LänderReport
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30.8.2004
Tierische Zuwanderung
Wildtiere in der Großstadt Berlin
Von Philip Banse

Wildschwein (Bild: AP)
Wildschwein (Bild: AP)
Das Wildtiertelefon des Berliner Senats klingelt rund 35 Mal am Tag, 3000 Mal im Jahr. Bürger melden Wildschweine auf dem Alexanderplatz, Waschbären im Park, Marder auf dem Dach, Füchse im Schwimmbad, Feldhasen in der U-Bahn. "Viele Wildtiere haben sich so an das Leben in der Großstadt gewöhnt, dass sie sich gar nicht mehr in den Wald zurückziehen", sagt Derk Ehlert, Wildtierbeauftragter des Berliner Senats. Während den Wildtieren ihr natürlicher Lebensraum genommen wird, finden sie in der Großstadt alles, was sie brauchen: Brachflächen und viel Futter. Fast täglich ist Ehlert in der Hauptstadt unterwegs, um Bürger zu beruhigen, wenn mal wieder Füchse über den Spielplatz streichen.

(Telefon klingelt) Ehlert, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, guten Tag. .... hmm... hmm... Was hat der zerstört der Fuchs? Ein Büro?! ... Das ist klar, wenn er eingeschlossen ist, hmm.

Es gibt Tage, da steht das Wildtier-Telefon des Berliner Senats nicht still. Besorgte Hauptstädter machen Meldung aus dem Großstadt-Dschungel: ein Waschbär im Kamin, Wildschweine auf dem Alexanderplatz, Mader im Umspannwerk, Biber, die Bäume wie Schranken in den Berufsverkehr fallen lassen und Füchse, die es sich im Schlafzimmer einer Rentnerin gemütlich gemacht haben. 4000 Anrufe im Jahr, im Schnitt jeden Tag elf.

Das ist ne ganze Menge. Das zeigt wie besorgt die Menschen sind, wie viele Tiere in Berlin leben, dass es da auch wirklich einen Aufklärungsbedarf gibt.

Derk Ehlert, 37, ist Jagdreferent in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Seit zwei Jahren arbeitet der studierte Landschaftsplaner in Berlins oberster Jagdbehörde, die eigentlich nur aus ihm und einer Kollegin besteht. Die Zwei sind so was wie die Oberförster des Großstadt-Dschungels, 890 Quadratkilometer Straßen, Häuserschluchten, Gärten und Grünanlagen. Kaum im Amt, richtete Ehlert das Wildtier-Telefon ein. Denn in seinem Revier kommt es immer öfter zu Reibereien, die manchmal nur mit der Waffe zu schlichten sind.

Wir fahren jetzt in einen Bereich von Berlin, wo es im Augenblick häufiger zu unmittelbaren Begegnungen zwischen Mensch und Wildschwein kommt, und das nicht aus weiter Distanz, sondern immer aus einer relativen Nähe von maximal 20 Metern.

Mensch und Tier kommen sich immer näher: 3,4 Millionen Berliner teilen sich ihre Gärten, Spielplätze, Straßen und Schlafzimmer mit einer wachsenden Zahl von Wildtieren. Erst vor zehn Tagen tauchten rund 20 Wildschweine in der Innenstadt des Stadtteils Spandau auf und mussten von der Polizei vertrieben werden. Zählte der Berliner Senat vor fünf Jahren noch gut 1000 tote Wildschweine, waren es vor einem Jahr schon 2400. Anhand der Anzahl geschossener und verendeter Tiere geht der Senat von rund 1000 Füchsen und 4000 bis 8000 Wildschweinen aus, die im Berliner Stadtgebiet leben, Grunewald eingeschlossen. Die Anzahl der Mader stagniert auf hohem Niveau bei 500 bis 1000 Tieren. Dazu kommen einige Dutzend Maderhunde, Waschbären und Biber, die in Berlins Norden ihre Burgen bauen. Doch die Zahlen sind Schätzungen, mit der Zählung hat der Senat erst vor kurzem begonnen, seit Wildtiere zu Berlin gehören wie Ku´damm und Siegessäule. Doch nicht alle haben sich damit abgefunden. Einige Menschen fordern, jedes wilde Tier, das größer als eine Wespe ist, sofort zu erschießen. Andere haben mit viel Wurst und Küchenabfällen zu ihrem Fuchs ein besseres Verhältnis aufgebaut als zu den eigenen Kindern und verprügeln jeden, der das putzige Tierchen aufs Korn nimmt. Und zwischen den Fronten steht Derk Ehlert, verteilt Broschüren, die vor dem Füttern warnen und sagt, der Mensch müsse lernen, mit dem Tier zu leben.

