LänderReport
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25.8.2004
Allein, anonym, illegal
Einblicke in das Leben illegaler Südamerikaner in München
Von Rita Homfeldt

Illegale in Bayern. Hier suchen sie das, was sie in ihrem eigenen Land nicht finden: Arbeit, Geld und ein bisschen Lebensqualität. In Deutschland angekommen, ist der Schock groß. Der Traum vom schnellen Geld und der baldigen Rückkehr zu ihren Familien zerplatzt. Für das Überleben in Deutschland zahlen sie einen hohen Preis.

Fatima: Meinem Land in Südamerika geht es wirtschaftlich schlecht, es gibt keine Arbeit und wenn du arbeitest, bekommst du sehr wenig Geld. Das steht in keinem Verhältnis. Es langt nicht zum Leben, man kommt nicht einmal bis zum Monatsende damit aus. Dabei bin ich alleine, ich glaube Familien geht es da noch schlechter. Also, ich bin wegen des Geldes hier.

Carlos: Ich bin hier, um meine Lebenssituation zu verbessern und Arbeit zu suchen. Wir müssen so vorsichtig sein, wären doch die Gesetze etwas anders. Warum verfolgt man nicht die Kriminellen, die Drogenhändler, die Leben zerstören.

Carmen: Was interessiert es einen Nachbarn von gegenüber, auch wenn hier 40 Leute wohnen. Er soll sich um seine Sachen kümmern. Er soll die 20 Leute leben lassen, wenn sie keine Probleme machen.

Marta: Wir Mütter müssen einen hohen Preis dafür zahlen, dass wir unsere Kinder zurückgelassen haben. Kein Geld der Welt kann das aufwiegen, was wir verloren haben. Wir haben die Liebe zu unseren Kinder verloren, die Familie ist zerstört, die Kinder machen, was sie wollen, sie leben jetzt ihr eigenes Leben.

Am Anfang kannten wir das System hier nicht. Erst wollte mein Mann alleine hierher kommen. Aber dann sagte meine große Tochter, ich passe auf die kleine Schwester auf. Geht doch zusammen, dann kommt ihr schneller zurück. Und wir haben gedacht, wenn wir beide gehen, dann kommen wir in einem Jahr mit genügend Geld zurück. Aber so lief es nicht. Und für eine Frau ist hier viel leichter eine Arbeit zu finden als für einen Mann. Ein Mann hat hier allein keine Chance.

Marta spricht aus Erfahrung. Als sie und ihr Mann vor sieben Jahren aus Ecuador nach Deutschland kamen, fand er seine erste Arbeit in einer Pizzeria. Schon nach kurzer Zeit wurde er dort bei einer Kontrolle ohne Papiere erwischt und sofort in sein Heimatland zurückgeschickt. Doch er ist wiedergekommen. Denn er und seine Frau haben ein gemeinsames Ziel. Sie wollen ihren vier Kindern, das jüngste war damals gerade zwei Jahre alt, eine bessere Zukunft bieten.
Marta hatte inzwischen Arbeit in Privathaushalten gefunden und das Vertrauen der Familien gewonnen. Sie wagt es, ihnen auch ihren Mann vorzustellen, mit der Bitte ihm zu helfen, ihn bei anderen Familien zu empfehlen. "Denn als Busfahrer ohne Papiere zu arbeiten ist unmöglich", sagt Marta, aber "Putzen", das ist die Arbeit, die wir hier machen können.

Wir haben uns entschieden weiterzumachen, das heißt nicht auszugehen, ein ruhiges Leben zu führen, Regeln einzuhalten, also in die Arbeit zu gehen und dann nach Hause, und dann wieder in die Arbeit, um keine Probleme zu bekommen und nicht kontrolliert zu werden.

Eigentlich wollte Carlos seine Lebenssituation verbessern und sich auch beruflich weiterbilden. Das hatte er sich vorgenommen, als er Ecuador vor fünf Jahren verließ. Doch die Realität holte ihn schnell ein. Um hier zu überleben, muss der 41-Jährige jede Arbeit annehmen.

Ich war auf dem Bau, ich habe im Restaurant gearbeitet und ich gehe putzen. Aber ich habe auch Teppiche gereinigt und Umzüge gemacht, also alles was mir angeboten wurde, habe ich angenommen. Damit habe ich kein Problem. Ich kann arbeiten.

Carlos arbeitet viel, aber Geld sieht er nicht immer.

Das größte Problem ist die Illegalität. Und es wird immer komplizierter. Früher, das galt zumindest für uns Ecuadorianer, brauchten wir kein Visum. Heute sehen wir uns gezwungen, uns in der Situation der Illegalität zurechtzufinden. Und die Arbeitgeber profitieren davon, d.h. wir müssen mehr arbeiten und das für weniger Geld. Und wir können uns nicht beschweren. Das betrifft mich und viele andere. Und wenn wir doch was sagen, heißt es gleich, wir können auch die Polizei holen und dann bist du draußen.

