LänderReport
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3.8.2004
Sandburgen und Bettenburgen
Über Bausünden und die Folgen
Von Alexa Hennings

Als das Land noch geteilt war und der Bundesbürger seine Sehnsucht Meer befriedigen wollte, da florierte das Tourismusgeschäft an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Bettenburgen wuchsen in Strandnähe. Nach der Wende dann entdeckte der Wessi die Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern, der Urlauberstrom zog ostwärts. Und was wird nun mit den Bettenburgen?

Damp im Sommer. Damp 2004. Sandburgen sind keine zu sehen. Aber die Bettenburgen, die stehen noch. Nur: Irgendwie ist alles ganz anders ...

Der Mensch ist vielleicht die komplexeste Komposition, die die Natur erschaffen hat. Vielstimmig, geheimnisvoll und jeden Tag ein bisschen anders.


Behrens: Wir haben hier vorne mehrere Beauty-Kabinen und haben ein wunderschönes Beauty-Produkt von einem bekannten Unternehmen, das die Algen in den Vordergrund gestellt hat.

Kein Wunder, dass dieses Zusammenspiel in einer Zeit, die durch Hektik, Stress und Ungleichgewicht geprägt ist, immer öfter aus der Balance gerät.


Behrens: So, hier vorne sehen Sie, wie gut es der Beauty geht.

Schon Hippokrates verstand den Menschen als sensibles Gefüge innerer Elemente und Einflüsse. Nur wenn dieses System sich im Einklang befindet, fühlt sich der Mensch wohl.

Behrens: Alle Kabinen zeigen das nette Schildchen "Bitte nicht stören! Wohlfühlzeit!" - Das heißt, alle Kabinen sind besetzt.

Balance. Best of Spa möchte diese Philosophie ins 21. Jahrhundert übertragen.

Behrens: Einige Wellness-Einrichtungen sind gerade frei, deshalb wollen wir es mal nutzen. Wir haben hier ein Serailbad.

Unser Ziel ist es, Sie in Balance zu halten.

Behrens: Der Gast lässt sich einreiben mit bestimmten Produkten - das kann man mit Sand machen, mit Lehm, Algen oder Kreide.

Mit den besten regionalen Thalasso-Therapien führen wir Sie an die Urquelle des Lebens.

Behrens: Da fühlt man sich wie neugeboren.

Entdecken Sie sich im Einklang mit Ihrem Körper, und erleben Sie Harmonie und Balance mit der Kraft der Natur.

Behrens: Da fühlt man sich so sauber, so rein!

Heute ist ein Beauty-Day wie er im Buche steht. Es pladdert. Am Strand in Damp sind keine Menschen. Der Regen treibt sie in die umliegenden Häuser, und davon gibt es etliche in Damp: Es treibt sie in die Beauty- und Wellness-Kabinen Vital-Zentrum, ins Fitness-Center mit Meerblick, ins subtropische Badeparadies oder ins "Classic-Programm für vitale Senioren". Frank Behrens, der Chef von Damp-Touristik, steht vor dem neu gebauten Springbrunnen, schaut in den Wolkenhimmel und ist gar nicht besorgt. Der Regen arbeitet für ihn. Und anderes auch.

Behrens: Da spielt natürlich heute vieles in unsere Hände. Das Thema, dass die Leute gesund und fit aktiv älter werden wollen. Das setzt heute viel früher ein als vor Jahren. Es sind heute 30-40jährige, die sich darüber Gedanken machen. Die Gesundheitsreform spielt uns natürlich auch in die Hände. Bonusprogramme Krankenkassen, so ein Stichwort.

Herr Behrens im dunkelblauen Anzug ist selbst ein fitter Typ. In den Prospekten findet man den Chef höchstselbst als flotten Nordic-Walker oder Skater. Früher wäre einer wie Herr Behrens vermutlich nie nach Damp gefahren, damals noch, als das hier Damp 2000 hieß und als Synonym galt für Massenurlaub in einer Bettenburg. Als mit der deutschen Version des Ballermann-Tourismus nicht mehr genug Geld zu verdienen war, um das von 30 Dienstjahren angeschmuddelte Betonensemble aufzuhübschen, entschloss man sich in Damp, das Ruder ganz herumzureißen: Man holte sich Herrn Behrens, einen Manager aus dem einstigen Nobel-Ostseebad Timmendorfer Strand. Und der machte Nägel mit Köpfen.