Es bleibt nichts weiter übrig! Wir werden nicht gewinnen bei den Füchsen. In den Städten, in denen Füchse massiv bejagt wurden, hat sich gezeigt, dass die Füchse nicht zurückgingen. Von daher bleibt uns nur der Weg, da tätig zu werden, wo Tiere krank sind oder ne Gefahr besteht, andererseits aber ganz klar die Tiere in der Stadt endlich zu akzeptieren. Sie gehören zur Stadt dazu wie wir Berliner zu Berlin gehören. Berlin ist ne verrückte Stadt und zu Berlin gehören also auch verrückte Tierarten.

Derk Ehlert fährt nicht bei jedem Anruf raus, aber jetzt kam die Meldung, dass im Norden Berlins zahlreiche Wildschweine eingefallen sind, von denen einige sogar Gartentore mit Türklinken öffnen können. Das hält er für möglich, Wildschweine sind extrem intelligent, sagt Ehlert. Doch er möchte es prüfen und gucken, ob er die Tiere kennt und ob eine Gefahr für Menschen von ihnen ausgeht. Seit drei, vier Jahren lassen sich immer mehr wilde Tiere, die Städter sonst nur aus Filmen oder Märchenbüchern kennt, in der Großstadt nieder. Ganze Generationen von Füchsen und Waschbären sind mittlerweile in Berlin aufgewachsen und wissen schon gar nicht mehr, wie ihre Vorfahren im Wald überlebten. Das Wildschwein wurde zum Stadtschwein - und produziert fast doppelt soviel Nachwuchs wie im Wald.

Das hat ganz verschiedene Ursachen. Zum einen natürlich das große Futterangebot in der Stadt. Die Tiere finden mitunter in der Stadt bessere Lebensbedingungen als im Wald. Das kann man daran erkennen, das Füchse in der Stadt vielfach häufiger und dichter vorkommen als in den Waldgebieten. Futterangebot ist also das A und O, was bei den Tieren ausschlaggebend ist.

Außerdem werden Tiere in der Stadt nicht gejagt. Während den wilden Tieren in Berlins Umland die Lebensräume abhanden kommen, finden sie in der Stadt alles, was sie brauchen. Das ist paradoxerweise auch den Umweltschäden in der Stadt zu verdanken. Viele Berliner Kastanien und Eichen sind krank. Die Bäume sind gestresst und produzieren daher mehr Eicheln und Kastanien. Der Speiseplan wird ergänz durch menschlichen Müll: Doch halbe Bratwürste, ganze Hamburger und viel süße Limonade finden die Tiere nicht nur zufällig. Viele Berliner füttern die niedlichen Tiere - ein Verhalten, das zu Missverständnissen führt zwischen Mensch und Tier:

Die Tiere haben keine Angst mehr von den Menschen. Sie folgen ihnen mitunter. Wenn sie mehrere Wochen gefüttert wurden, können Schweine sehr zutraulich werden, das weiß der einzelne, der die Tiere füttert, sehr genau. Aber stellen sie sich vor sie sind Erholungssuchender, gehen in eine Parkanlage und begegnen zahmen Wildschweinen, die nicht vor ihnen wegrennen, sondern verharren und dann auf sie zugerannt kommen, um gefüttert zu werden.

Solche Menschen rufen dann bei Ehlert an und sagen: Tun sie was! So war es auch, als eine Rotte Wildschweine, an einer Bushaltestelle vor einem Bus wartete, weil sie dort mehrmals gefüttert worden war.

Die bleiben vor dem Eingang stehen, man kann es natürlich drauf ankommen lassen und trotzdem aussteigen, ich bin mir sicher, dass da nichts passieren würde, aber die Busfahrgäste, die da aussteigen und die Tiere nicht kennen, wissen das natürlich nicht und haben große Angst. Und denn wird mit der Polizei versucht, eine Lösung des Problems herbeizurufen. (Wie haben sie das gelöst das Problem?) Wir sind hingegangen und ich habe mir von den Kollegen von der Polizei einen Besen genommen und habe die Tiere verscheucht.