Ein anderes Problem ist, eine Wohnung zu finden. Die Situation Illegaler wird oft gnadenlos ausgenützt.

Das mit der Wohnung ist wirklich schwierig und kompliziert. Da braucht man zuerst mal Glück und dann einen wirklichen Freund, bei mir war es ein Landsmann, der mich gefragt hat, ob ich mit einziehen möchte. Denn eine Wohnung ist teuer. Und darum leben wir in kleinen Unterkünften zusammengepfercht wie Tiere. Aber so können wir wenigstens Kosten sparen. Trotzdem bleibt das Wohnungsproblem, denn einmal oder zweimal in der Woche heißt es dann, such dir eine neue Bleibe, du störst. So ist das, also wir haben nicht den Luxus einer Privatsphäre.

Häufiger Wohnungswechsel ist die Regel, auch weil die Polizei Kontrollen durchführt. Nachbarn haben sie gerufen. Carmen kennt diese Situation. Neun Jahre lebt die Peruanerin jetzt schon in München. Bittere Erfahrungen bleiben da nicht aus, dazu gehören auch unruhige Spaziergänge in der Nacht, weil sie sich nicht in die Wohnung traut.

Man kommt abends um zehn Uhr und schleicht sich um fünf oder sechs Uhr in der Früh wieder aus dem Haus, weil dich ja der Briefträger sehen könnte oder die Nachbarin die Polizei rufen könnte. So leben alle Illegalen hier.

Das erste war die Sprache. Ich kann kein Deutsch und das war sehr schwierig für mich, zum Beispiel als ich Hunger hatte, und etwas kaufen wollte. Keiner hat mich verstanden. Ich wollte pollo, also Hühnchen essen, aber ich wusste nicht, wie man das auf Deutsch sagt. Und dann machte ich die Laute eines Hühnchens nach, um mich verständlich zu machen. Und ich dachte, so nach einem Monat, ich möchte nach Hause, ich überleb das einfach nicht. Also die Sprache ist schon das schwierigste. Und das andere Problem ist natürlich, wo man wohnen kann. Das ist für viele schwierig.

Fatima aus Peru hat Glück. Sie kann bei ihrem Onkel wohnen. Aber auch das ist nicht ganz einfach, weil jeder seine Eigenarten hat. Das Zusammenleben fordert viel Toleranz. Doch die 27-Jährige nimmt das gelassen. Deutschland hat sie nämlich schon immer interessiert. Für sie ist es ein tolles Land. Hier ist alles geregelt und geordnet. Vor allem der Bus kommt regelmäßig, darauf kann man sich verlassen, meint Fatima und vergleicht:

Deutschland ist ein europäisches Land. Und wirtschaftlich kann man es überhaupt nicht mit unserem Land vergleichen, weil es hier noch gute Möglichkeiten gibt zu leben. Hier haben die Leute viele Annehmlichkeiten, sie haben ein Auto, eine Wohnung und trotzdem sagen sie, dass sie kein Geld haben. In Südamerika dagegen haben viele Leute keine Wohnung, auch kein Auto vor der Haustür stehen, nicht einmal ein Fahrrad. Aber sie passen sich an. Sie gewöhnen sich daran, sind froh, dass es zum Essen reicht. Doch hier scheint es, je mehr die Leute haben, umso mehr wollen sie. Ich glaube nicht, dass alle so sind, aber so ist es. Sie beschweren sich ständig. Das verstehe ich nicht. Das regt mich manchmal ziemlich auf.

Über eine Anzeige hat sie Arbeit in einer Familie gefunden. Aber eigentlich würde sie gerne in ihrem Beruf arbeiten. In Lima war sie Pflegetherapeutin in einem Krankenhaus. Davon kann sie hier nur träumen.

Einmal hat mir jemand eine Arbeit angeboten im Klinikum Großhadern, aber dann hat es doch nicht funktioniert, weil ich illegal hier bin und mein Deutsch zu schlecht ist. Leider. Das waren die zwei Voraussetzungen, um dort zu arbeiten. Andere haben mir angeboten alte Menschen zu betreuen, dafür bekäme man dann auf jeden Fall 15 Euro die Stunde. Aber ich bin mir im Klaren darüber, dass so eine alte Person, oft sehr krank ist und viel Pflege braucht, manche brauchen zum Beispiel auch zusätzlichen Sauerstoff. Da kann viel passieren, außerdem muss mich diese Person auch anmelden, also bei so einer Arbeit muss man ständig mit der Angst leben entdeckt zu werden.

