LänderReport
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18.8.2004
Die Ankunft
Warum ziehen Menschen an die Küste?
Von Knut Benzner

Hafen von Timmendorf auf der Insel Poel (Bild: dradio.de)
Hafen von Timmendorf auf der Insel Poel (Bild: dradio.de)
Reizt sie das Klima? Wohl kaum. Der Schwarzwald etwa bietet mehr Sonnentage. Hier oben gibt es nicht Klima, sondern Wetter: Wind und Wasser, Nebel und Wolken, Küste und Himmel. Der Ton ist etwas rau, die Landschaft auch. Und dennoch ist oft von der Stille die Rede. Und davon, dass das Leben intensiver sei. Wenn sich also Binnenländer an der Küste für immer ansiedeln, ist das mehr als ein Trend: Malente statt Mallorca.

Lärmende Kinder, Strandkorb an Strandkorb, Pommes Frites- neben Döner-Kebab- und Bier-Bude. Selbstbedienungsschnellimbisse am Strand. Möchte man hier wohnen? Man möchte. Gabi Eikenbusch auf jeden Fall.

Ja. Mein Name ist Gabi Eikenbusch, wir sind vor zwei Jahren nach Kellenhusen gezogen und kommen ursprünglich aus dem Sauerland, aus Menden.

Menden ist bei Hagen respektive Dortmund. Kellenhusen ist unterhalb von Dame. Kellenhusen ist ein Familienbad.

Hmmmh.

Gabi Eikenbusch ist 44, hat eine Tochter...

Jaha, die ist 10 geworden jetzt im Mai, und mein Mann, der, denke ich, wird auch gleich kommen, der ist 49.

Bei den Eikenbuschs ist der Fall so: Sie haben ihre berufliche Existenz hinter sich gelassen und einen Neuanfang gewagt. Gabi Eikenbusch war im Sauerland Leiterin einer Kindertagesstätte, ihr Mann arbeitete im elterlichen Schuhgeschäft. Sie sind dann dort hingezogen, wo sie Urlaub gemacht hatten.

Wir sind immer immer schon nach Kellenhusen gefahren, ich in meiner Kindheit und mein Mann unabhängig davon auch, und später sind wir dann mit unserer Tochter viel in Kellenhusen gewesen ...

Sie erinnern sich: Familienbad.

… und irgendwann haben wir dann gesagt, wir fahren ständig hin und her, eigentlich könnte man sich das sparen und das Ganze umdrehen und von Menden wegziehen, um dann an der Ostsee leben zu können.

Gabi Eikenbusch hat ein Jahr lang gar nichts gemacht, na ja, sie hat ein Doppelhaus gebaut...

Wir haben ein Haus für uns gebaut und ein Ferienhaus. Was auch immer schon mein Traum war, ein Ferienhaus in Kellenhusen zu haben.

Sie vermieten. Und inzwischen ist sie wieder Leiterin einer Kindertagesstätte, in Göhl, in der Nähe von Oldenburg. Ihr Mann ist im Tourismus. Die Lebensqualität.

Die Lebensqualität hier ist, dass man in drei Minuten am Meer und am Strand ist, wo andere Leute Urlaub für nehmen müssen, viel Geld bezahlen müssen, und das haben wir eigentlich jeden Tag, und das machen wir uns auch jeden Tag wieder neu bewusst.

Sie ist in der Saison sogar in der glücklichen Situation, keine Kurtaxe zahlen zu müssen. Andererseits: Im Herbst, im Winter und im Frühjahr ist das Wasser relativ kühl und der Strand verlassen.

Aber das hat auch seine schönen Seiten. Man kann schöne lange Spaziergänge unternehmen, man ist mit sich und mit der Natur alleine, es gibt viele Sachen zu entdecken, die man im Sommer nicht entdecken kann und im Winter ist einfach der Zusammenhalt unter den Bürgern von Kellenhusen da, weil man dann eben auch Zeit hat, gemeinsam einmal etwas zu tun, und da wird viel gefeiert, da wird viel unternommen, man sitzt gerne zusammen und es ist immer was los.

Sie fühlt sich weder ausgeschlossen noch fremd, im Gegenteil, die Eikenbuschs sind angekommen.

Jaha. Das sind wir eigentlich schon ziemlich von Anfang an gewesen. Wir wussten, dass zwar noch viel Arbeit auf uns zu kommt, aber da waren wir eigentlich von Anfang an.

Das heißt im Umkehrschluss: Sie werden mit einiger Sicherheit nicht wieder ins Sauerland zurück kehren.

Mit Sicherheit nicht. Nein. Lebensqualität, sagte mein Mann gerade.

Gabi Eikenbusch hat heute Nachmittag noch etwas vor.

Jaha. An den Strand. Hahahaha.

Trotz des Trubels.

Nein. Ich denke, das ist einfach so, dass im Sommer hier viel los ist, und dafür gibt es nachher auch die Monate, wo eben auch Stille ist, und damit kommen wir dann eben auch gut zurecht, ne. Es ist, denke ich, alles zu seiner Zeit richtig.

