cheftrainer Juri Schlünz.

Juri Schlünz: Jahr für Jahr schmerzt das. Man darf sich bloß nicht unterkriegen ... es geht dort wirklich nur ums Geld. Und wenn dort junge Fußballspieler sind, die sich etabliert haben in der Bundesliga, durch Hilfe von uns Trainern und dem ganzen Verein hier, dann die suchen neue Herausforderungen und wollen ihre Zeit nutzen Geld zu verdienen.

Klinkmann: Juri ist ein Eigengewächs. Ich kenne ihn seit seiner Schulzeit persönlich. Ich hab von Anfang an mehrfach versucht ihn zu bewegen, bei unseren Trainerwechseln dass er Cheftrainer wird. Jetzt hat er's getan mit sanftem Druck. Er hat eines geschafft: Ein Team wie Hansa Rostock lebt nicht von einzelnen Stars, sondern lebt vom Wir-Gefühl.
"Unser Trainer: Juri..." "Schlünz, Schlünz, Schlünz!"


Der ist schon so lange dabei, der hat schon eine Inventarnummer, sagen einige spöttisch.

Juri Schlünz: Na ja, das hat sich so entwickelt, wenn man mit sieben Jahren hier anfängt Fußball zu spielen und durchläuft dann alle Stationen, das sucht ja schon seinesgleichen wenn man als 7-Jähriger anfangt und endet dann in der Bundesliga als Cheftrainer, dann vergehen natürlich Jahre. Und wenn man 35 Jahre bei einem Verein ist, dann kann man ja mal nachrechnen, wenn man acht Stunden hier ist, dann war man zwölf Jahre durchgehend bei diesem Verein. Und deswegen hat man eine riesige emotionale Bindung zu Hansa Rostock.

Der Mann wirkt in Interviews nicht abgebrüht und greift nicht unbedingt auf ein Repertoire von Standard-Antworten zurück. Er hat lange gezögert, bis er wirklich Cheftrainer werden wollte.

Juri Schlünz: Ja, erst mal hab ich schon als Spieler die Absicht gehabt, Trainer zu werden. Ich hab sechs Jahre neben dem Fußball studiert, hab nebenbei ne Diplomarbeit geschrieben, bin dann Diplomsportlehrer geworden und hatte immer den Wunsch Trainer zu werden. Vor allem auch mit Jugendlichen. So hab ich hier angefangen beim Hansa Rostock als B-Jugend-Trainer das hat mir sehr viel Spaß gemacht und war dann unter Ewald Lienen Co-Trainer Und das war der nächste Schritt. Man weiß nie was als nächstes kommt im Fußball. Und dann hat man einfach eine Entwicklung durchgemacht. Ich hatte eigentlich nie das Bestreben, Cheftrainer zu werden, weil mir die arbeit als Co-Trainer Spaß gemacht hat. Und weil ich mich da hundertprozentig mit identifiziert hab. Dann passieren natürlich in der Bundesliga Saison für Saison irgendwelche Geschichten, Dann bin ich eingesprungen als Interimstrainer ja und jetzt war es vor wieder der Fall und dann war ich soweit nach sieben Jahren, jetzt trau ich mir das zu jetzt übernehme ich Verantwortung und ich glaube ich hab bewiesen, dass ich eine Bundesligamannschaft führen kann.

Angst vor dem mitunter schnell rotierenden Trainer-Karussel in der ersten Bundesliga?

Juri Schlünz: Ich hab nicht an mir selbst gezweifelt, mir hat es einfach Spaß gemacht als Co-Trainer zu arbeiten. Ich hab dann von den jeweiligen Cheftrainern, das waren vier, jede Menge Sachen übernommen. Man übernimmt vor allem die positiven Sachen. Und dann war's für mich einfach soweit. Auch mit der Familie hab ich das besprochen. Und wenn man vorher erst ein oder zwei Jahre in der Bundesliga ist sollte man sich nicht überschätzen und sagen, jetzt bin ich hier der Richtige und mach das. So'n Typ bin ich nicht und ich glaub so wie ich mich verhalten hab bin ich ganz gut gefahren.

