LänderReport
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31.8.2004
Der Bauernaufstand von Eiderstedt
Naturschutz und Wirtschaft streiten um Naturschutzflächen
Von Jasper Barenberg

Vorland Westerhever - Eiderstedt (Bild: eiderstedt.de)
Vorland Westerhever - Eiderstedt (Bild: eiderstedt.de)
"Natura 2000" - das Netzwerk der EU für den Schutz bedrohter Arten und Lebensräume - sorgt im ganzen Land für Tumult: Das Umweltministerium will 240 neue Schutzgebiete ausweisen und damit eine EU-Verordnung umsetzen. Dagegen gehen im ganzen Land Tourismus-Chefs, Bauern, Unternehmer und Kommunalpolitiker auf die Barrikaden.

Am größten ist der Protest auf der Halbinsel Eiderstedt. Aber nicht nur dort werden die Pläne als Bedrohung betrachtet, als Hemmnis beim Ausbau von landwirtschaftlichen Betrieben, Gewerbegebieten, Flughäfen oder Campingplätzen. Zurzeit läuft ein Beteiligungsverfahren. Im Umweltministerium sind über 1000 Eingaben und Stellungnahmen eingegangen. In Kürze soll endgültig beschlossen werden, welche Gebiete Kiel nach Brüssel melden will.


Weit geht der Blick über endlose grüne Weiden, durchzogen von Wassergräben und kleinen Tümpeln. Verstreut zwischen windschiefen Kopfweiden stehen Gehöfte aus rotem Klinker, viele mit Reet gedeckt und Hunderte von Jahren alt: Eiderstedt, die Halbinsel an der Westküste von Schleswig-Holstein. 15.000 Menschen leben hier auf 30.000 Hektar fruchtbarem Marschland. Viel Platz für Tiere.

Wo im Sommer Mastbullen und Milchkühe weiden, lassen sich im Winter Tausende Nonnengänse nieder. In den feuchten, weichen Böden stochern Uferschnepfen nach Würmern und Insektenlarven. Schwärme von Goldregenpfeiffern machen auf ihrer Durchreise Rast. Eiderstedt - ein Refugium.

Klaus Müller: Die Hälfte aller Vogelarten bei uns in Schleswig-Holstein sind vom Aussterben bedroht, teilweise vom Aussterben bedroht oder stehen auf der Vorwarnliste. Wir haben ein ganz elementares Problem mit unserer Artenvielfalt bei uns in Schleswig-Holstein. Und das hat Gründe. Und die können wir fast alle auf uns Menschen zurückführen - auf die Form, wie wir wirtschaften und auch wenn sich vieles verbessert hat, auch das sage ich deutlich, hat es auch viel mit unserer jetzigen Form der Landwirtschaft zu tun.

Seit Monaten ist der grüne Umweltminister Klaus Müller als Handlungsreisender unterwegs. Im ganzen Land wirbt er für die Entscheidung der Landesregierung, weitere Schutzgebiete auszuweisen und nach Brüssel zu melden. Das europaweite Netzwerk "Natura 2000" - in seinen Augen ist es der richtige Weg, um bedrohte Lebensräume zu erhalten und die einzigartige Vogelwelt des Landes zu erhalten. Eiderstedt soll dazugehören. Die Menschen auf der Halbinsel aber empfangen den 33-jährigen Minister aus Kiel samt seiner Botschaft alles andere als freundlich.

Mit Straßensperren begrüßen sie Klaus Müller, brennende Holzstöße säumen den Weg, als der Minister in seinem silbernen Dienstwagen zu einer Informationsveranstaltung eintrifft. Aufgebrachte Bauern erwarten ihn schon.

Bauer: Teilweise machen wir das schon, äh, dass wir das Land pflegen für unsere Nachkommen und das die Vögel auch weiter bestehen können ... wir haben hier ja schon in dem Sinne ... und nun sind wir nicht mit einverstanden, dass wir von oben rüber noch einen auf den Deckel dazu kriegen ...

Bauer: Wenn wir uns hier alle einig sind in Eiderstedt, denn geht das nicht los, ne? Wir haben immer die Natur geschützt und getan, ne? Das haut nicht hin!

