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11.8.2004
Baum mit Postleitzahl
Die liebesstiftende Eiche von Eutin
Von Hartwig Tegeler

Die Bräutigamseiche steht im Dodauer Forst bei Eutin - weltweit der einzige Baum mit eigener Postleitzahl. Bis zu 40 Briefe aus aller Welt kommen dort täglich an. Am Anfang stand 1891 eine von den Eltern zunächst missbilligte Verbindung zwischen der Tochter des damaligen Oberforstmeisters und eines Leipziger Schokoladen-Fabrikanten. Sie benutzten den Baum, um heimlich Nachrichten auszutauschen. Am Ende konnten sich die beiden unter der Eiche das Jawort geben. Seither trägt sie den Namen "Bräutigamseiche" und dient als "Liebesbriefkasten". Über 100 Ehevermittlungen hat es schon gegeben.

Martens : Na ja, die Sage sagt, dass es vor ungefähr fünf-, sechshundert Jahren hier ein Fürstensohn ausgesetzt worden ist ...

Und als der arme junge Fürst im tiefen Eichenforst verzweifelt umherirrte, da kam ein junges Mädchen und zeigte ihm den Weg. Und da der junge Mann so unendlich dankbar war, vermählte er sich mit dem wunderschönen Mädchen, und an der Stelle, an der sich die beiden das erste Mal trafen, da wurde eine Eiche gepflanzt. Und wenn sie nicht gestorben sind, damals zu der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat ...

Martens : Wie weit oder was daran wahr ist? Es gibt natürlich eigentlich mehrere Sagen, aber das ist eigentlich so die bekannteste.

Der Mann ist Rentner; der Mann war Postbote. Aber eigentlich, tief in seinem Herzen, gemäß seiner Obsession, ist er immer noch Bote.

Martens: Ja, mein Name ist Karl-Heinz Martens. Ich war der ehemalige Zusteller der Bräutigamseiche, und wir stehen jetzt hier auf dem Parkplatz, und das sind noch gut zwanzig, dreißig Meter, dass wir in den Wald hineingehen, denn stehen wir direkt an der Eiche. - [Autor:] Ja, denn gehen wir doch mal los. - Ja, das machen wir doch glatt. Normalerweise sind vielleicht zwei, drei Briefe am Tag dort. Ganz, ganz selten kam das vor, dass gar kein Brief da ist.

Im Wald zwischen Eutin und Plön in der Holsteinischen Schweiz an der B 76. Der Platz hat eine Adresse:

Bräutigamseiche. Dodauer Forst. 23701 Eutin.

Martens: Der Baum ist ca. fünf- bis sechshundert Jahre alt, das steht noch nicht so ganz genau fest, hat eine Höhe von 25 Metern, einen Wipfeldurch'fang'(!) von auch ungefähr 25 Metern und einen Baum- und Stammumfang von ungefähr fünf Metern. - [Autor:] Ist das einer der ältesten Bäume hier? - Hier in der Gegend ist es einer der ältesten Bäume. Sie sehen auch rundherum, da stehen auch Eichen, die sind so angeordnet worden um den Baum herum, quasi so als Abgrenzung herum um diesen heiligen Hain hätte ich fast gesagt. Ist es natürlich nicht.

Die Deutsche Post bedient diese Eiche als offiziellen Empfänger von Briefsendungen. Das heißt: Jeder, der Brieffreundschaften oder aber auch einen festen Partner sucht, kann einen Brief an die Adresse im Dodauer Forst schreiben und diesen dann, frankiert wie jeden "normalen" Brief, bei der Post aufgeben. Der Brief wird dann von dem Postboten der Bräutigamseiche zugestellt.

Martens: Dort in einem Astloch habe ich sie deponiert.

Und wenn Postbote Martens die Leiter wieder runter gestiegen war, konnte jeder dann anschließend hochgehen und sich die Briefe rausholen. Das war zu Karl-Heinz Martens Dienstzeiten so, das ist heute noch immer so.

Martens: Die einzige Situation, wo das Postgeheimnis aufgehoben ist.

Um die Bräutigamseiche herum ist ein Jägerzaun gezogen, und an dem Baum lehnt eine Holzleiter, die Karl-Heinz Martens bei Wind und Wetter vier Meter, neun Stufen hoch in die Höhe gestiegen ist.