Behrens: Wir haben im Jahre 2000 die Anlage für fünf Monate geschlossen gehabt und haben ein großes Wertverbesserungsprogramm aufgelegt. Und wir achten eben bei allen Maßnahmen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben darauf, dass wir Baustoffe aus der Region verwenden. Das heißt der Klinker ist hier ein typischer Baustoff in Schleswig-Holstein, der Granit, das Holz, bei den Bäumen, die wir gesetzt haben, sind es die Kiefern. Das versuchen wir wirklich konsequent umzusetzen, um für die Gäste ein angenehmes Ambiente zu schaffen. Wir haben es einfach verschönt, weil vor 30 Jahren waren andere Baustoffe Mode. Wobei, Beton können Sie nun nicht wegnehmen, wenn wir uns jetzt mal umdrehen und auf's Osteseehotel schauen, da haben wir halt mit Farben gearbeitet. Und selbst Umweltschützer sagen uns heute: Man kann euch gar nicht böse sein, weil ihr eigentlich wenig Fläche verbaut habt - weil wir etwas in die Höhe gegangen sind. Und wenn man dann durch die Anlage geht, trifft man wieder auf viele grüne, fleie - äh freie - - Flächen - schweres Wort.

Damp heißt nun nicht mehr Damp 2000, denn die Zukunft war schon. Der radikale Imagewechsel von der Betonburg zum holzbewehrten Gesundheits- und Vitalzentrum vollzog sich jedoch nicht im Schleifen - sondern im Aufstocken. Fast 3000 Betten gibt es nun in Hotels, Ferienwohnungen, Kur- und Klinikeinrichtungen. Das macht 500 000 Übernachtungen im Jahr. Das merken Sie gar nicht, sagt Herr Behrens strahlend, irgendwie verläuft sich das. Und schließlich muss man mit der Geschichte leben.

Behrens: Vieles, was in den 70er Jahren entstanden ist - da war die Devise höher, größer, weiter. Das war ein ganz besonderer Stil, da können Sie die ganze Küste rauf und runter fahren. Da brauchen Sie aber nicht nur Deutschland nehmen sondern auch andere Standorte in Europa, da war es ähnlich. Das wurde nicht unangenehm wahrgenommen. Heute sind die Leute sensibler, reisen viel mehr im Ausland rum und haben eine ganz andere Einstellung bekommen. Und deshalb tun sich solche Orte, wenn sie sich nicht viel einfallen lassen, sicherlich schwer.

Der Gast nimmt veraltete Quartiere übel, bleibt weg und schaut sich lieber den frischgetünchten Osten an. Vermieter von unrenovierten Häusern in Schleswig-Holstein mussten dann auch Einbrüche um die 50 Prozent hinnehmen. Doch die meisten investierten - allein in Damp wurden 60 Millionen Euro verbaut. Die Tourismuszahlen belegen, dass das Interesse an den Küsten von Schleswig-Holstein auch durch den neuen Konkurrenten Mecklenburg-Vorpommern nicht geschmälert wurde. An Abrisse war deshalb nicht zu denken, und so erheben sich bis heute mehr oder weniger graue Ungetüme an der Ostsee und der Nordsee. Das Wort Bettenburgen nimmt Herr Behrens übrigens gar nicht gern in den Mund. Bei ihm heißt das "große Objekte".

Behrens: Erstaunlicherweise sind diese großen und hohen Objekte sehr häufig Eigentums- und Zweitwohnungen. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich, wenn Sie beispielsweise in Travemünde, in Timmendorf oder Sierksdorf in so einem Haus drin sind, direkt an der Küste im 20. Stock, und Sie blicken auf die Bucht, dann sehen Sie den Rest ja nicht. Und die Leute sind begeistert!

... Ich möchte einmal Meerwasserbad
Ja, 4 Euro sind das dann ...