Klaus Müller: Also ich habe ein sehr sehr dickes Fell und wer austeilt muss auch einstecken können, insofern ... aber es ist schon hart ... es ist schon eine sehr sehr harte Auseinandersetzung, keine Frage.

Bei aller Überzeugung in der Sache: Unmut und Verunsicherung bleiben nicht ohne Wirkung auf den Minister. Schließlich weiß er um die schwierige Lage der Menschen auf der Halbinsel.

Klaus Müller: Eiderstedt ist zwar eine wunderschöne Region, die auch touristisch tolle Potentiale hat. Aber wenn sie sich jetzt mal die Agrarstruktur angucken, dann trifft die Eiderstedter Landwirte die europäische Agrarpolitik, die just auch zum 1.1.2005 greifen wird, besonders hart. Das kann man jetzt erklären durch Historie, durch Hofgrößen, durch bestimmte Formen der Weidemast und ähnliches ... das ist schon richtig hart und bitter. Was uns in allen Regionen begegnet, die mit Natura 2000 zu tun haben, ich werde für etwas gutes, das ich getan habe, bestraft. Und auch das können sie nicht wegdiskutieren. Im deutschen Naturschutzrecht kann ich wirtschaftliche, soziale Belange dagegen abwägen. Europa sagt jetzt aber: nur naturschutzfachliche Gründe! Im Nachhinein, dann könnt ihr Ausnahmen erteilen!

Beim Landrat stößt Müller mit diesem Argument auf taube Ohren. Olaf Bastian steht fest an der Seite der Widerständigen. Der CDU-Politiker malt die Entwicklungschancen einer ganzen Region in schwärzesten Farben, sollte die Halbinsel in das europäische Netzwerk aufgenommen werden.

Olaf Bastian: Die Landwirtschaft nutzt den Boden derzeit in großem Maße als Grünland. Und die Landwirtschaft möchte für die Zukunft die Option offen halten, auch mal die eine oder andere Fläche umzubrechen in Ackerboden, weil die wirtschaftliche Lage es vielleicht erfordert. Diese Option wird genommen, wenn dieses unter Schutz gestellt wird. Daneben gibt es touristische Belange, die berührt sind: Beispielsweise in dem bedeutsamen Tourismus-Ort St. Peter Ording sind Teile eines geplanten Golfplatzes in dem geplanten Schutzgebiet, Entwicklungsflächen für einen Campingplatz sind in dem Schutzgebiet. In anderen Orten sind Siedlungsflächen, die geplant sind, in dem Schutzgebiet, in wieder anderen Orten geht es darum, das Gewerbegebietsentwicklung behindert wird.

Gönnar Wille (singt): NABU-Müller, NABU-Müller, hörst Du nicht? Hörst Du nicht? Hörst Du nicht die Bauern - piep, piep, piep!

Gerade einmal drei Jahre ist die kleine Gönnar alt. Und weiß doch schon ganz genau, wo der Feind steht. Kaum fällt der Name des grünen Umweltministers, kaum erwähnt jemand den NABU, den Naturschutzbund Deutschlands, fängt das blonde Mädchen an, ihr Liedchen zu singen. Holger Wille nimmt seine Tochter auf den Arm. Blickt in der Abendsonne hinüber zu Stall und Wohnhaus. Schaut hinab auf seinen vierjährigen Sohn Tarde.

Holger Wille: Ich hoffe, dass einer von den beiden das übernimmt mal irgendwann hier. Das ist so das klassische Ziel von vielen Bauern, dass die Kinder das mal weitermachen; dafür steht man morgens auf. Ich habe das von meinen Eltern und die haben das von ihren Großeltern. Und wir haben alle daran gearbeitet, dass das ein Arbeitsplatz und ein Platz zum Leben bleibt.

80 Hektar Grasland erstrecken sich rings um den landwirtschaftlichen Betrieb. Rinder mästet Holger Wille hier, auch Milchkühe stehen auf den Weiden. Doch der Milchpreis ist im freien Fall. Und auch die Mast lohnt sich nicht mehr recht. Die Europäische Union kürzt die Agrarhilfen. Die Ausweisung als Vogelschutzgebiet - das würde ihm den Rest geben, sagt Holger Wille.

