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27.8.2004
Klangspuren
Was bleibt vom Schleswig-Holstein Musikfestival?
Von Knut Benzner

Orchestermusiker (Bild: AP)
Orchestermusiker (Bild: AP)
Als der allgegenwärtige Justus Frantz noch das Schleswig-Holstein Musikfestival leitete, da war das regionale Ereignis bundesweit in vieler Munde. Nun, da Justus Frantz nicht mehr verantwortlich zeichnet, sorgt das Festival nicht mehr für derartiges Aufsehen. Welchen Stellenwert hat es heute? Und nicht zuletzt: Bewegt das Musikereignis etwas in der Provinz? Immerhin sollte es ja die Kultur im nördlichsten Bundesland befruchten.

An der Ostsee. Kein Lüftchen weht, auf dem Wasser ein paar einsame Surfer, der Strand licht und leer.

In Niendorf, 20 Minuten nördlich von Lübeck, zwei Minuten südlich von Timmendorf.

Hier lässt es sich leben, sitzen und Kaffee trinken. Um den Ort noch genauer zu benennen: Auf der Terrasse des Hotel Atlantic.

Sie sind jetzt in Niendorf an der Ostsee, und wir haben seit zwei Jahren bei hier in Niendorf das Schleswig-Holstein Musik Festival zu Gast ...

Damit ist Niendorf-Ostsee ein relativ neuer Spielort. Aber das macht nichts. Es macht auch nichts, dass Niendorf bereits das dritte Mal dabei sein darf.

Das ist immer in der großen Evers-Halle am Hafen …

Evers ist eine alte Werft, Segelyachten ...

Letztes Jahr hatten wir ein Streichquintett, das war auch sehr gut, und dieses Jahr war auch wieder eine ganz tolle Sache, mit Herbert Feuerstein, der das Publikum mitgerissen hat, als wir sind stolz und glücklich, dass wir das Festival in Niendorf haben.

Stephan Muuss, Inhaber des Atlantic - der Name des Hotels führt ein wenig in die Irre, mit dem Atlantic in Hamburg hat dieses nichts zu tun. Aber: Das Atlantic in Niendorf liegt am Wasser.

Muuss, 37, hatte für die Festivalverpflegung gesorgt und sich, mit zwei Kollegen seine Gedanken gemacht: Letztes Jahr war England Festivalschwerpunkt. Es gab Roastbeef. Und dieses Jahr?

Dieses Jahr is äh äh Tschechien gewesen, da gab's Prager Schinken, also wir machen immer eine Motto-Gastronomie, passend zum Festival.

Muuss hat auch Strankörbe.

Wir haben auch Strandkörbe.

Zurück zum Festival.

Äh, in der Evershalle ist es ja 'n lockeres Publikum, es ist ist nicht so, wie man es eigentlich kennt, Festivalpublikum mit festlichen Hüten, auf der Werft erscheinen alle locker, leger, festlich gekleidet, aber nicht so in dem Rahmen, wie's bei Musikfesten auf'm Land ist.

Was kostete der Prager Schinken?

Das kostete die Portion fünf Euro, ich behaupte mal, das ist 'n verträglicher Preis.

Und der Strandkorb?

Für'n Strandkorb nehmen wir sieben Euro.

Nicht schlecht.

In Lübeck.

Ja, kann Ihnen alles erzählen, was Sie wollen, über die Meisterkurse, über die Orchesterakademie, über die Geschichte des Festivals, wie immer Sie wollen, ne.

Jürgen Feldhoff, 48, seit 20 Jahren bei den Lübecker Nachrichten, seit mehr als 15 Jahren deren Feuilleton-Chef.

Lübeck hat sich seinerzeit sehr bemüht, Sitz des Festivals zu werden, mit Erfolg, eben auch durch Kontakte zu Justus Frantz und eine entscheidendes Argument ist: Lübeck hat den besten Konzertsaal des Landes, nämlich die Musik- und Kongresshalle, und deshalb finden die meisten großen sinfonischen Konzerte des Festivals eben auch in Lübeck statt.

