LänderReport
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7.9.2004
Warum dieringisch kee säggsisch is
Eine nahe liegende Erklärung
Von Ulrike Greim

Thüringer haben es im nichtthüringischen Ausland schwer. Immer wieder werden sie - völlig zu Unrecht natürlich - mit den Sachsen in einen Topf geworfen. Dabei reden die Thüringer ebenso wenig sächsisch, wie die Badener schwäbisch. Und gelegentlich reagieren sie so sauer wie Schwaben von denen man sagt, sie sprächen bayrisch. Tatsache aber ist, dass die thüringische Geschichte und damit auch die Sprache, lange Zeit und intensiv durch die Sachsen geprägt wurde. Die Autorin bemüht sich, den Lokalpatrioten Recht zu geben, die nicht müde werden zu betonen, dass thüringisch kein sächsisch ist.

Naja, eigentlich ist die Sache schnell erklärt. Thüringer sind ein eigenes Völkchen, haben eine eigene thüringische Tradition und reden auf alle Fälle kein sächsisch. Punkt. Aus. Ende. Basta. No?!

Ähm. Naja. Zugegeben. Kleine dialektale Einfärbungen inbegriffen. Kleine! Es ist auch nicht so, dass sich die Thüringer den sächsischen Nachbarn nicht verbunden fühlten, nein, man pflegt gute Nachbarschaft. Und undankbar gegenüber der reichen gemeinsamen Geschichte sind sie keineswegs. Nur eben die Tatsache, dass Sprache eine Frage des Bewusstseins ist, und Thüringer stolz sind auf ihr kleines Land, und deswegen gar kein Sächsisch reden können, die muss einmal gesagt werden. Ge?! Etwaige klangliche Ähnlichkeiten sind rein zufällig und bedürfen keiner weiteren Beachtung. Denn Thüringen ist immerhin das Land Goethes und Schillers, Bachs und Luthers. Luther beispielsweise hat sich mit der Bibelübersetzung um eine einheitliche deutsche Sprache verdient gemacht, und hat, wie er selber sagte, dem Volke aufs Maul geschaut. Und das kann ja nur das Volk von Eisenach und Umgebung sein. No?!

Genau genommen bemühen sich viele Thüringer um ein nahezu perfektes Hochdeutsch. Zumindest zeitweise. Also wenigstens gelegentlich.

Die Greizer zum Beispiel, im Osten Thüringens, verstehen sich als das letzte antisächsische Bollwerk Thüringens. Auch wenn das Außenstehende gar nicht so hören...

Selbst die seit je her eigensinnigen Südthüringer, gemeint sind die südlich des Rennsteigs, wollten ja nach der Wiedervereinigung beinahe lieber zusammen mit den dazugehörigen Bayern die Autonome Gebirgsrepublik Franken gründen, haben sich dann aber ganz der Thüringer Seite zugeschlagen.

Bärbel und Klaus Greiner zum Beispiel sind waschechte Südthüringer. Und sie reden hochdeutsch, sagen sie. Zumindest mit Gästen. Auf jeden Fall käme niemand auf die Idee, sie seien Sachsen. Und falls jemand sagt, sie würden gar nicht so reden, wie die in Thüringen - und das meint ja leider meistens sächsisch - dann ...

Dann erklären wir das, dass wir ja eigentlich nicht Thüringisch sprechen, sondern eher oberfränkisch. Und das ist oft einleuchtend.

Die Greiners wohnen in Erfurt. Sie stammen aber beide aus Südthüringen. Sie, die Bärbel, aus Lauscha, er, der Klaus, aus Steinach. Obwohl beide Orte nur fünf Kilometer voneinander entfernt sind, gibt es doch - vielleicht nicht unbedingt für Außenstehende hörbare - so doch zumindest für die Kenner erhebliche Unterschiede.

