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28.7.2004
Rasanter Wandel
Wie die brandenburgische Schwedt mit der EU-Erweiterung zurecht kommt
Von Claudia van Laak

Leerstehender Plattenbau in Schwedt (Bild: AP)
Leerstehender Plattenbau in Schwedt (Bild: AP)
1958 hatte die Stadt Schwedt an der Oder knapp 5000 Einwohner, 1989 53.000, jetzt noch 37.000. So schnell, wie Schwedt in der DDR gewachsen ist, so schnell scheint die brandenburgische Stadt jetzt zu schrumpfen. So radikal wie in der Grenzstadt zu Polen sind in keiner anderen ostdeutschen Gemeinde Plattenbauten abgerissen worden. Der rasante Wandel erfordert eine Menge Anpassung von den Schwedtern. Diese Flexibilität können sie jetzt gut gebrauchen - ist doch das Nachbarland Polen seit dem 1. Mai Mitglied der EU. Im Klinikum arbeiten die ersten polnischen Ärzte, das Theater kooperiert mit der Oper in Stettin.

Wer sich Schwedt von Westen her nähert, wird an US-amerikanische Städte erinnert. Breite Highways, auf denen kaum Autos fahren, von weitem die Silhouette der Erdölraffinerie, größter Arbeitgeber der Stadt. Ein Mc-Donalds-Drive-In, ein Einkaufscenter mit 1500 kostenlosen Parkplätzen am Rande der Stadt.

Das Odercenter ist ein deutsches Einheits-Einkaufszentrum, das genau so auch in Erfurt oder Kassel stehen könnte. 65 Einzelhandelsgeschäfte, eine austauschbare Glas-Backstein-Architektur, es dudelt die bekannte seichte Einkaufsmusik. Und doch ist das Odercenter in Schwedt anders - Fünf Prozent der Kundinnen und Kunden sind Polen. Die Einkäufer aus dem Nachbarland sind beliebt, im Kosmetikgeschäft genauso wie in der Boutique.

Umfrage Verkäuferinnen: Sie kaufen sehr hochwertig, wenn sie kaufen, dann gut und komplett, vom Oberteil bist zum Unterteil, sind für uns gute Kunden, möchten wir nicht missen.
Die haben sehr viel Geld und kaufen nur die teuren Sachen.
Man hat immer gedacht, wenn man Polen hört, Polen ist arm, die können sich nichts leisten, aber es ist genau umgedreht.


Nur Lob für die polnische Kundschaft also. Logisch wäre es, wenn sich die Geschäfte auf ihre Käufer einstellten - mit Preisen in Zloty zum Beispiel, mit einer Möglichkeit, Geld umzutauschen, mit polnischen Schildern, mit zweisprachigen Verkäuferinnen. Nichts von alledem.

Umfrage Verkäuferinnen: Ne, ick kann kein polnisch. Drei Brocken, aber das reicht nicht zum Verkauf. Uwaga, Achtung, ne, ick kann kein polnisch.
Nein, überhaupt nicht, ein bisschen, dzien dobry, danke, und so, wat man so sagt.
Dziekuje, ja, das war´s dann aber auch, dobry dzien, was heißt das.
Guten Tag geht gerade noch so (lacht), ach Gott, wie war das gleich noch mal, jetzt hab ich´s vergessen.


Verlegenes Lachen, Hilfe suchen bei der Kollegin. Mehr als drei Worte Polnisch kann kaum eine Verkäuferin im Odercenter. Die Erklärungen:

Umfrage Verkäuferinnen: Viele können deutsch, wir haben eine Kollegin, die ein bisschen Englisch versteht.
Mimik, Gestik, man versteht sich auch ohne Worte.
Die können Deutsch, die können besser Deutsch wie manch Deutscher Russisch und Englisch
Die sprechen alle Deutsch, da haben wir nicht das Problem, die sind flexibler wie wir, Polnisch ist auch sehr schwer.


Bianka Käppler kennt die Erklärungen und Ausflüchte der Verkäuferinnen und ärgert sich. Die Managerin des Einkaufszentrums erklärt seit langem, dass man nicht abwarten kann, dass sich die Geschäfte auf die neue polnische Kundschaft einstellen müssen. Wenn das Odercenter es nicht macht, machen es die anderen, sagt sie.

