LänderReport
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29.7.2004
Die Jäger der gestohlenen Yachten
Wie Hamburger Fahnder verschwundene Schiffe wiederfinden
Von Petra Marchewka

An der Wand hängen Weltkarten und riesige Europa-Übersichten, darin stecken mehr als 100 bunte Fähnchen: Die Farbe rot steht für ein gestohlenes Schiff, grün für ein wiedergefundenes. Die Farbe Grün dominiert. In den Räumen der Firma MCS in Hamburg beschäftigen sich vier Fahnder damit, verschwundene Schiffe aufzuspüren. Allein in den vergangenen drei Jahren haben sie 106 als gestohlen gemeldete Luxus-Boote zurückbringen können. Gesamtwert: acht Millionen Euro. Etwa 100 Aufträge bekommen die Fahnder pro Jahr.

Kroatien, Herbst 2002. Eine schneeweiße Azimut 48 dümpelt in der Adria, in einem malerischen Yachthafen. Azimut: das ist der Name eines eleganten Luxusschiffes italienischer Fabrikation. Knapp 15 Meter lang, viereinhalb Meter breit. Vier Kabinen - besser: Salons - drei Bäder. Strahlend und wohlgeformt das Sonnendeck, innen elegante Edelhölzer und geschwungene Polster, dazu High-End-Technik und ein High-End-Preis. Für 10.000 Euro pro Woche kann man sich so etwas für den Urlaub mieten. Der Kaufpreis: eine halbe Million - wenn man ein günstiges Angebot findet.

Kroatien, Herbst 2002, ein paar Minuten später.

Die teure Azimut 48 ist weg.

Geklaut.

Das Schiff wurde gechartert von einem Charterunternehmen …

Holger Flindt. Yachtenjäger von MCS, der Marine Claims Service GmbH & Co, Hamburg. Er soll das Prachtstück wiederfinden. So wie die 106 anderen Luxusboote, die er und seine Kollegen in den vergangenen drei Jahren zurückgebracht haben.

Die Chartergäste haben dieses Schiff eingechartert für 14 Tage, und es wurde dann einfach nicht zurückgegeben. Das heißt, die Leute haben einen Zeitvorsprung von zwei Wochen.

Der Makler, bei dem die schicke Azimut 48 versichert war, hatte bei Flindt angerufen und von dem Raub erzählt.

Das kommt häufig vor, dass Schiffe gestohlen werden, wir beauftragt werden, nach dem Schiff zu fahnden und das Schiff wiederzufinden, dem Eigner das Schiff wiederzubringen oder an den Versicherer zu übergeben.

Die Diebe schippern mit der Azimut 48 von Kroatien nach Montenegro. Dort lassen sie es auf einen Frachter heben, der auf dem Weg ins schwarze Meer unterwegs ist. In Odessa angekommen, laden die Diebe die Yacht auf einen Binnenfrachter um. Über Kanäle geht die Fahrt weiter Richtung Moskau. Das alles wird Flindt noch herausfinden.

Wir fahren jetzt nach Laboe zu der Firma Knieriehm, das ist eine Bootswerft, wo wir uns gleich ein kaputtes Schiff angucken werden …

A7, linke Spur, Fahrtrichtung Kiel.

… die Ursache dieses Schadens ist bisher noch ungeklärt, (...) das werden wir dann sehen.

Um 10 Uhr will Eiko Ehrsam von MCS an der Küste sein. Jetzt ist es kurz nach neun. Ehrsam trägt blaue Jeans, eine rote Windjacke, kariertes Hemd. Die linke Brusttasche ist eckig ausgebeult von einer rot-weißen Zigarettenschachtel. Blonde kurze Jahre, kantiges Gesicht. Er erinnert an diesen ZDF-Ermittler. Wie heißt der noch? Matussek? Nein: Matula. Ein Fall für Zwei.