Holger Wille: Es würde mich in meiner Entwicklungsfähigkeit einschränken. Wenn wir das werden, dann stehen Tür und Tor offen, die Beschränkungen schärfer zu machen. Zum Beispiel Düngungsbeschränkungen. Und all diese Dinge, die kann ich nicht akzeptieren, wenn ich unter Wettbewerbsbedingungen wirtschaften will.

Wie alle, die Sturm laufen gegen die Politik in Kiel, bangt Holger Wille um seine Existenz, fühlt sich in die Zange genommen zwischen Bürokraten in Brüssel und Übereifrigen in der Landeshauptstadt.

Hans Friedrichsen: Der Naturschutz überzieht - total. Wir brauchen hier ein faires miteinander. Und der Naturschutz hat meiner Meinung nach zurzeit ein zu hohes Gewicht.

Hans Friedrichsen ist so etwas wie der Anführer des Bauernaufstands. Die Initiative "Pro-Eiderstedt" hat der Vorsitzende des Kreisbauernverbands ins Leben gerufen. Unermüdlich fährt er kreuz und quer über die Halbinsel - nach St. Peter Ording und Osterhever, nach Tönning und nach Tetenbüll. Um seine Truppen zu sammeln und auf das gemeinsame Ziel einzuschwören.

Hans Friedrichsen: Wir fordern keine Schutzgebietsausweisung und freiwilligen Vertragsnaturschutz. Es wäre fürs Portemonnaie oder für den Finanzminister die beste Lösung und auch für die Vogelwelt und für die Landwirte die beste Lösung.

Die, die es interessiert, versorgt Friedrichsen aus dem Kofferraum seines Wagens mit Broschüren, Statistiken, Karten und Gutachten. Der Berg Papier beweist in seinen Augen, dass eine Ausweisung als Schutzgebiet den Vögeln nicht nützt, sondern im Gegenteil schadet, weil es ihnen in der gewohnten Obhut der Landwirte besser gehe als unter der Aufsicht des Ministeriums. Vielen spricht der Kreisvorsitzende damit aus der Seele. Sie fürchten für die Zukunft langwierige Behördengänge, sobald sie einen neuen Stall bauen wollen oder eine Weide zu Ackerland umpflügen. Entlang der Landstraßen haben sie große Schilder aufgestellt. Hans Friedrichsen und Holger Wille kennen nur zu gut die Parolen, die darauf gekritzelt sind.

Hans Friedrichsen: Die Vogelwelt auf Eiderstedt wird immer stiller, in einem Naturschutzgebiet von Minister Müller.

Holger Wille: Die Feinde der Vogelwelt sind Raben, Krähen und rot-grüne Machtideen.

Hans Friedrichsen: Müllers Wille, Totenstille!

Längst hat der Konflikt auch die politische Bühne in Kiel erreicht.

Abgeordneter Todsen-Reese: Heute haben wir die letzte Chance, die Notbremse zu ziehen, damit Natura 2000 nicht endgültig zum Fiasko für Schleswig-Holstein wird.

Die Landtagswahl im Februar fest im Blick, hat vor allem die CDU-Opposition das Thema entdeckt. Und beharkt den Minister der rot-grünen Koalition.

Abgeordneter Schlie: Sie sagen, die EU-Kommission zwingt uns dazu, Gebiete auszuweisen! Und diese Drohkulisse, die Sie aufbauen, die benutzen Sie dann dazu - und das ist das Hinterhältige an dieser Politik! - um unter naturschutzfachlich nicht abgesicherten Kriterien Gebiete auszuweisen, weil das der Ideologie ihrer Naturschutzpolitik entspricht, und nicht, weil die Richtlinie Natura 2000 das erfordert!

Abgeordneter Mathiesen: Sie sind doch im Grunde froh, dass nicht Sie es sind, sondern ein grüner Minister. Sie würden nämlich ganz anders hier reden, wenn Sie an der Regierung wären. Die CDU ist an einer sachgerechten Lösung der Probleme nicht interessiert, sondern nur an Taktik im Hinblick auf die Landtagswahl. Und die FDP ist sowieso gegen Naturschutz.

Umweltminister Klaus Müller müht sich in der Kontroverse nach Kräften um Sachlichkeit. Mit großem Einsatz und viel Phantasie hat sein Ministerium Faltblätter erstellt und Broschüren gestaltet. Postwurfsendungen gingen an alle Haushalte auf der Halbinsel.