Im vergangenen Jahr zogen mehr als 64.000 Menschen im Alter von 65 Jahren an in ein anderes Bundesland um. Schleswig-Holstein steht in der Korrelation Zuzug minus Fortzug nach Bayern und Brandenburg mit einem Plus von 1900 an dritter Stelle. Malente statt Mallorca. Ostholstein rangiert in der internen Schleswig-Holstein-Statistik auf Platz vier. Auf Platz eins der Hamburg nahe Kreis des Herzogtums Lauenburg.

Der Ostholsteiner ist ein Mensch, der sehr zurückgezogen lebt, der keine vordergründigen Dinge tut, er trägt also Wohlhabenheit nicht vor sich her, es geht den Menschen hier ganz gut, aber sie zeigen sich nach Außen hin sehr bescheiden, sind aber auch sehr schwer zugänglich, sehr misstrauisch gegenüber Menschen, die beispielsweise nicht so gut Plattdeutsch reden wie sie selbst und für die möglicherweise auch Hochdeutsch sprechen 'ne beachtliche Anstrengung sein kann.

Der Ort? Grünbek. Ortsteil von Kabelhorst, eingemeindet von Lensahn. Eindeutig Ostholstein. Nach Eutin ist es nicht weit, nach Oldenburg in Holstein ebenfalls nicht, zum Wasser, zur Ostsee, nach... sagen wir Grömitz, neun Minuten.

Andreas, was macht der Fuß? Naja is dick, wird immer dicker. Jaja.

Der Nachbar. In Ostholstein wird gerne mal 'n Köm getrunken.

Ja, immer noch, Lütt un Lütt, kleines Bier, kleinen Korn, oder auch der Kleine Feigling aus der Flasche, das wird sehr gerne gemacht, ausgiebig und da können wir nicht so ganz mithalten.

32 Häuser stehen in Grünbek, hier leben also ungefähr 120 Menschen.

Nee, er wird gefahren. Ja, ne. Der hat angerufen. Er wird sich das leisten können, ja.

Wir sitzen im Garten, auf der Veranda. Es gibt Kaffee und Erdbeerkuchen, Erdbeertörtchen und Schlagsahne. Die Sonne scheint.

Ich heiße Fröhlich, Rolf Fröhlich, bin 70 Jahre alt und wohne seit acht Jahren hier an der Ostsee.

Familie Fröhlich. Haus an der Hauptstraße - es gibt letztlich nur die eine -, ein Heim, das sie sich geschaffen haben. Familie Fröhlich, das sind Rolf Fröhlich und seine Frau Irmgard. Sie haben diesen Platz mit Bedacht ausgewählt.

Wir haben sehr sorgsam ausgewählt, weil wir nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben einen Platz suchten, wo wir möglichst weit vom Betrieb entfernt sind und zum anderen ne Grundlage haben, um uns die Gesundheit zu erhalten.

In Saarbrücken hatten sie gelebt und dann in Heidelberg. Rolf Fröhlich war in gehobener Position in einer Kette eines Autohauses tätig gewesen. Hart eingespannt, wie er sagt. Das heißt, er brauchte erstens Ruhe, zweitens keinen Lärm und drittens zwar Sonne, aber keine Hitze. Damit fielen Spanien, sie hatten sich im Süden Spaniens sogar schon einen Bauplatz angesehen, aber damit fielen Spanien, Südfrankreich, Italien, ja selbst Süddeutschland weg. Sogar die Westküste Schleswig-Holsteins, somit die Nordsee, kam nicht in Frage.

Ich sagte schon, dass wir ja gesundheitliche Probleme hatten. Wir suchen jetzt einen Platz, in dem wir ein mildes Klima finden, in dem wir uns wirklich wohl fühlen, und das war uns lieber wie die eher raue Nordsee, die wir sehr gut kennen übrigens, ja.

Und wenn hier Sommer ist, im Augenblick ist Sommer, dann fühlt sich Fröhlich an der Ost- sogar wohler als am Comer See. So setzte sich Fröhlich eines Tages hin und schrieb diverse Gemeinden Ostholsteins an.

Fünf. Fünf Gemeinden, wir suchten ja ein Grundstück und wir haben hier zum vierten Mal gebaut, konnten uns also auf die Erfahrung von drei vorhergehenden kleinen Häusern, konnten davon zehren, und haben dann hier oben die Gemeinden angeschrieben, von fünf Gemeinden haben zwei geantwortet, dann sind wir rauf gefahren und dann haben wir dies Grundstück gefunden.

Auch die zweite Reihe, also das nahe Hinterland, wählten sie mit Bedacht.

Jetzt ist Hochsaison, und wir sind sehr glücklich, dass wir in der zweiten Reihe sind, das hatte ne ganze Reihe Vorzüge, einmal sind die Grundstücke sehr viel billiger, zum zweiten sind wir nicht an ein Seebad gebunden, wir sind ruckzuck in Travemünde, in Heiligenhafen, auf Femarn, wir sind Ruckzuck auch in den anderen Bädern, Niendorf, Timmendorf, und das gefällt uns also sehr gut.