Martens: Klettern Sie mal rauf. Sie werden mal gucken. (Etwas stöhnend.) Das wird wahrscheinlich nichts drin sein. Der ist gerade ausgeschabt worden wieder, das Astloch - Ist ja doch was drin! -, das muss immer hin und wieder gemacht werden, sonst kann man da mit der Hand nicht rein greifen. - [Autor.] Der wächst zu, nicht! - Der wächst zu mit der Zeit, ja. Greifen Sie ruhig rein, dann werden wir sehen ... das ist ... das ist ein ... Sie sehen, der kommt jetzt aus Berlin. Hallo für den, der meinen Brief hier in dem Bräutigamsbaum findet. Ich bin 54 Jahre alt ...

Brief: Ich bin 54 Jahre alt, eine lebensbejahende Frau, sehr vielseitig interessiert. Von Beruf bin ich Diplomwirtschaftsingenieurin. Meine Hobbys sind Zeichnen, Töpfern, Theater, Computer und Reisen. (...) Ich hätte gerne eine nette Brieffreundschaft mit einem Mann, Alter 45 bis 60 Jahre. Es wäre nett etwas zu hören. Janette H. - Berlin.

Der Förster vom Dodauer Forst ist guter Dinge, was die Bräutigamseiche betrifft, keine Probleme mit der Flora.

Peter Hundriese: Die Eiche ist gesund, gut belaubt, hat eine schöne große Krone und kann als vital angesehen werden, auch wenn einige Äste absterben. Aber das ist normal, dass eine Eiche in dem Alter auch einen höheren Totholzanteil in der Krone hat. In Ostholstein finden wir auch in den Knicks viele ältere Eichen, auch in den anderen Wäldern, aber sie gehört schon zu den älteren Exemplaren, die hier im Wald stehen.

Warum die Bräutigamseiche so allein in der Lichtung aufragt, solitär, umsäumt von anderen kleineren Eichen, ist nicht klar. Auf alle Fälle, meint Förster Peter Hundriese, wurde der Platz über die Jahre, Jahrzehnte, gar Jahrhunderte immer sehr frei gehalten. Nicht unbedingt aus romantischen oder religiösen, sondern wahrscheinlich auch aus pragmatischen Gründen.

Hundriese: Früher war es auch üblich, die Schweine zur Mast in den Wald zu treiben. Und da hat man drauf geachtet, dass die Bäume große Kronen haben, um möglichst viele Eicheln zu produzieren, um eine gute Mast zu haben. Und gibt natürlich die Sage, dass ein Ritter aus Dankbarkeit diese Eiche gepflanzt hat.

Wie auch immer, nichts Genaues weiß man nicht, nur dieses:

Martens: Es ist die billigste Heiratsvermittlung, die es überhaupt gibt. Für 55 Cent 'nen Partner zu finden oder eine Partnerin zu finden. Ist das nix.

Ganz tief, fast bis zum Ellenbogen...

Martens: Ja logisch. Da sollten ja auch etliche Briefe rein.

Ganz tief verschwindet Karl-Heinz Martens Arm im 'Postfilialen'-Loch der Bräutigamseiche zu Eutin und angelt zwecks Lektüre - sowie wie es jeder Passant, jeder Spaziergänger kann - die heutigen Briefe, mal mit, mal ohne Umschlag aus dem Astloch.

Martens: Die Briefe kommen wirklich aus der ganzen Welt. Nein, aber das ist ja wirklich weltweit. Ob das aus China ist, ob das aus Amerika ist, aus den nordischen Staaten, aus Ungarn - mir fallen im Moment nicht mehr ein.

Spanien beispielsweise noch.

Brief: Hello, I am a spanish girl from Galicia called Maria de los Angeles. I am 19 years old an I would like to write me with people of any place of the world. (...) I am tall, thin, with long hair. If you write me I promise to answer. A kiss form Maria.

Martens: Wenn ich im die Mittagszeit kam, das wussten die, das hat sich dann herumgesprochen, so circa 12 Uhr. Das kam immer logischerweise darauf an, was ich zu tun hatte, da standen immer entsprechend viele Leute hier, weil sie das einfach nicht glaubten, was sie hier erleben konnten.