Käppler: Was sie natürlich wünschen, wenn sie auf Polnisch begrüßt oder verabschiedet werden, oder wenn die Mitarbeiter einige Sätze polnisch sprechen, es ist natürlich ein großer Sympathiefaktor, den ich meinen Mietparteien ans Herz gelegt habe.

Die erst 30-jährige Managerin des Odercenters lässt nicht locker. Wir müssen uns anstrengen, sagt sie. Mit einer Werbebeilage auf Polnisch wirbt Bianka Käppler jenseits der Oder, am 1. Mai gab es ein EU-Willkommens-Fest, an polnischen Feiertagen eine Sektbar und einen extra Infotisch.

Käppler: Ich denke mal, da haben wir alle noch große Defizite, bei der Annäherung von Polen und Deutschen, da muss noch ein großer Schritt getan werden.

Diesen Satz könnte Wlodimiercz Grobelne sofort unterschreiben. Der 41-Jährige arbeitet als Frauenarzt im Uckermärkischen Klinikum Schwedt.

Grobelne: (klopf, klopf, klopf) Na, Frau Malinowski, wie geht es Ihnen?
Haben Sie Wehen, nein, mit dem Essen ist alles gut, haben Sie irgendwelche Probleme, Fragen?


Mit seinen Patientinnen hat Frauenarzt Wlodimiercz Grobelne keine Probleme, doch das Ausländeramt bereitet Schwierigkeiten. Er kann nicht verstehen, warum die Behörde ihn zwingt, in Deutschland seinen Hauptwohnsitz zu nehmen. Er würde lieber auf der anderen Seite der Oder wohnen, zumal seine Kinder in Polen zur Schule gehen.

Grobelne: Ich musste hier eindeutig nachweisen, dass ich hier wohne mit meiner Familie, weil meine Kinder gehen nach Stettin in die Schule und das Ausländeramt sagte, das geht nicht.

Auch seine Kollegin Virginia Kammler klagt über die Bürokratie, über die Schwierigkeit, eine deutsche Berufserlaubnis zu bekommen. Wir werden hier gebraucht, sagt die Frauenärztin, warum legt man uns Steine in den Weg?

Kammler: Hier in diesem Ministerium war totales Chaos, ich musste alles doppelt abgeben, doppelt übersetzen, drei Wochen habe ich hier gearbeitet ohne Geld. Drei Wochen habe ich gestritten mit diesem Ministerium, dabei habe ich schon vor her in Deutschland gearbeitet, es war alles getestet.

Das Schwedter Krankenhaus sucht seit Jahren Ärzte und findet keine. Niemand will an die polnische Grenze ziehen und dazu noch zum Ost-Tarif arbeiten. Deshalb sind dort insgesamt 16 Mediziner aus Polen beschäftigt. Es werden noch mehr werden, sagt der stellvertretende ärztliche Direktor Peter Friedrichs.

Friedrichs: Wir brauchen noch 22 Ärzte und das ist eine erhebliche Zahl, die wir mit Sicherheit nicht aus dem deutschsprachigen Raum rekrutieren können, also wir sind schon abhängig von der polnischen Republik, dass die uns helfen und uns Ärzte zur Verfügung stellen.

Stellen Sie sich vor, erzählt Friedrichs, der gerade aus dem Operationsaal kommt und noch seinen grünen OP-Anzug trägt. Stellen Sie sich vor, vor kurzem mussten sich arbeitslose Ärzte aus dem Berliner Raum hier bei uns in Schwedt vorstellen.

Friedrichs: Von den 150 arbeitslosen Ärzten sind nur 40 gekommen und keiner hat ein Interesse daran gezeigt, hier bei uns zu arbeiten, nicht ein einziger.

Lieber arbeitslos in Berlin als ein schlecht bezahlter Job an der polnischen Grenze, das scheint die Devise der Ärzte zu sein. Damit kein medizinischer Notstand ausbricht, sind die Schwedter dringend angewiesen auf Ärzte aus dem Nachbarland. Sie werden gebraucht, aber nicht geliebt.