Klaus Müller: Hier assoziieren Leute mit Schutzgebiet, dass da ne Käseglocke drüber kommt. Das ist schlicht unwahr. Ein Vogelschutzgebiet bedeutet, alles, was dort heute geschieht und was natürlich legal ist, darf auch weiter geschehen. Und wenn sie irgendetwas Neues machen, dann müssen sie nur fragen: beeinträchtigt das in irgendeiner Art und Weise den Lebensraum der Vögel - eine Erweiterung des Stalles: nein, das bedeutet in der Regel keine Beeinträchtigung. Eine Erweiterung des Silos, eine Erweiterung der Ferienappartements: nein!

Den Landwirten sucht er das große Naturschutzprojekt als Chance schmackhaft zu machen. Weil Land, Bund und Europäische Union das Engagement für die Natur in Euro und Cent honorieren würden. Ein zweites Standbein in wirtschaftlich harten Zeiten. Die Betroffenen aber mögen daran nicht glauben.

Bauer: Konrad Adenauer hat mal gesagt: Was schert mich das Geschwätz von gestern! Was ist denn Herr Müller, wer ist denn Herr Müller? Ist er morgen noch Minister, übermorgen noch Minister? Und sie wissen doch, wie die Finanzen in Schleswig-Holstein dastehen - so miserabel wie nur irgendwas! Und was soll denn wohl von der EU kommen? Welche Macht haben wir denn als Schleswig-Holsteiner in der EU? Wie werden wir da vertreten? Das weiß doch kein Mensch! Das ist doch alles im Dunstkreis!

Und auch Landwirte wie Hans Friedrichsen und Holger Wille betrachten die Aussicht auf Fördermittel als ungedeckte Schecks. Einlösung ungewiss.

Friedrichsen / Wille: Es geht um die Lebensgrundlage auf Eiderstedt./ Und es geht um Perspektiven! Ein Naturschutzgebiet ist keine Perspektive, um den Kindern das zuzumuten. Das würde ich nicht machen. Dann werden die was anderes lernen und was anderes machen.

Vor einigen Jahren erst hat Holger Wille das Wohnhaus um einen Anbau erweitert. Eine Investition in seine Zukunft und in die seiner Familie. All das sieht er jetzt aufs Spiel gesetzt.

Holger Wille: Man ist immer zwischen hoffen und bangen. Ich hab Tage, wo ich denn positiv denk' und hoffe, wir kriegen das abgewendet. Und dann hat man wieder Tage, wo man meint, wir schaffen es nicht. Und dann fällt man in ein Loch. Und hat Angst, dass die Zukunftspläne, die ich hatte oder die ich hab, zerschlagen werden.

Allem Widerstand zum Trotz: politisch ist der Konflikt entschieden. Nach einem Beschluss des Kabinetts mit dem Segen von Ministerpräsidentin Heide Simonis hat Schleswig-Holstein fast 300 Gebiete für Natura 2000 über die Bundesregierung nach Brüssel gemeldet. Die Halbinsel Eiderstedt allerdings ist nicht dabei. Noch nicht. Die betroffenen Gemeinden sind vor Gericht gezogen. Um einen juristischen Eklat zu vermeiden, will der Umweltminister die für Oktober erwartete Entscheidung abwarten. Er rechnet fest mit einem Beschluss zu seinen Gunsten.

Klaus Müller: Dass, was für mich der Albtraum schlechthin ist, ist jetzt ein Beschluss der Landesregierung, der wieder ein fauler Kompromiss wäre und wo in zwei oder drei Jahren ich oder ein anderer Umweltminister wieder nach Eiderstedt muss um zu sagen: wir kommen ein weiteres Mal: mit einer größeren Kulisse, schärferen Abgrenzungen oder sonst was. Das will ich nicht! Ich will den Landwirten jetzt einmal reinen Wein einschenken, auch wenn ich dafür Dresche ohne Ende kriege - da macht man sich zurzeit nicht beliebt. Aber diese Vorstellung wäre für den Naturschutz in Schleswig-Holstein schlicht das Fiasko. Es wäre bequemer - aber nicht besser!

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