Fatima versucht, normal zu leben und die Angst zu verdrängen. Trotzdem bleibt der psychische Druck und die Sorge, krank zu werden. Das darf einfach nicht passieren.

Sich hier ärztlich behandeln zu lassen, ist sehr teuer. Und manchmal kostet es das ganze Geld, das man verdient hat. Natürlich habe auch ich Angst krank zu werden. Deswegen ist gesunde Ernährung ganz wichtig. Aber da gibt es noch den Faktor Stress, ständig mit dieser Anspannung zu leben, macht einen fertig. Da hilft auch gute Ernährung nichts, ob du willst oder nicht, das nimmt dich mit.

Marta: Es ist der Gottesdienst, und hier spricht man Spanisch, man hört unsere Sprache und wenn wir einen Arzt brauchten, egal was wir brauchten, die spanische Mission hat uns immer geholfen. Sie ist eine Quelle der Hoffnung.

Fatima: Die spanische Mission ist sehr wichtig, vor allem wegen meiner Sprache, dem Spanisch. Die Mission bietet Schutz und bietet immer Hilfe an, zum Beispiel bei der Arbeitsuche. Es ist wichtig, wenigstens einen Ort zu haben, wo man hingehen kann, wo man fragen kann. Und man weiß, dass sie alles tun, um zu helfen.

Carmen: Wie sie wissen, sind wir in Lateinamerika fast alle katholisch. Und das erste, was uns einfällt, ist zu einer Kirche zu gehen. Es gibt auch andere Wege, aber ich bin zur spanischen Mission gegangen, damit sie mich unterstützt. Sie geben uns menschliche Hilfe, die von Herzen kommt.

Die spanische Mission in München ist ein Refugium für viele Menschen aus Südamerika geworden. Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre, meint Padre Alberto Martinez. Darum heißt die Mission jetzt auch "spanischsprachige katholische Mission". Es ist vor allem die schwierige wirtschaftliche und politische Lage in den südamerikanischen Ländern, die viele nach Europa treibt.

Unter unseren Leuten gibt es auch viele, die sich ohne Papiere aufhalten, und darunter sind sehr einfache Leute, die vom Land kommen, aber auch Leute, die Lehrer waren oder irgendeine Beschäftigung hatten, sogar Rechtsanwälte und sich dann hier das Leben verdienen sollen mit Putzarbeiten oder Tellerwaschen in Gaststätten.

Padre Alberto kennt die Lebenssituation dieser Menschen. Seit
25 Jahren leitet der Spanier die Mission. Damals kümmerte er sich um die Belange spanischer Gastarbeiter, heute ist er vor allem für die Sorgen und Nöte der Südamerikaner da.

Ich stelle nicht viele Fragen an die Leute, weil dahinter immer viele Probleme stecken. Zumindest wollen die nicht so offen darüber sprechen. Es ist die Offenheit, mit der wir den Leuten begegnen. Das ist eine Gefühlssache. Die haben immer Angst, wenn die zu einer deutschen Institution gehen, dann kann es sein, dass irgendwann die Polizei bei einer offiziellen Stelle eingreift.

Illegale driften oft in die Isolation ab, weil sie hier anonym leben und nicht auffallen dürfen. Deshalb ist es Padre Alberto wichtig, dass die Gruppen der katholisch-spanischen Mission allen offen stehen, auch Illegalen.

Wir fragen niemanden, wie er sich hier aufhält, obwohl wir das ahnen. Und wir versuchen so eine Atmosphäre zu schaffen, wo sie dann sagen, ich bin dort aufgenommen und ich werde dort als Mensch betrachtet und behandelt. Das ist sehr wichtig für die, dass die dann sagen, ich bin keine Null unter dem Teppich, sondern ich kann mich vorstellen und offen sprechen. Diese persönliche Anerkennung ist wichtig für die.

Vertrauen schaffen und helfen, das ist dem Pfarrer wichtig. Doch manchem Latino erscheint das zu wenig. Daheim sind sie es gewöhnt, dass die Kirche "poder" hat, also mächtig ist und Einfluss hat auf Behörden und den Polizeipräsidenten. An der Illegalität in Deutschland aber kann auch Padre Alberto nichts ändern. Er kann nur humanitäre Hilfe leisten und manchmal Mütter davon überzeugen, wie wichtig es ist, dass ihre Kinder in die Schule gehen.