Und die Schadenmeldung erfolgt natürlich durch den Eigner des Schiffes, der irgendwann bei seinem Makler, in diesem Fall Pantaenius, angerufen hat und gesagt hat: Mein Boot ist kaputt, und dann haben die Versicherer gesagt, okay, das soll sich mal jemand angucken, und deswegen fahren wir da nun hin.

Neben dem Aufspüren gestohlener Yachten sind solche Begutachtungen kaputter Schiffe das zweite wichtige Betätigungsfeld der Firma MCS.

Es ist irgendein Schaden im Kielbereich, der möglicherweise durch eine Grundberührung oder Kollision mit irgendetwas unter Wasser hervorgerufen sein dürfte …

Früher, da war Ehrsam Bootsbauer.

So, jetzt sind das noch so zehn Kilometer bis Kiel, bis Laboe.

Daher kann man ihm bei Schiffen nicht so schnell etwas vormachen. Der Mann weiß, was er tut.

Letztendlich segel‘ ich auch seitdem ich sechs bin oder so. (...) Da steht das Schiff schon, glaube ich. (...) Da stellen wir uns einfach mal ganz frech hier auf'n Hof. Mal sehen.

Kurz vor der Wasserkante schwebt ein Schiff in der Luft. Der Kiel dieses Schiffes, das sieht sogar ein Laie, hat seine besten Zeiten hinter sich: zahllose tiefe Schrammen vertikal, die hintere untere Ecke ganz und gar weggeschlagen, rostiges Metall schaut unter der Laminat-Lackierung hervor. Es muss ohrenbetäubend geknirscht haben, als dieser Unfall passierte. Bloß: Keiner hat's gemerkt.

Jetzt lassen wir ihn einmal runter, bis der Kiel auf'm Fußboden steht, und dann müssen wir von drinnen mal gucken, was da so sich bewegt. (...) Kaputt ist klar, aber warum, woher? Wissen wir nicht. Weder die gute Frau, die ja nun fast die ganze Zeit mitgesegelt ist, noch der Eigner selber hat irgendwas gemerkt, tja.

Die gute Frau ist schlohblond und braun gebrannt und erschüttert angesichts des Schadens am Boot ihres Freundes. Vor kurzem sind sie noch zusammen gesegelt, bei der Kieler Woche.

Wir haben das durch Zufall gemerkt, weil der Eigner hat nicht selber gesteuert sondern hat sich auch mit nach draußen gesetzt, und dann hat er runtergeguckt und hat gesehen, dass da am Kiel was nicht in Ordnung ist.

Eiko Ehrsam und der Mann von der Werft begutachten den Fall, von außen, von innen. Wieso der Segler kaputt ist, bleibt reine Spekulation.

Ja, wie gesagt: Aufgestuckt, große Welle, keiner an Bord, und hinten lag ein Stein. Viel anders kann das ja eigentlich nicht sein. - Nee.

Sie verabreden, dass das Boot rechtzeitig zur nächsten Regatta in Travemünde wieder flott gemacht wird. Das ist das einzig wirklich klare Ergebnis an diesem Vormittag.

Gut. Wir werden nicht mehr rausfinden, wenn wir da jetzt noch ‘ne halbe Stunde draufstarren, (...) wir telefonieren. " - "Ja." - Okay, Tschüss." - Tschüss.
Also nachvollziehbar wäre, wenn jetzt einer kommt und sagt, wir sind rückwärts gefahren, und plötzlich hat's gerumst, da lag ein Stein. Dann wäre das eigentlich alles klar. Aber so …


Der blaue Passat fährt zurück auf die A7 Richtung Hamburg. Im Büro wird Eiko Ehrsam ein Protokoll aufsetzen, in dem er für die Versicherung genau notiert, was er hier gesehen hat. Der Schaden, schätzt der Gutachter, wird sich um die 5000 Euro belaufen.

Segelyacht DUFOUR 41 CLASSIC SLOOP, Baujahr 1997, vermisst seit März 2004, gestohlen in Santa Eulalia, Spanien. Segelyacht KONSUL 37, Baujahr 1978, vermisst seit Juli 2003, gestohlen in Vivari, Griechenland.