Die Geschichte übrigens mit dem Fürstensohn erklärt natürlich nur, warum die Eiche gepflanzt wurde. Warum aber verfügt sie seit 1927 über eine eigene Postanschrift. Legende II?

Martens: Nein, das ist eine Tatsache!

Gut, also die Story geht so!

Oberforstmeister Ohrt will nicht, dass seine Tochter den Sohn des Schokoladenfabrikanten heiratet. Liebespaar tauscht heimlich Nachrichten und Liebesschwüre aus. Depot: die uralte Eiche. Oberförster gibt nach. 2. Juni 1891: Trauung unter der Eiche. Kurgäste hören von der 'glücklichen Eutiner Romanze'. Verbreiten die Geschichte. 1927 wird die Heiratspostfiliale eingerichtet.

Aber hat denn Rentner und Bräutigamseichen-Lobbyist Karl-Heinz Martens überhaupt Vertrauen, dass sein Zustell-Werk auch heute noch, im 21. Jahrhundert verantwortungsbewusst von den jüngeren Kollegen weitergeführt wird?

Martens: Das ist schlecht zu sagen, die wechseln so häufig. Das ist nicht so, wie vor längerer Zeit zurück, dass hier wirklich eine Stammkraft ist, wie ich es war. Die haben dann nicht mehr so viel Interesse daran, dass die Historie mehr aufgearbeitet wird oder gepflegt wird. Das interessiert die gar nicht so sehr.

In diesem einen Punkt gilt es Karl-Heinz Martens zu widersprechen. Was läge näher - könnte man vermuten -, als die weltweit eintrudelnden Briefe weltweit wieder lesbar zu machen - im weltweiten Datennetz. Karl-Heinz Martens führt den Reporter ins Musikgeschäft von Adi Kahl im Zentrum von Eutin. Und klingeling, wer kommt rein? Olaf Jahns, Postzusteller der Deutschen Post AG - Jetztzeit - und webmaster von "Bräutigamseiche.de!"

So, denn wollen wir mal gucken, ob Herr Kahl da ist. Oh ja, er ist am Musizieren.

Adi Kahl verbindet mit der Bräutigamseiche etwas, das er die so genannte 'romantische Schiene' nennt.

Adi Kahl: Wenn man also hier geboren ist und man die Bräutigamseiche kennt aus vielen Erzählungen, aus Geschichten, dann wird man natürlich, wenn man ein klein wenig musikalisch inspiriert ist - Eutiner Oper! Liegt nahe! - sich selbst ein paar Gedanken zu machen. Hab ich gedacht, schreib ich einen Text. Ich mache sehr viel Musik im nordischen Sinne. Plattdeutsch und Hochdeutsch! Und habe ich mir ein Lied einfallen lassen: 'Die Bräutigamseiche' und das auf CD manifestiert. Ich könnte es Ihnen auch live geben.

Doch bevor Aki Kahl es schafft, in die Tasten zu greifen, geht die Tür auf. Erstens kommt Kundschaft. Und zweitens:

Kahl: Jetzt kommt ... (Ladentürklingel plingt.) Jetzt kommt auch noch zufälligerweise der aktuelle Postbote, der hier die Eiche jetzt gerade bedient. - Guten Tag!.

Heute war Olaf Jahns noch nicht an der Eiche; heute sind nur ...

Jahns: Zwei. Ja, zwei würde ich sagen! So, wie ich das im Kopf hab.

Zwei Briefe an den hölzernen Postkasten im Dodauer Forst adressiert.

Jahns: Heute Leiter hoch. Zwei Briefe reinschmeißen.

Olaf Jahns ist seit gut anderthalb Jahren der feste Postzusteller für die Bräutigamseiche. Auch wenn er sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückhält. Wollen TV-Teams am Liebesbaum filmen, dann stellt sich eine Kollegin vor die Kamera. Radio aber geht, sagt Jahns.

Jahn: Radio geht. Radio geht. Das ist mir egal. Das ist mir egal. Ich bin nicht so der Trubelmensch.

Dafür wirkt der junge Postbote intensiv im Virtuellen und gleichzeitig jedem Zugänglichen, nämlich im world wide web.

