LänderReport
LänderReport
Montag bis Freitag • 13:05
2.9.2004
Ich wandre ja so gerne
Der Rennsteig, das Lied und die Landschaft
Von Ulrike Greim

Abgelegte Wanderschuhe hängen an einem Lichtmast entlang des Thüringer Höhenwanderweges Rennsteig (Bild: AP Archiv)
Abgelegte Wanderschuhe hängen an einem Lichtmast entlang des Thüringer Höhenwanderweges Rennsteig (Bild: AP Archiv)
Für die älteren Einheimischen ist er Kult, den jüngeren ein Graus: der Heimatlieder-Dichter Herbert Roth. Er hat Thüringen seine Hymne gegeben, das Rennsteig-Lied. Ein Volkslied passend zum Wandertourismus im Thüringer Wald. Früher lernte es jedes Thüringer Schulkind, es gehört zum Repertoire der Heimatgesangsvereine, der Regionalsender hat es eine Zeitlang sogar jeden Morgen um fünf Uhr zum Sendebeginn gespielt. Das war. Und was ist heute über das Lied und den Rennsteig zu sagen?

Musik: Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land, den Beutel auf dem Rü-hü-cken, die Klampfe in der Hand ...

Herbert Roth anno 1951, in Knickebockerhosen, rotweißkariertem Hemd und roten Strümpfen um die strammen Waden.

Musik: Ich bin ein lust'ger Wandersmann, so völlig unbeschwert, mein Lied erklingt durch Busch und Tann, das jeder gerne hört.

Es ist der Komponist und einzig wahre Interpret der heimlichen oder besser unheimlichen Nationalhymne der Thüringer, jedes Schulkind hat sie lernen müssen. Heerscharen von Heimatchören fallen ein, wenn es heißt:

Musik: Diesen Weg auf den Höhn bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder. Bin ich weit in der Welt habe ich Verlangen Thüringer Wald nur nach dir.

Eberhard Hering ist ein lust'ger Wandersmann. Genauer gesagt ist er Wanderwart im 'Rennsteigverein 1896'. Dabei wohnt er selbst in einem anonymen Hochhaus in Erfurt, an einer großen Straße. Kein Vogelzwitschern, sondern Autolärm, statt Wärme und Verbindlichkeit: kühle Tristesse.

Hering / Wechselsprechanlage: Kommen sie in die 11. Etage, ich öffne ihnen die Tür.

Von seiner kleinen Wohnung aus schaut Eberhard Hering über andere Neubauten und die Silhouette der Erfurter Innenstadt hinweg auf den Thüringer Wald.

Das ist der Kamm des Thüringer Waldes, das ist das Gebiet Beerberg - Schneekopf. Jetzt nicht zu sehen ist das Panorama-Hotel Oberhof. Und wenn Schnee liegt, kann ich unseren Gehlberger Abfahrtshang sehen.

Der Endsechziger, in hellem, kleinkariertem Hemd Rentner erzählt begeistert vom Wandern. Vom Wunder der Grenzöffnung, und wie er mit Herzklopfen 1990, das erste Mal den ganzen Rennsteig abgewandert ist. Anfang und Ende des Weges lagen zu DDR-Zeiten in der Sperrzone an der Grenze zu Hessen bzw. zu Bayern. Erst seit der Wiedervereinigung ist der ganze Rennsteig zugänglich. Und Eberhard Hering erzählt von Heimatgefühlen, wenn er die Berge sieht.

Wenn ich hier nach Hause komme - das Gebiet Oberhof, Tambach-Dietharz, da bin ich zuhause. Da bin ich nicht groß geworden, aber da habe ich Jahre verbracht - wir haben eine Hütte gehabt am Falkenstein, wo wir zum Klettern waren - da lebe ich richtig auf.

Und Herbert Roth ist natürlich sein Begleiter von Jugend an. Nicht nur, dass der ihm die Haare geschnitten hat, als er noch Frisör war, nein, dessen Volksmusik gehörte irgendwie dazu. Zu den lustigen Baudenabenden, wie er sagt. Mit Fackeln seien Roth und seine Leute einmal auf Skiern den Abhang herunter gekommen, um dann einen Abend lang im Schweizerhaus zu spielen. Wie in vielen Skihütten und vor allem FDGB-Erholungsheimen. Doch dann habe sich das Rennsteig-Lied zum Plage entwickelt.

Ich habe ein halbes Jahr in einem Gasthaus möbliert gewohnt, und der hatte vielleicht fünf Platten, und das musste ich dann jeden Abend mindestens zehn Mal hören, das war also in den 50er Jahren, als es noch nicht so alt war. Da konnte ich es nicht mehr hören. Aber mittlerweile kann ich es auch wieder mitsingen.

Herbert Roth ist - ohne Frage - eine Kultfigur in Thüringen, das Rennsteiglied identifikationsstiftend - der ansässige öffentlich-rechtliche Heimatsender hat es eine zeitlang sogar jeden morgen 5 Uhr zum Sendestart gespielt. Der Heimatliederdichter, auf dessen Konto runde 300 weitere Titel gehen, transportiert dieses Wanderer-Image, dass immer noch zieht, wenn auch vorwiegend nur noch die reiferen Jahrgänge. Naturschwärmerei, ein bisschen Sportivität, und Gemütlichkeit, abends in den Herbergen, wenn der Kamin knistert - ob nun echt und gefaket.