Mittlerweile werden die Betreuer für den VIP-Bereich "Neptun" eingeteilt. Hinter Glas warten dort runde Tische auf die Logeninhaber. Das Büffet ist auf einem alten Holzboot angerichtet: Mozzarella auf Tomate, Sushi, Krabbenschnittchen, marinierte Garnelenschwänze und andere Appetithäppchen. Hauptspeisen: gebratener Truthahn, Kartoffel-Zucchini-Gratin, Jungsauenenfilet auf Rahmchampignons, Edelfischvariationen auf Weißwein-Paprikasauce, Bärlauchgemüse und zum Dessert Pannacotta, frisches Obst und Kuchen.

Der normale Fan isst anders - Fischbrötchen oder Bockwurst für zwei Euro - und hat Durst. Bier geht am besten.

Zwischen 300 und 400 Liter pro Stand

... und 20 Stände sind offen.

Jetzt, wenn's etwas wärmer ist, kalte Getränke: Cola, Bier oder Zitronenlimonade, wenn's Kälter ist haben wir auch Glühwein, Kakao und Kaffee.

Nervenstark mussten Chef- und Co-Trainer in der Vergangenheit sehr oft sein. Hansa schrammte immer wieder an den Abstiegsplätzen vorbei; häufig wurde bis zum letzten Spieltag gezittert:

Juri Schlünz: Ich hab sehr extreme Situationen im Abstiegskampf mitgemacht und unsere Fans natürlich auch. Da wird man auch leidensfähig und da freut man sich umso mehr, dass nach dem schlechtesten Bundesligastart seit Bestehen in der Bundesliga doch noch so gut geklappt hat. Das war keine leichte Aufgabe für mich, das waren auch schwierige Situationen zu überstehen aber das hab ich mit meinem Trainerkollegen und dem Umfeld der Mannschaft geschafft. Das schafft im Fußball sowieso nicht ein einzelner. Irgendwas im Mannschaftssport. Das wird zwar gerne so dargestellt, aber im Prinzip geht es ja nicht.

Klinkmann: Wir brauchen eine Ballett-Truppe und keine Primaballerina. Juri hat es geschafft, das ist das ganz Geheimnis dieses alte Hansa-Wir-Gefühl vom Fan über Vorstand, Aufsichtsrat bis hin zum Akteur auf dem Rasen wieder zurück zu holen, weil er es einfach selber lebt.

Das kommt auch bei den Fans an:


Hansa hat jetzt endlich mal einen Trainer, der sich auch mit dem Verein identifiziert, der nicht nur sagt, das ist meine Arbeit, da hängt sein Herz dran. Und deshalb wird er auch ewig bei uns bleiben. Und wenn nicht mehr als Trainer dann als anderer Angestellter. Auf jeden Fall wird er immer bei uns bleiben.
Juri ist der Beste, der allerbeste. Der hat uns richtig hochgeschaukelt. Er ist eben der längste, der treueste. So lange ist keiner bei Rostock. Er ist der Beste eigentlich. Mit dem könnten wir sogar in die dritte Liga absteigen und den würden wir trotzdem noch feiern. Aber soweit wird's nicht kommen.
"Die Harmonie stimmt unter der Mannschaft. Die können lachen, auch wenn er verliert, der nimmt denen das nicht übel. Seitdem der andere Vogel - wie hieß der Affe? - da war das alles blanker Hass. Und jetzt kommen die Spieler auf den Platz und lächeln schon von weitem."
"Er ist der Verein, er ist Hansa Rostock. Wenn man andere Trainer sieht Funkel, Veh, das war Arbeit für die, aber das ist sein leben ist das. Juri Schlünz ist wirklich ein toller Typ und es würde jedem von uns in der Seele weh tun, und ihm am meisten, wenn man ihn irgendeinmal zum Teufel jagen würde."


Der Trainer weiß das zu würdigen:

Schlünz: Wenn man sieht, dass uns nach Berlin 12.000 begleitet haben, und nach Auswärtsspielen - wir haben ja mit die weitesten Reisen - jedes Mal zwischen 2- und 5000 Fans mit dabei sind, das ist schon Wahnsinn wie die mit uns fiebern und deswegen ist es einfach in der Pflicht der Mannschaft für diese Fans - ich möchte jetzt nicht sagen sich den allerwertesten aufzureißen.
Ja das krieg ich mit und das tut auch gut. Das ist natürlich besser als wenn es anders ist, wenn die Fans den Trainerrausschmiss fordern. Aber das war als Spieler schon so und wenn man so lange Höhen und Tiefen mitgemacht hat, und immer auch beim Verein geblieben ist, spüren die Fans das, dass man sich man alles gibt für diesen Verein und honorieren das so. das tut gut und treibt mich immer wieder an, vor allem in Heimspielen.