Bärbel: Der Klaus versteht mich auch immer nicht, wenn ich 'anziehen' oder 'ausziehen' meine. Er ist immer der Meinung, das ist das Gleiche. Und ich finde aber - und meine Freundin, die aus Lauscha ist, findet das auch - dass man das sehr wohl unterscheiden kann: Ozieh und Ohzieh.
Klaus: Bei uns heißt es ozieh und auziehe. Und in Lauscha heißts beide mal gleich. (Lachen) Wie nochmal?
Bärbel: Ozieh und ohzieh. (beide lachen)

Steinach liegt oberhalb Lauschas, an der Sprachgrenze vom Thüringischen zum Oberfränkischen. Passiert man den Rennsteig von Norden her, dann kippt die Sprache von einem Dorf zum nächsten. Bereits für grundlegende Dinge werden verschiedene Wörter benutzt. Wir zücken also unser Vokabelheft und notieren:

Klaus: Kartoffeln sind Atöpfel, Mohrüben sind galba Rohm, Kohlrabi sind öbeschicher Rohm, Erbsen sind Arbisen. Wenn man zum Beispiel Kohlrabi mit Mehlspatzen macht - ein typisches Gericht, was es zum Beispiel in Steinach gibt - ist ein öbeschicher Rohm mit Mahlflöck.
Bärbel: Also wir sagen zu Erbsen zum Beispiel ganz normal Erbsen. Aber Gala Rohm heißt bei uns auch so.
Klaus: Gala heißt bei uns galba. Gelbe. 'A' ist ein typischer Laut, den's im Deutschen gar nicht gibt.

Die Thüringer Franken sind - soviel lässt sich sagen - ein eigenwilliges Völkchen. Das merkt man bereits an ihren Bräuchen. Und nicht einmal für die haben sie identifizierbare Namen.

Bärbel: Also wenn man sich zum Beispiel der Längsachse nach den Berg runterkollert, dann heißt das in Steinach: Bollerleiten, weil man praktisch den Hügel runter rollert - die Leiten. Und bei uns heißt es Wälgerholz. Wälgerholz ist ein Nudelholz. Und in Neuhaus heißt es Kulperfassler, also ein Fass, dass sich den Hang runter rollert.

Die Lauschaer und die Steinacher verbindet eine gut gehegte Konkurrenz. Jedes Tal im Thüringer Wald hat seine Eigenheiten, die sich in den Familien bis heute erhalten - trotz geöffneter Grenzen, denn jenseits der Grenze spricht man ja nahezu genauso, trotz Mobilität. Bei Greiners zuhause wird Mundart gesprochen, sie, Bärbel, ihr Lauschner, er, Klaus, sein Stänicher. Nur Sohn Otto, der in Erfurt zur Schule geht, pflegt das Hochdeutsche, sagen zumindest die Eltern.

Wir sind bald 20 Jahre verheiratet trotz fünf km-Sprachbarriere.

Kleine Unterschiede in fünf Kilometern Entfernung. Große in 50.

Zu Gast bei Gerhard Axt in Sondershausen, nördlich von Erfurt. Er ist ebenfalls bekennender Thüringer. Der pensionierte Postbeamte ist ein Heimatforscher, er sammelt Geschichten und schreibt Artikel über die Regionalhistorie.

Hier in der Stadt - meine Großeltern in der Stellmacherei - sprachen dort untereinander und überhaupt auch dieses Platt. Ge?! Mein Vater hatte das drauf, und es ist klar, dass ich das auch mitgekriegt habe. Aber sobald Kundschaft kam, die sie nicht kannten, dann schalteten die sofort um auf das Hochdeutsch. Die sprachen sogar sehr gutes Hochdeutsch. Aber man schämte sich offenbar, dieses Platt zu sprechen. Das war irgendwie lange Zeit verpönt.

Das Platt ist Nordthüringisch. Das speziell in diesem Sondershäuser Viertel gesprochene Nordthüringisch. Man hört förmlich die Nähe zu Sachsen-Anhalt.

Typisch für das Nordthüringische ist, dass man aus g am Anfang eines Wortes ein j macht: genug wird jenungk, mit gk am Ende. 'Du häst nune jenungk gesoffen.' Sagt man in der Gaststätte. Oder dieses d oder t, k oder g, ge?! Also die Nordhäuser und die Frankenhäuser sagen Gindt, wenn sie Kind meinen. Die Sondershäuser sagen Kint und machen ein hartes t hintendran, vorne ein scharfes k. Das sind so die regionalen Unterschiede in der Nordthüringer Mundart selbst.

Gerhard Axt fand einmal in der Zeitung einen Aufruf. Es wurden Leute gesucht, die Asterix ins Thüringische übersetzen. Der Pensionär war sofort begeistert, meldete sich, schickte eine Probe ein, und wurde prompt ausgewählt. Zusammen mit einer bekannten Sondershäuser Mundartsprecherin sollte er die Geschichte eines kleinen gallischen Dorfes, das nun also in Thüringen liegen würde, in seine Mundart übersetzen.