Musik: Durch Buchen, Fichten, Tannen, so schreit ich in den Tag, begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag. Ich jodle lustig in das Tal, das Echo bringt's zurück. Denn Rennsteig gibt's ja nur einmal, und nur ein Wanderglück.

Der Rennsteig: 168 km lang, von der hessisch-thüringischen Grenze hinter Eisenach bis zur thüringisch-bayrischen Grenze nahe der A9 gelegen. Ein Kammweg auf dem Rücken des Thüringer Waldes, des Thüringer Schiefergebirges bis hin zum Frankenwald. In der Spitze nahezu 1000 Meter hoch. Er trennte Länderein und Fürstentümer, war und ist bis heute Wasser- und Wetterscheide.
Ortstermin auf dem Mittelpunkt des Rennsteiges: in Neustadt.
Es nieselt, wie so oft hier oben. 790 Meter hoch liegt die Gemeinde, ungeschützt auf dem Bergrücken. Die blauschwarzen schiefergedeckten Häuser ducken sich an der Straße entlang, nur überragt von einstigen FDGB-Bettenhäusern.

Neustadt am Rennsteig ist einer von vielen Orten, wo der Rennsteig hindurch geht, und der einzige Ort, wo der Rennsteig bis 1923 Grenze war zwischen verschiedenen Herzogtümern.

Manfred Kastner, Chef des Thüringer Rennsteigvereins und Verwalter des Rennsteigmuseums.

Einmal zwischen Herzogtum Sachsen-Meiningen - das ist die Seite drüben, und wir befinden uns jetzt im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen, deshalb gab es früher zwei Schulen, zwei Kirchen, zwei Friedhöfe - alles doppelt.

Das Museum ist ein kleiner Ausstellungsraum neben einem Cafe an der Durchfahrtsstraße. Manfred Kastner zeigt Karten und Bilder, viele Ordner voller Informationen, in mühsamer Kleinarbeit zusammenkopiert.

Also fangen wir mal hier auf dieser Seite an - da sehen wir den Gesamtgrenzsteinkatalog vom Rennsteig. Wir gehen heute noch von diesem historischen Maß von 186, 3 km aus, und davon war der Rennsteig auf 80 km etwa ein Grenzweg, wo diese Grenzsteine gestanden haben. In der früheren Zeit waren es 1008 Grenzsteine, heute haben wir noch 780 Steine, die wir finden.

Das kleine Thüringen war ein einziger Flickenteppich. 40 Residenzen existierten zum Teil parallel zueinander. Viele sind zum Beispiel im Dialekt erhalten geblieben. Auf der einen Seite des Rennsteigs spricht man das, was Wissenschaftler heute Zentralthüringisch nennen und Ilmthüringisch, auf der anderen Seite westthüringisch, Hennebergisch und Itzgründisch, einfacher gesagt: Fränkisch. Als Neustädter spreche er gerade noch Thüringisch, sagt Manfred Kastner, wenige Kilometer weiter südlich verdunkeln sich die Vokale und rollt man bereits das fränkische "r".
Bis heute schauen viele Thüringer nicht wesentlich über ihren Kirchturm hinaus, beklagt der im fernen Erfurt residierende Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz.

Wir haben so'n bisschen den Spruch in der letzten Zeit im Ministerium gehabt: im Tourismus hat sich die Kleinstaaterei in Thüringen am längsten erhalten.

Die Kleinstaaterei zeigt sich beispielsweise im Internet. Der potentielle Rennsteig-Urlauber findet mindestens neun Internetadressen, die ihm weiterhelfen sollen. Die Anbieter - Tourismusgesellschaften, Vereine, Verbände, Gemeinden - sind sich untereinander nicht grün. Lokale Vermarkter konkurrieren gegen landesweite, gehen selbst auf Messen und Präsentationen.
Das Angebot ist verwirrend. Eine Gesamtschau gibt es nicht. Nicht einmal einen einheitlichen Rennsteigverein.
Manfred Kastner bläst verächtlich Luft durch die zusammengepressten Lippen. Sein Thüringer Rennsteigverein wurde vom ursprünglich westdeutschen 'Rennsteigverein 1896' als "rot angehaucht" beschimpft, weil er Mitglied im obligatorischen Kulturbund der DDR war. Jetzt arbeitet er trotzig auf eigene Kappe.
Wirtschaftsminister Reinholz in Erfurt hat nun auf den Tisch gehauen. Alle sollen an einem Strang ziehen, die Thüringer Tourismus GmbH soll es koordinieren, dafür wurde sie vom Land mal eben ganz übernommen.

Damit die nicht machen, was sie wollen, sondern das, was sie können und sollen. (lacht)...Also wir wollen erstmal sehen, dass die vielen Dachverbände, die existieren, das die alle unter einen Hut kommen. Das läuft zurzeit schon, die sind dabei, sich zusammen zu schließen. Dann wollen wir dieses geschlossene Paket auch gemeinsam vermarkten.