Das Yachtgeschäft ist nun mal ein internationales.

Holger Flindt im Büro von MCS in Hamburg. An der Wand hängen Karten von Europa und der Welt. Darin stecken bunte Fähnchen. Grün: Hier wurde ein Schiff gestohlen. Blau: Dort hat es MCS gefunden.

Schiffe bewegen sich weltweit, dementsprechend bewegen wir uns auch weltweit. Der größere Anteil ist in jedem Fall in Europa.

Segelyacht KETCH, Juli 2003 in La Gomera, Spanien, gestohlen. Segelyacht WASA 40, gestohlen im Juni 2003 in Södertälje, Schweden.

Wir haben kürzlich einen Fall abgewickelt, da ist eine Segelyacht, ein 45 Fuß Schiff in Spanien, Costa Brava, gestohlen worden (...), der Versicherungsnehmer hat eine Diebstahl-Meldung gemacht, den Diebstahl bei der Polizei angezeigt (...), der Versicherungsmakler, über den das Schiff versichert war, hat uns involviert, wir haben mit dem Versicherungsnehmer ein Interview gemacht, haben geguckt, wie er die Lage beschrieben hat, wo das Schiff zuletzt gelegen hat, wann er es zuletzt gesehen hat, haben das Umfeld recherchiert, wann unabhängige Zeugen das Schiff zuletzt gesehen haben, haben die Aussagen des Versicherungsnehmers also hinterfragt (...) und sind dann zu dem Schluss gekommen, dass dieser Schadensfall sich tatsächlich so ereignet hat, haben den Schilderungen des Versicherungsnehmers und Eigners Glauben geschenkt, haben das Schiff zur Fahndung ausgeschrieben und haben im Mittelmeerraum ungefähr 4000 Fahndungsblätter versandt, per Post, und bestimmt ebenso viel noch mal per E-Mail, und haben das Schiff später in der Türkei lokalisieren können, haben das Schiff dort mit den türkischen Behörden unter Arrest genommen und haben letzten Endes das Schiff also zurückgeführt an den Eigner.

Motoryacht SEA RAY 230 OV SIGNATURE, am 10. Mai 2004 in Rungsted, Dänemark, gestohlen. Motoryacht GLASTRON GS219 CB, am 20. April 2004 in Windsor Berks, England, gestohlen.

Das Aufspüren eines gestohlenen Schiffes ist wie das Finden einer Stecknadel im Heuhaufen - und Herzenssache für den gelernten Schiffsingenieur, Seefahrer und passionierten Segler Holger Flindt.

Wir haben im Augenblick im Mittelmeerraum auch mit den Diebstählen einiger größerer Yachten zu tun, hochmotorisiert, die sich mit Geschwindigkeiten zwischen 20 und 30 Knoten fortbewegen, und das ist auf dem Wasser eigentlich schon eine ganz anständige Geschwindigkeit, es ist sehr, sehr schwer, aufgrund von Sichtmeldungen diese Schiffe wieder zu lokalisieren.

4000 Schiffe sind zurzeit spurlos verschwunden.

… wobei das natürlich Fälle sind, die sich über die letzten Jahre entwickelt haben, die nicht geklärt wurden.
Aktuell abhanden sind vier größere Motoryachten und sechs Segelyachten, wo man also von höheren Werten sprechen könnte.


Ab 500.000 Euro beginnt für Holger Flindt der höhere Wert.

Moskau, Januar 2003. In einer russischen Marina dümpelt eine strahlend weiße Azimut 48 italienischer Fabrikation. Holger Flindt, der Yachtenjäger aus Hamburg, hat das Luxusboot hier aufgespürt. Von Kroatien über Montenegro, durchs schwarze Meer nach Odessa bis hierher nach Moskau. Mit Hilfe eines Fahnungsschreibens ist ihm das gelungen. Es war einmal um die Welt gegangen.