Derk Ehlert ist in dem Nordberliner Vorort angekommen. Die Wildschweine, die angeblich Türklinken bedienen können, sollen sich in einem waldigen Park aufhalten, 2000 Quadratmeter groß mitten einem Wohngebiet. Der komplette Park ist von den Wildschweinen aufgewühlt. Der Schaden, den Wildschweine jedes Jahr in Berlin anrichten, ist nicht zu beziffern, sagt Ehlert. Denn Schäden in Ortschaften werden laut Jagdrecht nicht ersetzt und somit auch nicht aktenkundig. Ehlert geht gebückt und leicht schnüffelnd den Parkweg entlang. Der Jagdreferent nimmt die Fährt auf.

Man kann sie schon riechen, weit weg können sie nicht sein.

Im Halbschatten eines großen Busches, zwischen Parkweg und einem Mehrfamilienhaus, liegt tatsächlich ein Wildschwein und schläft.

Da liegen sie, auf der linken Seite, das scheint Sophie zu sein, die ist dann schon bekannt, ist etwas hellgrau, hat auf der Seite nen kleinen Fleck, die Frischlinge kann ich noch nicht sehen, aber sie sehen sie, in etwa sechs Meter Entfernung vor uns schläft sie, döst vor sich hin in einer öffentlichen Parkanlage. Und man konnte sie eben schon riechen, das ist das Schöne daran: Wenn man einigermaßen gut riechen kann, kann man die Wildschweine schon aus eine Distanz von 20 bis 50 Meter erkennen, den Geruch.

(Wie soll man sich verhalten?) Sie sehen ja, wir stehen hier beide unterhalten uns ganz nett, das könnten wir auch sicher zwei, drei Meter weiter im Strauch machen, aber einen gewissen Mindestabstand sollte man einhalten. Die Bache hier mit ihren Frischlingen, ist ja den Menschen gewohnt, die geht hierher, weil sie Ruhe hat und weil wir hier gerade stehen und ein Stückchen weiter ist ein kleiner Spielplatz und wenn die nachher ausgeschlafen haben und sich langsam wieder auf den Weg machen, um die Nahrungsgrundlagen zu fressen, werden sie sicher auch an uns vorbeiziehen.

Ehlert kann und will nichts gegen die Schweine machen. Denn Jagd ist in der Stadt grundsätzlich verboten - auch ein Grund warum Wildtiere sich in Berlin so wohl fühlen. Nur wenn wilde Tiere eine Gefahr für den Menschen darstellen oder krank sind, kann Ehlert einem Stadtjäger die Erlaubnis zum Abschuss geben. Und selbst dann dürfen keine Menschen, parkende Autos oder wie in diesem Fall ein Kinderspielplatz in der Nähe sein. Außerdem würde es hier nicht reichen, ein Tier zu erschießen, weil dieser Park als angenehmer Ruheplatz längst einer ganzen Wildschweingeneration bekannt ist. Auch das Grünflächenamt hat längst kapituliert und den Park den Schweinen überlassen.

Da hinter sind noch Frischlinge ... Die reagiert nicht mal. Wir schauen mal, ob ihre Tante oder ihre Schwester noch da ist, ein Stückchen weiter.

Ein weiterer Grund, warum Ehlert die Wildschweine hier vorerst nur beobachtet, ist, dass die Anwohner hier am Stadtrand die Wildschweine als Nachbarn akzeptiert haben. Was in der in Innenstadt oft zu Angst und Tumult führt, nimmt man hier mit Gelassenheit. Auf dem Spielplatz schieben zwei Frauen ihre Kinderwagen. Sassi Schoof ist 34 und vor einem Jahr hierher nach Tegelort gezogen.

Ich gehöre zu denen, die den Förster angerufen haben, weil die Bache mit ihren Frischlingen rund um den Falkenplatz lag. Das ist ne Bushaltestelle, und ich dachte: Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das gibt´s doch überhaupt nicht. Die haben sich weder vom Verkehr stören lassen, noch von den Leuten, die an der Bushaltestelle standen. Die haben sich weniger stören lassen als die Leute von ihnen.

(Würden sie heute noch mal anrufen?) Ne, das war so peinlich, das war so peinlich, weil die Leute auch meinten, die gibt´s hier schon ewig, die gehören doch dazu.

Wir müssten mal weg, ich habe ein erhebliches Problem, da sind 30 Tiere auf der Fahrbahn, da müssten wir mal eben hinfahren.