Mir sin im Johre fuffzig vor Christussn. Ganz Gallien is von Römern belogert. Ganz Gallien? Nichoch! En von Wedderspenstchen Galliern bevölkertes Dorf hört nich uff, un leistet den Eroberern Wedderstand. Und slawen es gor nicht liecht för de römischen Legionäre, die als Besatzer in den befestigten Logern Wipperum, Thüringium, Barbarossum un Schwarzburgium husen.

Asterix in Thüringer Mundart. "Cäsar sin Jeschenke" - "Cäsars Geschenke".

Gerhard Axt liest seinen Text. Gar nicht einfach, die geschriebene Spreche der Mundart vorzulesen. Einfacher ist es bei den latinisierten Thüringer Begriffen, wie die der Gegend um das Barbarossa-Denkmal am Kyffhäuser, also die um Sondershausen an der Wipper.

Im Original heißen die anders, ich musste für uns was nehmen: Wipperum, Thüringium, Barbarossum, Schwarzburgium. Und das ist die kleine gallische Kuhbläke Schwarzburgium hier. Die ist von Römerlagern umgeben. Das war Vorgabe. Ich hatte vorhin schon gesagt: Schwarzes Viertel ist da unten, wo die Cruziskirche steht, das ist die Vorstadtkirche früher gewesen. Und das Gebiet darum war das so genannte schwarze Viertel, ich bin da geboren worden. Die Leute nannten sich Schwarzviertler, und die sprachen die Mundart. Ge?!

Der Mann, der in seiner letzten Amtsperiode Postleitzahlenbeauftragter war, puzzelte nun an der Übersetzung von Wörtern und Redewendungen. Ohne Wörterbuch, ohne fachlichen Beistand, rein aus dem Gedächtnis und mit Hilfe seiner Frau. Auch bei ihm erhalten wir Stoff für unser Vokabelheft:

Damit die Leute das lesen konnten, haben wir ein Glossar rein gemacht und haben hier vorne und hinten die Wörter übersetzt. Da heißt eben beispielsweise Modder heißt Mutter, das ist am Einfachsten. Kiche heißt Küche, Ebberjeschnappte - Verrükte. Eberschter - Stadrat. Oder Bleedmänner: Dumme. Oder Bagasche - Einheit/Truppe. Majen wird mit Mädchen übersetzt.

Asterix auf Dieringisch ist der Versuch, das Thüringische einzufangen. Doch es ist nur der Nordthüringer Ausschnitt. Gerhard Axt weiß, was der Käufer vielleicht nicht so genau mitbekommt - DAS Thüringische kann man nicht einfangen. Es ist zu differenziert, zu vielgestaltig. Im Zentrum Thüringens, erst recht im Osten, spricht man ja ganz anders, sagt er...

Wenn ich in Jena war : ist ja verheerend, was da losgelassen wird als Thüringisch, ge?! (lacht) Das ist so `ne Mischung zwischen Thüringisch und Sächsisch hin, ge?!

Also nun doch die Nähe zum Sächsischen?
Nun ist genug der Spekulation, jetzt brauchen wir fachlichen Rat. Den finden wir im eben verpönten Jena. Bei einer erstaunlich hochdeutsch sprechenden Frau: Susanne Wiegand. Sie ist Chefin einer Abteilung der Friedrich-Schiller-Universität, die sich mit der Frage beschäftigt, was nun genau das Thüringische ist. Es ist die Arbeitsstelle 'Thüringisches Wörterbuch'.

Wir haben also hier unsere Zettelkästen. Das ist unser Zettelarchiv, da sind sämtliche Dialektwörter enthalten in alphabetischer Reihenfolge, die dann später in das Wörterbuch einfließen in die einzelnen Wörterbuchartikel.

Die sympathische Frau führt entlang ganzer Wände voller Kästen und Ordner. Penibel katalogisiert.