Rudzinsky: Sogar Flugblätter gegen Polen wurden hier verteilt in der Stadt vor zwei oder drei Jahren, da wurden auch Flugblätter verteilt, anonyme Briefe anonyme Anrufe.

Chefarzt Janusz Rudzinsky arbeitet seit acht Jahren im Klinikum Schwedt. Der Druck auf uns polnische Ärzte ist hoch, wir müssen besser sein als die deutschen, sagen er und seine Kollegen.

Umfrage polnische Ärzte: Wenn es bei einem ausländischen Arzt nicht so optimal läuft, dann kommen ganz schöne Vorwürfe, man erwartet mehr, dann muss man auch mehr geben.
Doppelt besser, ja, bisschen mehr freundlich sein, und die Qualifikation auch.
Wir müssen doppelt besser sein und wir sind natürlich auch doppelt besser.


Schwedt scheint sich schwer zu tun mit seinen polnischen Nachbarn. Doch es gibt Menschen und Institutionen in der Stadt, die dies ändern wollen. In erster Linie die Uckermärkischen Bühnen.

Intendant Simon: Das spielt natürlich das Stettiner Orchester wesentlich besser, diesen Bolero von Ravel, als die Spieluhr.

Reinhard Simon in seinem Büro. 30,40 Marionetten hängen hier an Wänden und Decke, in einem Regal die Spieluhrsammlung des Theaterintendanten.

Simon: Einer meiner Lieblingstitel ist kurz vor dem Urlaub immer la mer, weil ich natürlich an die polnische Ostseeküste fahre, da kann die Musik ruhig französisch sein, la mer (kling-klong).

Das Orchester Szcecin, die polnische Ostseeküste. Nicht von ungefähr betont Reinhard Simon die Verbindung zum Nachbarland. Als noch niemand über die EU-Mitgliedschaft Polens nachdachte, arbeitete das Schwedter Theater schon mit dem Opernhaus im 50 Kilometer entfernten Szecin zusammen. Produktionen werden ausgetauscht, es gibt gemeinsame Inszenierungen, gemeinsame Schultheatertage und ein polnisch-deutsches "Romeo und Julia".

Simon: Wir haben für Romeo und Julia die Idee gehabt, das mit Deutschen und Polen zu besetzen. Der Clan Julia, das sind polnische Schauspieler gewesen und der Clan von Romeo sind deutsche Schauspieler gewesen, so dass man die durchaus befeindeten Familien ersehen konnte auch schon von der Sprache her.

Die Puppen für das Weihnachtsmärchen in diesem Jahr werden von den Szceciner Kollegen produziert. Reinhard Simon hat gerade eine neue Sekretärin eingestellt. Bedingung: sie musste Polnisch können. Die Uckermärkischen Bühnen sind Vorreiter in punkto deutsch-polnischer Zusammenarbeit. Der Intendant prophezeit:

Simon: Wirtschaftlich gesehen wird dieser Stettiner Raum eine ganz dolle Rolle spielen, bis in den Alltag hinein, das ist nun mal die Großstadt, da ist Berlin gar nicht so wichtig und Potsdam noch weniger.

Nicht nur die Uckermärkischen Bühnen blicken nach Osten. Auch die Großunternehmen in Schwedt stellen sich zunehmend auf den Wirtschaftsraum Szcecin ein. Die Papierfabrik Leipa zum Beispiel.

Großkreutz: Das Altpapier kommt in die Auflösetrommel, dort wird unter Zusetzung von Wasser eine Auflösung vorgenommen, so dass das Altpapier zerfasert.

Der Papieringenieur Klaus Großkreutz führt über das Gelände und zeigt stolz die Anlage. Für 330 Millionen Euro sind neue Hallen und eine neue Papiermaschine aufgebaut worden, das bedeutet 180 neue Jobs. Klaus Großkreutz ist Sicherheitsbeauftragter auf der Großbaustelle.

Großkreutz: Der Mann stürzt mir da nicht ab, der hört da auf zu arbeiten.