Die Polizei hat Derk Ehlert angerufen, weil 30 Wildschweine ganz in der Nähe auf der Straße stehen. Das gilt als ernste Situation, weil Menschen gefährdet sind.

Mal Stoff geben, ob die noch da sind. Sind schnell da, und schnell wieder weg. Sie merken, es brennt an verschiedenen Punkten.

Aber auf der Straße durch ein Waldstück sind weder Polizisten noch Wildschweine zu sehen.

Ne, scheinen nicht mehr da zu sein, zu spät.

Aber Derk Ehlert fährt langsam weiter und guckt links und rechts in den Wald. Er will wissen, was das für eine Rotte war, ob es bekannte Tiere sind oder neue. Die Tiere erkennt er am Aussehen und am Verhalten. "Sie erkennen ihre Verwandten doch auch", sagt Ehlert. Und tatsächlich: Auf einem Waldweg, 20 Meter im Wald, stehen 12 Wildschweine und durchpflügen das Laub.

Da ham wer se. So, da können wir noch mal nen Augenblick hintreten, wenn sie mutig sind. Ich kenne diese Rotte nicht, drum bin ich jetzt vorsichtig.

Die Bache hört auf zu fressen, hebt ihren Kopf und kommt ein paar Schritte auf uns zu. Derk Ehlert hebt die Hände und weicht langsam zurück.

In diesem Fall ist es so, dass sie ganz klar anzeigt, dass sie nicht gestört werden möchte. Sie kommt also auf uns zu. Sie sträubt den Nacken, sie zeigt die Ohren, sie spitz die Ohren an, in diesem Fall ist es eine Leitbache mit einer Überläuferbache, also einem Tier vom letzten Jahr, und ich sehe 2, 4, 6, 8, zehn Frischlinge. Es handelt sich also um eine normale Rottengröße und die Frischlinge haben ein Alter von so 4,5 bis 5 Monaten, würde ich mal schätzen und ein Gesicht von 15 bis 20 Kilo.

(Was würde passieren, wenn wir jetzt hingehen würden?) Probieren sie es aus. (Bleiben wir mal bei der Theorie.) Dann würde sie uns unmissverständlich klar machen, dass wir nicht weiter gehen sollen. Sie würde uns nicht beißen zunächst. Sie würde ankommen und mehrere so genannte Scheinangriffe machen, würde Grunzen, Doppelgrunzen und wenn alles nichts nutzt würde sich vermutlich zurückziehen.

Wir können mal n Stückchen reinfahren mit dem Wagen, das mache ich immer ganz gerne, weil man sich dann etwas sicherer fühlt.

Langsam fährt Ehlert den Waldweg entlang auf die Rotte zu. Die Wildschweine lassen sich nicht stören und schnüffeln direkt neben dem Wagen im Laub.

(Dass die einen so nah rankommen lassen, ist das schön ein Zeichen für Zahmheit?) Absolut, wenn sie aussteigen, würden sie sehen, dass sie nicht weglaufen. Machen sie das mal.

Die Frischlinge schrecken kurz auf, fressen aber in vier Meter Entfernung weiter.

(Naja, das würde ich eindeutig Flucht nennen, oder?) Das ist Flucht, aber man kann nicht sagen, dass das normale Schweine sind mit der üblichen Scheu, wenn die in aller Ruhe neben dem Wagen fressen.

Doch wilde Tiere leben nicht nur nicht nur in den Berlins Randbezirken. Am Alexanderplatz lebt seit Jahren ein Fuchs, der sich von Ratten ernährt. Vor der Siegessäule warten hungrige Füchse auf Touristen und auch Wildschweine sind in ganz Berlin zu Hause.

Auf allen größeren Grünanlagen. Vereinzelt dringen sie aufgrund der besonderen Grünstruktur von Berlin, dieser sternförmigen Grünstruktur von ganz außen auch bis ins Zentrum vor. Ihnen ist es also möglich, von den äußeren Bereichen rein, ja, bis zum Alexanderplatz zu kommen, wie im vergangenen Jahr.

Damals waren zwei Wildschweine am Alexanderplatz aufgetaucht, in einen Kindergarten eingedrungen und hatten für Verkehrchaos gesorgt. Der klassische Fall, in dem Ehlert Schüsse in der Stadt genehmigen musste.
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