Auswärtige Beratungsfirma und interministerieller Lenkungsausschuss sollen es nun richten. Thüringen soll sich einheitlich vermarkten als Kultur- und Reiseland. Und der Rennsteig ist dabei ein wichtiges Reiseziel.
Mit einem durchgängigen Radweg - den Naturschützern zum Trotz - sollen junge Zielgruppen angesprochen werden. Mit einem anderen Event gelingt das zum Teil seit Jahren ganz gut, dem legendären Guths-Muths-Rennsteiglauf. In diesem Jahr waren es 14.290 Läufer, die den Marathon angetreten haben, über 100.000 Zuschauer standen entlang des Rennsteiges und jubelten bei Wind und Wetter. Das ist gut für die Werbung, sagt Manfred Kastner, denn viele kommen wieder.

Musik: An silberklaren Bächen sich manches Mühlrad dreht, da rast ich wenn die Sonne so glutrot untergeht. Ich bleib solang es mir gefällt und ruf es allen zu: am schönsten Plätzchen dieser Welt, da find ich meine Ruh.

Ruhe und Abgeschiedenheit - auch das bietet der Rennsteig. Einblicke in die Natur, wie Gott sie schuf. Denkt man zumindest. Doch der Biologe Dierk Conrady erzählt bei seiner Führung durch den Wald kurz unterhalb von Neustadt etwas anderes.

Das ist ein 40-jähriger Fichtenbestand, der ist überstockt, wie die Förster sagen, das heißt also: die Fichten stehen zu dicht. Da kann man gut sehen: der Bodenbereich ist zu trocken, weil das Bestandesdach selber zu wenig Niederschlag durchlässt. Die Fichte braucht aber ein bestimmtes Maß an Feuchtigkeit. Ist das nicht da, gibt's Probleme. Das heißt: die Fichten sind wassergestresst, dann werden sie bevorzugt vom Borkenkäfer befallen. … da ist ne höhere Windbruchgefahr, und so ergibt sich ein Problem nach dem anderen.


Das grüne Herz Deutschlands, wie der Thüringer Wald gern genannt wird, ist etwas zu dunkelgrün. Er ist nicht unberührte Natur, er ist Menschenwerk. Zur Zeit der Industrialisierung wurde der Mischwald abgeholzt, zu DDR-Zeiten hat man wieder schnell und billig Holz gebraucht. Über Generationen hinweg entstand eine Fichten-Monokultur. Selbst die für viele Tiere - wie zum Beispiel den Salamander - wichtigen Felshalden wurden aufgeforstet.

Das muss 'ne ziemlich harte Arbeit gewesen sein. Dabei ist zum Teil aus den Talgründen Erde in diese Halde eingetragen worden - mit Kiepe auf dem Rücken. Das haben wohl viele Frauen gemacht, einfach um ein Pflanzbett für die Fichten zu schaffen.

Jetzt wird umgesteuert - durch ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit dem Land Thüringen und dem Ilmkreis. Dierk Conrady lässt Fichten und Tannen abholzen, lässt Laubbäume anpflanzen, will ihn wieder herstellen: den Lebensraum, indem sich Salamander und Kreuzotter wohl fühlen.
Herbert Roth soll also Recht behalten, wenn er singt, dass er durch Buchen, Fichten und Tannen schreitet, und dabei den Rennsteig meint.

Es ist schon nicht gelogen, wenn die Wanderbegeisterten von den Schönheiten des Weges erzählen. Und romantisch ist er auch. Selbst die beiden gestressten Wirtsleute vom Dreiherrenstein bei Neustadt, Stefanie und Volkmar Röse, die sonst lange über die Mühen der Höhe klagen: kein Strom, kein Wasser, sie heizen mit Gas und Holz, holen Wasser aus dem Brunnen, und das für mehrere hundert hungrige Gäste. Selbst diese beiden kommen am Ende zum Schluss, man müsste sie hier schon mit den Füßen voran weg tragen, von sich aus würden sie nicht gehen.

Der Mittelpunkt vom Rennsteig ist das schönste Fleckchen Erde, das ich kenne. Weil ich die Tannen liebe, abends mit dem Fuchs sprechen kann, der ums Haus läuft, die ersten Rehe stehen hinten auf der großen Wiese, da äsen die das erste Gras zwischen um vier und um fünf. Zur Hirschbrunstzeit hört man die Hirsche brüllen, das schallt hier ringsrum, weil wir mitten im Wald liegen, das ist so was von schön romantisch, das möchte ich in meinem Leben nicht vermissen.

Und dann ist die Hirschbrunstzeit vorbei und dann ist Winter. Und wenn man dann so eine schöne klare Nacht hat, der Vollmond scheint, ein Meter frischer Schnee hier liegt, sie sitzen hier im Wintergarten und sehen draußen die schönen Kristalle, wie die leuchten - das ist ein Wahnsinn, sie möchten gar nicht mehr woanders sein.
-> LänderReport
-> weitere Beiträge
->
-> Der Rennsteig
-> GutsMuths-Rennsteiglauf