Auf so einem Zettel steht zum Beispiel - jetzt müssen wir mal ein schönes suchen - es ist immer angegeben natürlich das Wort in der standartsprachlichen Variante, dann haben wir ein Beispiel in der Dialekt-Realisierung, entweder ein Einzelwort oder einen ganzen Satz, zum Teil auch Redensarten. Hier haben wir das Wort: denken. Dieser Dialektsatz: "s lässt sich dengk", das heißt also ' es ist glaubhaft.' Und der Beleg ist registriert: es kommt aus dem Sonnebergischen, also der Belegort ist registriert und der Lieferant, ein gewisser Ehrlicher.

Hier wird sie also archiviert: die Thüringische Sprache. Susanne Wiegand und ihre Mitarbeiter erfassen sie und erstellen schubweise das Thüringische Wörterbuch. Der Duden des Freistaates, der alle dialektalen Spielarten enthält.

Mühsame Puzzlearbeit, seit fünf Jahrzehnten. Es geht um einzelne Wörter, ihre Bedeutung, ihre Aussprache. Menschen in 2800 Orten wurden befragt, alle Angaben notiert, anschließend verglichen. Entstanden sind Karten mit bunten Zeichen, die symbolisieren, was ähnlich, was anders ist.

Das sind diese Grundkarten, die sind in Planquadrate aufgeteilt: Jetzt sehen sie, wenn sie 9N aufsuchen, das wäre dieses kleine Quadrat, entspricht etwa diesem, (sie zeigt) Und da sind auch diese Ortspunkte zu sehen, die hier rot eingerahmt sind, diese kleinen Punkte. Man kann mit dieser Karte die Orte zuordnen.

Der Bauer wechselt auf Buer, wenige Zentimeter weiter auf Büer.

Da ging man Karte für Karte und Stückchen für Stückchen vor. Da brauchte man zum Teil eine ganze Woche, um so eine Wortkarte fertig zu stellen. Dann zeichnet sich differenzierter Wortgebrauch im Thüringischen ab.

Das Resultat: die Thüringische Sprache ist extrem vielfältig. Genau genommen gibt es sie gar nicht, sondern nur viele einzelne Dialekte. Neun Sprachräume haben die Jenaer Wissenschaftler herauskristallisiert. Vom Zentralthüringischen über das Ilmthüringische, Ost- und Südost-, Nord und Nordost- und Westthüringische, bis hin zum Hennebergischen und Itzgründischen, letzteres ist gewissermaßen das Oberfränkische. Mal angelehnt an politische Grenzen, wie die der Grafschaft Henneberg, mal an geografische, wie an den Rennsteig oder die Saale.
Nun doch aber noch einmal zur Vergewisserung. Kann es nicht trotzdem sein, dass zumindest einige der Thüringer im Grunde seines Herzen bzw. seiner Zungen auch gutes Hochdeutsch spricht?

Sauberes Hochdeutsch? Nicht. Glaube ich nicht, ist eher typisch für niederdeutschen Raum. Das Niederdeutsche ist dem Hochdeutschen bedeutend näher, als das Thüringische.

Es lässt sich nun also definitiv auch nicht abstreiten, dass am Ende das Thüringische mit dem Sächsischen zumindest teilweise doch etwas zu tun hat? Lässt sich nicht, sagt Wörterbuch-Chefin Susanne Wiegand. Thüringisch hat starke Tendenzen zum Sächsischen, aber auch zum Hessischen, zum Fränkischen, zum Niederdeutschen.

Es gibt nur diesen kleinen Kernraum um Erfurt und Gotha, Ilmenau, wo man sagen kann, das ist der Raum, wo richtig Thüringisch gesprochen wird. Alles andere ist eine Übergangslandschaft zum Niederdeutschen, zum angrenzenden Obersächsischen, zum südlichen Oberfränkischen oder zum westlichen Hessischen hin.

Ja, wie auch Goethe hessisch gesprochen hat und unter dem Thüringischen litt. Wie die Sachsen bis in die heutige Zeit hinein die Geschichte und auch die dialektalen Einfärbungen bestimmten.

Und: wie auch Luther aus dem heutigen Sachsen-Anhalt kam. Ja, das muss wohl auch gesagt werden, allem thüringischen Lokalpatriotismus zum Trotz.

Aber! Thüringen ist ein Schmelztiegel. Vielleicht gerade deshalb verbrennen sich alle die Finger an ihm, der - aller Differenzierung zum Trotz - immer noch behauptet, das seien sowieso alles Sachsen. Danke!
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