Und: Wer, wenn nicht Feldhoff, hat das Festival begleitet.

Damals war alles noch ne Nummer kleiner als es heute ist. Es gab weniger Konzerte, der ursprüngliche Gedanke, nämlich einen musikalischen Flächenbrand im Land Schleswig-Holstein zu entzünden, war noch etwas deutlicher, es war alles etwas familiärer.

Ein Flächenfestival ist es nach wie vor, natürlich. Schleswig-Holstein ist zwar nicht groß, aber Fläche hat es - insbesondere flache. Und, merkt Feldhoff, der Rheinland-Pfälzer, an, man habe an Professionalität hinzugewonnen. Der Vorteil.

Das fängt damit an, was mich persönlich betrifft, mit der Pressearbeit an, und endet damit, dass ausreichend Programme zur Verfügung stehen, was früher auch nicht immer der Fall war, dass das Catering besser geworden ist, denn diese Konzerte auf'm Lande in irgendwelchen Scheunen oder Gutshöfen, die sind ja auch ein Event und da hat sich sehr viel gebessert.

Catering? Event? Scheunen? Schleswig-Holstein.

Und im Kuhstall der Rantzaus in Pronsdorf z.B., eine neue Spielstätte in diesem Jahr, findet seit Jahren 'n schöner Weihnachtsmarkt statt und in diesem Jahr zum ersten mal 'n Konzert, und ich muss sagen, eine sehr schöne neue Spielstätte.

Scheunen haben ihren Charme.
Wenn man die Spielstädten genau betrachtet: Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, wie hoch der Anteil an altem Landadel im nördlichen Bundesland ist.

Mir wurde immer gesagt, ich würde Scheunen ... lieben, natürlich, ich liebe ... Scheunen, weil ich vom Lande komme, aber in Schleswig-Holstein gab es in der Zeit ... keinen vernünftigen Konzertsaal, es hat sich ja sehr verändert in der Zwischenzeit, und deswegen mussten wir in Scheunen gehen.

Justus Frantz.

Professor Justus Frantz, Gründer des Schleswig-Holstein Musik Festivals, 1985. Frantz ist seit Mai 60, der Papst und der Bundespräsident gratulierten.

Die Idee, eine Orchesterakademie und ein Festival zu gründen, was ganz anders sein sollte als Salzburg, weniger etabliert, da hatte ich natürlich sofort einen Fürsprecher für meine Ideen in Leonard Bernstein, ... wir wollten ein jugendliches Festival machen, wir wollten ein improvisatorisches Festival haben, indem man auch Freiheit hat, plötzlich mal Dinge zu verändern, neu zu machen, und das haben wir dann hier einfach gemacht.

Mit welchem Glanz! Mit welcher Verve, mit welcher Omnipräsenz. Mit welcher Wirkung.

Das ist ganz einfach zu beantworten: Ich habe mich nur auf die gestützt, die bis dahin wenig mit Kultur zu tun hatten, denn das Kulturestablishment, d.h. die Orchester damals in S-H die, die im Winter Konzerte zu organisieren hatten, die empfanden ja das Festival nicht als Möglichkeit, sich darzustellen, sondern eher als eine unangenehme Konkurrenz. Und außerdem als mehr Arbeit, und ich erinnere mich, dass am Anfang immer irgendein Mann mit einem großen Schild herumging und 'Nieder mit dem Festival' oder irgend so was stand da drauf und er konnte aber die Sogwirkung des Festivals gar nicht aufhalten.

Bernstein in Neumünster, Szolty in Norderstedt, Celebidache in Salzau - Schleswig-Holstein, so Frantz, wurde zur Musikrepublik der Welt. Schnittke, Denisoff...