Dabei ist Schlünz ein Vertreter des aufgeklärten Patriotismus:

Ja, für die Menschen, die in der ehemaligen DDR gelebt haben, ist es auf jeden Fall was Besonderes. Das gibt auch so ein bisschen Selbstwertgefühl zurück, weil auch viele Menschen hier arbeitslos sind oder denen es nicht so gut geht. Da fiebern sie natürlich mit den Mannschaften mit. Das war ja auch Dresden und Leipzig schon in der Bundesliga, und Cottbus zum Beispiel auch …

Irgendwann einmal muss doch aber Schluss mit ostig sein?

Mittlerweile kann man Hansa Rostock schon mit zu den Nord-Vereinen zählen. Wir sind nur 100 Kilometer von Lübeck weg und 150 von Hamburg. Und ich kann nicht irgendwann meinen Enkeln erklären Hansa Rostock liegt im Norden und ist eigentlich ein Ost-Verein. Also da kann man vielleicht zu Cottbus sagen, territorial ist das ein Ost-Verein, Aber natürlich für die Leute von Früher sind natürlich alles Ost-Vereine.

Aufsichtsratsvorsitzender Horst Klinkmann hat noch eine andere Erklärung für die seit zehn Jahren anhaltend hohen Sympathiewerte von Hansa:

Klinkmann: Ein bisschen ist es auch das Privileg des Schwachen oder auch das Underdog-Phänomen, das wir haben. Das wir mit die größte Anzahl von Fanklubs in Bayern haben, außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns ist ja ein bisschen ein solches Spiel dieser Sympathieskala. Aber ich glaube, es ist auch eine echte Anerkennung, der hier geleisteten Arbeit. Wir haben uns nie verschuldet, wir haben jetzt das 4. oder 5. Mal in Folge die Lizenz ohne irgendwelche Auflagen erhalten.

Nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit. Das weiß auch Platzwart Jens Johannson. Probleme mit Unkraut gibt es nicht. Die Tribünen verhindern, dass Samen von außen eingeweht werden.

Jens Johannson: Nach dem letzten Spiel im Mai wird der komplette Platz einmal regeneriert das heißt es wird noch mal vertikutiert, es wird noch mal gelüftet, besandet, neu eingesät, Dünger gestreut, damit er über die Sommerpause zum ersten Heimspiel hin zum Saisonstart optimale Verhältnisse sind.

Wenn nur die Umgangsformen der Fans noch ein bisschen höflicher würden... Da wäre doch noch einiges zu feilen: Beispiel vom Spiel gegen Schalke, genannt "Schalke-Kanaken":

Schalke ist so hässlich, Schalke ist ein Dreck, eine kleine Bombe und Schalke ist weg.
Jo, das is ja bei jedem Spiel. Wenn wir nach Schalke kommen, die würden uns genauso rund machen. Uns Ossi-Scheiße nennen. Das ist ja normal, das ist n un mal Fußball.


Und wenn Schalke-Fans nach Rostock kommen, dann sind sie auch nicht gerade fein in der Wortwahl. Für sie ist der FC Hansa:

N Scheißverein! Weil dat ein Drecksverein ist, hier gibt kein Bier umsonst. Ab, die Mauer hoch, zumachen hier die Bude und fertig..." Lachen.

Hier spielt man den Ball noch mit Herz
Und nicht nur mit den Beinen
Ob in Freude oder im Schmerz
Wir woll'n Hansa und sonst keinen

Hier spielt man den Ball noch mit Spaß
Hier steht man noch richtig zusammen
Hier fegt noch ein richtiger Sturm übers Gras
Und es verbindet uns was

Refrain:
Hansa forever für alle Zeit
Hansa forever und für die Ewigkeit
Wir lassen Hansa niemals im Stich
Hansa für immer und unendlich

Hier kommt keiner am Fußball vorbei
Hier drücken noch alle die Daumen
Hier sind Fans mit dem Herzen dabei
Wo andere Vereine nur staunen

Hier spielt man den Ball noch mit Spaß
Hier steht man noch richtig zusammen
Hier fegt noch ein richtiger Sturm übers Gras
Und es verbindet uns was

2x Refrain:
Hansa forever für alle Zeit
Hansa forever und für die Ewigkeit
Wir lassen Hansa niemals im Stich
Hansa für immer und unendlich

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