Das mit den Hochhäusern sieht die weißhaarige Dame, die sich gerade ein Wellness-Ticket kauft, genauso wie Herr Behrens. Sie war vor 20 Jahren zum ersten Mal in Damp und ist nun für immer hierher gezogen - allerdings in eine alte Mühle, nicht in einen Zwölfstöcker.

Alte Dame: Mir hat mal einer gesagt: Mein Gott, die Hochhäuser! Der sollte mal nach Spanien gehen! Also, die drei Häuser, die stören mich nicht. Ich liebe Damp, weil hier viele Kinder sind, da wird sehr viel für getan. Doch, es gefällt mir, auch das Umland, wir haben hier doch im Grunde viel Natur. Also, ich möchte nicht privat im Hochhaus wohnen, mein Leben lang. Aber Urlaub zu machen, das fand ich schon damals schön, ich hab' mir ein paar Grünpflanzen mitgenommen. Und dann fand ich das schön, wenn man in der zehnten Etage gewohnt hat, auf's Meer zu blicken, den Hafen vor uns. Doch, es gefällt mir immer noch. Ich möchte nicht woanders leben.

Bei Crepes-Uli an der neu gestalteten Damper Strandpromenade geht ein Flens über die Theke. Ein Gesundheitsurlauber aus Remscheid ordert noch drei hausgemachte Kartoffelpuffer, die es hier sogar mit Matjes oder Lachs gibt. Auch Crepes-Uli hat sich der etwas anspruchsvolleren Klientel angepasst, Crepes gibt es an Cointreau und den Wein natürlich in Gläsern. Vor Jahren noch, als hier die Fußballvereine Urlaub machten, war das undenkbar.

Crepes-Uli: Die haben hier Urlaub gemacht und das als Gruppenerlebnis gesehen und sich dementsprechend verhalten. Und Fußball-Ersatzreserve Nummer vier, das ist nun mal mit sehr viel Bier verbunden und mit sehr viel Lärm abends noch. Auch sehr spät noch. Doch wir haben Erholungssuchende hier, den Reha-Bereich, und das bringt man nicht unter einen Hut.

Crepes-Uli trägt den Image-Wechsel mit, auch wenn er weniger Bier los wird. Er findet es gut, dass der Billigtourismus in Damp vorbei ist. Wenn er auch mit der neuen, vom Unterholz befreiten Strandpromenade noch nicht so richtig warm geworden ist.

Uli: Wir haben kein Waschbeton mehr, wir haben jetzt Marmor. Ist das nicht schön?! - lacht - Wir haben im Anfang schon gesagt: Die im Osten haben jetzt Marmor und Granit - Entschuldigung, wir haben Granit, nicht Marmor - und w i r haben hier Waschbeton! Jetzt hat sich das Gottseidank zum Guten geändert.

Nach der Wende hatte Crepes-Uli sich schon gedacht, im neuen Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern imbissmäßig ein wenig mitzumischen, doch dort stand man nicht so auf Crepes, schon gar nicht mit Lachs. Und so überstand er die Zeit der Touristen-Abwanderung in Damp.

Uli: Es sind ja Gäste ausgeblieben. Nur, kurioserweise haben wir von drüben auch viele bekommen. Was weggeblieben ist, ist eigentlich mehr so der Westen, so die ganze Gegend um Bochum herum. Die haben sich gen Osten verlagert, aber einige kommen auch wieder zurück. Die Neugierde ist befriedigt. Ich weiß, dass Mecklenburg-Vorpommern uns natürlich einiges weggenommen hat. Damit war auch zu rechnen. Aber das Angebot hat ja auch eine Sogwirkung. Das heißt, je besser das Angebot an der Ostsee ist, desto mehr werden sich entschließen, wieder an der Ostsee Urlaub zu machen. Vielleicht bekommen wir in der ganzen Bilanz Auslandsurlaub, Mallorca usw. doch noch ein Bein in die Tür.