Hier radelte Claudio Abbado mit Muti zum Strand, um zu baden und Gergejeff traf sie dort, das war einfach eine Zeit, wo wirklich die Musik hier fast so populär war wie der Sport, und das hat es in der Welt sonst eigentlich glaube ich meines Wissen in diesem und im letzten Jahrhundert nicht gegeben.

Er sonnte sich mit den Erwähnten.
Das Festival hatte eine enorme Außenwirkung.
Aber nicht nur: Eine Studie der Universität Kiel belegte vor einigen Jahren ein Besucherpotential von 30.000 Einheimischen, Schleswig-Holsteinern somit. Bei 120.000 Besuchern überhaupt wären 30.000 25%.
Justus Frantz.

Und ich wollte ja gerade eben immer ... Brücken bauen, wollte gerade eben das Unversöhnliche miteinander in irgendeiner Form in Beziehung bringen, vielleicht sogar miteinander versöhnen, dass dieses Festival eben keineswegs nur für eine Schicht war, sondern dass tatsächlich das eine Bürgerbewegung wurde, an der alle beteiligt waren. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass wir auf irgendwelchen Strohballen saßen, und das war das schönste Erlebnis an diesem Festival, denn wenn wir Musik machen, dann denken wir weder daran, dass wir eine bestimmte Steuerklasse bevorzugen wollen, noch dass wir eine bestimmte Bildungsklasse bevorzugen wollen. Wir wollen, das ist wenigsten das, was ich mir in meinem Leben vorgenommen habe, irgendwo den Beweis erbringen, dass es außer den Dimensionen, die stofflich sind, auch noch eine andere gibt. Und Musik ist der klingende Beweis dafür, und deswegen habe ich das eigentlich auch gemacht.

Die Jugend führte er zur Klassik und band sie ein, Meisterkurse mit dem Entdecker der Scheune sowie den anderen, das Landesjugendorchester war beim Festival und bis 1995 war Frantz dessen Intendant. Dann ging er, oder sollte gehen, es war zu einigen finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen.
In diesem Jahr ist er wieder einmal mit dabei, als Gast.

Indem ich hier spiele und mich freue, dass das Festival einen schönen Klang hat. Und heute Abend habe ich in der Neumünsteraner Holstenhalle einen Auftritt von fast ausverkauftem Saal gehabt und das war sehr beglückend für mich.

Hat es den noch, den schönen Klang?

Es scheint, als sei alles ein wenig ruhiger geworden, man mochte zu Frantzens Omnipräsenz stehen, wie man wollte - er war Jahr für Jahr der Vorantreiber des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Natürlich, natürlich.

Und er hat nicht zuletzt die Idee des Festivals, in einem verhältnismäßig bevölkerungsarmen Land, beseelt.

Jürgen Feldhoff, der Feuilleton-Chef der Lübecker Nachrichten:

Da hat das Festival ähnliche Probleme wie der gesamte Klassikmarkt. Es fehlt in gewissem Sinne an jungem Publikum, und das kann nicht an den Preisen liegen, die beim Festival auch nicht höher sind als bei Konzerten sagen wir mal der NDR-Sinfoniker oder auch der Lübecker Philharmoniker, sondern es fehlt ganz einfach der Publikumsnachwuchs.

Okay. Man hat darauf reagiert: Weniger Kammermusik.
Doch wie ist es mit der Tiefenwirkung?

Die Tiefenwirkung ansonsten ist schon gegeben, gerade wenn Sie aufs Land gehen, da sehen Sie nach wie vor in den Konzerten Leute, von denen man annehmen kann, dass sie ansonsten die Schwelle zu einem regulären Konzertsaal nicht so leicht überschreiten.

Ein Grundgedanke.

Der auf diese Art und Weise glaube ich immer noch mit Leben erfüllt ist.

Kennen Sie Günter Willumeit? Aus Bad Segeberg? Ja? Dann kennen Sie auch den Bauern Piepenbrink. Eine Figur Willumeits.