In sieben Meter Höhe werkelt ein Mann an der neuen Papiermaschine, ohne gesichert zu sein. Wenn Klaus Großkreutz etwas hasst, dann ist es der schlampige Umgang mit den Sicherheitsbestimmungen. Er greift zum Handy und raunzt den Bauleiter an.

Großkreutz: Ja, hier ist Dein Freund Großkreutz Klaus: Ich hab erstmal die Arbeiten einstellen lassen, musste Dir mal angucken, wie der Mann da steht und arbeiten muss. Das mach ich nicht mit. Irgendwann hört´s auf, ja? Guck Dir das an, jut. Geht doch. - Danke.

Der resolute 63-Jährige mit dem Bürstenschnitt lächelt zufrieden. Auch seinen letzten Job in der Papierfabrik wird er mit Bravour beenden. Dann hat er 45 Jahre in Schwedt gearbeitet. Hat die Stadt wachsen sehen von 7000 auf 52.000 Einwohner. Hat die Pleiten nach der Wende miterlebt und den Wegzug von 140 Menschen täglich. Einige Monate noch, dann geht er in Rente - wie so viele, die Schwedt mit aufgebaut haben.

Großkreutz: Wir sind ne Stadt von Rentnern, das ist auch für unsere Stadtväter ein Problem, also ein bisschen gemischte Gefühle sind da.

Die Uckermark hat seit mehr als zehn Jahren eine Arbeitslosigkeit von 25 Prozent zu verkraften. Junge Leute ziehen weg, Fachkräfte machen sich rar, ihre Stellen werden zunehmend von Polen besetzt werden. Was im Klinikum jetzt schon Realität ist, wird sich in anderen Betrieben fortsetzen. Davon ist auch der Geschäftsführer der Papierfabrik Peter Probst überzeugt.

Probst: Ich behaupte das Credo aufzustellen, dass die zukünftigen Ingenieure aus Stettin kommen, denn die Rentner aus Schwedt werden nicht als Papieringenieure arbeiten wollen.

Zurück im Schwedter Odercenter. Die dortige Apotheke ist dabei, sich auf die neue polnische Kundschaft einzustellen. Die Wellness-Produkte und das Anti-Schnarch-Öl neben der Kasse sollen auch an leidende Besucher aus dem Nachbarland verkauft werden. Inhaberin Dagmar Kaufmann.

Kaufmann: Es gibt auch viele Medikamente, die es in Polen nicht gibt, Impfstoffe werden viel gefragt und Kosmetika, es ist soviel, dass ich nach einer Partnerapotheke in Stettin suche, ich möchte richtige Zusammenarbeit mit Polen.

Die dynamisch wirkende Apothekerin in der wilden Tigerbluse hat zwei ihrer 22 Mitarbeiterinnen in einen Polnisch-Kurs geschickt. Außerdem will Dagmar Kaufmann einen polnischen Muttersprachler für die Kundenberatung einstellen.

Kaufmann: Ich brauch da aber was Richtiges, wenn polnische Kunden kommen, das ist ein Erstkontakt, und da ist es wichtig, was man für einen Eindruck macht.

Eine deutsche Mitarbeiterin mit ein paar Brocken Polnisch reicht für die Beratung in einer Apotheke nicht aus, ist Dagmar Kaufmann überzeugt. Doch das Arbeitsamt genehmigt nicht die Einstellung eines polnischen Mitarbeiters. Es gebe genügend deutsche Bewerber, so die Begründung. Dagmar Kaufmann ärgert sich über das Arbeitsamt.

Kaufmann: Bei mir ist das ja ein Schutz der deutschen Arbeitsplätze, deshalb ist es eine Stabilisierung meiner Mitarbeiter.
Wenn das nicht läuft, kann ich auch meine bisherige Qualität nicht mehr bieten.


Dagmar Kaufmann beteuert ihr Engagement für die polnische Kundschaft. Doch Preise in Zloty oder eine polnische Beschilderung sucht man auch in ihrem Geschäft vergeblich. Nur in einem der 65 Läden und Restaurants fühlen sich die Kunden aus dem Nachbarland wirklich wohl. Im Asia-Imbiss gibt es eine polnische Speisekarte und einen polnisch sprechenden Inhaber - es ist der Vietnamese Pan Ngyuyen.
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