Jahns: Vielleicht ist das ja auch ganz interessant: Es gibt ja auch im Internet eine 'bräutigamseiche.de'. Da gibt's ja auch eine homepage, wo die Leute, die nicht zur Eiche kommen, die Möglichkeit bekommen, die Briefe zu lesen. Original fotokopiert und dar reingestellt. Und so können die Leute aus München sehen, was ist heute in die Eiche gesteckt worden. - [Autor:] Und wer macht das? - Das mache ich, weil ich ja an der Quelle sitze. 'Bräutigamseiche.de' mit A-Umlaut in der Internet-Adresse.

Adi Kahl hat sich indessen im hinteren Teil seines Ladens an die Tasten seine Synthesizers gesetzt. Es steht ja noch aus die Live-Performance vom 'Lied von der Bräutigamseiche'. Karl-Heinz Martens zeigt wohlwollende Zustimmung.

Martens/Kahl: [Martens:] Ohne dem (!) Lied geht nix mehr. Und wer irgendwie was ist in der Richtung. - [Kahl:] So, hier haben wir den Text. Das ist das 'Lied von der Bräutigamseiche'. Und wir wollen ja, dass das als Lied auf der Nummer 1 gesungen wird. (Lachen.)

Lied von der Bräutigamseiche: Im Dodauer Forst, in der Holstein'schen Schweiz, steht die uralte Bräutigamseiche. Eine Leiter führt rauf zu 'nem Astloch im Stamm, wo sich Menschen per Briefpost erreichen.

Brief: Hallo, liebe Eiche! Ich schreibe an Dich in der Hoffnung, dass Du mir Glück bringst und mich aus meiner Einsamkeit erlöst. Bin eine jung gebliebene Magdeburgerin. Meine Mitmenschen sagten stets, dass man mir meine 55 Jahre nicht ansieht. Ich bin ein sportlichter Typ, schlank, 1,74 m groß. Ich lebe alleine mit meiner süßen Katze (noch?). Liebe Eiche, nun hoffe ich auf Dich! Ich suche einen schlanken Partner, der mir eine starke Schulter bietet und dem vor allem Liebe und Treue etwas bedeuten. Innere Werte sind mir sehr wichtig. In bin nicht ortsgebunden. Nun viele Grüße. Renate F.

Per Köster: Wir werden drauf angesprochen. Ich würde nicht sagen exzessiv viel. Aber es ist auf jeden Fall interessant für die Leute.

Per Köster, Leiter der Tourist-Info, sitzt im Zentrum von Eutin.

Köster: Es findet sehr viele Anfragen von weit weg statt. Das hat verschiedene Gründe. Unter anderem weil es sich in einem Deutsch-Lehrbuch des Goethe-Institutes wieder findet. Und da bekommen wir zum Beispiel auch Anfragen aus Japan, Briefe von Deutschkursen aus Italien, die sich erkundigen nach der Bräutigamseiche. Das Interesse ist natürlich auch deswegen sehr groß, weil es einzigartig ist in der Welt. Was ganz Besonderes.

Und so sehr die Ratio, der Verstand, die Vernunft bei so manchem Brief in der Eiche den Kopf zum Schütteln bringen will und das Gelesene - irgendwo zwischen Kitsch, Albernheit, tiefer Sehnsucht, Einsamkeit - nicht glauben möchte, hat Per Köster trotzdem Recht.

Köster: Natürlich gibt es noch viele Singles, die sich im Internet oder auf welchem Wege auch immer finden. Das Thema ist natürlich immer noch geheimnisvoll, und da wird man auch den merkwürdig-geheimnisvollen Weg des Briefes an einen Baum wählen.

Brief: Lieber Unbekannter! Mein Herz ist erfüllt von Liebe. Auf silbernen Schwingen könnten wir fliegen! Ich suche jemanden, der diese Liebe haben möchte. Fasziniert Dich Poesie? Magst Du Tiere, Natur und lange Spaziergänge, bei denen Gedanken fliegen? Macht Dir Verrücktheit mittelschweren Grades nichts aus? Siehst Du manchmal mit den Augen eines Kindes? Das tue ich auch, obwohl ... oder gerade weil ... ich blind bin und oft deshalb einen anderen Blickwinkel habe. Schreckt Dich das nicht? Dann melde Dich.
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