Auch er könnte anzutreffen sein, und der ist glaube ich sogar schon bei Konzerten gesehen worden.

Bauer Piepenbrink? Günter Willumeit.
Aber Bauer Piepenbrink als Metapher. Der Treckerfahrer.

Bauer Piepenbrink taucht auch auf, ne, also bei den Konzerten auf'm Lande isses tatsächlich so.

Wobei Schleswig-Holstein keineswegs mehr so rural ist wie es einmal war.

Zumindest ist die einheimische Bevölkerung immer in Person der freiwilligen Leute vorhanden, ne, die is auf jeden Fall immer dabei.

Muss sie ja, Brand löschen. Auf jeden Fall den vom vorherigen Abend.
Das Festival zieht übrigens um. Ein Zeichen, dass es ihm, auch wenn man nicht mehr so häufig von ihm hört, ganz gut gehen sollte.

Ja, hier innerhalb der Stadt, das Festival sitzt zurzeit in einer Gründerzeitvilla am Jerusalemsberg, und diese Villa platzt aus allen Nähten. Und jetzt hat die Stadt dem Festival ein neues Domizil zur Verfügung gestellt, ein Stadtpalais, mitten in der Stadt, in der Nähe des Doms, ein wunderschönes Haus, das jetzt total entkernt und saniert wird, und dort wird wahrscheinlich im Februar das Festival einziehen und hat damit endlich ein standesgemäßes und auch von der Größe her ein ausreichendes Domizil.

Seit zwei Jahren ist die Reihe Jazz-Baltica übernommen und ins Festival integriert worden - und damit Jazz in jeglicher Form, auf Schloss Salzau.
Stephan Muuss, der Inhaber des Atlantic in Niendorf, ist im Festival-Beirat für seinen Ort.

Also sehr viel Einheimische nehmen diese Kunst positiv auf,...alle, die dort waren, waren begeistert, das heißt diese Resonanz und das Weitererzählen, Du, da war ich, das war klasse ... Also die Einheimischen, die dort waren, waren einmal A begeistert von der Moderation,...Herbert Feuerstein, ... wann sieht man mal Herbert Feuerstein in seiner Art, wo er als Künstler war, und er hat es auch positiv aufgenommen, in so ein' Interieur aufzutreten ...

In der unter Denkmalschutz stehenden Halle der Evers-Werft.
Wer ist denn eigentlich aufgetreten?

Wie aufgetreten?

Na, wer war in Niendorf dieses mal?

Ja, Herbert Feuerstein und ein Ensemble von ...

Herbert Feuerstein wird ja wahrscheinlich keine Musik gemacht haben?

… die Kölner, pfhh, ‘n Kölner Streichquintett, genau kann ich Ihnen das auch nicht mehr sagen, weil ich kein Kunstfan in diesem Bereich bin, aber die Bevölkerung, die Einheimischen haben's positiv aufgenommen, ... 482 Einige sagten, man musste sich erst mal einstimmen, auf diese ganze Szene, aber alle waren begeistert und von daher gehen wir davon aus und wir würden uns freuen und würden es wünschen, wenn es nächstes Jahr wieder das Festival bei uns in Niendorf Ostsee zu Gast ist.

Muuss hat, wie viele andere, auch vom Festival profitiert, in Form einiger zusätzlichen Übernachtungen. Kulturtourismus. Kunst und Kommerz, besser noch anders herum: Kommerz und Kunst gehen keine getrennten, sondern gemeinsame Wege.

Denn das Festival ist, neben allen künstlerischen Gesichtspunkten auch entstanden, um den Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein anzukurbeln und somit die Standortqualität sowie den Wirtschaftsfaktor zu stärken.
Manch einem ist bei all dem immerhin Herbert Feuerstein in Erinnerung geblieben.

Übermorgen ist für dieses Jahr die letzte Vorstellung.
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