Wir verschicken die (die Fahndungsschreiben) an ein Netz aus teilweise freien Mitarbeitern, teilweise einfach nur Adressen, die wir haben, wie Yachttankstellen, Servicebetriebe, alles, was im maritimen Bereich mit Yacht zu tun hat, um ein möglichst dichtes Netz an den Küsten entlang zu haben, wo wir glauben, dass gestohlene Schiffe wieder auftauchen können und wer involviert werden könnte.
Das Netz hat sich über mehrere Jahre selbst entwickelt, (...) wir haben weltweit ungefähr 22.000 Adressen in unserem Bestand.


Auch russische. In Sachen Azimut hat Flindt mit einem Verbindungsbeamten vom BKA zusammengearbeitet, der in der deutschen Botschaft in Moskau sitzt. Seinen Hinweisen war Flindt nach Moskau gefolgt.

Das Schiff wurde dort wieder in einer Marina ausgesetzt, wurde umgetauft, wurde mit russischen Papieren versehen …

Moskau im Sommer 2004.

… und ist dort also heute noch im Besitz einer russischen Person …

Zwar ist das geklaute Schiff arretiert, darf also die Gewässer nicht verlassen. Aber das nützt dem rechtmäßigen Eigentümer, dem Charterunternehmer, gar nichts.

… wir haben es bisher noch nicht geschafft, das Schiff zurückführen zu können, da man auf russischer Seite nur lediglich bereit war, uns das Schiff zu verkaufen.
Die politischen Interessen sind bei diesen Gütern, die nach deren Ansicht niederen Wertes sind, obwohl wir hier doch immerhin von 600.000 Euro gesprochen haben, das nicht wert, dass man sich politisch dafür einsetzt.


"Es ist immer die Frage: Was macht man zu seiner Aufgabe, und sinnlose Aufgaben übernehmen wir nicht.

Eiko Ehrsam, der Ermittler, fingert eine Zigarette aus der linken Brusttasche. Dazu ein schneller Kaffee in der Autobahnraststätte.

Sie können zum Beispiel in Polen an einem gestohlenen Gut Eigentum erwerben, das heißt, wenn der Dieb das Schiff verkauft hat, dann ist der nächste Besitzer Eigentümer, und in Russland, gerade bei größeren Schiffen beispielsweise, da kommen Sie irgendwann auch in Regionen, da muss man sich dann auch ein bisschen zurückhalten. Weil das einfach auch Länder sind, da ist ein Leben nicht so viel wert wie hier.

Sein Geschäft hat sich verändert in den letzten Jahren, erzählt er. Härter ist es geworden.

Es gab mal zwei Fälle, die mir so aus dem Stehgreif einfallen, das eine ist, wo der Dieb tatsächlich an Bord war und dann eine Signalpistole rausgeholt hat und dem Kollegen auch sehr deutlich gemacht hat, dass er das Ding auch benutzen würde, und das andere war ein Vorgang in Montenegro, wo man auch ein gestohlenes Schiff gefunden hat und auch die Hinterleute mehr oder weniger ermittelt hat, und wo dann man sich abends im Restaurant zum Gespräch traf, und da wurde dann so eine Gewehrpatrone auf den Tisch gestellt, und es wurde demjenigen nahegelegt, das Land doch besser schnell zu verlassen, bevor man das Ding anderweitig einsetzen würde.

Schiffe, sagt Eiko Ehrsam, sind nun mal bewegliche Güter. Mobilien. Und es sei auch kein Kunststück, eine Yacht zu entwenden.

Das Klauen ist ja relativ einfach. Die Schiffe sind ja nicht groß gesichert. Entscheidend ist, wie man sich dann hinterher verhält. Das ist eigentlich viel interessanter. Und da wüsste ich glaube ich schon, wie ich das anstellen würde.

Aber das würde Eiko Ehrsam hier natürlich nicht verraten.
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