Crepes-Uli sieht nicht nur seine Kartoffelpuffer, sondern das große Ganze. Und das hat Damp-Touristik-Chef Behrens auch im Auge: Den an der Tourismusfront vereinten Norden sozusagen. Er freut sich, dass in diesem Jahr zur Tourismusmesse zum ersten Mal Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein in der gleichen Halle zu finden sein werden. An der westlichen Ostsee sieht man sich übrigens überhaupt nicht als Verlierer - wenn auch der schleswig-holsteinische Tourismus-Slogan "Leistung, Begeisterung, Erfolg" schon von ein wenig Verbissenheit zeugt gegenüber dem lässigen Mecklenburg-Motto "MV tut gut". Obgleich Mecklenburg- Vorpommern traumhafte Zuwachsraten hat, so hat der Newcomer Ost den Platzhirsch West gerade mal eingeholt bei der Zahl der gewerblichen Übernachtungen - dazu zählen Betriebe ab neun Betten. Beide Bundesländer haben um die 20 Millionen Übernachtungen in diesem Bereich pro Jahr. Aber der sogenannte "graue Beherbergungsmarkt" mit seinem dichten Netz an Ferien- und Zweitwohnungen und kleineren Privatvermietern sorgt im Westen noch einmal für 40, im Osten nur für 13 Millionen Übernachtungen. Eigentlich kommen genug Leute an deutsche Küsten, nur - sie zu halten und zum Wiederkommen zu bewegen, das ist die große Kunst. Deshalb denkt sich Herr Behrens Sachen aus wie das - wie er es nennt - "lebenslange Mentoring" der Gäste - einmal Damp, immer Damp. Und da kann nur Qualität überzeugen, sonst nichts, meint Herr Behrens. Und die Rechnung scheint aufzugehen. Frau Heine aus Pinneberg, die mit Oma und Kind die Wellness-Oase erkundet, ist begeistert.


Wellness-Gast: Ich würde immer wieder herkommen. Ich würde es immer weiter empfehlen! Also, was ich finde, dieser Bereich hier, der ist so schön, so sauber und ordentlich, so gepflegt. Die ganzen Leute sind so furchtbar nett, wenn man Fragen hat, die können einem alles beantworten - echt toll.

Gemeinsam mit drei anderen, ebenfalls von "großen Objekten" bestückten BadeortenSt.Peter Ording, Büsum und Westerland hat sich Damp zu einer Art freiwilligem TÜV entschlossen: "Balance.Best of Spa" heißt das Programm, in dem hohe Qualitätskriterien für Wellness & Co. festgelegt sind. Massentourismus adè, Individualität ist angesagt - trotz Bettenburgen. "Ganz Ich" heißt die Devise in Damp.

Behrens: Eine ungewöhnliche Entwicklung. Hat uns auch am Anfang keiner zugetraut. So wenig wie man uns zugetraut hat, individuell Wellness anzubieten. Es war interessant mitzuerleben, wie die Gäste, die dann hierher kamen, und die jetzt Wiederholer sind, gesagt haben: Das haben wir nicht erwartet.

Als Herr Behrens einmal in einem Restaurant auf Rügen saß und die Kellnerin darauf hinwies, dass sie in der Bestellung etwas durcheinandergebracht habe und diese nur - in vorpommerschem Gleichmut - ein "Ach!" hervorbrachte, da wusste er, was sein Standortvorteil werden würde: Ein Personal, das den Gast hegt und pflegt.

Ist alles rechtens bei Ihnen, flötet die Kellnerin im Vitalrestaurant und ihr Kollege erkundigt sich, ob man - neben dem Essen - auch mit dem Zimmer zufrieden sei. Eine Hotel-Angestellte lobt die Schuhe, die man anhat und die Wellness-Therapeutin schwärmt mit einer so eindringlichen Sanftmut von ihren Laminaria-Algen, daß man geneigt ist, den Glibber glatt zu essen statt ihn sich nur schnöde auf den Körper schmieren zu lassen. Und während man wie eine Sushi, eingerollt in Algen, auf seiner Matte vor sich hindämmert, da hat man die Bettenburgen ganz und gar vergessen - und träumt von den Sandburgen. Denn im Gegensatz zu den Häuserhaufen sind die Sandhaufen nicht mehr da. Ein Relikt aus alten Zeiten, das zu schaffen die meisten Badeorte/West schon lange untersagt haben. Hüpfburg statt Sandburg. Schöne neue Ostsee-Welt.
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