Aber... was machte er den ganzen Tag? Fröhlich kümmerte sich um Dinge, die ihn nichts angingen, so seine Frau. Was ging ihn nichts an? Der Haushalt. Dann trat er einem Arbeitskreis bei, der sich um Existenzgründer kümmert - Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Und natürlich sind die Fröhlichs Mitglied in einigen Vereinen.

Ja, wir sind also einmal in einem Gartenbauverein, da sind wir seit Anbeginn. Und ein MUSS ist die Mitgliedschaft bei der Feuerwehr, das ist einfach Usus hier, dass man dort mit macht, und es gibt da noch so'n paar, meine Frau z.B. begleitet Kinder in den Ferien zum Besuch von Veranstaltungen und in diesem Kreis ist sie auch seit sechs Jahren jetzt, und wir bemühen uns da immer, irgendwo so'n bisschen aktiv zu bleiben. Ohne Verein geht's nicht.

Doch Kontakt zu bekommen zu den Einheimischen, den alteingesessenen Ostholsteinern, war schwierig und ist es immer noch.

Also zunächst mal haben wir einen Teil des Hauses, nämlich die Grundplatte, das haben wir hier mit Ortsansässigen gebaut, dadurch hatten wir also 'n gewissen Kontakt, wir hatten Kontakt mit dem Bürgermeister, der schräg gegenüber wohnt, das ist heute noch so, und mit den unmittelbaren Nachbarn sowieso, und dann gibt es noch 'n paar in der Gemeinde, mit denen wir häufiger reden, man sieht sich irgendwo, trifft sich bei Veranstaltungen, und dem gehen wir nicht aus dem Wege, sondern versuchen, auf die Leute zuzugehen. Aber in der breiten Masse ist das eher 'n bischen problematisch.

Weil der Ostholsteiner so redsam nich' is'. Joo und Nöö sind, so Fröhlichs Eindruck, gern benutzte Redewendungen.

Also der Kirchgang ist wohl heute nicht mehr der Gradmesser, weil dieser Ort überhaupt keine Kirche hat, auch der Ort Kabelhorst nicht, dann wieder Lensahn, ich weiß nicht, ob das noch die Messlatte ist, früher war das sicherlich so. Aber richtig ist, dass die Menschen ein sehr feines Gespür für Gruppierungen haben, das heißt, sie sind also sehr, sehr gern unter sich und lassen nur schwer jemand rein, und wir, das sagte ich vorhin schon mal, sind dabei, dies zu knacken, aber das dauert unter Umständen 'n paar Jahre. Müssen wir noch 'n bisschen warten, aber es wird schon.

Er knackt. Seine Frau hat das Knacken fast aufgegeben. Deshalb sagt sie lieber nichts, sonst echauffiert sie sich noch. Und das große ABER, das kommt dann auch von ihm. Denn, was der Ostholsteiner sagt, keine Frage, das steht.

Da muss ich wieder sagen, ist der Ostholsteiner vorbildlich. Was er sagt, steht. Gibt's keine Frage.

Und im Sommer is'es schön hier.

Im Sommer is'es schön und in den Wintermonaten müssen wir es uns schön machen. Der November ist also wohl der trübste Monat im Jahr, aber nicht nur im Norden, ich denke, das ist anderswo auch so. Und wir füllen den mit Aktivitäten, in dem wir Besuche machen, nach Lübeck fahren, nach Hamburg fahren, wir sind ja sehr gut angebunden, wir fahren auch an die Ostsee, da gibt es immer noch 'n paar Häuser, wo man was essen kann und wo man sich unterhalten kann.

Er, zumindest er, fühlt sich wohl an diesem Ort.

Super. Wir kommen also, wenn wir zum Beispiel den Strand sehen oder Betriebe sehen, wo wir hin und wieder mal Essen gehen und wo man sich mal trifft, da haben wir also so viele - man nennt das wohl Connections -, so viele Bindungen und Verbindungen, dass das für vieles entschädigt, was hier im Alltag ist. Aber wir empfinden das auch nicht als schmerzlich, sondern fragen uns immer, was liegt dabei an uns, was können wir tun, wenn schon die Menschen nicht in Gang kommen und wie gesagt: Das braucht Zeit, da kommen wir mit acht Jahren nicht aus, das reicht nicht.

Und irgendwie meint Rolf Fröhlich immer noch, er sei eigentlich in Urlaub.

Ja. Ich glaube, wir sind Urlauber. Weil das, was ich mir beruflich ausgesucht hab', hat einen Akzent, den es früher nicht gab. Ich kann aussuchen, wohin ich geh', wann ich geh', wie lange ich geh'. Insofern bin ich völlig ungezwungen, und insofern sage ich, ist das für mich Urlaub.

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