Sie sollen versuchen die Kinder unbedingt in die Schule zu schicken. Nicht den ganzen Tag einfach zu Hause liegen lassen, das ist katastrophal für die Kinder, für die Entwicklung, für die seelische Situation der Kinder. Und dann kommen die Schwierigkeiten, weil es ist eine sehr akute Frage, ob eine Schule, ein Schuldirektor die Verantwortung übernehmen kann, oder will, ein Kind ohne Papiere aufzunehmen.
Können Sie da helfen, vermitteln?
Sehr schwierig. Aber wir versuchen in jedem konkreten Fall einen Weg zu finden. Aber das ist nicht so einfach, weil da sind auch die Elternbeiräte mit dabei und die Angst, wenn das öffentlich wird, dass der Schuldirektor angeklagt wird oder so.


Marta kommt gern zum Nähen in die Mission, natürlich auch zum Plaudern. Das lenkt vom Alltag ab, der seit sieben Jahren nur aus Arbeit besteht.

Normal zu arbeiten bedeutet zwei Familien pro Tag zu haben. Eine für den Vormittag und die andere für den Nachmittag. Das heißt. wenigstens zehn Stunden pro Tag zu arbeiten, damit man was zu essen hat, das Zimmer zahlen und etwas Geld nach Hause schicken kann.

Die vierfache Mutter war oft krank. In Deutschland fehlt ihr einfach alles: die Kultur, die Nachbarn und ihre Kinder, die sie in Ecuador zurückgelassen hat.

Es ist das schlimmste was man machen kann. Wahrscheinlich war ich zu naiv, einfach meine Kinder zurückzulassen. Und wenn man dann hier ist und sich bewusst wird, wielange man seine Kinder nicht mehr sieht, das ist das schlimmste. Was man da verliert, lässt sich mit nichts vergleichen. Wir Mütter müssen einen hohen Preis dafür zahlen, dass wir unsere Kinder zurücklassen. Kein Geld der Welt kann das aufwiegen, was wir verloren haben. Wir haben die Liebe zu unseren Kinder verloren, die Familie ist zerstört, die Kinder machen, was sie wollen, sie leben ihr eigenes Leben. In dem langen Zeitraum, wo wir hier sind, haben wir von den Kindern weder mitbekommen, welche Krankheiten sie hatten, noch was sie brauchten. Wir waren einfach nicht da, als sie uns brauchten.

Trotzdem: Paula, die jüngste, liebt ihre Mamita sehr. In all den Jahren haben sie viel telefoniert, sich aber nur einmal gesehen. Heute ist Paula neun Jahre alt und freut sich, dass ihre Mutter bald Heim kommt. Marta hat sich entschieden.

Man muss sich eine Grenze setzen. Und sagen, es langt, ich gehe zurück. Denn man gewöhnt sich daran, man sagt sich, hier habe ich Arbeit, bekomme jeden Tag Geld und meine Familie lebt gut. Und wenn ich nach Ecuador zurückgehe, habe ich keine Arbeit und kein Geld und darum geht es mir hier besser. Aber so ist es nicht. Ich verliere mehr und mehr. Aber man gewöhnt sich an dieses Leben. Darum fällt es so schwer sich zu entscheiden wegzugehen. Ich glaube alle Menschen sind so. Ich weiß nicht, warum ich so lange hier geblieben bin.

Fatima aus Peru möchte erst einmal in Deutschland bleiben. Mit der Arbeit in Privathaushalten hat die 27-Jährige gute Erfahrungen gemacht. Sie wird angemessen bezahlt, die Familien mögen sie und empfehlen sie weiter. Fatima hat Pläne.

Ich möchte gerne in Deutschland bleiben. Mir gefällt dieses Land. Hier ist viel Ordnung, es ist ein schönes Land. Aber um hier zu bleiben, müsste das einfach mit unseren Papieren geregelt sein. Und ich wünsche mir, dass mein Beruf als Therapeutin auch hier anerkannt ist. Ich würde mich gerne beruflich um kranke Menschen kümmern und mich natürlich in meinem Beruf weiterbilden. Aber momentan sehe ich da keinen Weg. Um hier legal zu leben, muss man entweder heiraten oder man geht nach Spanien, weil es dort vielleicht etwas leichter ist die Nationalität zu bekommen.

Carlos aus Ecuador hat sich frisch verliebt und will weitere fünf Jahre in Deutschland aushalten, weil er hier Arbeit hat und etwas Geld. Doch die Sehnsucht bleibt: Und so träumt der 41-Jährige von einer besseren Zukunft und seiner Heimat. Er träumt von Freunden, Musik und Freiheit.

In der Zukunft möchte ich schon wieder in meine Heimat zurückgehen. Meine größte Sehnsucht ist, zurückzukehren an einen Ort, wo man besser leben kann mit ein bisschen Lebensqualität. Und wenn ich sehe, dass das nicht möglich ist, dann komme ich nur zum Sterben zurück.
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